Die Jülicher Straße in Berlin Gesundbrunnen

In diesem Beitrag geht es um eine einfache, unspektakuläre Straße im Berliner Stadtteil Gesundbrunnen. Hier wurde keine Weltgeschichte geschrieben und Prominente wohnten auch eher woanders… die meisten kennen die Straße nur wenn man sie als Verbindungsstraße von der Bornholmer Straße (die wenige meter davor noch Osloer Straße heißt) zum Gesundbrunnencenter beschreibt. Ich selber wohne mittlerweile seit 21 Jahren hier und führe mit dem Offside (über das Lokal gibt es hier einen eigenen Artikel) ebenso lange eines der wenigen Geschäfte dieser Straße. Ich finde das sich diese Straße einen eigenen Artikel verdient hat… an dem wird übrigens immer weiter geschrieben, so bald es etwas Neues gibt… wer noch was weiß oder vielleicht sogar noch alte Bilder besitzt… gerne her damit…

Kurze Fakten : Die Jülicher Straße ist ca. 520 Meter lang, sie beginnt im Norden an der Bornholmer Straße und endet im Süden an der Behmstraße. Der Name Jülicher Straße wurde am 01.06.1910 verliehen. Jülich ist eine Stadt mit etwa 32.000 Einwohnern im Landkreis Düren in Nordrhein-Westfalen. Gemeinsam mit der Klever Straße handelt es sich um Städte die auf die Erweiterung des Kurfürstentum Brandenburg im 17. Jahrhundert hinweisen.

Die Straße wird im Westen von der Eulerstraße, Klever Straße und Spanheimstraße verbunden und im Osten von der Glücksburger-, Laböer- und Mönkeberger Straße gekreuzt. Die Nummerierung startet mit Nr. 1 im Nordosten und endet entgegen dem Uhrzeigersinn gegenüber im Nordwesten mit Nr. 30. Es gibt 31 Hausnummern… 4 mal gibt es Doppelnummern (2a, 3a, 6a, 9a) und die Nummern 18 und 19 sind nicht vergeben, an ihrer Stelle befinden sich Laubengärten der Kolonie Sandkrug.

Geschichte :

1865 : Die Bellermannstraße wird benannt.
1894 : Die Straße 8, Abt. XI wird Behmstraße benannt
1903 : Die Straße 1, Abt. XI wird Bornholmer Straße benannt.

Bebauungsplan von 1907

1907 : Die Anlegung einer Straße mit Arbeitstitel Straße 5a Abt. XI wird von der Stadtverordnetenversammlung beschlossen. Dazu gibt es folgendes Schriftstück :

