McLarsen reist

McLarsen im Land der tausend Biere VI. Kronach & Rund um den Staffelberg (September 2026)

Berlin, im September 2026… Zu einem Highlight des Jahres hat sich eine Unternehmung gemausert, die 2020, im ersten Corona-Jahr, eher als Ersatz für ausgefallene Urlaube gedacht war: Ein paar Kumpels treffen sich in Franken, es wird gewandert und Bier getrunken… Fähigkeiten, die wir alle besitzen und an drei Tagen mal ordentlich ausleben. Im Prinzip könnte ich aber auch sagen… ich habe Schottland im September mit Franken ausgetauscht. Ich war fast 10 Jahre im September in Schottland, wegen Whisky, Land und Leuten… entstanden in dieser Reihenfolge. Dann kam Corona und Brexit… Franken bot sich irgendwie an… ist auch nicht ganz so weit und Bier, Land und Leute ersetzen die alte Leidenschaft nach einigen Jahren sehr gut.
Die erste Tour in der Fränkischen Schweiz, speziell in der Gemeinde Aufseß (nachzulesen HIER), hatte mir so gut gefallen, dass es wieder und wieder wiederholt wurde und wir dieses Jahr bereits zum sechsten Mal Bierwandern. Ziel der Hauptwanderung ist diesmal eine Runde um den Staffelberg mit verhältnismäßig vielen Möglichkeiten der Einkehr. Residenzstadt ist die Stadt Kronach, die ich bereits einen Tag zuvor ansteuerte, um sie ein wenig besser kennenzulernen. Das kann man, genau wie meine Erkundungen kurz davor in Coburg, HIER nachlesen.),
Anreisetag war Donnerstag, 17.09.2026. Während ich ja bereits in Kronach und besonders auf der dortigen Festung Rosenberg auf Sightseeing-Tour unterwegs war, startete der Großteil der Gruppe… Matthias, Immo, Philipp und André etwa 11:00 Uhr in Berlin und Potsdam mit dem Auto, Karsten kam kurze Zeit später mit dem Zug und Hansi musste kurzfristig wegen gesundheitlicher Probleme passen, kommt aber am Samstagabend und wird uns auch zurück nach Berlin chauffieren, da Matthias innerhalb Bayerns weiterreist… so weit, so kompliziert…

Die Festung Rosenberg in Kronach

Am Anreisetag der anderen hatte ich Zeit, die Festung Rosenberg zu besichtigen, und fange damit einfach mal an und zitiere mich selbst vom Coburg-und-Kronach-Blog:

Der Donnerstag war Anreisetag der 5 anderen Freunde aus Potsdam und Berlin, vorher hatte ich allerdings noch reichlich Zeit, die Festung Rosenberg zu erkunden. Dort machte ich noch ein paar Fotos von der Gegend mit Hochnebel, nicht so dicht wie vor zwei Tagen in Coburg, aber auch reizvoll.
Dann kaufte ich mir ein Ticket für 11 Euro… dafür bekommt man eine über einstündige Führung und unbegrenzte Zeit im Museum… der Fränkischen Galerie. Einen Teil der Museumsausstellung besichtigte ich bis 11:00 Uhr, dann ging die Führung durch die Burg los. Die sympathische Führerin erklärte eine Menge über die Architektur der Wehranlage und deren militärischen Besonderheiten. Wir durchliefen eine 13 Meter dicke Wand und einen unterirdischen Gang und machten uns einen Überblick über die Dimensionen der riesigen Anlage (23,6 Hektar… etwa 33 Fußballfelder).
Im Anschluss besichtigte ich den Rest des Museums mit einigen Werken von Lucas Cranach und seinen zeitgenössischen Künstlern. Die 11 Euro waren sehr gut angelegt, gute Führung und schönes Museum.
Nach gut 3 Stunden Architektur, Kunst und Geschichte war es nun aber Zeit für eine Einkehr in die Gastronomie der Festung… und die heißt Bastion Marie. Neben einem zünftigen Strammen Max probierte ich auch das eigens für den Laden produzierte Bier „Mariechen“… ein frisches, naturtrübes, helles Bier, an das ich mich gut gewöhnen könnte…
Bevor das allerdings dazu kommt, musste ich erstmal wieder runter von der Burg und meine Mitwanderer begrüßen und auch in das neue Hotel einchecken. Das Stadthotel Pfarrhof macht ebenfalls einen sehr gepflegten Eindruck. Es sind alte, historische Gebäude, bei denen viele Details liebevoll erhalten und mit viel Stil in die Hotelanlage integriert wurden.

Die berühmte erste Runde des Wochenendes

Als wir dann vollzählig waren, musste ich meinen Freunden gleich mal das zeigen, was ich kurz zuvor kennengelernt hatte und für gut befunden hatte: die Bastion Marie mit ihrer phänomenalen Aussicht, dem guten Essen und dem Bier Mariechen… mein Echo wurde von den Mitstreitern ausnahmslos geteilt (was nicht selbstverständlich ist).
Anschließend zogen wir noch weiter in das Gasthaus Sonnenschein im Appei’s Max, einem rustikalen Restaurant in der Unteren Stadt, und abschließend ins Blueberry Hill, einem Pub etwas abseits der Altstadt… dort gab es das erste Guinness seit Tagen… und auch sonst ist das ein sehr sympathischer Laden… sowas hat mir in der mehrfach größeren Stadt Coburg etwas gefehlt.

Der dreistöckige Aufbau Kronachs... Untere Stadt, Obere Stadt und Festung Rosenberg
Kronach - Ansicht mit dem Fluß Haßlach

Kronach ist eine Stadt im Norden von Oberfranken mit etwa 16.000 Einwohnern. Kronach liegt am Rande des Mittelgebirges Frankenwald und gleich 3 Flüsse treffen in der Stadt zusammen: Haßlach, Kronach und Rodach… alles Nebenflüsse des Mains. Die Stadt hat eine ungewöhnliche dreistufige Gliederung: Die Untere Stadt mit den genannten Flüssen und dem Landesgartenschau-Park, dann die historische Altstadt als „Obere Stadt“ und die über allem thronende Festung Rosenberg, die den Landstrich ähnlich dominiert wie die Veste Coburg die Gegend von Coburg… beide Städte sind etwa 35 Kilometer voneinander entfernt. Die Festung Rosenberg war einst Sitz der Bamberger Fürstbischöfe und wurde nie eingenommen. Sie zählt zu den besterhaltenen und größten Burganlagen Deutschlands… auch in dieser Beziehung gibt es Parallelen zur Veste Coburg. Kronach ist Geburtsort eines der bedeutendsten deutschen Maler der Renaissance: Lucas Cranach d. Ä. (1472–1553)… dieser hieß eigentlich Lucas Maler, das Cranach kommt von einer früheren Schreibweise der Stadt Kronach. „Gronich“, wie der Ort von den fränkischen Einwohnern genannt wird, hat eine super erhaltene Altstadt mit Teilen der erhaltenen Stadtbefestigung aus dem Mittelalter und historischen Wohnhäusern, oft Fachwerkhäuser, aus verschiedenen Bauepochen.

Am Freitag war es an der Zeit, ein wenig für die Haupttour am Samstag zu üben. Ich suchte ein paar Punkte in der Gegend von Kronach aus und um kurz nach 10 startete der flotte Sechser vom Hotel… aber nicht allzu weit wartete die erste Station, der Kroniche Stadtgarten, den ich tags zuvor bereits für gut befand, und so stand als erstes Bier des Tages ein Bier der Brauerei Trunk mit dem Namen Nothelfer vor uns.
Wir wussten, dass wir die Brauerei am Samstag im Programm haben, da die aber verschiedene Sorten haben, konnten wir schon mal welche abhaken… so ganz in Bierlaune war der größte Teil von uns noch nicht… geschmeckt hat’s trotzdem… einigermaßen.
Weiter ging es über das Gelände einer Landesgartenschau am Ufer des Flusses Haßlach. Noch in den 1990er Jahren war diese Gegend ein unansehnliches Gewerbegebiet und für die 2002 geplante Landesgartenschau galt es, eine der größten Altlastensanierungen in der Geschichte Bayerns zu stemmen. Der Landesgartenschau-Park ist heute eine gelungene Mischung aus Natur, Kunst und Freizeit und bietet eigentlich für jeden etwas.
Neben Spielplatz, Skateranlage, Kletterturm und Kletterwand gibt es einen schön angelegten Kreislehrgarten, Kunstwerke, Skulpturen und sogar einen Planetenweg. Auf der Stadtgeschichtspromenade wird zudem die über tausendjährige Geschichte Kronachs auf künstlerische Weise erzählt. Herzstück ist die Seebühne, auf der nicht nur Konzerte stattfinden, sondern die bei „Kronach leuchtet“ regelmäßig zur spektakulären Kulisse wird – und wer danach Durst hat, kann direkt im Biergarten einkehren.
Am Ende des Parks kommt ein Supermarkt, der von der Hauptstraße angefahren wird… und auf der anderen Straßenseite kam unsere nächste Einkehrmöglichkeit, der Fröschbrunna… landwirtschaftlicher Betrieb, Bio-Wirtshaus mit Biergarten und Sommer-Rodelbahn.
Wir waren so ziemlich die Ersten in der Gaststätte… wahrscheinlich wurde dort gerade Kohl gekocht… es roch jedenfalls nicht gerade so, wie man es sich vorstellt, wenn man eh viel zu früh Bier trinken muss und auch noch nicht so auf Hochtouren ist. Mehr als ein Bier brauchten wir dann dort auch nicht und weiter ging es mit frischer Luft in der freien Natur.
Leider irrte ich mich mit der Wahl des Weges ein wenig… oder… naja… ganz schön… wir waren plötzlich im Wald und es ging immer höher, was ich eigentlich nicht geplant hatte… okay, Fehler erkannt und auf waghalsige Art steil querfeldein, bergab den Kurs geändert… zum Glück ist niemand abgerutscht… ganz ohne war das nicht…
Vorbei an vielen Pilzen, für die wir allerdings an diesem Tag keine Verwendung hatten… aber Immo und ich werden nun wohl demnächst mal in die Pilze fahren… allerdings in Brandenburg.
Irgendwann kamen wir wieder in der Zivilisation an, aber der weitere Weg war direkt am Wasser und eigentlich gar kein Weg… aber ein wenig Abenteuer hat ja auch was…
Das nächste Bier war ja bereits angepeilt… in der Gemeinde Hummendorf gibt es gleich zwei Einkehrmöglichkeiten: Restaurant zur Mühle und Göppner’s Wirtshaus und Landmetzgerei… beide auch bei Google als offen deklariert… wir liefen am Restaurant zur Mühle vorbei… dort stand: Wir öffnen Sonntag wieder… okay… egal, wir wollten eh eher zu Göppner, der war nur ein paar Meter weiter und hatte: Auch zu. Hmpf.

