Unsere nächste Nachbarschaft… Spurensuche auf historischen Landkarten

In diesem Abschnitt soll es um einen Teil vom Gesundbrunnen gehen… der Teil in dem ich wohne, arbeite und lebe. Der Teilbereich des ehemaligen Bezirks Wedding wird begrenzt von Badstraße, Osloer Straße und der Bahntrasse zwischen den  Bahnhöfen Bornholmer Straße und Gessundbrunnen. Die Badstraße wird später einen eigenen Platz bekommen, mir soll es hauptsächlich um deren Nebenstraßen östlich gehen : Bellermannstraße, Eulerstraße, Grüntaler, Stettiner, Jülicher Straße,  Behmstraße etc. Der Blog wird ständig ergänzt und bearbeitet (Stand : April 2021)

1757

Beginnen wollen wir aber mit einer Karte die bei uns im Offside hängt… jemand hat sie uns gespendet, vorher hing sie wohl im ehem. Rathaus Wedding. Zur Orientierung sollte man beachten das der Plan keine Nord/Südausrichtung hat, dafür gibt es aber einen Pfeil im linken unteren Bereich.

28.12.1757 - Plan der Gegend zwischen Kgl. Vorwerk Wedding und der Gräfl. Preuß. Papier Mühle zu Anlegung des neuen Gesund Brunnen

v.l.n.r: Das Vorwerk Wedding (im Bereich der heutigen Reinickendorfer/Weddingstraße) Weg von Oranienburg nach Berlin (in etwa der Verlauf der heutigen Gerichtstraße/Gartenstraße)… dann kommt die Panke, damals noch mit zwei Armen….nördlich von der Panke (etwa entlang der heutigen Koloniestraße) entstand kurze Zeit darauf eine Maulbeerplantage welche von Einwanderern aus Böhmen betrieben wurde. Linksseitig der Panke ist noch etwas Wald erhalten, der Rest der vormals üppigen Berliner Stadtheide, hauptsächlich Kiefern und Eichen wuchsen dort… ihr Holz steckt noch heute in den Häusern Berlins (soweit sie noch stehen). Wir erfahren die Besitzer diverser Grundstücke : wüstes Sand-Land gehört dem Magistrat; Wiese zum Amt Schönhausen gehörig (etwa Brunnenplatz vorm Amtsgericht); Vorwerks Acker; das erste Feld, das Mittel Feld; St.Georgen Hospital Acker. Gesund Brunnen… Dazu gibt es demnächst ein Extrakapitel. 

Der Friedrichs Gesundbrunnen um 1760

Holländische Mühle… bereits in der ersten urkundlichen Erwähnung Weddings um 1251 wurde eine Pankemühle genannt, 1541 wurde erwähnt, das die Mühle nicht mehr in Betrieb ist… 1708 wird der Bau einer Wassermühle beschlossen, 1731 wird die Mühle an der Panke zur Papiermühle umgebaut und war Arbeitsplatz für 60 Arbeiter (Auf dem Wedding lebten 1748 ganze 72 Einwohner). Auf der Karte neben Brunnen und Mühle: Bürger Craatz Wiese… ich durfte noch einen Nachfahren dieses Bürgers kennenlernen, er verstarb vor ein paar Jahren im hohen Alter und war in der lokalen SPD aktiv. Am rechten Rand der Karte dann „vormaliger Fasanen- und Kaninchengarten der jetzt einem Bürger gehört, der eine Meierei daraus machen will“ (sinngemäß) …da sind wir etwa in dem Bereich von Prinzenallee, Bellermannstraße, Grüntaler Straße. Der Kaninchengarten wurde an einer Strecke angelegt, die der preußische Adel als Verbindung der Schlösser Charlottenburg und Niederschönhausen nutzte. Kronprinz (und späterer Soldatenkönig) Friedrich Wilhelm I. nutzte ihn zum jagen und zur Übung mit der Schußwaffe… und so entstand der Name Prinzenallee… der Weg an diesem  Fasanen- und Kaninchengarten, welcher 1712 angelegt wurde und etwa 10 Jahre Bestand hatte.

