Monat: September 2014

Kapitel 1 : Anreise – Inverness

Inverness Greig Street Bridge am späten Nachmittag

…ich kann es deutlich hören…“…was denn, SCHON WIEDER ?“ …ja, in der Tat ist es gerade einmal dreieinhalb Monate her, als ich live aus dem gelobten Land berichtet habe. Das war quasi exklusiv zum Islay Festival, jetzt kommt die eigentliche offizielle Schottlandreise 2014, welche zum vierten mal hintereinander in der zweiten Septemberhälfte stattfindet. Ziel diesmal ist in der ersten Hälfte der Reise unergründetes Gebiet : der Norden Schottlands oberhalb von Inverness, mit allen Whiskydestillen, die es dort gibt und natürlich auch etwas vom Rest derLandschaft. In der zweiten Hälfte geht es wieder in die Speyside zum Autumn Festival. Mein Begleiter ist wiederum mein 65jähriger Whiskyfreund Ulli, mitdem ich bereits zum dritten mal Schottland bereise. Einige Brisanz ist auch dabei, fällt doch die Reise genau in die Zeit des Referendums der Schotten für ihre Unabhängigkeit, ein Ereignis, was seine Schatten voraus wirft und hier nirgendwo zu übersehen ist.
Heute war quasi Anreisetag. Wir flogen via Amsterdam nach Aberdeen und fuhren dann mit dem Mietwagen nach Inverness. Nicht alles lief genau nach Plan, aber das war unterm Strich nicht wichtig. Der Autovermieter Sixt schrieb in seiner Beschreibung zum Standort z.B. Eingangshalle Airport. Da und auch in der näheren Umgebung war er aber nicht zu finden und erst nach einiger Fragerei war klar, das er angerufen werden musste, dann kam ein Kleinbus, brachte uns ca. 6-7 km Richtung Aberdeen und dort bekamen wir das Auto…, gut das wir es nicht eilig hatten, dafür bekamen wir auch eine nagelneue A-Klasse, die ich mir morgen erstmal genau anschauen muß, für alle Fälle, ich musste erstmal suchen, wo das Teil die Schaltung hat, aber irgendwann entdeckte ich das kleinen Hebelchen da am Lenkrad für die Automatik. Als das Teil an der ersten Ampel dann ausging und bei grün wieder weiterfuhr, hatte ich das immerhin schonmal im Taxi erlebt. So viel neumodischen Schnickschnack kannte ich bislang nicht, aber nett, eigentlich war ein kleineres Auto zum gleichen Preis gebucht… 
 

Inverness Greig Street Bridge am frühen Abend


Den Weg von Aberdeen nach Inverness habe ich gnadenlos unterschätzt, ich dachte so eine Stunde +/-, es waren aber gut zwei, ohne Stau etc, egal, in Inverness angekommen war erstmal dringend feste Nahrung angesagt, danach ging es noch ein wenig durch diverse Pubs, aber Sonntag abends ist hier, wie wohl fast überall anders auch, nicht gerade highlive… Eigentlich auch gut so, denn etwas Schlaf wird gleich gut tun. Morgen steht als erste Distillery Glen Ord an, danach geht es für zwei Nächte weiter nach Alness, da warten Dalmore und Teaninich 

Inverness spät abends

Kapitel 2 – Tomatin, Glen Ord & Alness

Kapitel 2  – Tomatin, Glen Ord & Alness

Eigentlich war für heute noch ein wenig Sightseeing in Inverness vorgesehen, Ulli hatte darauf aber wenig Lust und mir persönlich war es eigentlich auch nicht so wichtig, das Stadtzentrum der ca. 45.000 Einwohner Stadt ist in wenigen Minuten abgelaufen und an irgendwelchen tollen Läden gibt es warscheinlich auch nicht mehr als anderswo… Nach kurzer Überlegung fiel mir ein, das die Brennerei Tomatin auch keine 20 Meilen entfernt liegt und wir beiden noch nicht dort waren. 
 

Tomatin Distillery. Das hässliche schwarze Gebäude ist der Malzspeicher.


Also gesagt, getan, nach einer halben Stunde auf der A9 waren wir da. Von einigen Leuten hatte ich nicht viel gutes über die Führungen bei Tomatin gehört, nun das kann ich ganz und gar nicht bestätigen, die Tour war gut, wir waren auch die einzigen und haben uns auch gleich als Kenner der Materie geoutet. Sehr interessant war eine an der Seite offene (ehemalige) Mashtun, zu deutsch Maischebottich. Das Teil stammt noch aus der Zeit, als Tomatin mit glaub ich 23 Brennblasen die größte Maltdistillery der Welt war. Apropos Brennblasen, die konnte man bei Tomatin von unten besichtigen. 
 