Göppner’s Wirtshaus und Landmetzgerei... ein besonderer Stopp

Da kämpft man sich durch Wald und Flur und steht dann wie ein Trottel in Hummendorf! Humm! Wir diskutierten leidenschaftlich vor den Fenstern der Gastwirtschaft, wie es weitergehen soll, Tendenz: zurück nach Kronach… dann öffnete sich plötzlich ein Fenster und die Wirtin des geschlossenen Gasthofes fragte so etwa… was’n los?
Wir erklärten unsere Lage und sie ihre… eine Hochzeit wird vorbereitet und deshalb ist ausnahmsweise zu… nun gut… aber irgendwie hatte die Frau wohl etwas Mitleid mit uns und bot Flaschenbier an… da konnten wir schlecht Nein sagen… kurze Zeit später saßen wir im geschlossenen Biergarten und hatten Zirndorfer Kellerbier am Hals.
Als sie dann auch noch fragte, ob wir nicht eine frische Leberkas-Semmel wollten (die Antwort war natürlich JA)… merkten wir, dass wir eine tolle Erfahrung von Gastfreundlichkeit à la Franken erlebten, über die wir sicherlich in den nächsten Jahren noch sprechen werden.
Die gute Laune war wieder da und der bewölkte Himmel klarte auch langsam auf, nun ging es auf dem Weg, den wir hinzu verfehlt hatten, sicher zurück Richtung Kronach.

TV im Landesgartenschau-Park, Model Flintstone

Da ich ja wusste, dass die Haupttour am nächsten Tag gelingen wird, verdrängte ich die Tatsache, dass der Ausflug zur Übung diesmal Murks war… egal, wir pausierten noch im Biergarten Housnkuh im Landesgartenschau-Park… dort traten wir uns einen betrunkenen Local ein… aber wurden ihn auch wieder los, dann ging es zurück in die Innenstadt…
Eine Hälfte der Gruppe spielte Schach mit meterhohen Figuren in der Fußgängerzone, der andere Teil kehrte recht spontan in die Gaststätte der Brauerei Kaiserhof ein. Dort sieht es noch so aus, wie es vor 50 Jahren dort wahrscheinlich auch aussah… dunkel, Eiche rustikal und ein irgendwie kantig wirkender Wirt… das Kaiserhof-Bier kam in Keramikkrügen und war erwartungsgemäß sehr gut.

Im Gasthaus der Brauerei Kaiserhof

Anschließend traf sich die ganze Gruppe im s’Antla, dem Braugasthaus, zu dem auch unser Hotel gehört… oder umgedreht. Ich war ja am Abend zuvor dort und fand alles ganz prima… Essen, Bier und auch Location… das wurde diesmal nicht von allen geteilt… besonders das Bier „Flößer“ wurde als sauer tituliert und auch das Gesamtprodukt s’Antla konnte nicht überzeugen… nun ja… Geschmäcker sind halt verschieden… ich würde wieder hingehen… für die Gruppe war es der einzige Besuch der Gastwirtschaft.
Weiter ging es dann zum bewährten Blueberry Hills Pub, wo wir trotz mittlerweile einiger gezogener Töppe noch nett bedient wurden… leider wird es das letzte Mal gewesen sein, da am nächsten Tag eine geschlossene Gesellschaft geplant war.
Die Gruppe hatte nun auch deutlich Bettschwere und der erste Bierwander-Tag ging zu Ende… nicht ganz nach Plan… aber irgendwie ist am Ende jeder selig in den Schlaf geglitten… ich bin mir sicher…

Der Flotte Sechser am Startpunkt vorm Hotel in Kronach
Der Schlachtplan des Tages

Am nächsten Morgen, nach ordentlich Frühstück, ging es um 9:30 Uhr los Richtung Bahnhof und der flotte Sechser fuhr mit dem Regionalzug 20 Minuten lang nach Lichtenfels. Das Wetter war prächtig für die Jahreszeit und ich glaube, jeder war gut gelaunt. Diese Tour hatte ich mir bereits vor einem halben Jahr ausgedacht… es ist keine offizielle Wandertour, die irgendwo in irgendwelchen Reiseführern steht. Wir starten in Lichtenfels und laufen einmal im Uhrzeigersinn um den Staffelberg, einer dominanten Erhebung in der Gegend, dessen Spitze 539 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Um den Berg gibt es zahlreiche Einkehrmöglichkeiten… 9 Stopps wären möglich und uns war schon klar, dass wir nicht alle schaffen werden… aber diesen Luxus hatten wir bislang auch nicht. In Neumarkt vor 4 Jahren hatten wir ziemlich große Probleme, überhaupt etwas zu finden, was geöffnet ist und Bier verkauft… die erste Stelle, die das damals bot, war die Getränkeabteilung eines Edeka-Supermarktes. Nach Erreichen der letzten Station geht es dann mit dem Zug von Bad Staffelstein zurück nach Kronach. So viel zur Planung und ich kann ein wenig spoilern: Hat auch geklappt.

Vom Bahnhof Lichtenfels liefen wir gut einen Kilometer an einer vielbefahrenen Hauptstraße zur ersten Station des Tages: Braumanufaktur Lippert. Diese handwerklich geführte Brauerei wurde 2010 von einem ehemaligen Software-Entwickler gegründet… erst als Hobby, dann Schritt für Schritt professionell. Die Manufaktur befindet sich auf dem Gelände einer ehemaligen Tankstelle und nunmehr wird statt Benzin oder Diesel „Fränkisch Hell“ und „Räucherla“ gezapft und mein Eindruck war auch, dass der Laden hervorragend in dem Ort etabliert ist… neben Bierausschank gibt es auch ein Brotzeit-Angebot und die Möglichkeit, Pakete aufzugeben… zeitweise war es ein wenig wie auf einem Postamt. Ich hatte das Helle und es hat mir sehr gut gemundet. Nach diesem guten Start ging es gut 3 Kilometer weiter Richtung Basilika Vierzehnheiligen. Die letzten Meter gingen ziemlich steil bergauf und durch kontinuierliches Glockengeläut konnten wir die Kirche auch nicht verfehlen. Eigentlich hatte ich geplant, die international bedeutende Wallfahrtskirche zu besichtigen, aber als wir oben ankamen, zog ein riesiger Prozessionszug in die Kirche ein und damit ging das wahrscheinlich eh nicht. Aber auch von außen konnte die Basilika beeindrucken. Sie wurde zwischen 1743 und 1772 nach Plänen des berühmten Baumeisters Balthasar Neumann im Stil des Rokoko erbaut. Ein weiteres Meisterwerk von Neumann ist die Würzburger Residenz mit dem legendären Treppenhaus, das ich vor drei Jahren bestaunen durfte. Es war zwar schade, dass es mit einer Besichtigung gerade unpassend war, aber nach dem steilen Aufstieg war allen ein wenig mehr nach Bier als nach Kunstgeschichte.

In der Braumanufaktur Lippert
Auf dem Weg zur Basilika Vierzehnheiligen
Ansicht der Basilika in Echt...
...und auf dem Glas...

Die Brauerei Trunk befindet sich vielleicht 100 Meter neben der Basilika. Die ehemalige Klosterbrauerei existiert seit 1803 und wird seit 1989 von der Familie Trunk geführt… nicht der schlechteste Name für Brauer. Einige Biere hatten wir ja bereits im Vorfeld kennengelernt, es gibt u.a. Nothelfer-Biere: Export Dunkel, Pils, Lager und Weiße. Der Name Nothelfer (der für Bier auch ganz putzig ist…) Der Markenname bezieht sich auf die benachbarte Wallfahrtskirche, die den Vierzehn Nothelfern – einer Gruppe von Heiligen der katholischen Kirche – geweiht ist. Der Legende nach erschienen diese im 15. Jahrhundert einem Hirten an genau diesem Ort und versprachen, dort künftig alle Bitten und Notrufe der Menschen zu erhören… unsere 100%ig unreligiöse Wandergruppe scherzte im Vorfeld über die Heiligen mit nur vier Zehen… aber… sorry 😇 Der Biergarten war sehr gut besucht, es war Samstag und das Wetter prächtig, viele Radfahrer mit E-Bikes und Einheitskleidung um die 70 waren vor Ort, während nebenan in den Türmen der Basilika das Geläut wahrscheinlich kurz vorm Glühen war, vom Dauergeläut. Das war alles ganz schön und gut, aber recht schnell ging es dann auch weiter… weg von den Menschenmassen in die Einsamkeit von Wald und Flur… 4,3 Kilometer… heute die längste Einzelstrecke der Tour nach Uetzing. Dort gibt es das Metzger-Bräu und das ist nicht der Name des Brauerei-Inhabers, sondern kommt von der Metzgerei am gleichen Platz. Ich weiß nicht, wie ernst gemeint die Aktion im Jahre 2002 war, im hauseigenen Wurstkessel Bier zu brauen… anscheinend ist aber aus einer Schnaps-(oder Bier)-Idee etwas ganz Fantastisches entstanden.

Im Biergarten vom Metzger-Bräu

Wir hatten Glück, eine ganze Bierbank für uns zu bekommen. Bier und feste Nahrung bekommt man im Verkaufsraum der Metzgerei im Keller… das wirkt alles recht einfach und improvisiert… hat bei mir aber den ultimativen Wohlfühl-Moment der gesamten Tour erzeugt… das Bier ist ein süffiges, bernsteinfarbenes und malzbetontes Lager, die Mettsemmel und die Pfefferbeißer aus der eigenen Fleischerei rundeten das alles herrlich ab. In der Zeit von zwei Bieren konnten wir noch jede Menge Oldtimer bestaunen, die in der Gegend irgendwo ein Treffen hatten… das passte irgendwie prima… ich hätte dort noch Stunden sitzen können… hätte aber wahrscheinlich irgendwann doppelt gesehen… also doch lieber weiter… 2 Kilometer bis nach Stublang… ein wunderschönes Dorf mit Fachwerkhäusern und einer ebenfalls sehr malerischen Brauerei: Dinkel. Das dazugehörige Gasthaus hatte geschlossen und der ebenfalls im Ort gelegene Gasthof Hennemann hatte Mittagspause, zum Glück war der Biergarten in der Brauerei geöffnet… für mich der schönste Ort der Wanderung… wie in einem alten Burghof… alles sauber und wie aus dem Ei gepellt… Nur das Bier… war zumindest für mich in diesem Falle… Geschmacksache.