Vorlage zur Beschlußfassung betreffend die Anlegung der Straßen 5a, 10a zwischen Straße 10d und 5a, 10d und 10e in Abteilung XI des Bebauungsplanes und des südlichen Dammes der Bornholmer Straße zwischen Grünthaler Straße und Straße 51», sowie Erwerb von Straßenland zu den Straßen 5a, 10a und 10d im Wege der Enteignung.
Der Bebauungsplan für das nördlich der Bellermannstraße belegene Gelände ist mit Zustimmung der Stadtverordnetenversammlung am 26. März 1906 festgestellt worden. Die Herstellung der darin vorgesehenen Straßen 10s, 10d, 10a, zwischen den Straßen 10d und 5a, sowie die Herstellung des südlichen Teiles der Bornholmer Straße zwischen Grünthaler Straße und Straße 5d Abteilung XI wollte nun die Norden-Terraingesellschaft m. b. H. auf ihre Kosten bewirken, wobei sie annahm, daß die Stadtgemeinde die Straße 5 a auf eigene Kosten anlege. Wir glauben allerdings nicht damit rechnen zu können, daß bei den bei dieser letzteren Straße besonders schwierig liegenden Eigentumsverhältnissen sowohl am Nord- als auch am Südausgange der Straße die Herstellung durch die Anlieger würde erfolgen können.
Auch rechtfertigt der Wert dieser Straße als Verkehrsstraße zwischen Swinemünder Brücke und Bornholmer Straße ihre Anlegung aus städtischen Mitteln, nur müßte die Norden-Terraingesellschaft entsprechend ihrem Interesse an der Ausschließung ihres von der Straße 5a durchschnittenen Geländes sich an den Kosten beteiligen. Auf dieser Grundlage haben wir mit der Gesellschaft verhandelt und folgendes Ergebnis erzielt:
1. Die Norden-Terraingesellschaft läßt uns das gesamte ihr gehörige Straßenland der Straße 5a von 6 766 gm Flächeninhalt unentgeltlich unter Verrechnung auf die künftig zu zahlenden Anliegerbeiträge auf. Sie verschafft uns auch die 615 gm große Landfläche, welche zur Anlegung der Straße von dem Engelschen Grundstücke — Band 23, Blatt Nr. 1 472 — erforderlich ist, dadurch, daß sie, entsprechend der von diesem Eigentümer für die Abtretung gestellten Bedingung, eine an der Ecke der Straße 5a und 2a belegenen 3 gm großen Fläche,
welche dem Engelschen Grundstück teilweise als Baumaske vorgelagert ist, dem Engel unentgeltlich übereignet. Die Gesellschaft zahlt außerdem entsprechend der Frontlänge, mit der sie an der Straße 5a liegt, 55 v. H. der tatsächlichen Kosten der Pflasterung, den Entwässerungsbeitrag und den Beitrag für die Kosten der Beleuchtungsvorrichtung alsbald unabhängig von der tatsächlichen Bebauung, sowie 55 v. H. der Landerwerbskosten für die beiden am Nordausgange der Straße 5a liegenden Grundstücke von Neustadt und Goldwasser, soweit sie in die Straße 5a fallen, immer jedoch unter Anrechnung auf die künftig fällig werdenden Anliegerbeiträge. Soweit die von den beiden letztgenannten Grundstücken zu erwerbenden Flächen vor der Straßenflucht der Bornholmer Straße liegen, trägt die Norden-Terraingesellschaft die Erwerbskosten ganz. Sie bedingt sich dabei aus, daß, falls die Stadtgemeinde verpflichtet wird, die eben erwähnten beiden Grundstücke ganz, d. h. auch die verbleibenden Restgrundstücke, zu übernehmen, ihr diese Restgrundstücke zu dem im Enteignungsverfahren und dem darauffolgenden Prozeßverfahren festgesetzten Preise übereignet werden. Zur Anlegung der Straße 5a. die wir dann im nächsten Etatsjahr anlegen müßten, bedarf es nun noch des Erwerbes einer etwa 4 541 gm großen Fläche des am Südausgange der Straße 5a belegenen Geländes der Wollankschen Familienstiftung, sowie der mehr erwähnten etwa 821 gm und 207 gm großen Flächen von den am Nordausgange der Straße 5a belegenen Grundstücken von Neustadt und Goldwasser. Der freihändige Erwerb der der Wollankschen Familienstiftung gehörigen Fläche kann nicht in Aussicht genommen werden, da die Stiftung statutenmäßig freihändig nur zu einem Preise von 1000 Mark für die Quadratrute verkaufen darf, ein Preis, der im Enteignungsverfahren voraussichtlich nicht zugebilligt werden wird. Die sonst geforderten Preise von 1100 Mark für die Quadratrute des Goldwasserschen Grundstücks und von 80 000 Mark für das Neustadtsche Gelände erscheinen uns gleichfalls unannehmbar. Wir haben daher den Erwerb dieser Flächen im Enteignungsverfahren in Aussicht genommen. In diesem Verfahren wird auch die vorübergehende Beschränkung der angrenzenden Grundstücke durch Anlage von Böschungen für den Straßenkörper der hochliegenden Straße 5a beantragt werden müssen, wenn der Widerspruch gegen diese Anlagen sich nicht in den hierüber schwebenden Verhandlungen beseitigen lassen sollte. Die freiwillig abtretenden Anlieger haben sich zur Duldung der Böschungen bereit erklärt, die Norden-Terraingesellschaft hat sich verpflichtet, die für die Beschränkung zu zahlenden Entschädigungen zu tragen.