1802

1802 - Originalausschnitt "Plan von Berlin nebst denen umliegenden Gegenden im Jahr 1802'' (*historicmaps)

Wir tauchen ein in die Vergangenheit mit Hilfe von historischen Landkarten. Der Ausschnitt ist stets der gleiche wie bei der Karte siehe oben. Es gibt sehr gute Webseiten die dieses Material kostenlos zur Verfügung stellen*. Man kann mit Hilfe eines Reglers die historische Karte in die Gegenwart pausen. Das wird bei den ersten Karten nötig sein, da noch nicht viel Orientierungspunkte vorhanden waren.

*https://historicmaps.toolforge.org/berlin/

1802 - Ausschnitt mit Orientierungshilfe "Plan von Berlin nebst denen umliegenden Gegenden im Jahr 1802'' (*historicmaps)

1802 : An dieser Stelle ist die Blaupause mit der heutigen Karte durchaus wichtig, denn viele Orientierungspunkte gibt es noch nicht. Fixpunkte sind das Vorwerk Wedding und der Gesundbrunnen an der Panke, welche damals noch zwei Arme hatte. Ganz oben links, heute die Gegend der Reinickendorfer Straße / Osloer Straße befand sich einer der vielen Exerzierplätze der ja sehr militärisch geprägten preussischen Residenzstadt Berlin (bzw. in diesem Falle ihres Umlandes). Dieser hier war der Exerzierplatz der Artillerie.

Romantik pur… Gesundbrunnen mit dem Poetensteig um 1800

Nur westlich und nordwestlich von Wedding und Gesundbrunnen gab es noch Wald, der größte Teil der ehemaligen Stadtheide wurde in den zurückliegenden Jahrzehnten gefällt, verbaut und nicht wieder aufgeforstet. Man kann sich vorstellen das der Teil östlich vom Gesundbrunnen eine relativ kahle Landschaft war, mit etwas Landwirtschaft und Sandbergen. Apropos Berge… Im Bereich des heutigen Volkspark Humboldthain sind folgende Erhebungen eingezeichnet : Grenardierberg, Brunnenkappe und Langer Berg.

Der Verlauf der späteren Brunnen- und Badstraße ist grob zu erkennen, es war der Weg aus dem Berliner Stadtzentrum… was er ja heute auch noch ist. Der Weg von oben nach unten ist der Verlauf der heutigen Prinzenallee/Pankstraße… der Weg  verband Wedding und Gesundbrunnen mit Pankow und dem Schloß Niederschönhausen. Des Weiterem gibt es einige Wege, die man wohl bestenfalls mit Trampelpfaden vergleichen kann… ein Pfad lief auch durch den oberen Teil der Jülicher Straße, gekreuzt von einem Wassergraben welcher von der Panke kommend in Höhe der Osloer/Bornholmer Straße. Das östliche Ende des kreuzenden Wassergrabens endet dort wo heute die Gartenkolonie Wiesengrund liegt… ich vermute mal, das es damals eine sumpfige Wiese war… etwas weiter nördlich fließt der Eschengraben, dessen Wasser noch dazu kommt…

Stand der Einwohner : Im Wedding lebten 150 Personen in 17 Haushalten und im Gesundbrunnen 105 Personen in 23 Haushalten. Diese Haushalte waren bereits damals teilweise Ausländer. Preußen war ja sehr tolerant was Einwanderung betraf (natürlich nicht ganz uneigennützig) und so förderte bereits Friedrich II. (…jeder nach seiner Fasson…) die Ansiedlung von Kolonisten in den Bereichen Reinickendorfer-/Uferstraße und… genau… Koloniestraße…

1816

1816 - Originalausschnitt "Topographischer Plan der Gegend um Berlin ca. 1816" (*historicmaps)
1816 - Ausschnitt mit Orientierungshilfe "Topographischer Plan der Gegend um Berlin ca. 1816" (*historicmaps)

1816 : 14 Jahre später ist nicht viel passiert… der Brunnen heißt seit 1809 Louisenbad der Ort Louisenbrunnen, benannt nach der populären Königin Luise, welche um die Jahrhundertwende einige male vor Ort gewesen war und die Umbenennung der Quelle genehmigte. Unweit der Brunnenanlage ist eine Meierei verzeichnet, mut maßlich jene, die ein Bürger auf der Karte von 1757 beim ehemaligen Kaninchengarten errichten wollte. 1811 wurde die Mühle an der Panke stillgelegt, 1825 wird sie abbrennen. Vermutlich existieren die Waldstücke nordwestlich der Panke nun auch nicht mehr.