Dorfkulisse in Oberfranken...
...auch die Landschaft kann sich sehen lassen
Die Brauerei Dinkel in Stublang

Es folgten 2 Kilometer Fußweg nach Loffeld, dort erwartete uns die Brauerei, die sich auf den Berg bezieht, um den wir die ganze Zeit gelaufen sind, den wir aber eigentlich selten gesehen haben: Staffelberg-Bräu. Bereits letztes Jahr hatte unsere Gruppe in Forchheim ein Bier dieser Brauerei im Glas, nunmehr waren wir direkt vor Ort… und das auch nicht alleine. Es war gut besucht, das Staffelberg-Bier… wie immer an dieser späten Stelle erinnere ich mich nicht mehr so genau, welches… aber es war gut… und eine Sache musste ich hier auch noch erledigen: das jährliche Schäuferla. Das fränkische Nationalgericht, ein Schweinebraten aus der Schulter mit Klößen, war dran und wie gewohnt sehr schmackhaft… das ist halt das hohe Niveau von Franken, das Bier passt fast immer (ich glaub, auch das schlechteste wäre anderswo noch ganz gut) und das Essen ist im deutschlandweiten Vergleich schlicht erstklassig, dazu noch preiswert und zumeist noch kredenzt von netten, sympathischen Menschen… das mal so als Lobeshymne zwischendurch… dem Tag auch durchaus angemessen.

Schäuferla - Das fränkische Nationalgericht
Gruppenfoto mit dem Staffelberg im Hintergrund

Es war mittlerweile 17:30 Uhr und ich hatte die Info, dass unser noch fehlendes Team-Mitglied Hansi bereits in Kronach gelandet war… im Prinzip waren wir auch bereits nicht mehr derart durstig, dass wir noch 3 Stationen gebraucht hätten, also einigten wir uns auf eine letzte Location in Bad Staffelstein, von dort sollte es dann auch zurück nach Kronach gehen. Der Weg vom Staffelberg-Bräu bis zum Ban-Bräu war etwa 4 Kilometer und weitestgehend an einer Straße. Etwa auf der Hälfte begegneten wir zwei älteren Frauen, die von einem Event einen Korb mit Schnapsflaschen durch die Gegend trugen… Auf unsere Feststellung, dass es sich offenbar nicht um Wasserflaschen handelt, durften (oder mussten?) wir glatt mit den Damen auf offener Straße einen Schnaps trinken, der ebenfalls anwesende Herr mit Fotoapparat hielt den Moment fest… vielleicht sind wir jetzt in der Lokalzeitung…

Wenig später erreichten wir Bad Staffelstein… die Geburtsstadt von Adam Riese… dem Gott aller Mathelehrer… also nicht meiner… zum Rechnen waren wir auch nicht dort, sondern zum Besuch der Brauerei Ban-Bräu im Stadtzentrum. Diese Mikro-Brauerei wurde erst im Mai 2025 eröffnet und war zum Zeitpunkt unseres Erscheinens… quasi leergesoffen. Das neue Bier brauchte noch einige Zeit zur Reifung, stattdessen bot die Bierbar andere, gute und größtenteils uns bekannte Biere von anderen fränkischen Brauereien an… womit wir auf jeden Fall einverstanden waren… lecker waren sie alle… wir hatten dann einen Termin mit der Deutschen Bahn und fuhren zurück nach Kronach.

Das Rathaus von Bad Staffelstein von 1687
Vor dem Ban Bräu in Bad Staffelstein

Dort trafen wir uns mit unserem verlorenen Sohn (egal, dass er der Älteste ist) Hansi im Kroniche Stadtgarten… was nunmehr als unser Stammlokal gelten durfte. Wir hatten natürlich viel zu erzählen, dazu gab es noch Livemusik mit der Künstlerin Lucie, einer sympathischen Sängerin… ich glaub, wir waren auch die Letzten… wie immer… als hätte es den ganzen Tag über nix zu trinken gegeben…

Danach ging es in die Gemächer… nach dem Frühstück trennten sich die Bierwanderer… Matthias reiste weiter ins tiefere Bayern, Karsten mit der BahnCard 100 zurück und wir 5 anderen mit Hansi im Elektro-VW nach Berlin (war mein erstes E-Auto-Erlebnis).

Eine letzte Runde mit unserem verlorenen Sohn Hansi

Bleibt als Fazit… das war eine gelungene Veranstaltung diesmal… mit allem drum und dran lehne ich mich mal aus dem Fenster… und behaupte: War wohl die beste Bierwanderung… zumindest die Hauptwanderung, aber auch Kronach war ein toller Ort, an den man vermutlich nicht so schnell geraten wäre. Nun ist auch nach der Bierwanderung vor der Bierwanderung… ich könnte eigentlich gleich wieder anfangen zu planen… aber erstmal sacken lassen… ich bin mir sicher, nächstes Jahr wird auch geil. Mein Dank geht an Nina, die mir den Rücken an der Heimatfront freigehalten hat… und auch an Hansi, der uns quasi abgeholt hat… 350 Kilometer weit…

McLarsen in Coburg und Kronach (September 2026)

Coburg, 15.09.2026… Warum Coburg? Als ich vor ein paar Jahren mal in Coburg umsteigen musste, fiel mir vom Zug aus diese riesige Burganlage auf. Bis dato kannte ich den Namen eigentlich nur von der Versicherung HUK-Coburg, eine Stadtansicht dazu hatte ich nie… nun sah das ja mit der Burg ganz interessant aus und ich dachte mir damals bereits: Da musst du auch mal hin. Es ist ja ein jährliches Ritual, dass ich eine Stadt im Süden besuche, bevor unsere Bierwanderung losgeht. In diesem Jahr habe ich mir dafür die Stadt Kronach ausgesucht und so bot sich das etwa 35 Kilometer entfernte Coburg für eine ausgiebige Erkundung an. Geplant sind hier 1,5 Tage, bevor ich bereits am Mittwoch nach Kronach fahren werde, um diese kleinere Stadt auch ein wenig zu erkunden… erfahrungsgemäß klappt das während der Bierwanderung eher weniger.

Marktplatz mit Rathaus, links hinterm Baum mein Hotel
Marktplatz mit Stadthaus und Prinz Albert Denkmal

Coburg ist eine Stadt im Norden der fränkischen Region Oberfranken. Sie hat etwa 41.000 Einwohner und liegt nur wenige Kilometer von der Grenze zu Thüringen entfernt. Die im 11. Jahrhundert erstmals erwähnte Stadt wurde besonders als Residenzstadt der Herzöge von Sachsen-Coburg und Gotha bekannt. Die Veste Coburg ist eine der größten erhaltenen Burganlagen Deutschlands. Sie thront etwa 160 Meter über dem Stadtzentrum und ist sehr dominant in der Landschaft… wird auch „Fränkische Krone“ genannt. Neben der Veste gibt es noch weitere Schlösser und Parkanlagen in und um Coburg, das Schloss Ehrenburg ist das bekannteste. Prominentester Bewohner war Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha, der Ehemann der lange regierenden britischen Königin Victoria. Neben den ehemaligen Immobilien des Adels verfügt Coburg auch über eine wunderbar erhaltene Altstadt mit großem Marktplatz, Rathaus und Stadthaus, frühe neugotische Bebauung an der ehemaligen Stadtmauer und bemerkenswerte Jugendstil-Bauten. Coburg ist Hauptsitz der Versicherung HUK-Coburg, des Autozulieferers Brose und weiterer größerer Unternehmen. Aufgrund der vielen Steuern durch die ansässige Wirtschaft ist Coburg eine der reichsten Städte Deutschlands. Das Stadtwappen mit dem Kopf eines Schwarzafrikaners stellt den Stadtpatron, den Heiligen Mauritius, dar… nach ihm wurde auch die größte Kirche der Stadt, die Morizkirche (ja… ohne t), benannt.

Von 50 Minuten Verspätung der Bahn möchte ich heute gar nicht erst anfangen… der Zug war existent und kam irgendwann nachmittags in der oberfränkischen Stadt an. Vom Bahnhof sind es dann auch nur wenige Minuten zu Fuß, bis man in der historischen Altstadt von Coburg ist. Relativ standesgemäß hatte ich meine Unterkunft direkt am Marktplatz vis-à-vis mit dem Rathaus ausgesucht. Das Hotel „The Square“, was sich vom Namen her auf den Marktplatz bezieht, ist soweit ganz ordentlich… das Zimmer lässt keine Wünsche offen.
Kurz nach 14:00 Uhr ging es dann auf Tuchfühlung mit der Stadt… das Wetter war okay… bewölkt, aber warm und trocken… allerdings soll morgen nochmal Postkartenwetter werden… somit werden die richtig guten Bilder wohl morgen kommen… heute war erstmal Kennenlernen angesagt.

Coburger Erker am Stadthaus
Details an der Hof-Apotheke

Es folgte ein kleiner Stadtrundgang… beginnend am Marktplatz, den ich ja vom Zimmer aus gut vor der Linse habe. Zwei wunderbare Exemplare von Architektur der Renaissance stehen sich dort Giebel zu Giebel gegenüber: Das Rathaus und das Stadthaus. Beides sind Prachtbauten und stehen sich als Rivalen der Stadtgeschichte gegenüber, da sie einst die politische Macht der Bürger und die Macht des Landesherrn (adlige Herzogen-Sippe… sorry…) symbolisierten.
Das Rathaus gab es zuerst (1577–1580, mit Veränderungen im 18. Jahrhundert), das Stadthaus war die Antwort der Herrscher seinerzeit und fällt mindestens gleich prächtig aus… erbaut 1597–1601. Beide Häuser haben eine architektonische Besonderheit, die sogar mit dem Namen „Coburger Erker“ in die Architekturgeschichte eingegangen ist: Der gesamte zweigeschossige Erker ruht auf einer einzigen, kunstvoll kannelierten ionischen Säule, die direkt an der Straßenecke (Marktplatz / Ketschengasse) steht… vom Hotelfenster schaue ich direkt darauf. Das Modell wurde beim Stadthaus kopiert und findet sich in dieser Form nirgendwo anders als in Coburg.
In der Mitte des Marktplatzes steht eine Statue von Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha, dem einflussreichen Ehemann der lange regierenden britischen Königin Victoria… die das Teil auch nach seinem frühen Tod gestiftet hatte. Es gibt am Marktplatz auch noch sehr interessante Häuser, zum Beispiel die Hof-Apotheke aus dem 16. Jahrhundert mit vielen erhaltenen Details.
Eine weitere Institution ist eine Würstchenbude auf dem Marktplatz… die berühmte Coburger Bratwurst wird ausschließlich über Kiefernzapfen gegrillt und ist im Rohzustand 31 cm lang… nun habe ich ja seit ein paar Jahren wenigstens die Berliner Currywurst akzeptiert, aber so was Langes… ich weiß nicht… der Rauch ist jedenfalls auf dem kompletten Markt sehr präsent.