Innereien einer Mashtun (Tomatin) 


Tomatin. Stillhouse, ehemals 23 Brennblasen

Fotografieren war überall gestattet, zum Abschluß durfte noch ein wenig probiert werden, wir waren zufrieden und ich kann die Tour durchaus empfehlen. Später konnte ich noch eine Flasche aus einem Distillery-only Faß abfüllen. Es ist ein 11jähriger aus dem Bourbonfass, sein Kollege aus dem Sherryfass kam bei mir nicht so gut weg…, somit ist auch bereits die erste Flasche im Gepäck… (hat ja nicht solange gedauert 😉 
 

Glen Ord Distillery


Danach ging es wieder Richtung Norden. Die A9 überquert den Moray Firth auf einemeindrucksvollen Bauwerk, der Kessock Bridge, über einen Kilometer lang,1976-1983 vom deutschen Architekten Hellmut Homberg entworfen. Nicht allzu weitdanach biegt man in einen der tausend Kreisverkehre nach links ab und fährt durch eine Ordschaft namens Muir Of Ord, dann kommt man zur Distillery Glen Ord und deren Mälzerei. Glen Ord gehört zum Branchenriesen Diageo, hat ein Besucherzentrum und vermarktet einen Whisky namens Singleton Of Glen Ord, den es nebenbei gesagt nur in Asien z

kaufen gibt… (Nicht zu verwechseln mit dem Singleton of Dufftown, der von der Flasche her genauso aussieht…) nun ja, was soll ich sagen, eine Führung von Diageo ist doch arg auf Anfänger zugeschnitten, das ist ja auch ok, was mich dann immer nervt, ist diese Wichtigtuerei mit dem Fotoverbot, was einfach nur dämlich ist, aber darüber rege ich mich heute nicht mehr auf… Die Brennerei ist eine einzige Baustelle, die Kapazitäten werden in etwa verdoppelt, es wird ein zusätzliches Stillhouse gebaut, größer, weiter, höher, lauter…gnade Gott sollte der Whiskyboom nochmals so einen Absturz erleben wie Anfang der 1980er, dann gibt es viel einzumotten… Die Mälzerei ist natürlich nicht zu besichtigen, insgesamt lohnt sich der Besuch für Destillenerfahrene Leute nur, um die Liste zu vervollständigen, der Whisky, der übrigens zu über 95% in Blends verschwindet, ist jetzt auch nicht der Brüller. 

Danach ging es zur nächsten Unterkunft, Morven House in Alness, wir fuhren ins Storehouse of Foulies etwas essen ( Geheimtipp, sehr gutes Essen für günstig, Selbstbedienung und fast ausschliesslich Einheimische…), abends dann noch in die beiden Pubs im Ort (Ord war vorher…), nix dolles aber mit Bier… 
Morgen : Dalmore Distillery, Teaninich Distillery (wohl nur von aussen…), Invergordon (Stadt, nicht die Graindistillery)… Jetzt : Augenpflege… Bis morgen…

Kapitel 3 – Dalmore, Invergordon, Balblair & Teaninich

Die Brennerei Dalmore

 Alness liegt am Cromarty Firth (eine Meereseinbuchtung der Nordsee) und war heute zum zweiten mal unsere Zentrale. Von hieraus ging es heute morgen zu der ortsansässigen Dalmore Distillery, welche zur Firma Whyte & Mackay gehört, ein traditionelles Unternehmen mit dem wohl besten, oder zumindest bekanntesten Masterblender unserer Tage, Richard Paterson in ihren Reihen (böse Zungen behaupten, Diageo wollte Whyte & Mackay nicht wegen der Whiskybrennereien kaufen, sondern wegen ihm…). Dalmore gilt als das Flagschiff der Firma, die mit Jura, Tamnavulin und Fettercairn weitere Zweitligadestillen im Portfolio hat. Zu Dalmore… wir hatten das Glück, alleine geführt zu werden. Das das fotografieren verboten war und uns sogar die Mitnahme von ausgestellten Handys untersagt wurde, dazu sage ich heute mal nichts… Es gab Dinge, die bei Dalmore etwas anders laufen, es gab verschiedene Brennblasen etc, wir haben einiges neues gesehen und erfahren. 