1840

1840 - Originalausschnitt "Urmesstischblatt "Berlin (Nord)" um 1840" (*historicmaps)
1840 - Originalausschnitt "Urmesstischblatt "Berlin (Nord)" um 1840" mit Orientierungshilfe (*historicmaps)

…auch 24 Jahre nach dem letzten Kartenausschnitt hat sich nicht viel getan… man muß schon genauer hinsehen : Die Straße nach Oranienburg heißt seit 1827 Pankstraße. Wedding und Gesundbrunnen bekamen eigene Kirchen (Nazarethkirche & St. Paul), beide von Karl Friedrich Schinkel entworfen und 1835 eingeweiht. Die rote Linie welche mit einem Bogen von oben rechts nach unten links führt stellt den Trassenverlauf der Berlin-Stettiner Bahn dar. Die Strecke wurde an dem hier ersichtlichen Abschnitt 1842 in Betrieb genommen. Bis 1897 fuhr die Bahn quasi neben der Grüntaler Straße und querte die Badstraße an einem beschrankten Übergang. Zwei Ziegeleien sind zu sehen… eine an der Stelle des heutigen Bahnhof Gesundbrunnen und eine an der Stelle der heutigen Eulerstraße/Klever Straße.

1855

1855 - Originalausschnitt aus dem "Plan von Berlin mit dem Weichbilde und der Umgegend bis Charlottenburg" (*historicmaps)
1855 - Ausschnitt mit Orientierungshilfe aus dem "Plan von Berlin mit dem Weichbilde und der Umgegend bis Charlottenburg" (*historicmaps)

…auch die Karte von 1855 zeigt uns das dieser Fleck Erde noch weit davon entfernt ist, eine Großstadt zu werden… auf dieser Karte ist ganz gut zu erkennen, daß die Bebauung kleine ebenerdige Kolonistenhäuser mit Gartengrundstück sind. Ab 1850 siedelten sich nördlich vom Luisenbrunnen an der Panke Gerber an, die es mit dem (damals sicher eh noch nicht sehr strengen) Umweltschutz  nicht so genau nahmen und die Abwässer in den Fluß leiteten was vor allem auf die Luftqualität negativen Einfluss hatte und zum GESUNDbrunnen nicht passen wollte…die Panke wurde zur „Stinkepanke“ und ein berühmter Spruch dieser Zeit war: „Wo die Panke mit Gestanke durch den Wedding rinnt“… Die Straße Richtung Reinickendorf heißt jetzt Schwedenstraße… im Bereich der heutigen Bellermannstraße, etwa Ecke Grüntaler Straße gibt es erste Wohnhäuser und die Ziegelei Johl. Die Stelle an der später die Bornholmer Straße die Bahn überqueren wird ist als Anhöhe zu erkennen.

1866

1866 - Originalausschnitt aus "Neuester Situationsplan von Berlin" (*historicmaps)
1866 - Ausschnitt aus "Neuester Situationsplan von Berlin" mit Orientierungshilfe (*historicmaps)

1866 haben Grüntaler und Stettiner Straße einen Namen, ebenso die Bellermannstraße welche aber nur von der Prinzenallee bis zur Bahntrasse der Stettiner Eisenbahn geht, danach geht der Verlauf als Trampelpfad weiter. Kurz hinter den Schienen geht ein Weg nach links zur Ziegelei von Eduard Johl, es ist keine offizielle Straße aber er wird der Johlsche Weg genannt. In seinem Verlauf wird später die Eulerstraße entstehen. Der Verlauf der späteren Behmstraße ist bereits zu erkennen, nach einer Weile zweigt von ihr die Schwedter Straße ab… an der Stelle wo heute die Behmstrassenbrücke und der Schwedter Steg ist… kleiner Zwischenstand der Bevölkerungsmenge von 1866 : 17.000 Einwohner

1874

Originalausschnitt aus "Neuester Plan von Berlin mit den Königl. Preuss. Standes- und Amtsbezirks-Superintendentur- und Parochie-Grenzen 1874" (*historicmaps)
Ausschnitt von "Neuester Plan von Berlin mit den Königl. Preuss. Standes- und Amtsbezirks-Superintendentur- und Parochie-Grenzen 1874" mit Orientierungshilfe (*historicmaps)