Schloß Ehrenburg

Durch die unvermeidliche Fußgängerzone ging es weiter und nach einem kurzen Imbiss in einem asiatischen Bistro ging es zum zweitbedeutendsten Platz der Stadt: dem Schlossplatz. Dort befindet sich unterhalb der Arkaden vom Hofgarten, der Richtung Veste ansteigt, das Schloss Ehrenburg, das Landestheater und das Edinburgh-Palais.
Das Schloss Ehrenburg war die Stadtresidenz der Herzöge und hat seine Ursprünge im 16. Jahrhundert. Während im Inneren noch prächtige Räumlichkeiten aus dem 18. Jahrhundert dominieren, ist das Äußere von einer neugotischen Umgestaltung aus dem 19. Jahrhundert geprägt… unser Berliner Karl Friedrich Schinkel war daran beteiligt. Im Schloss Ehrenburg war Queen Victoria häufig zu Gast, war das Schloss doch Kindheitsort ihres geliebten Ehemanns Prinz Albert.

Landestheater und Edinburgh-Palais

Das Landestheater ist ein Gebäude im Stil des Klassizismus und wurde 1840 eröffnet. Seit 2023 ist es geschlossen… wegen schwerer baulicher Mängel verlor das Drei-Sparten-Haus seine Betriebsgenehmigung und wartet nun auf eine Generalsanierung, die wohl 2030 beginnen soll.
Das Ensemble wird rechts vom Theater vom Edinburgh-Palais ergänzt. Es wurde 1845–1846 erbaut und später von Prinz Alfred, dem Herzog von Edinburgh (zweitältester Sohn der britischen Königin Victoria), erworben und bewohnt. Heute ist es schnöderweise Sitz der Industrie- und Handelskammer.
Läuft man am Edinburgh-Palais vorbei, kommt man zur Kirche St. Augustin. Sie wurde 1856–1860 im neugotischen Stil erbaut und diente dem katholischen Teil des ortsansässigen Adels als Kirche. St. Augustin ist recht klein, die nächste Kirche, die ich im Anschluss besuchte, war protestantisch und mehrfach so groß: die Stadtkirche St. Moriz, geweiht dem heiligen Mauritius… jenem dunkelhäutigen Märtyrer, der auch das Wappen von Coburg ziert, welches auch auf fast allen Gullideckeln zu sehen ist.

Gullideckel mit dem heiligen Mauritius
Turm der Stadtpfarrkirche St. Moriz
St. Moriz - Inneres nach Osten

Das Kirchengebäude mit den ungleichen Türmen ist ziemlich dicht in die Altstadt eingebaut und schwer zu fotografieren. Es ist eine gotische Hallenkirche mit Wurzeln bis ins 13. Jahrhundert. Das Langhaus wurde im 18. Jahrhundert zum Emporensaal mit zweigeschossigen Emporen umgebaut. Martin Luther… der wohnte 1530 ein halbes Jahr auf der Veste Coburg, predigte mehrere Male in der Kirche.
Das Bemerkenswerteste für mich an diesem Sakralbau ist ein megagroßes Epitaph (für Herzog Johann Friedrich den Mittleren), welches da steht, wo normalerweise der Hauptaltar ist… und dementsprechend auch wie ein Altar wirkt.

Spitaltor
Judentor
Ketschentor

Ich wanderte weiter durch die Altstadt und bewunderte neben zahlreichen Bürgerhäusern auch die drei erhaltenen Stadttore der ehemaligen mittelalterlichen Stadtmauer: Judentor, Spitaltor und Ketschentor… alle drei ähnlich und gut gepflegt…
Apropos… es war mittlerweile fortgeschrittener Nachmittag und einem gepflegten Hopfengetränk sollte langsam nichts mehr im Weg stehen… so kehrte ich erstmal ins Brauhaus Coburg bzw. dessen Außenbereich ein und probierte das hausgebraute Zwickelbier (ganz okay) und das Hauptbier Veste Trunk (nicht so meins).

Im Brauhaus Stadel
Im Biersalon

Danach gab es eine Schreibpause im Hotel, bevor es in das zweite Brauhaus ging, nämlich das Brauhaus Stadel… und dass mich dort die gleiche Bedienung begrüßte wie am Nachmittag, liegt daran, dass beide Läden zusammengehören und auch nur wenige Meter voneinander entfernt sind.
Diesmal sollte es das zünftige Gericht werden, was es fast immer auf meinen Reisen am ersten Abend gibt… es wurde ein Sauerbraten mit Coburger Klößen… auch Rutscher genannt… im Gegensatz zu den klassischen fränkischen Klößen wird hier ein höherer Anteil an gekochten Kartoffeln verwendet (oft zwei Drittel gekocht zu einem Drittel roh oder vier zu eins). Hat geschmeckt… mit dem Coburger Bier konnte ich mich trotzdem nicht anfreunden…
Also ging es danach weiter in den Biersalon, dort gibt es andere fränkische Biere, an diesem Tag 12 verschiedene… alle vom Hahn… nach zwei halben Litern war ich dann aber auch bettfertig… nicht nur wegen des Bieres, hauptsächlich war ich pflastermüde… und schon war der erste Tag Geschichte.

Der Marktplatz zu später Stunde
...noch immer ein wenig vom Nebel umhüllt...
...später aber in voller Schönheit: Veste Coburg

Am frühen Morgen des zweiten Tages merkte ich, wie es ist, wenn man direkt über der Filiale eines (nicht selbst backenden) Bäckers und direkt neben dem Marktplatz schläft… ab spätestens 7:00 Uhr hört man, auch den etwas in die Jahre gekommenen Fenstern geschuldet… einigen Remmidemmi… aber das machte nichts, bin ich einfach wie zuhause um 8 aus den Federn, hab mir beim Bäcker unten Kaffee und Brötchen geholt und war recht früh startklar für den Tag, an dem die Veste Coburg im Mittelpunkt stand.
Der vom Wetterbericht versprochene Himmel schaffte es nicht so schnell wie ich, aus seiner (Wolken-)Decke zu kommen, aber bis zur Veste waren ja erstmal einige Meter… und vor allem Höhenmeter zu verrichten. Wäre meine Zeit deutlich limitierter gewesen, hätte ich mit der Buslinie 1405 auch direkt hochfahren können… ich war mehr für Frühsport und erklomm die 1,4 Kilometer lange Strecke mit einem Höhenunterschied von 160 Metern… etwa eine halbe Stunde und eine rote Rübe auf den letzten Metern hat das benötigt.

Ausstellungsräume der Sonderausstellung "Ein Herzog. Zwei Residenzen."
Martin Luthers Unterkunft für 6 Monate im Jahr 1530

Für diese Mühen gönnte ich mir für 11 Euro Eintritt die Besichtigung der Kunstsammlungen in der Veste. Die Ausstellungen sind prima angelegt, ausgeschildert und sehr gut gemischt… insgesamt riesengroß, ich war etwa zwei Stunden unterwegs, habe dabei aber bestimmt die Hälfte abgeschritten und im Hinterkopf mit mir selber gemurmelt: Dieser Teil der Ausstellung ist sehr schön… interessiert mich aber nicht.
Interessant war für mich die Geschichte der Festung, der Stadt und des ehemaligen Herzogtums samt seiner Herrscher, die historischen Wohnräume Letztgenannter und die zahlreichen Kunstexponate, darunter etliche Gemälde von Lukas Cranach d. Ä., in dessen Geburtsstadt es ja morgen geht.
Weniger oder zumindest in der enormen Menge haben mich u. a. Waffen, Gläser oder Pferdekutschen interessiert… das mag bei anderen Besuchern komplett andersrum sein, dieses Museum ist definitiv für die ganze Familie geeignet.

Gemälde "Ungleiches Paar" von Lucas Cranach d.Ä.
"Herzog Georg III. von Anhalt" und "Martin Luther" von Lucas Cranach d.J.

Die Nebelwolken waren dann auch langsam auf dem Rückzug und es boten sich beste Ausblicke von den verschiedenen Bastionen der Burganlage… lediglich auf das Stadtzentrum hat man keine Sicht durch die Vegetation… damit war auch erklärt, warum ich gestern fast keinen Blick auf die Veste hatte, nur vom Zug aus.
Inzwischen war bestes Spätsommerwetter mit Temperaturen von zirka 25 Grad und ich machte mich langsam an den Abstieg… der gewohnt deutlich einfacher war als der Weg nach oben.

Auf der Veste Coburg
Blick von der Veste zum Eckardtsberg

Mit einem kleinen Imbiss vom Marktplatz ging es kurz ins Hotel, aber nicht lange… ein Berg stand noch auf der Liste… der Eckardtsberg… und zwar einzig und alleine, um den besten Blick auf die Veste zu haben und sie bei bester Wetterkulisse zu fotografieren… schaut selbst… war es doch wert… oder?

Blick vom Eckardtsberg zur Veste

Nun ja… ob es den Aufwand gerechtfertigt hat, bleibt mal dahingestellt… erstmal mit dem Bus so dicht wie möglich ran… dann noch ordentlich über Wege und Treppen hoch, dazwischen Privatgrundstücke, in die ich beinahe reingelaufen wäre… der zornige Köter, der mir noch eine halbe Stunde nachgebellt hat, und zum zweiten Mal die Gesichtsfarbe einer gesunden, reifen Tomate bei Ankunft am Eckardtssturm… der nicht zu besteigen ist, was aber auch nicht nötig war, denn von seinem Fuß entstand das Bild.
Der Rückweg bergab passierte wieder komplett per pedes und zur Belohnung gab es zwei schöne Biere im Josiasgarten, der anlässlich des schönen Wetters wieder aufhatte und gut frequentiert war.

Blick vom Eckardtsberg auf Coburg

Nach einer Schreibpause im Hotel gab es das Abendbrot im Außenbereich des Ratskellers, also genau vor meinem Fenster… Essen, Bier und Bedienung waren erstklassig.
Danach hätte zwar noch das eine oder andere Bier gepasst, aber es fehlte irgendwie die Lokalität dafür… es war ja auch erst Anfang der Woche und viele gastronomische Einrichtungen öffnen erst später in der Woche… also machte ich mich lieber noch etwas an diesen Bericht und ans Sortieren der ganzen Bilder… getrunken wird auch in den nächsten Tagen noch genug… somit war Tag 2 nun auch Geschichte.