Ausblick von Dalmore. Ölplattform und Hafen von Invergordon im morgentlichen Nebel…
…und kurze Zeit später bei schönsten Wetter…

Danach, der Nebel hatte sich mittlerweile in schönstes Wetter verwandelt, fuhren wir etwas am Cromarty Firth rum und machten in Invergordon Mittagspause. Interessant an dem Cromarty Firth sind die Ölbohrplattformen, welche dort und besonders im Hafen von Invergordon stehen. Es wird dort allerdings nicht nach Öl gebohrt, sondern die Bohrinseln werden repariert bzw. gewartet, erzählte man uns zumindest. Da der Tag länger war als vermutet, beschlossen wir spontan, den Besuch von der Balblair Distillery von morgen auf heute vorzuziehen. 

Die Balblair Distillery
Der freundliche Stillman von Balblair knipste mein aktuelles Fb Titelbild…

 

Balblair liegt etwa da, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht wünschen, ziemlich versteckt in schönster Highlands Landschaft. Die Leute von dort sind sehr freundlich und kompetent, die Brennerei macht einen guten Eindruck, das Visitorcenter ist ziemlich neu und ich muß sagen, das ich begeistert war, von dieser eher kleinen Distillery, ich könnte mir vorstellen,das es in der Preisklasse kaum etwas besseres in der Gegend gibt. Danach ginges zurück nach Alness, wo wir uns auf die Suche nach Teaninich machten, eine vorhandene Diageo Distillery, welche verdoppelt wird und daneben die zukünftig größte Maltdistillery entsteht. …viel war leider nicht zu sehen, der Architekt des Bauzaunes muß sich stilistisch an der Berliner Mauer orientiert haben, es gab nur wenige Lücken, wo man etwas sehen konnte. Die Baustelle zur neuen Brennerei war überhaupt nicht zugänglich, naja ok, das ist halt normal…Abends gabs im Pub Championsleague, gezeigt wurde statt Dortmund Liverpool, worüber ich nicht wirklich sauer war, höchstens über das grottige Spiel, was mit ach und krach in der Schlußminute gegen einen krassen Ausenseiter aus Bulgarien gewonnen werden konnte. Morgen ziehen wir weiter nach Dornoch. Besichtigt werden morgen Glenmorangie und wohl auch Clynelish. …bis morgen… 

Großbaustelle Teaninich

Kapitel 4 : Glenmorangie, Clynelish & Dornoch

Glenmorangie

Manchmal entscheiden ja auch Unregelmäßigkeiten über das gut und schlecht eines Tages. Den Übernachtungsort Dornoch habe ich einzig und alleine (vorher hatte ich den Namen noch nie gehört…) deshalb gewählt, weil er der Wohnort von Ian Gray ist. Wer etwas tiefer in der Whiskymaterie steckt weiß, das Ian ein Kunstmaler ist, bei dem sich sehr viel um das Thema Whisky dreht, ähnlich wie bei seinem deutschen Pendant Alfred Prenzlow. Ich habe Ian im Frühjahr auf Islay kennengelernt und Ulli kennt ihn schon sehr lange. Der Plan für heute sah eigentlich vor, das wir uns nach der Besichtigung der Distillen treffen und dann… Limo trinken, oder etwas anderes… Leider musste Ian absagen, er kommt erst morgen mittag zurück und wir werden uns wenn, dann nur kurz sehen, vielleicht auf eine Fantalänge… 

…der Reihenfolge nach… Distillery No. 45 die ich besichtigte war heute morgen um 10 Glenmorangie. Glenmorangie ist der meistverkaufte Single Malt Großbritanniens und weltweit auch in der Top 5. Der Besitzer Moët Hennesey versteht es genau wie bei der Schwesterdistille Ardbeg immer wieder, mit geschickter Promotion – aus guten, aber eher banalen Sachen, gehypte Whiskys zu produzieren und damit auch noch Preise zuhauf einzuheimsen… Respekt, aber nicht meine Baustelle. Die Tour mit einer Oma um die 70 war ganz amüsant, fotografiert werden durfte auch hier nicht, ich hake Glenmorangie einfach unter Nummer 45 ab. Nummer 46 war Clynelish, eine Diageo Brennerei, bei der ich vorsichtshalber keine Erwartungen hatte und wurde so auch nicht enttäuscht, bleibt Nummer 46. 

Die Clynelish Distillery wurde 1967 gebaut.

Gleich neben der neuen Clynelish Distillery liegt die alte Brennerei, welche bis 1983 Whiskys mit dem Namen Brora produzierte, im Dornröschenschlaf.