2. Das Straßenland der Straßen 10s, 10a zwischen Straße 10d und 5a, und der Straße 10d wird uns teils von der Norden-Terraingesellschaft teils von den Anliegern unentgeltlich zur Verfügung gestellt, nur die von dem Grundstücke Band 24 Nr. 1263 zur Anlegung der Straße 10s erforderlichen Fläche von ca. 513 gm Größe und die von dem Gelände der Wollankschen Familienstiftung erforderlichen
a) an der Einmündung der Straße 10 d in die Bellermannstraße und
b) an der Einmündung der Straße 10« in die Straße 5 a belegenen Flächen von zirka 46 und 416 qm Größe sind auf dem Wege gütlicher Einigung nicht zu erlangen und zwar die von Band 24 Nr. 1263 zu erwerbende Fläche wegen der mit Rücksicht auf eine grundbuchliche Verpflichtung unannehmbar erscheinenden Preisforderung von 12 840 Mark, die von der Wollankschen Stiftung wegen der bereits erwähnten für alle Wollankschen Terrains gleichmäßig hohen Mindestpreisforderung von 1000 Mark pro Quadratrute.
Die Norden-Terraingesellschaft bittet daher, auch diese Flächen auf ihre Kosten zu enteignen.
Zur Erfüllung der von ihr bezüglich der zu enteignenden Flächen übernommenen Verpflichtungen will die Gesellschaft alsbald die Summe von 100000 Mark bar bei der Stadthauptkasse einzahlen, aus welcher alsdann die jeweilig fällig werdenden Beträge zu ent-
nehmen sind. Schließlich verpflichtet sich die Gesellschaft noch, das Straßenland zu den Straßen 10b, zwischen den Straßen 5a und 5d, und 5b zwischen der Straße 10b, und Bornholmer Straße unentgeltlich an die Stadtgemeinde aufzulassen oder soweit ihr dies Land nicht gehört, das unentgeltliche Eigentum daran nötigenfalls durch Enteignung der Stadtgemeinde zu verschaffen und beide Strecken bis zum 1. April 1910 auf ihre Kosten anbaufähig herzustellen.
3. Sie bedingt sich andererseits noch aus, daß die 112 qm große Fläche an der Ecke der Straßen 10a und 5a, welche der Stadtgemeinde Berlin im August 1875 zur Freilegung der Straße 10 Abteilung XI (jetzt Straße 10a Abteilung XI) unentgeltlich ausgelassen worden ist, nunmehr aber nach Verschiebung der Fluchtlinie zu Straßenzwecken nicht mehr gebraucht wird, unentgeltlich an sie ausgelassen werde. In Übereinstimmung mit unserer Tiefbaudeputation glauben wir diese Regelung als für die Stadtgemeinde vorteilhaft empfehlen zu sollen und beantragen daher zu beschließen:
Die Versammlung ist damit einverstanden, daß
1. die Straße 5a im nächsten Etatsjahr unter den in dieser Vor lage genannten Bedingungen angelegt wird und daß zu diesem Zwecke die von der Wollankschen Familienstiftung am Südausgange der Straße 5a und von den Eigentümern Goldwasser und Neustadt am Nordausgange der Straße 5a abzutretenden Flächen im Enteignungsverfahren erworben werden.
2. die von dem Wollank’schen Gelände
a) an der Einmündung der Straße 10d in die Bellermannstraße zur Straße 10d,
b) an der Einmündung der Straße 10s in die Straße 5a zur Straße 10s und die von dem Grundstücke Band 24 Nr. 1263 zur Anlegung der Straße 10s noch erforderlichen Flächen auf Kosten der Norden-Terraingesellschaft ebenfalls im Enteignungsverfahren erworben werden, und
3. die der Stadtgemeinde gehörigen, an der Ecke der Straßen 10a und 6a gelegenen 112 qm ehemaliges Straßenland der Straße 10 unentgeltlich an die Norden-Terraingesellschaft aufgelassen werden.“
Da die Norden-Terraingesellschaft und der Eigentümer Engel, der zirka 615 qm zur Straße 5a unentgeltlich abtreten will, sich nur bis zum 1. Januar 1908 an ihre Erklärungen haben binden wollen, so ersuchen wir um möglichste Beschleunigung der Beschlußfassung.