Nächstes Ziel: Kronach

Kronach: Stadtansicht an der Haßlach

Kronach ist eine Stadt im Norden von Oberfranken mit etwa 16.000 Einwohnern. Kronach liegt am Rande des Mittelgebirges Frankenwald und gleich 3 Flüsse treffen in der Stadt zusammen: Haßlach, Kronach und Rodach… alles Nebenflüsse des Mains. Die Stadt hat eine ungewöhnliche dreistufige Gliederung: Die Untere Stadt mit den genannten Flüssen und dem Landesgartenschau-Park, dann die historische Altstadt als „Obere Stadt“ und die über allem thronende Festung Rosenberg, die den Landstrich ähnlich dominiert wie die Veste Coburg die Gegend von Coburg… beide Städte sind etwa 35 Kilometer voneinander entfernt. Die Festung Rosenberg war einst Sitz der Bamberger Fürstbischöfe und wurde nie eingenommen. Sie zählt zu den besterhaltenen und größten Burganlagen Deutschlands… auch in dieser Beziehung gibt es Parallelen zur Veste Coburg. Kronach ist Geburtsort eines der bedeutendsten deutschen Maler der Renaissance: Lucas Cranach d. Ä. (1472–1553)… dieser hieß eigentlich Lucas Maler, das Cranach kommt von einer früheren Schreibweise der Stadt Kronach. „Gronich“, wie der Ort von den fränkischen Einwohnern genannt wird, hat eine super erhaltene Altstadt mit Teilen der erhaltenen Stadtbefestigung aus dem Mittelalter und historischen Wohnhäusern, oft Fachwerkhäuser, aus verschiedenen Bauepochen.

...ebenfalls Kronach mit der Haßlach

Der Ablauf des folgenden Morgens war ähnlich wie tags zuvor, nur galt es, alles zusammenzupacken und ab zum Bahnhof. Coburg war, glaub ich, traurig… schien gerade noch die Sonne, fing es am Bahnhof an zu regnen. Die Strecke nach Kronach beträgt zwar nur etwa 35 Kilometer, aber der Bus, der durchfährt, hält an jedem Briefkasten und die Bahn… fährt nicht durch… man muss in Lichtenfels umsteigen, aber es geht schneller als der Bus… theoretisch zumindest, aber über Verspätungen unter einer Stunde wollte ich ja diesmal nix sagen.
In Kronach angekommen ging es erstmal zur Unterkunft… für eine Nacht mietete ich mich ins Hotel Klosterkeller ein… nur wenige Schritte neben der Unterkunft für die nächsten Tage. Die Landlords waren so freundlich und ermöglichten mir, meine Tasche weit vor dem üblichen Check-in in mein Zimmer zu stellen. Das Hotel macht übrigens bislang einen Top-Eindruck.
Das Wetter galt es heute etwas zu berechnen… es war zum Glück kein Dauerregen, aber wenn, dann schon ordentlich. Es war einigermaßen sicher, dass es zwischen 16–17:00 Uhr aufklart, was natürlich für schöne Fotos von Vorteil ist.

Die Amtsgerichtstraße in der oberen Stadt mit dem ersten Hotel
Von der oberen Stadt blickt man auf die Dächer der unteren Stadt

Mein erster Eindruck über Kronach war sehr positiv, es ist alles recht klein, überall ist altes Gemäuer und diese dreistufige Aufteilung der Stadt ziemlich selten. Als Erstes wollte ich mir aber einen Eindruck von oben verschaffen und lief hoch zur Festung Rosenberg… bereits der dritte Mount Everest (für mich) innerhalb 24 Stunden. Oben wollte ich aber nur mal schauen und inspizierte auch die Gastronomie der Bastion Marie… deren Ausblick ist ziemlich genial und ich hoffe, dass wir dort morgen in Truppenstärke einreiten können… im Mittelalter hätte das nicht geklappt, die Burg wurde nie eingenommen. Ich hatte kurz überlegt, ob ich auch gleich mal das Bier testen sollte, hab mich aber dagegen entschieden… stattdessen ging es wieder bergab und es gab Mittagessen in einer Fleischerei am Stehtisch mit gutem Essen für wenig Geld. Es fing wieder an zu regnen und naja… jetzt mit vollem Magen durfte es dann doch ein Bier werden und zwar im Kroniche Stadtgarten. Die liegen etwas südlich der Altstadt und haben einen Biergarten… dort trank ich zwei Bier aus der Brauerei Trunk bei der Basilika Vierzehnheiligen, die wir am Samstag im Programm haben… deren Bier heißt übrigens Nothelfer.

Stadtkirche St. Johannis von Westen... auch wenn man denkt von Osten...
St. Johannis - Inneres von West nach Ost

Beide Biere schmeckten ganz hervorragend, aber bevor es zu gut schmeckt, ging es erstmal weiter in die Stadtkirche St. Johannis. Die gotische Kirche hat Wurzeln im 14. Jahrhundert, ist auch zum größten Teil gotisch, irritiert aber mit einer seltsamen Einteilung. Das Langhaus ist eine dreischiffige Hallenkirche, der Ostchor ist eher klein und an der Westseite ist eine Art Westchor, der aber keiner ist… zwar größer als der richtige, aber dort befindet sich die Orgel… der Turm übrigens im Nordosten.
Während meiner Besichtigung war nur eine Person außer mir in der Kirche… es war eine Organistin, die die Orgel bespielte und das sehr gut… ich liebe sowas… wahrscheinlich, weil ich nie dazu gezwungen wurde. Danach ging es für eine Schreibpause ins Hotel… auch weil der Himmel jetzt die Schleusen richtig öffnete. Gegen 17:00 Uhr sah alles wieder prima aus und ich konnte endlich meine Entdeckungsreise fortsetzen und konnte auch richtig gute Bilder machen.

Das Bamberger Tor
Szene zwischen Oberer und Unterer Stadt
Auf der Stadtmauer

Nochmal zur Vorstellung dieser kleinen Stadt… Kronach ist in 3 Teile aufgeteilt, aber nicht in der Breite, sondern in der Höhe. Es gibt die Unterstadt, dort sind die Flüsse und der größte Teil der Stadt… dann gibt es die Obere Stadt, die größtenteils von der mittelalterlichen Stadtmauer begrenzt etwa eine Häuserhöhe über der Unteren Stadt liegt… hier ist der gut erhaltene mittelalterliche Stadtkern… dann geht’s noch eine Etage höher zur Festung Rosenberg… etwa 60 Meter über der Oberen Stadt.
Gut sehen kann man den Aufbau am Ufer der Haßlach, wo alle drei Etagen gut zu erkennen sind.
Mein jetziges Hotel, das gemeinsame Hotel für die nächsten Tage der Bierwanderung, befindet sich in der Oberen Stadt. Über alte Treppen und natürlich auch an einigen Straßen kann man in die Untere Stadt wechseln. An der Haßlach lief ich dann bis etwa zur Höhe des Bahnhofs, dann durch das mittelalterliche Bamberger Tor über den zentralen Melchior-Otto-Platz durch die Straßen der Altstadt.

Melchior-Otto-Platz mit Geburtshaus von Lucas Cranach
Das Haus hat schon bessere Tage erlebt
Der Marktplatz mit dem Neuen Rathaus

Lucas Cranach ist hier geboren… im Fachwerkhaus Lucas-Cranach-Straße 2, das markante Haus mit der historischen Aufschrift „Zur Scharfen Ecke“… das ist allerdings historisch umstritten, aber wenn nicht dort, dann halt ein paar Häuser weiter.
Für mich ist Kronach so etwas wie das letzte Kapitel der Cranach-Trilogie, die es zwar so nicht gibt, aber geben könnte… ich war jetzt am Geburtsort, in Wittenberg, der Stadt, wo er den größten Teil seines Wirkens erlebte, und in Weimar, wo er seine letzten Jahre verlebte und starb.

Cranach Denkmal vor dem Rathaus

 Lucas Cranach der Ältere… eigentlich Lucas Maler, wurde 1472 in Kronach geboren und gilt neben Albrecht Dürer als einer der bedeutendsten Maler der Renaissance im deutschsprachigen Raum. Um 1500 verließ er seine Heimatstadt und landete schließlich 1505 in Wittenberg, wo er Hofmaler der sächsischen Kurfürsten wurde. Hier verbrachte er den größten Teil seines Lebens und baute eine große und äußerst erfolgreiche Werkstatt auf. Sein Sohn Lucas Cranach der Jüngere führte diese später weiter, weshalb bis heute eine Vielzahl von Cranach-Werken erhalten geblieben ist.

Cranach war aber nicht nur Maler. Die Cranachs wurden reich, besaßen Immobilien, eine Apotheke und saßen zeitweise im Rat der Stadt. Und dann war da natürlich Martin Luther… Cranach war mit ihm eng befreundet und wurde zu einem der wichtigsten Bildchronisten der Reformation. Viele der heute bekannten Luther-Porträts stammen aus seiner Werkstatt.

Für mich ist Kronach deshalb so etwas wie das erste Kapitel einer kleinen Cranach-Trilogie, die es zwar offiziell nicht gibt, aber geben könnte: Kronach als Geburtsstadt, Wittenberg als Stadt seines großen Wirkens und Weimar als Ort seiner letzten Jahre und seines Todes.

In Kronach steht das markante Fachwerkhaus „Zur Scharfen Ecke“ in der Lucas-Cranach-Straße. Ob Cranach tatsächlich dort geboren wurde, ist allerdings historisch umstritten. Für mich passt es trotzdem ganz gut als Ausgangspunkt.

In Wittenberg hatte mich die Dauerausstellung „Cranachs Welt“ eine gute Stunde ganz bei sich… nachzulesen hier.  Und in Weimar begab ich mich zum Abschluss in die Jakobskirche. Cranach kam 1552 als etwa 80-Jähriger gemeinsam mit seinem Förderer Herzog Johann Friedrich dem Großmütigen nach Weimar und starb dort ein Jahr später. Sein Grab befindet sich noch heute an der Südseite der Kirche… nachzulesen hier.

Wenige Meter daneben liegt eine… naja… sehr weit entfernte Familienangehörige späterer Zeit: Christiane von Goethe, geborene Vulpius. Cranach ist schließlich der Ur-Ur-Ur-Großvater von Johann Wolfgang von Goethe… ihrem Ehemann.

Damit war meine kleine Cranach-Trilogie komplett: Kronach – Wittenberg – Weimar. Geboren, gewirkt, gestorben… wenn auch nicht in Reihenfolge.

Cranach Spuren in Kronach... Original Cranach-Stromkasten von 1497 😉
Eine andere Version von "Das Ungleiche Paar" von Cranach als das von Coburg... dieses von der Festung Rosenberg

Nach einer Stunde Stadtbesichtigung hatte ich alles gesehen, später gab es noch gutes Essen und Bier im s’Antla, dem größten Brauerei-Gasthaus der Stadt. Dort dreht sich neben selbstproduziertem Bier und der üblichen fränkischen Küche so einiges um das Thema Ente… fränkisch Antla… und so kam bei mir eine Entensülze auf den Teller, die zusammen mit Bratkartoffeln und Salat sehr lecker und vor allem mal was anderes war. Die Biere, die ich an diesem Abend probierte (Einser, Flößer und Festbier), mochte ich gerne.
Die Gastwirtschaft gehört auch zu dem Stadthotel, welches ich morgen beziehen werde, zusammen und hat auch einen Shop und einen externen Biergarten wenige hundert Meter weiter und tiefer am unteren Rand der Stadtmauer.