…aber dann abends… Ian hatte uns gleich das Dornoch Castle empfohlen, ein sehr gutes Hotel, Restaurant und vor allem Whiskybar. Wir kamen rein und ich habe mich sofort als quasi Kollege vorgestellt und Ulli brauchte auch nicht lange umz u zeigen, das er ein wenig Ahnung hat. Promt hatten wir schonmal als Begrüßung einen Tomatin aus den 1970ern im Glas, über den die beiden Inhaber gerade diskutierten. Nachdem wir etwas gegessen hatten ging dann ein rarer Malt nachdem anderen über den Tisch, wir teilten diese immer und unterm Strich waren es immer faire Preise. Highlights ?… schwierig, der Glenfarclas 1966 und der Highland Park 37y Scotts ganz sicher, aber auch ein alter Grain von Lochside, ein 1973er Bowmore…, die Jungs haben zwar nur etwa halb so viel wie das Offside, aber dafür sind es fast ausschließlich Raritäten, ein Blend von 1940 (Berry Bros. war auch dabei…) Das Restaurant und die Bar waren hervorragend organisiert, die beiden Inhaber Simon und Phil (Brüder, 28 und 30 Jahre (!!!)alt) waren immer ansprechbar und kannten in ihren jungen Jahren Abfüllungen, die z.T. von ihren Urgroßvätern stammen mussten. Der eine oder andere Dram zum probieren war auch dabei und am Ende hat uns Phil noch mit dem Auto die ca. 3 km zur Unterkunft gefahren… Ich kann nur sagen, das war absolute Spitzenklasse. Ich hoffe, das die beiden mal nach Berlin kommen und ich mich etwas revanchieren kann. Morgen mittag werden wir vielleicht Ian treffen,ansonsten ist wichtig, 19 Uhr mit der Fähre gen Orkney abzulegen. Wenn alles gut geht

werden wir vorher bei Wolfbarn, einer neuen Destille, die noch keinen Whisky auf dem Markt hat vorbeischauen. Ich melde mich dann morgen aus Kirkwall von den Orkney Islands zurück…

 

 

Die Whiskybar im Dornoch Castle.

Kapitel 5 : Dunrobin, Old Pulteney, Orkney Islands und Referendum

Das Dunrobin Castle nebst Garten
So, heute war der große Tag des Referendums, Schottland hat gewählt und wir wissen noch nicht was. Es ist jetzt 0:33 britischer Zeit und es wird warscheinlich noch bis zum Frühstück dauern, bis etwas zählbares rauskommt. Viele fragen nach der Stimmungslage, nun insgesamt ist zumindest hier in Kirkwall auf den Orkney Islands alles ganz entspannt. Das Thema ist freilich allgegenwärtig, an jeder Laterne klebt ein yes Plakat, hier auf dem Land ist wohl eh fast jeder dafür. In den Pubs laufen die Fernseher ohne Ton, um ein paar Stimmungen einzufangen, eine Prognose von 46:54 ja:nein, war vorhin zu sehen, aber das hat noch nichts zusagen… Viele machen auch besondere Sachen, ich habe Referendum Bisquits gesehen, oder yes und no Drinks…, ich denke spannend wird es erst, wenn ein Ergebnis kommt.
Hiererstmal was heute so war : 
 

Die Pulteney Distillery in der ehemaligen Heringshauptstadt Wick.

Heute machten wir Station an einem Ort, der mit Whisky gar nichts zu tun hat. Zwischen Dornoch und Brora liegt ein mächtig gewaltiges Schloss : Dunrobin Castle. 10:30 öffneten sich die Pforten und man konnte das Schloß besichtigen, den dazugehörigen großen Park, sowie eine Falknerei. An einem so historischen Tag der Schotten, hat es viel Spaß gemacht, ein wenig auf den Pfaden der schottischen Geschichte zu wandeln. Leider war es heute sehr nebelig, so das man den Blick aufs Meer nicht geniessen konnte. Da sich Ian bis 13 Uhr nicht gemeldet hatte, beschlossen wir eine weitere Fahrplanänderung, nämlich den Besuch der Pulteney Distillery vorzuziehen, der eigentlich erst auf der Rücktour geplant war. Durch teils extrem dichten Nebel kämpften wir uns die etwa 50 Meilen bis Wick vor, oder besser wir ertasteten den Weg, fast nach Gehör… In der ehemaligen Heringshauptstadt angekommen, fanden wir die Brennerei recht schnell und konnten auch gleich eine Tour mitmachen. 
 