150 Pläne liegen bei.
Berlin, den 15. November 1907.
Magistrat hiesiger Königl. Haupt- und Residenzstadt.
Kirschner.

1910 : Die Straße 5a Abt. XI wird Jülicher Straße benannt. Im gleichen Jahr erhalten Euler- und Spanheimstraße ihre Namen, 1911 folgen Glücksburger- und Sonderburger Straße, 1927 mit Laböer- Ellerbecker- und Mönckeberger Straße die übrigen Straßen die an die Jülicher Straße grenzen bzw. in der Nähe sind.

Die Häuser Jülicher Straße 1 (heute Tankstelle) und Jülicher Straße 4 werden als erste Häuser der Straße fertiggestellt.

Jülicher Straße 1-2 Anfang der 1930er Jahre. Beide Häuser wurden in Krieg zerstört.
Jülicher Straße 4 (Foto von 1942)… ältestes Haus der Straße

 

1911 : Fertigstellung von Haus Nr. 30 (damals Nr. 28)

1912 : Fertigstellung von Haus Nr. 5

1913 : Fertigstellung von Haus Nr. 8

Jülicher Straße 28 (heute 30) Ecke Bornholmer Straße um 1914 (Sammlung Schmiedecke)

 

1924 : Fertigstellung von Haus Nr. 7 durch die Reichsbank Berlin.

1925 : Fertigstellung von Haus Nr. 14 (Sportkasino von Norden-Nordwest)

Fußballspiel im Hertha Stadion 1924. Im Hintergrund der Bau des NNW Kasinos sowie das Haus Jülicher Straße 8 (rechts)
Jülicher Straße 6 und 6a Ecke Klever Straße Anfang der 1930er Jahre

 

1927 – 1930 : Die Gesellschaft für Bahnen und Tiefbauten (Vorgänger der heutigen Gesobau AG) errichtete Wohnhäuser im zeitgenössigen Stil in der Jülicher Straße (Ostseite) (10 Aufgänge), Mönkeberger Straße (1 Aufgang), Laböer Straße (4 Aufgänge), Glücksburger Straße (8 Aufgänge), Bornholmer Straße (4 Aufgänge), Sonderburger Straße (6 Aufgänge), Eulerstraße (2 Aufgänge) und Jülicher Straße (Westseite) (2 Aufgänge). Ursprünglich sollte Richtung Osten weiter gebaut werden aber Weltwirtschaftskrise und Krieg verhinderten das. An dieser Stelle ist die Kolonie Sandkrug v. 1925.

1927 : Fertigstellung der Häuser 6 und 6a durch die Gemeinnützige Märkische Baugenossenschaft.

Fertigstellung der Häuser Nr. 20, 21, 22 und 23.

Geplante Erweiterung des Viertels auf einem Stadtplan von 1914
Müllkippe Ellerbecker Straße mit Blick auf Jülicher, Mönkeberger, Klever und Laböer Straße. Rechts die Rückansicht von Jülicher Straße 20-23. Foto von 1934 (Landesarchiv Berlin)

 

1928 : Fertigstellung der Häuser Nr. 24, 25, 26 und 27.

1930 : Fertigstellung der Häuser Nr. 3, 3a, 27 und 28.

Jülicher Straße 3 und 3a Ecke Eulerstraße Anfang der 1930er Jahre.

 

1939 : Fertigstellung der Häuser Nr. 9 und 9a durch die Reichsbank Berlin.

1941-1945 : Die Gegend um den Bahnhof Gesundbrunnen wurde im Krieg stark beschädigt. Viele Luftangriffe galten den Industriestandorten in der Brunnenstraße. Der Hochbunker mit Flakturm am Volkspark Humboldthain zog die Zerstörungen ebenfalls an. Viele Gebäude wurden zerstört und später durch Neubauten ersetzt. Die Jülicher Straße kam vergleichsweise glimpflich davon. Nur die Häuser Nr. 1 und 2 wurden Opfer des zweiten Weltkriegs. Auf den Grundstücken der zerstörten Häuser befand sich viele Jahre ein Gewerbehof für Brennstoffe, also Kohlen und Heizöl… aber auch ein Fuhrunternehmen der Brennstoffhändlerin Käthe Heinrich und ein Stand für Obst und Gemüse. In den 1970ern wurde eine Shell Tankstelle eröffnet und in den 1990ern wurde ein neues Wohnhaus auf der Fläche errichtet.

1968 : Der Wohnblock mit den Hausnummern 10, 11, 12 und 13 wird fertiggestellt. Bauherr war Willi Laser.

1992 :  Neubau der Häuser Jülicher Straße 2-2a 

Ruine des ehem. NNW Kasinos Jülicher Straße 14 etwa 2008

 

1990er – 2000er Jahre : Beginn eines Hotelneubaus im Südosten der Straße neben dem Sportkasino der Jülicher Str. 14. Der Investor ging in Insolvenz und der begonnene Bau blieb viele Jahre als Bauruine stehen. Das Kasinohäuschen gehörte zum Objekt und verfiel zunehmens.

Restauriertes ehem. NNW Kasino mit Hotelneubauten 2018

 

2017 : Instandsetzung des ehemaligen Kasinos von Hertha und NNW (Jülicher Str. 14) als Hostel. Fertigstellung der Gebäudeblöcke Jülicher Straße 15 als Hotel und Jülicher Straße 16-17 als Studentenapartments.

 

…Beitrag wird fortgesetzt…