Früher Nebel über Kronach
Die Festung Rosenberg von Nordost
Festung Rosenburg - Ausstellungsräume der Fränkischen Galerie

Der Donnerstag war Anreisetag der 5 anderen Freunde aus Potsdam und Berlin, vorher hatte ich allerdings noch reichlich Zeit, die Festung Rosenberg zu erkunden. Dort machte ich noch ein paar Fotos von der Gegend mit Hochnebel, nicht so dicht wie vor zwei Tagen in Coburg, aber auch reizvoll.
Dann kaufte ich mir ein Ticket für 11 Euro… dafür bekommt man eine über einstündige Führung und unbegrenzte Zeit im Museum… der Fränkischen Galerie. Einen Teil der Museumsausstellung besichtigte ich bis 11:00 Uhr, dann ging die Führung durch die Burg los. Die sympathische Führerin erklärte eine Menge über die Architektur der Wehranlage und deren militärischen Besonderheiten. Wir durchliefen eine 13 Meter dicke Wand und einen unterirdischen Gang und machten uns einen Überblick über die Dimensionen der riesigen Anlage (23,6 Hektar… etwa 33 Fußballfelder).
Im Anschluss besichtigte ich den Rest des Museums mit einigen Werken von Lucas Cranach und seinen zeitgenössischen Künstlern. Die 11 Euro waren sehr gut angelegt, gute Führung und schönes Museum.
Nach gut 3 Stunden Architektur, Kunst und Geschichte war es nun aber Zeit für eine Einkehr in die Gastronomie der Festung… und die heißt Bastion Marie. Neben einem zünftigen Strammen Max probierte ich auch das eigens für den Laden produzierte Bier „Mariechen“… ein frisches, naturtrübes, helles Bier, an das ich mich gut gewöhnen könnte…

Blick durch ein Späh-Fenster der Burg auf Kronach

Bevor das allerdings dazu kommt, musste ich erstmal wieder runter von der Burg und meine Mitwanderer begrüßen und auch in das neue Hotel einchecken. Das Stadthotel Pfarrhof macht ebenfalls einen sehr gepflegten Eindruck. Es sind alte, historische Gebäude, bei denen viele Details liebevoll erhalten und mit viel Stil in die Hotelanlage integriert wurden.
Als wir dann vollzählig waren, musste ich meinen Freunden gleich mal das zeigen, was ich kurz zuvor kennengelernt hatte und für gut befunden hatte: die Bastion Marie mit ihrer phänomenalen Aussicht, dem guten Essen und dem Bier Mariechen… mein Echo wurde von den Mitstreitern ausnahmslos geteilt (was nicht selbstverständlich ist).
Anschließend zogen wir noch weiter in das Gasthaus Sonnenschein im Appei’s Max, einem rustikalen Restaurant in der Unteren Stadt, und abschließend ins Blueberry Hill, einem Pub etwas abseits der Altstadt… dort gab es das erste Guinness seit Tagen… und auch sonst ist das ein sehr sympathischer Laden… sowas hat mir in der mehrfach größeren Stadt Coburg etwas gefehlt.

Die Wandergruppe auf der Festung Rosenberg... könnte auch 'ne Punk Band sein... 🤘😉

An dieser Stelle mache ich einen Break von einem zum anderen Bericht… wer möchte, kann hier: „NOCH NICHT FERTIG“ weiterlesen im Bericht McLarsen im Land der tausend Biere VI. Kronach & Rund um den Staffelberg (September 2026).
Bleibt noch ein kurzes Fazit… sowohl Coburg als auch Kronach haben mir gut gefallen… Coburg sehe ich als eine Art Geheimtipp, man bekommt viel Kunst und Geschichte, ohne sie mit lästigen Touristenmassen teilen zu müssen. In puncto Gastronomie (da meine ich aber eher die für mich interessanten Sachen) ist meines Erachtens noch etwas Luft nach oben.
Kronach ist natürlich bedeutend kleiner, hat aber gerade in Sachen Gastro deutlich mehr zu bieten… zumindest in Bezug auf die Einwohnerzahl. Mit der wunderschönen Altstadt und der Festung Rosenberg kann man im Norden Oberfrankens, unweit der Thüringer Grenze, ein regelrechtes Kleinod städtebaulicher Kunst kennenlernen. Die Stadt hat außerdem noch einen schönen Park, der mal für eine Landesgartenschau umgestaltet wurde… dieser Teil kommt in dem oben genannten Bericht vor.

Es folgen ein paar Bilder aus Coburg und Kronach als Zugabe:

Coburg - Blick vom Schloß Ehrenburg auf die Arkaden des Hofgarten
Coburg - Ampelmännchen mit Coburger Bratwurst
Coburg - Denkmal für Gurken-Alex
Coburg - Münzmeisterhaus von 1333... eines der ältesten deutschen Fachwerkhäuser
Coburg - Hahnenmühle... ebenfalls Anfang 14. Jahrhundert
Coburg - Albertplatz mit Wandgemälde über den Platz-Namensgeber
Coburg - Casimirianum von 1605
Coburg - Casimirianum - Detail
Coburg - Auf der Veste
Coburg - Auf der Veste
Coburg - Auf der Veste
Coburg - Nachts auf'm Markt
Kronach - Festung Rosenberg - Tor
Kronach - Historische Stadtmauer mit Hexenturm
Kronach - Altstadt mit Stadtturm
Kronach - Cranach Signum Geflügelte Schlange vor dem Rathaus

McLarsen in Leipzig (Juli 2026)

Berlin, im Juli 2026… Als ich vor ein paar Jahren begann, mir Orte in Deutschland anzuschauen, statt jedes Jahr nach Schottland zu fahren, war eigentlich daran gedacht, Städte zu besichtigen, die ich noch nicht kannte. Im Falle von Leipzig kann davon bei mir keine Rede sein… Ganze sieben Jahre meines Lebens, die ersten sieben, um genau zu sein, war diese Stadt meine Heimat. Geboren wurde ich zwar im etwa 80 Kilometer entfernten Stollberg im Erzgebirge, Wohnort war aber Leipzig – an gleich drei Orten, wobei ich mich an den ersten überhaupt nicht und an den zweiten eher blass erinnern kann.
Größtenteils ist mir die Stadt sehr angenehm in Erinnerung. Für eine Stadt in der DDR war Leipzig durch die Messe etwas weltoffener und auch weltgewandter als andere Orte zu dieser Zeit. Stets, wenn ich mal wieder vorbeikomme, entsteht in meinem Inneren eine Art behagliches Gefühl, hier immer noch irgendwie beheimatet zu sein.
Als ich im Februar dieses Jahres wegen irgendeines Durcheinanders bei der Deutschen Bahn außerplanmäßig von Chemnitz aus in die Stadt einfuhr, hatte ich das Gefühl, dass sie mir zuflüsterte… Mensch… Klein-McLarsi… warst aber lange nicht mehr hier… komm doch mal wieder rum…
Nun denn… soll das jetzt mal wieder sein… ungefähr zweieinhalb Tage in der alten Heimat… und na klar sehen viele Sachen anders aus als 1975, als ich die Stadt gen Potsdam verlassen hatte… außerdem gehört die Stadt natürlich auch in diesen Blog mit rein… so denn…

Das neue Rathaus ist aus Gründen nicht auf dem oberen Panoramafoto

  Leipzig ist eine Großstadt in Sachsen. Mit etwa 615.000 Einwohnern ist Leipzig die größte Stadt des Bundeslandes Sachsen und, abgesehen von Berlin, auch die größte Stadt Ostdeutschlands. Deutschlandweit belegt die Stadt in der Liste der größten Städte Platz 7. Gelegen in der Leipziger Tieflandsbucht, fließen mehrere kleine Flüsse durch die Stadt, wobei die Weiße Elster und die Pleiße die größten sind.
Interessant wurde der Ort ab 1165 – so eine Art Stadtgründung –, als Libzi (sorbisch: Stadt der Linden) Stadt- und Marktrecht verliehen wurde… und zwar in bester Lage, nämlich an der Kreuzung zweier bedeutender Reichsstraßen. 1409 wurde die Universität gegründet. Sie ist eine der drei ältesten Deutschlands und brachte Berühmtheiten wie die Literaten Goethe, Lessing und Kästner, Musiker wie Wagner und Schumann hervor; zu ihren Studierenden gehörten unter anderem auch Genscher und Merkel. 1497 wurde die Stadt zur Reichsmessestadt erhoben, was die Wirtschaft auf Jahrhunderte geprägt hat. Leipzig war Wirkungsstätte bedeutender Musiker wie Bach oder Mendelssohn Bartholdy und Wirkungsort international bedeutsamer Konzerthäuser wie des Gewandhauses. Bücher und Verlage spielten eine bedeutende Rolle für den gesamten deutschen Sprachraum. 1989 wurde Leipzig zu einem der bedeutendsten Orte, an denen die Wende und schließlich das Ende der DDR ihren Anfang nahmen.
Nach dem Ende der DDR war Leipzig ein ziemlich abgerockter Ort, der sich in den kommenden Jahrzehnten aber wieder erholte und heute ein äußerst beliebter Wohnort sowie ein Zentrum der Kreativszene ist. Bedeutende Sehenswürdigkeiten sind die Altstadt an und für sich mit ihren kleinen Gassen und Messepassagen, die Kirchen St. Thomas und St. Nikolai, das Alte Rathaus aus der Renaissance und das Neue Rathaus, ein Bauwerk aus überwiegend dem 19. Jahrhundert. Südlich der Altstadt befindet sich das Völkerschlachtdenkmal, ein monumentales Wahrzeichen aus dem Jahr 1913. Der Leipziger Hauptbahnhof ist der größte Kopfbahnhof Europas.