Die charakteristischen Brennblasen von Pulteney


Pulteney ist recht klein, oder sagen wir mal eng, alles ist alt und verwinkelt. Dafür hatte das ganze durchaus seinen Charme, es durfte mal wieder fotografiert werden und überhaupt war alles ganz nett, ähnlich wie wir es neulich bei der Schwesterdistille Balblair erleben durften. Ein Mitglied unseres Forums war auch vor Ort, Domenik (DoE) war auch bei der Tour dabei und gab uns noch Tipps, wie man zu Wolfburn kommt… Das war auch unser nächstes Ziel, die neue, kleine Brennerei am Rande eines kleinen Industriegebietes der Stadt Thurso, etwa 20 x 10 Meter, wenn es hochkommt und wenn ich mich nicht täusche noch zwei Warehouses waren zu sehen, leider keine Menschenseele vor Ort, das müssen wir andersmal probieren. Danach ging es gleich um die Ecke zur Fähre nach Stromness auf Orkney. Von der Fähre runter waren es noch ein paar Meilen bis Kirkwall. Wir haben Quartier im Polrudden House, was ziemlich nahe am Hafen liegt. Später gingen wir noch auf zwei, drei Bierchen in „die Stadt“ und jetzt bin ich mittlerweile eingekesselt, die Wand zum Nebenzimmer ist wohl recht dünn und nebenan schläft ein Bär oder sowas in der Richtung. Auf der anderen Seite macht Ulli seine üblichen Geräusche, dann werde ich da wohl mal einstimmen…schnarchen für Schottland…Gute Nacht… 

Kirkwall in der Nacht des Referendums

Kapitel 6 – Kirkwall & Highland Park

Die St. Magnus Kathedrale beherrscht die Skyline von Kirkwall

  Das erste was ich heute morgen, etwa 7 Uhr Ortszeit machte, als sich die Augen auftaten, war ein Griff zum Handy, kurz Spiegel online, Schlagzeile: Schotten stimmen mit Nein, oder so ähnlich…Ok…55% der Schotten möchten also im Verband Großbritannien verbleiben. Nun gut, wie man dazu steht ist jedem selbst überlassen, es war die Entscheidung der Schotten, die müssen schließlich wissen was sie wollen, sicher war es für viele Schotten eine reine Kopfentscheidung, das Herz hat sicher mehrheitlich „Yes“ gesagt. Ich glaube nicht das alles umsonst war, Schottland wird viele Zugeständnisse bekommen, was zur Folge haben wird, das die anderen Teile Großbritanniens auch mehr haben wollen, aber das ist zum Glück nicht meine Baustelle. Am heutigenTag hier in Kirkwall war nichts von der Wahl und dem Ergebnis zu spüren, Orkney war glaub ich sogar die größte „No“ Hochburg des Landes, was sicher auch daran liegt, das sich hier viele Leute Norwegen bzw. Skandinavien viel näher sehen als alles andere. Ich hätte gerne mehr berichtet über dieses Referendum,wenn sowas schonmal ist und man ist vor Ort, ja aber vielleicht wäre das in Glasgow oder irgendwo anders spannender gewesen, hier ist nix passiert…

Im Inneren der Kirche

Auf der Tagesordnung stand heute ein autofreier Tag in Kirkwall mit Besichtigung von Highland Park. Kirkwall ist die Hauptstadt der Inselgruppe Orkney Islands und ist mit über 6000 Einwohnern schon sowas wie Metropolis. Es gibt eine Fußgängerzone in der Autos fahren dürfen, einen Hafen und eine Kathedrale. Die St. Magnus Kathedrale wird auch das „Licht des Nordens“ genannt. Sie ist, gemessen an der Einwohnerzahl riesengroß, stammt aus dem frühen Mittelalter und ist geprägt von normannisch romanischen sowie frühgotischen Stileinflüssen. Ich habe mir eine gute halbe Stunde Zeit genommen, sie in aller Ruhe zu besichtigen und etwas in der Vergangenheit zu schweben.

Ebenfalls ein nicht zu übersehen in Kirkwall : die Highland Park Distillery.

working hard for good whisky : Maltman McLarsen

Nachmittags war dann die Magnus Eunson Tour bei Highland Park angesagt. Die Tour selbst war nichts besonderes aber angenehm, es durfte bis auf wenige Ausnahmen fotografiert werden und wir wurden zu fünft von einem recht betagten Guide geführt. Das Besondere dieser Tour ist das anschliessende Tasting, welches 7 Malts zwischen 12 und 40 Jahren bietet. Mein Favorit bei dieser Range war der HP 30 Jahre, wobei mir bis auf 12 und 15 Jahre eigentlich alle zusagten. Der 40jährige, der in der Brennerei für stattliche 1700 £ angeboten wird, war natürlich auch nicht zu verachten, mir persönlich aber etwas zu trocken und nicht so rund wie sein 10 Jahre jüngerer Bruder, der für mich fast perfekt war. Morgen tauchen wir tief, nein sehr tief in die Geschichte ein und widmen uns den steinernen Zeugen der …Steinzeit.