1874… und jetzt geht es aber ab hier… was für ein großer Sprung gegenüber der 8 Jahre zuvor erschienenen Karte von 1866… allerdings mit viel Theorie, denn vieles was wir hier sehen, ist der Plan wie es einmal werden soll. Wir sehen zwei neue Bahnhöfe… von denen 1874 noch keiner fertig war : Gesundbrunnen und Nordbahnhof. Der Bahnhof Gesundbrunnen war seit 1872 Haltepunkt der gerade in Betrieb genommenen Berliner Ringbahn, der Ausbau zum überregionalen Bahnhof folgte erst nach und nach in den folgenden 15 Jahren. Der Nordbahnhof ist nicht mit dem Stettiner Bahnhof zu verwechseln (an dessen Stelle befindet sich heute die S-Bahn Station Nordbahnhof) sondern der Zielbahnhof der Berliner Nordbahn die 1877 von hier aus Richtung Neubrandenburg startete. Wenig später wurde die Strecke für den Personenverkehr dann aber doch zum Stettiner Bahnhof verlegt und der Nordbahnhof wurde zum reinen Güterbahnhof. Vom Nordbahnhof ist wenig erhalten, an seiner Stelle befindet sich heute der Mauerpark. Am berühmten Gleimtunnel über der Gleimstraße kann man noch erahnen, wie viele Schienen dort verliefen. Die beiden Bahnstrecken kreuzten an der Stelle einander, wo heute die S-Bahnbrücke über die Grüntaler Straße verläuft. Auch der künftige Straßenverlauf unserer Gegend deutet sich an… Basis dafür war der Hobrecht-Plan von 1862, der aus den zahlreichen bewohnten Flecken von Berlin und Umland ein grobes System schuf (das ist jetzt mal gaaanz vereinfacht gesagt…) Die heutige Osloer- und Bornholmer Straße wird angedeutet und etliche Straßen haben jetzt einen Namen. Der nördliche Teil der Grüntaler Straße, welcher noch von der Stettiner Eisenbahn getrennt wird hatte auf der linken Seite einen eigenen Namen : Völkerstraße (bis 1910). Etwas Kultur hat auch Einzug gehalten: Weimanns Volksgarten an der Badstraße (da wo heute die Bastianstraße ist) öffnete 1851 und existierte bis 1905… neben Restauration war der Volksgarten Schauplatz von (u.a. jüdischen) Volksfesten. 1889 wurde Weimanns Volksgarten von der benachbarten Adler Brauerei in der Hochstraße gekauft. Die Brauerei produzierte ab 1864 Bier im bayerischen Stil. Im Laufe der Jahre hieß die Brauerei auch Brauerei Karl Gregory und Phönixbrauerei. Etwa 1920 war dann Schluß mit der Brauerei… heute steht ein großes Hotel an dieser Stelle.  Der Humboldthain wurde auch erschlossen…als Parkanlage ohne Bunker. Unten links an der Reinickendorfer Straße nahe der Ringbahn war bereits damals die Feuerwehr stationiert. …dann steht da noch „Der kleine Wedding“… ok, das Vorwerk Wedding mit seinen angrenzenden Ländereien lag etwa an der heutigen Ecke Reinickendorfer-/Weddingstraße und war in dem Sinne der große Wedding. Ein weiterer Hof, etwas kleiner und mit anderen, ständig wechselnden Besitzern lag am Anfang der Reinickendorfer Straße, an der (heutigen) Tristesse namens Weddingplatz.

1882

Originalausschnitt vom "Sineck Situations-Plan von Berlin 1882" (*historicmaps)
Ausschnitt vom "Sineck Situations-Plan von Berlin 1882" mit Orientierungshilfe (*historicmaps)