Duschen oder Baden... die Qual der Wahl im Hotelzimmer
Der Blick aus dem Hotel-Fenster zeigt die nächsten Ziele
Kaufhaus Blechbüchse und ein Brunnen der nach über 50 Jahren denkt: Der Trottel wieder

Wie fast jede Reise startete auch diese am Heimatbahnhof Berlin-Gesundbrunnen. Der ICE Richtung Frankfurt war nach anderthalb Stunden in Leipzig angekommen… sogar pünktlich. Der Leipziger Hauptbahnhof an und für sich ist ja schon mal ein Erlebnis. Er ist der größte Kopfbahnhof Europas mit über 80.000 m² Fläche und 23 Bahnsteigen… und ein riesiges Einkaufszentrum hat man beim großen Umbau in den 1990er Jahren gleich mit reingebaut.
Als Unterkunft wählte ich das Hotel Travel24, im Prinzip nur fünf Minuten zu Fuß vom Hauptbahnhof entfernt. Als ich allerdings den Hauptbahnhof verlassen wollte, merkte ich, dass dort eine ziemlich große Baustelle war. Alles Mögliche war aufgebuddelt und ich musste erst mal über Umwege zu meiner Unterkunft kommen.
Als ich dann in mein Zimmer kam, bestaunte ich erst mal eine etwas skurrile Einrichtung, die ich dort vorfand, nämlich eine Badewanne in Form eines riesengroßen Frauenschuhes. Auch ungewöhnlich fand ich, dass die Dusche mitten im Raum stand und lediglich mit Glas eingefasst war… immerhin stand die Toilettenschüssel nicht am Fenster mit Panoramablick für vorbeilaufende Fußgänger.
Aber ich bin ja nicht zur Körperpflege in die sächsische Metropole gereist, sondern um den Spirit der alten Heimat einzusaugen. Das startete gleich direkt auf der anderen Straßenseite. Dort steht nämlich die Blechbüchse… das ehemalige Konsument-Warenhaus mit der markanten Metallfassade. Das Kaufhaus bestand seit 1908 und steht übrigens auf dem Platz, wo sich Richard Wagners Geburtshaus befand. Seinerzeit war es eines der größten Kaufhäuser im mitteldeutschen Raum, die jüdischen Besitzer wurden in der NS-Zeit enteignet.
Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude erheblich beschädigt und in den 1960ern wieder aufgebaut… und zwar mit einer geschwungenen, größtenteils fensterlosen Fassade aus Metallelementen, entworfen vom Künstler Harry Müller. Die Eröffnung war 1968 und somit ist die Blechbüchse genau so alt wie ich. Ich wohnte damals auch nur wenige Meter entfernt in der Löhrstraße… aber das ist die Wohnung, an die ich mich nicht erinnern kann… an das Kaufhaus aber sehr wohl. Es war eines der größten und besten ausgestatteten Warenhäuser der DDR.
2010 wurden die Metallelemente demontiert und zwischengelagert, das Gebäude abgerissen und neu errichtet, inklusive der Metallfassade… ich hätte es nicht bemerkt, dass die Dinger jetzt an einem neuen Haus hängen. Davor stehen drei Brunnen, ebenfalls aus Metall, ebenfalls von Harry Müller… und in einen davon bin ich als Kind mal reingefallen… Klein-McTrottel quasi… damals standen diese Brunnen allerdings noch ein paar hundert Meter weiter auf dem Sachsenplatz, den es so aber nicht mehr gibt, weil er Anfang des neuen Jahrtausends als Museumsquartier überbaut wurde… das hatte mich bei einem früheren Besuch fast verzweifeln lassen, da ich das nicht wusste und den Sachsenplatz als Hort der kindlichen Fehltritte besichtigen wollte… ihn aber nicht finden konnte.
Aber shoppen war ebenso wenig wie baden geplant und so bewegte ich mich weiter in die Altstadt, und zwar nicht im Bummelmodus, sondern etwas direkter… ich hatte nämlich ein Ziel: das Neue Rathaus… dort kann man wochentags um 14 Uhr für drei Euro den höchsten Rathausturm Europas besteigen.

Das ALTE Rathaus
Das NEUE Rathaus

Auf dem Weg dorthin passierte ich den Markt mit dem Alten Rathaus. Auf Basis eines älteren Gebäudes wurde das Rathaus unter Bürgermeister Hieronymus Lotter (1497–1580) umgebaut und gilt als eines der ikonischsten Rathausbauten der Renaissance in Deutschland. Lotter war entgegen früherer Publikationen mehr Organisator oder Manager des Bauwerks; ausführende Architekten und Baumeister waren andere… unter anderem ein Sittich Pfretzschner (ich wollte diesen klangvollen Namen mal in meinen Aufzeichnungen erwähnt haben).
Das Alte Rathaus ist und war natürlich wunderschön, für die ständig wachsende Großstadt Leipzig allerdings spätestens Ende des 19. Jahrhunderts deutlich zu klein. Nach einigem Hin und Her entschied man sich für einen Rathausneubau auf dem Platz der ehemaligen Pleißeburg… und da wurde nicht gekleckert, sondern nach dem Motto „Darf es etwas mehr sein?“ ein wenig geklotzt… Nettogrundfläche: ca. 65.870 m²… insgesamt 1.708 abgeschlossene Räume… zwischen 1899 und 1905 entstand Deutschlands größter Rathausbau und ist auch heute noch der größte Profanbau dieser Art… steht so auf Wikipedia.
Das Neue Rathaus wurde vom Architekten Hugo Licht im Stil des Historismus errichtet und wirkt deshalb auf Besucher älter als das im direkten Vergleich fast wie eine Puppenstube wirkende Alte Rathaus am Markt. Der Turm basiert auf dem Bergfried der ehemaligen Pleißeburg und hat eine Gesamthöhe von 115 Metern.
Man kauft sich in der Empfangshalle für ganze drei Euro ein Ticket, dann kommt ein onkeliger Typ und führt die Interessenten zum Fahrstuhl. An diesem Tag waren es 13 Besucher plus der onkelige Führer… die zulässige Personenzahl war ähnlich… und das Duschen (noch zuhause) hatte sich für diese Zeit ausgezahlt…
Der Fahrstuhl ging allerdings nur bis zur vierten Etage… es fehlten noch etliche Meter… beziehungsweise 250 Stufen… wer hier öfter mal mitliest, weiß, dass ich geradeaus, ohne mit der Wimper zu zucken, gerne viele Kilometer laufe… Anstiege wiederum zählen nicht zu meinen Stärken… aber gut… ich sah von der Runde nicht am schlechtesten aus und ich war auch definitiv einer der Ältesten… irgendwann schloss der Onkel eine Tür auf und man konnte nunmehr auf etwa 85 Metern über dem Stadtzentrum die Metropole von oben besichtigen.
Ich werde mal eine Erläuterung in vier Himmelsrichtungen geben:

1.: Südwesten

1.: Südwesten… für mich der Teil mit den meisten Erinnerungen… im Vordergrund ein Gebäude, das aussieht wie der Berliner Reichstag, wenn er zu heiß gewaschen worden wäre. Es handelt sich um das Gebäude des Bundesverwaltungsgerichts, erbaut von 1888 bis 1895 als Reichsgericht nach Entwürfen von Ludwig Hoffmann, einem Architekten, dessen Bauten gefühlt in jeder zweiten Berliner Straße stehen… gleichzeitig wurde der Berliner Reichstag von Paul Wallot erbaut. Beide Gebäude haben eine Kuppel, die originale Kuppel des Reichstags war der von Leipzig sehr ähnlich… beide Gebäude spielten eine große Rolle in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts… hier will ich es dabei belassen…
Hinter der Kuppel sind einige Plattenbauten aus der DDR-Zeit zu sehen. In dem Haus, das da gerade eingerüstet und mit roten Netzen bespannt ist, habe ich bis 1975 gewohnt. Das Haus in der Robert-Schumann-Straße (irgendwo in der Mitte, ziemlich weit oben war die Wohnung) war damals gerade neu gebaut und hatte für damalige Verhältnisse einen hohen Standard… ich erinnere mich unter anderem an eine Durchreiche von der Küche zum Wohnzimmer… bestimmt würden meine Eltern noch heute dort wohnen, wenn mein Vater damals nicht nach Potsdam versetzt worden wäre… aber das war im Nachhinein auch nicht verkehrt.
Dahinter ist viel Grün zu sehen, es ist der nahe Clara-Zetkin-Park, an den ich mich ebenfalls noch sehr gut erinnern kann. Am rechten Bildrand ist die Tribüne der Galopprennbahn zu sehen… der Park hat außerdem noch eine Freilichtbühne und Gastronomie zu bieten.

2.: Westen

2.: Westen… diese Gegend wird am zweiten Tag dieser Erkundungsreise im Vordergrund stehen… wir sehen links noch die Ausläufer des Clara-Zetkin-Parks, der dort zunächst Johannapark, weiter rechts dann Palmengarten heißt. Dazwischen fließt, hier nicht zu sehen, das Elsterflussbett. Hinter den Parks, die Teil des Leipziger Auwaldes sind, sieht man die Stadtteile Plagwitz und Lindenau.
An diese Gegend kann ich mich gar nicht mehr erinnern, vielleicht waren wir dort selten… es muss dort zur Zeit der Wende auch reichlich abgerockt gewesen sein… heute ist es ein inzwischen gut gentrifiziertes, beliebtes Wohnviertel mit viel Gründerzeitarchitektur und ehemaligen Industriestandorten, die heute anderweitig genutzt werden, zum Beispiel als Wohnraum oder auch als Domizil der kreativen Künstlerszene der Stadt.

3.: Das Stadtzentrum Richtung Norden

3.: Das Stadtzentrum Richtung Norden… die Kamera schwenkt von rechts nach links… am rechten Bildrand das City-Hochhaus, ein über 140 Meter hohes Gebäude, welches mit seiner außergewöhnlichen Form die Stadtsilhouette entscheidend prägt… es wurde zwischen 1968 und 1972 nach Entwürfen von Hermann Henselmann (1905–1995) als Universitätsgebäude gebaut, daher sind auch die Bezeichnungen Uni-Riese und Weisheitszahn üblich.
Die Uni ist seit den 1990ern raus, zwischenzeitlich war der MDR dort zuhause, heute sind verschiedene Firmen in dem Haus ansässig, das in seiner Form an ein aufgeklapptes Buch erinnern soll. Links vom Hochhaus sind die neuen Uni-Gebäude Augusteum und Paulinum zu sehen… beides Gebäude, die in den 2010er Jahren fertiggestellt wurden.
Weiter links im Bild ist ein weiteres Hochhaus zu sehen, nämlich das Wintergartenhochhaus, ein Wohnhaus mit 32 Geschossen und über 100 Metern Höhe, erbaut Anfang der 1970er Jahre. Auffällig ist das rotierende Messezeichen auf dem Dach. Links neben dem Hochhaus ist die Nikolaikirche zu sehen, um die soll es später gehen… links der Kirche ragen eher unauffällig die Mansardendächer des Hauptbahnhofes aus dem Häusermeer.
Das nächste Hochhaus ist das Hotel The Westin, weiter links im Vordergrund ist die Thomaskirche, zu der auch gleich Näheres… oberhalb des extrem steilen Kirchendaches sind Gebäude des berühmten Leipziger Zoos zu sehen… der ist ebenfalls Teil des Leipziger Auwaldes, der sich weiter durch die Stadt schlängelt.
Am linken oberen Bildrand ist das ehemalige Leipziger Zentralstadion zu sehen, heute Heimstätte eines Fußball-Bundesligisten mit österreichischen Brause-Wurzeln.