7 x Highland Park, zwischen 12 und 40 Jahren…

Kapitel 7 – Spuren der Steinzeit

Standing Stones of Stennes… 5000 Jahre alt…
…etwas jünger, aber deutlich größer : Ring of Brodgar…

So, Samstag und whiskyfreier Tag auf Orkney. Für unsere kleine Rundfahrt im Zeichen der Archeologie spielte uns das Wetter in die Karten, es war zwar wechselhaft, aber ab und zu klarte es auf und die Sonne schien. Überhaupt das Wetter…normalerweise ist ja immer eitel Sonnenschein, wenn ich im gelobten Land bin, diesmal ist es nicht ganz so gut aber größtenteils trocken, was ja schonmal das wichtigste ist. Wir besichtigten heute die Stones Of Stennes (~5000 Jahre alter Steinkreis), den Ring of Brodgar (~ knapp 5000 Jahre alter Steinkreis, aber mit über 100 meter Durchmesser deutlich größer), Skara Brae (~5000 Jahre alte ausgegrabene Siedlung) und den Broch of Gurness (über 2000 Jahre alter Turmbau mit umliegender Siedlung) . Alle historischen Stätten hatten eine besondere Atmosphäre, am besten waren die Momente als keine weiteren Leute dabei waren…dann hätte es mich vielleicht nicht gewundert, wenn ein kleiner Hobbit aus den Steinhäufen gesprungen wäre…

Skara Brae, eine ebenfalls etwa 5000jährige Siedlung an der Westküste Mainlands
Broch of Gurness… „nur“ etwa 2100 Jahre alt…

Inmitten unserer steinzeitlichen Erkundungen, stand plötzlich eine Pagodendach wie von einer Whiskydestille vor uns. Es war aber keine heimliche Whiskybrennerei sondern die Orkney Brewery, in der wir gleich mal zu Mittag speisten…Nach so viel Steinzeit machten wir noch einen Abstecher zum Scapa Flow und ich machte ein paar Fotos von der Scapa Distillery. Leider ist es fast unmöglich da mal rein zu kommen,aber vielleicht beim nächsten mal.

Morgen früh geht die Fähre zurück nach Thurso, dann werden wir lange Auto fahren und irgendwann in Dufftown ankommen, wo der Rest der Reise (morgen ist Halbzeit…) stattfinden wird… 

Die Scapa Distillery am Scapa Flow

Kapitel 8 – Reisetag… Dufftown

…heute gibt es nicht viel zu berichten, wir sind um 9 Uhr mit der Fähre Richtung schottisches Festland los und waren gegen 15 Uhr in Dufftown. Da es Sonntag war und nicht viel auf den Strassen los war, hat es ziemlich viel Spaß gemacht, durch die teilweise recht kahlen Northern Highlands zu fahren. Hier angekommen, bezogen wir unser Zimmer im Commercial Hotel, wo ich letztes Jahr auch schon wohnte. Das einzig verfügbare Zimmer, das es vor ein paar Monaten hier gab, ist wie angekündigt sehr klein, aber es geht schon irgendwie. Ich habe meine Sachen aus dem Koffer in den Schrank geräumt und den Koffer selber ins Auto gebracht, sonst wäre es schwierig hier. Ein kleiner Schock für mich war, als ich in mein geliebtes Royal Oak einkehrte und mir mitgeteilt wurde, das John und Yvonne garnicht mehr Betreiber des Ladens sind sondern irgendwo anders hingezogen sind… ok, das war unerwartet…, am späteren Abend war ich nochmal da und es ist so: Yvonnes Stiefmutter gehörte der Laden sowieso noch und sie kontrolliert ihn auch wieder, sie ist eine Dame um die 70 mit …hierzulande sagt man wohl Haare auf den Zähnen… Aber es gab viele Punkte, da hatte sie recht….Morgen…weiß ich auch noch nicht, ich muß den Herren, mit dem ich reise irgendwie bei Laune halten, also erstmal ins Whiskycastle nach Tomintoul…