Die Karte von 1882 zeigt ein wenig was ich bei der letzten von 1874 meinte… viel Planung, wenig Tatsachen. Ein paar mehr Wohnhäuser sind es aber dennoch an Badstraße und Prinzenallee… der Soldiner Kiez (bzw. die Gegend die heute so heißt) bildet sich auch langsam und auch rechts und links der Bellermannstraße ist Zuwachs zu verzeichnen. Noch fährt die Stettiner Bahn mit der Grüntaler über die Badstraße, aber das Gelände um den Bahnhof Gesundbrunnen deutet an, das etwas größeres entsteht… Der Anschluß der Berlin-Wetzlarer Bahn, welche im Volksmund Kanonenbahn hieß und für militärische Zwecke errichtet wurde, spielte nur kurz eine Rolle, bis zur Fertigstellung vom Bahnhof Charlottenburg. Auf dem Gelände das heutzutage der Schwedter Steg überquert, befand sich ein halbringförmiger Lokschuppen. Ein Gleis führt vom Bahnhof Gesundbrunnen um den Humboldthain herum zum Viehmarkt südlich des Humboldthain… wo wenige Jahre später eine der größten Industriestandorte Berlins entstehen wird. Eine Schule befand sich an der (heutigen) Osloer Straße zwischen Freienwalder- und Wrietzener Straße, in der Pankstraße zwischen Gericht- und Wiesenstraße und eine weitere in der zweiten Reihe der Ecke Pank-/Badstraße, etwa da wo heute die Bastianstraße verläuft.

1895

Originalausschnitt vom "Straube Plan von Berlin 1895" (*historicmaps)
Ausschnitt vom "Straube Plan von Berlin 1895" mit Orientierungshilfe (*historicmaps)

Etwas weniger ins Detail geht der Straube Plan von 1895. Die roten Flächen deuten Bebauung an, schraffierte rote Flächen Bahngelände. Gut zu erkennen ist die Entwicklung  des sogenannten „tiefen Wedding“, das ist  der Gegend die heute Brunnenviertel genannt wird. Auf dem Gelände es ehemaligen Viehmarktes westlich der Brunnenstraße entstand ab 1894 mit dem AEG Werk eine der größten Berliner Industriestandorte mit zeitweise 14.000 Beschäftigten… viele von denen wohnten auf der anderen Seite der Brunnenstraße… und das nicht wirklich in komfortabler Art… nein, es waren größtenteils Zustände die wir uns heute kaum noch vorstellen können. Im Jahr 1900 stieg die Einwohnerzahl von Wedding und Gesundbrunnen auf 160.000 Einwohner… 1866 waren es noch 17.000 Einwohner. …zu den Details: Die heutige Osloer Straße bekam 1892 den Namen Christianastraße… benannt nach der norwegischen Hauptstadt und als sich diese 1925 in Oslo umbenannte, änderte man das 1938 auch bei dieser ja sehr großen Straße. Es gab zwei neue Gotteshäuser : die Himmelfahrtskirche von August Orth am Humboldthain (im Krieg zerstört) und St. Sebastian für die katholische Gemeinde am Gartenplatz (knapp unterhalb unseres Kartenausschnittes.)

1905

Originalausschnitt vom "Sineck Situations-Plan von Berlin 1905" (*historicmaps)
Ausschnitt vom "Sineck Situations-Plan von Berlin 1905" mit Orientierungshilfe (*historicmaps)

Beim Sineck Situations-Plan von 1905 kann man gut unterscheiden was schon steht und was geplant ist, letzteres wird rot dargestellt und gerade im östlichen Bereich von Grüntaler und Bellermannstraße ist da einiges rot, genau wie im Nachbarbezirk Prenzlauer Berg… Berlins Einwohnerzahl ging zu dieser Zeit immer weiter in die Höhe… die Leute kamen vom Land wegen der Arbeit in die Stadt und brauchten dringend Unterkunft. Die Gleise der Stettiner Bahn wurden 1897 in das Gleisbett der anderen Bahnen am Gesundbrunnen verlegt. Die Badstraße wurde somit ihre lästige, unfalllastige Bahnschranke los. Im gleichen Jahr wurde das Empfangsgebäude des Bahnhofs erbaut… mittlerweile hielten neben der S-Bahn auch Vorortszüge und Fernverkehr am Berliner Nordkreuz. 1905 wurde die Swinemünder Brücke über den Gleisanlagen des Bahnhofs fertiggestellt. Die Brücke ist mit 228 Metern 100 Meter länger als die ähnliche, deutlich bekanntere Glienicker Brücke zwischen Berlin und Potsdam. Auf Grund ihrer ausufernden Baukosten (…ja, sowas gabs auch früher schon) heißt sie im Volksmund Millionenbrücke.