Kapitel 9 : In der Speyside

Sehr entlegen : die Brennerei Braeval hieß bis 1995 Braes Of Glenlivet…
…genau wie die Landschaft in der sie steht…

So…Halbzeit war heute und der erste von drei Tagen in der Speyside, die noch terminfrei waren. Unser erstes Ziel war das Whiskycastle in Tomintoul. In etwa 20 min kommt man von Dufftown in die höchstgelegene Ortschaft Schottlands und das auf einer Straße, die ich als Tierfriedhof bezeichnen würde, alle 100 meterliegt irgendein Kadaver auf der Fahrbahn, das ist wirklich nicht schön anzuschauen. Ich nahm mir vor extra weitsichtig und vorsichtig zu fahren, aber einen Fasan habe ich leider auch auf dem Gewissen, da nutzte auch eine Vollbremsung nichts mehr… 🙁 ImWhiskycastle wurden wir von Mikes Frau bedient, die sehr…wie sagt man,euphorisch in ihrer Ausdrucksweise ist, „oooohhh…reeeeeeaaaly….?….oooooh….niiiiice….“, man kann das schriftlich nicht so richtig wiedergeben… Im Whiskycastle ist man auch nicht gerade geizig, was Probierdrums angeht, ich mußte bereits nach wenigen Minuten bremsen, schließlich mußte ich ja noch fahren. Eine Eigenabfüllung wanderte in meine Tasche, es handelt sich um einen Mortlach zu Ehren ihres betagten Hundes… 🙂 Im Laden war zudem ein älterer Herr zugegen, der Mitte der 1960er Jahre Stillman bei Tamnavulin Stillman war. Er gab uns den Tipp, ruhig mal in der Distillery anzuklopfen und zu fragen, ob wir uns mal umsehen dürfen. Gesagt getan, vorher machten wir noch einen Abstecher in die Pampa zur Braeval Distillery um ein paar Außenfotos zu schießen, dann Tamnavulin. 

Tamnavulin… industrielle Tristesse…
…und nostalgische Mühlenromantik nebeneinander…

Der Tipp war super und ich empfehle das weiter, kommt man aufs Brennereigelände, steht links ein separates Haus, wo das Büro drinnen ist. Der Manager, ein sehr junger Herr hatte überhaupt nichts dagegen, das wir die Distillery auf eigene Faust erkunden. Die wenigen Mitarbeiter hatten auch Spaß daran, das mal andere Leute kommen und erklärten alles gerne…so mag ich es… Tamnavulin war zwischen ca.1996 und 2006 geschlossen, danach wurde etwas Geld investiert und nun produziert man wieder wie dolle und verrückt. In den 1980ern gab es sogar ein Visitor Center gleich neben der Brennerei in einer schönen alten Wassermühle, dort haben die Spinnenweben allerdings die Türen versiegelt. Es ist ein schöner Kontrast, die alte, romantische Mühle und die eher häßliche 1960s Brennerei… 

Fast fertig : die neue Brennerei auf dem Gelände der ehemaligen Imperial Distillery.

Danach ging es wenige Kilometer weiter zu Glenlivet. Ich war letztes Jahr bereits dort und wir wollten hauptsächlich etwas essen, Glenlivet hat ein großes, modernes Visitorcenter. Als wir gerade in der Kantine anstanden um eine Suppe zu ordern, ging ein Feueralarm los und alle mussten das Gebäude verlassen. Esdauerte gut 15 Minuten, als die erste Feuerwehr eintraf, etwa 5 min später eine zweite… (Ich mag nicht dran denken, was gewesen wäre, wenn etwas ernstes passiert wäre…) irgendwann wurde der Alarm abgeblasen weil nix war, keiner wußte, warum…, später wurden sämtliche Feuermelder

kontrolliert. Die Suppe wurde verschoben und wir machten eine Tour mit und das zu zweit. Die Tour war kostenlos und beinhaltete drei (!) Whiskys, 12y, 16y (Nadurra Cask Strenght) und 18y… Neben Glenfiddich, das beste Preisleistungsverhältnis ever… Unser nächstes Ziel war dann Macallan. Dort angekommen mussten wir die Tour auf morgen verschieben, da die letzte Tour des Tages ausgebucht war. Stattdessen fuhren wir weiter und schauten uns den fast fertigen Neubau von Imperial an, machten einen kurzen Abstecher zu Cardhu und versuchten unser Glück bei Knockando. Die Distillerymanagerin wollte uns erst abwimmeln, fand dann aber trotzdem ein paar Minuten, uns wenigstens das Stillhouse zu zeigen…besser als nichts… So hatten wir schon einen guten Tag mit vielen Eindrücken. Morgen früh 10 Uhr haben wir ein privates Date mit George Grant von Glenfarclas, ich bin gespannt, was wir da erleben…, später dann die Macallan Tour, mal sehen, was so wird… 

Im Stillhouse von Knockando.
 