Millionenbrücke 1906 (Foto von Max Missmann) Im Hintergrund die unbebaute Gegend nördlich der Behmstraße, rechts die Behmstraßenbrücke. Die Häuser auf der linken Seite sind in der Wriezener Straße, die Stephanuskirche an der Soldiner Straße und die Häuser etwas weiter rechts gehören zur Grüntaler Straße. Vom linken Brückenbogen verdeckt ist der Schebera Sportplatz welcher seinerzeit bereits von Hertha angemietet war.

Auf dem Brunnenplatz zwischen Panke und Pankstraße entstand das Amtsgericht Wedding im neogotischen Stil… nicht gerade bescheiden wirkend. An der Rückseite des Gerichtes, auf der anderen Pankeseite lag das große Straßenbahndepot, erst für Pferdebahnen, später für elektrische Bahnen. Das fabrikähnliche Gelände wird heute hauptsächlich von Künstlern genutzt (Uferhallen/Uferstudio). Die 1833 gegründete Tresorfabrik von Simon Joel Arnheim siedelte sich Anfang der 1890er Jahre an der Badstraße 40-41, direkt an der Panke an. Für den Bau der Fabrik wurde der westliche Pankearm zugeschüttet und ein markantes Backsteinhaus an der Badstraße wurde als Wohnhaus für Mitarbeiter der Firma errichtet. Nicht auf der Karte verzeichnet aber seit 1890 in der Osloer Straße 12 ansässig war die Maschinenfabrik Albert Roller welche Maschinen für die Herstellung von Zündhölzern herstellte (heute Kindermuseum und Nachbarschaftsetage). Eine neue evangelische Kirche entstand bis 1904 an der Kreuzung Prinzenallee/Soldiner Straße. Für die Stephanuskirche war ursprünglich war als Bauplatz das nunmehr freie Gelände der Stettiner Bahn an der Grüntaler Straße vorgesehen… das zerschlug sich aber. Auch die Katholiken bekamen ein neues Gotteshaus in der Bellermannstraße… die Petruskirche wurde 1906 eingeweiht.

1914

 
 
Originalausschnitt vom "Baedeker, Großer Streifenplan von Berlin, 1914" (*historicmaps)

…ab hier braucht es keine Orientierungshilfen mehr… die städtebauliche Situation entspricht im Wesentlichen der heutigen…

…das erste was man zum Jahr 1914 in Bezug auf unsere Geschichte a la map erwähnen sollte, ist die Einwohnerzahl von Wedding und Gesundbrunnen… eben noch (1900) bei 140.000 Einwohnern, liegen wir 14 Jahre später bereits bei 251.000 Einwohnern… nur mal zur Erinnerung… 1820, also weniger als 100 Jahre davor, lebten 350 Einwohner in diesem Gebiet… Das Haus in dem ich gerade diesen Blog schreibe, die Jülicher Straße 4 wurde 1910 erstbezogen, gemeinsam mit dem asymmetrischen Zwilling Eulerstraße 8. Der Rest der Straße wird erst einige Jahre später bebaut, es ist Krieg und danach das Geld knapp… das Gebiet östlich der Jülicher Straße sollte genauso erschlossen werden, man sieht wie die Straßen projektiert waren, aber dazu kam es nicht mehr.  1914 wurde das jüdische Krankenhaus zwischen Exerzier- und Schulstraße vollendent. Aus dem Kraftwerk Golpa-Zschornewitz in Sachsen führte ab 1914 eine Hochspannungsleitung durch See- und Osloer Straße. In der Osloer Straße (welche damals noch Christianastraße hieß) 116a wurde hinter einer Wohnhausähnlichen Fassade die Fabrik von Hasse und Wrede errichtet. Die Firma stellte Maschinenbauteile her und später auch Rüstungsgüter. In dem Komplex ist heute ein Hotel. Nicht mit verzeichnet sind die Sportplätze am Bahnhof Gesundbrunnen und die Schule in der Ellerbecker Straße… obwohl durchaus zu der Zeit bereits existent…Der erste Weltkrieg stoppte die rasante Entwicklung der Gegend, gebaut wurden hauptsächlich noch bereits begonnene oder geplante Projekte.

1920

Kiessling Grosser Verkehrs-Plan von Berlin 1920 (*historicmaps)

Nach dem Ende des ersten Weltkriegs gingen die Stadtteile Wedding und Gesundbrunnen in den Großberliner Bezirk 3 namens Wedding auf. Der Bezirk war inzwischen eine Großstadt in der Großstadt… mit  361.074 Einwohnern war Wedding so groß wie damals Stuttgart und nach Kreuzberg der einwohnerreichste Stadtbezirk. Das wichtigste neue Bauwerk ist die Hindenburgbrücke welche die Bornholmer Straßenteile von Wedding und Prenzlauer Berg verbindet. 1916 wurde die Brücke fertiggestellt. Sie heißt seit 1948 Bösebrücke und wurde 1989 weltberühmt als dort als erstes die innerdeutschen Grenzschranken fielen. Sie hieß zu keiner Zeit Bornholmer Brücke.

1933

Ausschnitt vom Silva Stadtplan von Berlin 1933 (berliner-stadtplansammlung.de)

Die politische Landschaft im Wedding lag 1931 noch etwa so : Kommunisten : 42%; Sozialdemokraten :  28%; Nationalsozialisten : 8,8%… der Wedding war also nicht braun sondern rot, leider spielte das bei der Machtergreifung Hitlers keine Rolle mehr. Der Silva Stadtplan von 1933 zeigt letztmalig viele Details, auch von Eisenbahnstrecken und Industrieanlagen. Diese Details wurden später ausgespart um den Kriegsgegnern nicht unnötig viele Informationen zu bieten. Neu ist die U-Bahn Gesundbrunnen – Neukölln (heute U8). Ursprünglich als Schwebebahn geplant, setzte sich dann aber die Variante der Untergrundbahn durch. Durch die zusätzliche Option wurde der Bahnhof Gesundbrunnen einer der größten und wichtigsten Berliner Bahnhöfe. Auf der Karte sind nun auch die Fußballplätze von Hertha und NNW zu sehen. Die Brauerei Groterjan in der Prinzenallee entstand und produzierte Malzbier.

1942

Ausschnitt vom Silva Stadtplan von Berlin 1942 (berliner-stadtplansammlung.de)

…von der Sache her ist 1942 fast alles wie 1933… wie bereits erwähnt fehlen wichtige Informationen zur Infrastruktur, etwa der Güterbahnhof der Nordbahn und das AEG Industrieareal an der Brunnenstraße. Noch vor Kriegsbeginn wurde die Nordsüd S-Bahn fertiggestellt und brachte mit Bornholmer Straße und Humboldthain zwei neue Bahnstationen in den Bezirk. Im Herbst 1940 gab es erste britische Luftangriffe mit Zerstörungen im Weddinger Gebiet. 1941 bis 1942 wurden im Humboldthain zwei große Hochbunker mit Flakturm errichtet. Ab 1943 häuften sich intensive Luftangriffe auf Berlin und legte auch große Teile von Wedding und Gesundbrunnen in Schutt und Asche. Ab April 1945 kamen zu den Bomben nun auch noch Granaten und Straßenkampf dazu. Neben tausenden Todesopfern und Schwerverletzten war die Infrastruktur komplett zerstört… von daher ist die Karte bereits bei Erscheinung nur noch ein Rückblick auf vergangene Zeiten.

1948

Ausschnitt vom Patent-Stadtplan mit Darstellung aller Teil- und Totalzerstörungen Berlin (berliner-stadtplansammlung.de)
Legende vom Patent-Stadtplan mit Darstellung aller Teil- und Totalzerstörungen Berlin (berliner-stadtplansammlung.de)

Der Falk Patentplan von 1948 unterscheidet unzerstörte, teilzerstörte und totalzerstörte Gebäude. Besonders im Bereich des Humboldthain ist viel rot zu sehen, was besonders am Flakturm lag aber auch an den nahen Industrieanlagen an der Brunnenstraße. Im Humboldthain gab es keinen Meter Holz mehr, alles wurde in der Not verheizt. Der Verlust der Grünanlage bot als neue Möglichkeit die enormen Massen von Trümmerschutt zu sammeln. Der Hochbunker ließ sich nur zum Teil sprengen, mit Rücksicht auf die wichtigen Bahnanlagen blieb ein Teil davon stehen und wurde mit Trümmern aufgeschüttet und später begrünt. Wedding und Reinickendorf wurden zur französischen Besatzungszone.

 

…wird fortgesetzt…

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