Kapitel 10 – Glenfarclas & Macallan

Stilleben mit Labrador : Ulli, George und Lars (v.r.)…
Glenfarclas… hier steht normalerweise eine Brennblase…

…heute morgen um 10 Uhr hatten wir eine Verabredung mit George Grant, der momentan parallel zu seinem Vater John Grant die Geschicke der sich seit fast 150 Jahren im Familienbesitz befindlichen Brennerei Glenfarclas leitet. Das mit der Uhr läuft ja in Schottland alles etwas lockerer, um 10 Uhr war noch nicht einmal eine Mitarbeiterin vom Visitor Center da, wobei aber schon 10 Uhr Öffnungszeit dransteht, sie kam so etwa 10.10 Uhr und hatte durchaus die Ruhe dabei weg. Etwa zeitgleich kam auch George mit seinem Labrador des Weges. Ulli und George kennen sich schon etwas länger, so war es also

möglich, das er eine halbe Stunde für uns hatte, gestern noch in London, morgen wieder in Madrid, der Gute ist viel unterwegs. Zur Unterhaltung schenkte er uns ein paar Drams ins Glas. Das leckere Frühstück war ein 2003er Fassample, ein 1973er Family Cask und noch einen großzügigen Dram (weil Flasche dann leer) 1961er Family Cask. Alles natürlich Sherrygranaten vom Feinsten, der 61’er kostet 1500£ die Flasche… Leider hatte er auch bald den nächsten Termin, so übergab uns George einer Tour und ich schaute mir den Ferkelladen zum dritten mal an. Interessant war, das eine Brennblase gerade weg ist, da das Fundament wo sie draufsteht brüchig war und Maurer damit beschäftigt waren, das zu sanieren, die Brennblase wurde derweil durchs offene Dach ausgelagert. Sowas sieht man nicht alle Tage. Danach liefen wir noch etwas hin und her bis die Traumstöffchen wieder aus meinem Kopf waren und wir fuhren ein wenig durch die Gegend. Ich zeigte Ulli alle Brennereien in Rothes von außen. Bei Glen Grant stiegen wie kurz aus und schauten ins Visitor Center, Speyburn ist derzeit eine einzige Baustelle, da wird glaub ich gerade alles neu gemacht, Mauern waren offen, Dächer werden gedeckt und die Omnipräsenz von Fahrzeugen der Firma Forsythe, welche u.a. Brennblasen herstellen, lässt die Schlussfolgerung zu, das einiges am Equipment neu gemacht wird. 
 
Macallan : Die tristen Bauten der Brennerei werden in den nächsten Jahren von einem modernen Neubau ersetzt.
 Weiter ging es dann zu Macallan, wo wir um 13:30 eine Tour gebucht hatten. Die Brennerei, die ich persönlich ja kritisch beäuge, will noch dieses Jahr beginnen, die komplette Distillery neu zu bauen, ein paar meter neben der aktuellen. Von der Sache macht das sicher Sinn, die jetzigen Gebäude sind alles andere als schön und wenn man schon was großes plant, dann auch richtig. Man will später 16 Mio. Liter Alkohol produzieren, damit wären sie derzeit die größte Maltbrennerei Schottlands…das der Whisky wieder so gut wird wie früher, kann man wohl sowieso vergessen. Die Tour ging insgesamt fast 2 Stunden, es wurde viel über Holz und Fassmanagment erklärt, fotografieren war nicht erlaubt und es gab 4 Whiskys und ein New Spirit, das ganze für 15£, ist ein gutes Preisleistungsverhältnis. Empfehlenswert ist es, sich vorher anzumelden.

Abends beim Bier lernte ich wieder einige Whiskyliebhaber aus Deutschland kennen, die mir z.T. auch schon vom Namen geläufig waren, mit vielen gemeinsamen Bekannten und reichlich Stoff zum erzählen. Das ist der Teil von so einem Festival, der immer wieder geil ist, man findet zueinander fern der Heimat. Die Welt der Whiskyversteher ist eher klein, aber herzlich …und das ist auch gut so… 

Speyside… Die Landschaft um Craigellachie mit Rindvieh…