4.: Süden

4.: Süden… hier ist viel Architektur aus der DDR-Zeit zu sehen… im Vordergrund einige Blöcke im Stil des sozialistischen Klassizismus aus der Stalin-Zeit, dann die Windmühlenstraße aus einer Zeit, als die Straßen nicht breit genug sein konnten… wir sehen Gebäude der Uniklinik und Wohnblöcke à la Platte. Auf der rechten Seite der breiten Straße, etwa in der Mitte, versteckt sich der Bayerische Bahnhof, der später auch noch Erwähnung finden wird.
Die markantesten Bauwerke befinden sich in der oberen Bildhälfte… v. l. n. r.: Russische Kirche, Völkerschlachtdenkmal, altes Messegelände, Krematorium des Südfriedhofs.

Der Turm der Thomaskirche
Thomaskirche - Inneres nach Osten
Thomaskirche - Äußeres von Osten

Es folgte der Abstieg… traditionell eine deutlich einfachere Angelegenheit. Nächste Station war dann die Thomaskirche. Sie ist die Stadtpfarrkirche im Zentrum, ein mittelalterlicher Sakralbau durchschnittlicher Größe, hauptsächlich gotisch vom Stil her… aber… das ist zweitrangig. Die Kirche ist weltbekannt als Wirkungsstätte von Johann Sebastian Bach und Heimstätte des weltberühmten Thomanerchores.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die mutmaßlichen Gebeine Bachs im Chorbereich der Thomaskirche beigesetzt. Sie befanden sich ursprünglich in der Johanniskirche, die den Krieg nicht überstanden hat und deren Ruine vom SED-Staat beseitigt wurde… ob dort aber tatsächlich die richtigen Knochen liegen, ist bis heute nicht gesichert.
Als Kind war ich mit meiner Mutter häufig in der Thomaskirche… aus eigenem Antrieb übrigens… zur Motette… einer musikalischen Andacht mit dem Thomanerchor, bis heute eine Tradition. Heute blieb es bei einer Besichtigung der gotischen Hallenkirche.
Nach den ganzen Stufen auf den Rathausturm und der Besichtigung der Thomaskirche spürte ich langsam ein wenig Durst… da lächelte mich das Schild gleich vor der Kirche an: Brauhaus an der Thomaskirche… war zwar erst Nachmittag, aber ein Bier aus eigener Herstellung geht immer. Das Pils war naturtrüb und sehr lecker… aber auf einem Bein stehen… also noch das Tramonto (Pale Ale) probiert… nun ja… das war mit seinem Mango-Geschmack… Geschmackssache… und zwar nicht meine… aber egal…
Weiter ging es durch das Zentrum, wieder vorbei am Alten Rathaus und dem Markt, auf dem gerade ein Weinfest stattfindet, durch Passagen, die so typisch für Leipzig sind wie kaum etwas anderes… die Mädlerpassage ist die bekannteste davon… unter anderem mit dem Auerbachs Keller… so’ne Art Stammkneipe vom ollen Goethe, der im Rausch dann den Faust erfunden hat… ähm… man verzeihe meinen Dilettantismus…
Hauptsächlich waren die Passagen für die Messe gedacht und später zum Shoppen… so richtig schöne Läden konnte ich jetzt allerdings auch nicht mehr erkennen… hatte aber auch nicht danach gesucht…

Durstlöscher im Brauhaus an der Thomaskirche
Nikolaikirche mit Palmenpfeiler
Nikolaikirche... Außen pfui... Innen hui

Nächster Stopp war die zweite mittelalterliche Stadtkirche: die Nikolaikirche… von außen eher ein hässliches Entlein, mittelalterlicher Kern… aber tritt man ein… Hossa!… was ist das denn? Die spätgotische Hallenkirche wurde zwischen 1784 und 1797 im klassizistischen Stil umgestaltet, die Pfeiler haben Palmenformen… es dominieren die Farben Weiß, Hellgrün und Rosé… mal was anderes… ich kannte das natürlich von früher und fand es als Kind hier auch viel schöner als die dunkle Gotik der Thomaskirche.
1989 stand die Kirche im Mittelpunkt der aufziehenden Veränderungen in der DDR… sie war Treffpunkt der Opposition und Startpunkt der Montagsdemonstrationen, die letztendlich das Ende des sogenannten Arbeiter- und Bauernstaates einleiteten. Zur Erinnerung daran steht hinter der Kirche ein Pfeiler in Palmenform, den Pfeilern des Kircheninnenraums nachempfunden.
Der Spaziergang durch die Innenstadt führte nun zum Augustusplatz. Mit 40.000 Quadratmetern ist er nicht nur der größte Platz der Stadt, sondern auch einer der größten Stadtplätze Deutschlands.

Der Augustusplatz 

Hier gibt es folgende Bauwerke zu sehen… Das Video von rechts nach links beginnt mit dem Opernhaus, das 1960 eingeweiht wurde. Das ursprüngliche Gebäude aus dem 19. Jahrhundert wurde im Krieg zerstört und im Stil des Neoklassizismus neu errichtet.
Links im Bild dann das Krochhochhaus aus den 1920er Jahren… es war das erste Hochhaus der Stadt und auf dem Dach bestaunte ich als Kind bereits die über drei Meter hohen Glockenmänner, die auch viertelstündlich tätig werden, um die Glocken zu läuten.
Danach kommen die Gebäude der Universität: Paulinum (Aula und Universitätskirche) und Augusteum (Uni-Hauptgebäude), beides Neubauten unter Einbeziehung von Formen historischer Vorgängerbauten. Diese wurden  im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt beziehungsweise – im Fall der Universitätskirche – 1968 gesprengt… die Neubauten stammen aus den 2010er Jahren.
Dann kommt das City-Hochhaus, 142,5 Meter beziehungsweise mit Antenne 155 Meter hoch. Ganz links, oder besser gesagt auf der Südseite, sieht man dann das Neue Gewandhaus… bereits das dritte Gewandhaus-Gebäude… die Vorgänger befanden sich allerdings an anderen Stellen. Es wurde 1981 eingeweiht und ist bis heute eines der bedeutendsten Konzerthäuser Deutschlands.
Vom Aufstieg auf den Rathausturm bis hierher waren gerade einmal zwei Stunden vergangen und im Großen und Ganzen waren das auch bereits die meisten berühmten Sehenswürdigkeiten der Altstadt… Zeit für einen Break und mal zu testen, ob das mit dem 24-Stunden-Kaffeeautomaten im Hotel funktioniert… hat es.

Bayerischer Bahnhof mit Brauhaus (rechts)
Gose - Leipziger Bierspezialität

Nach einer Pause ging ich dann zum Bayerischen Bahnhof südöstlich der Altstadt. Der Bahnhof war bis zu seiner Schließung 2001 der älteste noch erhaltene Kopfbahnhof Deutschlands… vielleicht sogar der Welt. Heute ist das 1842 erbaute Gebäude unter anderem ein Braugasthof und somit ein beliebtes Ziel meiner Reisen.
Ich kam zu einer Zeit, als gerade viel Betrieb war, und musste erst mal kurz warten, bis man mir einen Tisch anbieten konnte. An diesem gab es dann neben deftigem Essen auch Bier aus der hauseigenen Brauerei. Das naturtrübe Pils namens Schaffner war, ähnlich dem aus dem Brauhaus an der Thomaskirche, grundsolide und wohlschmeckend.
Die Gose, eine Leipziger Spezialität mit Wurzeln in Goslar, konnte mir ebenfalls gut gefallen… sie hat eine spritzige, säuerliche Note. Als drittes Bier gab es dann ein dunkles, malzbetontes Schwarzbier namens Heizer. Alle drei haben mir gut gefallen und nun war ich auch bereit für einen Vergleich mit Guinness.
Dazu lief ich zurück ins Zentrum und kehrte im Morrison’s ein. Es war Montag und das Treiben in dem Irish Pub war eher zurückhaltender Art. Ein paar Musiker jammten Irish Folk und das Guinness bekommt man dort mit bedrucktem Schaum aus einem dafür entwickelten Drucker, der mit dunklem Malz arbeitet… nett… aber auch Tinnef.
Nach, ich glaube, drei Pints schaute ich auf dem Rückweg noch in ein anderes Pub rein… Dhillons…dort war es rappelvoll. Die FIFA-Fußball-Weltmeisterschaft ist gerade am Laufen und nur mit Glück bekam ich noch einen Platz an der Bar… das war dann auch der finale Akt von Tag eins in Leipzig und es ging zurück ins Hotel.

Die Guinness im Morrison's sind optisch anders als andere Biere
Das Hotel gegenüber der Blechbüchse zu später Stunde
Vormittags im Johannapark...
...mit Blick auf Rathaus und City Hochhaus

Den zweiten Tag widmete ich größtenteils dem Westen der Stadt. Ich wohnte ja im Musikviertel, welches so am südwestlichen Rand des Stadtzentrums liegt. In den Bezirken westlich davon war ich noch nie oder kann mich zumindest nicht daran erinnern. Das alles möchte ich etwas verbinden: erst mal an alte bekannte Plätze, dann in den unbekannten Westteil und später noch eine Bootstour.
Das Wetter war vielversprechend und nach dem Frühstück ging es erst mal in Richtung Neues Rathaus, vorbei an der Rückseite der Thomaskirche, die von dieser seltener gesehenen Seite ebenfalls einen schönen Eindruck macht… von hier fällt auch auf, dass das Kirchendach extrem spitz nach oben läuft.
Den Martin-Luther-Ring auf Höhe des Rathauses verließ ich, um in die zahlreichen Parkanlagen westlich der Innenstadt einzutauchen. Das nennt sich erst mal Plastikgarten, dann Johannapark. Es gibt hübsche Holzbrücken und man hat schöne Ausblicke auf Rathausturm und City-Hochhaus, die aus dieser Perspektive miteinander zu tanzen scheinen.
An der äußeren Ecke des Johannaparks steht das Denkmal der Frau, die bis vor der Wende dem kompletten, deutlich größeren Park ihren Namen verlieh: die linke Politikerin, Friedensaktivistin und Frauenrechtlerin Clara Zetkin (1857–1933). Der Park wurde nach der Wende in kleinere Abschnitte unterteilt. Als Clara-Zetkin-Park ist er mir in bester Kindheitserinnerung… sei es als Ort der Spaziergänge mit meinen Eltern oder mit Spielplätzen vom Kindergarten aus… apropos… mal schauen, ob es den noch gibt… nu freilich… würde der Sachse sagen… und ich hätte es damals auch. Als ich 1975 nach Potsdam kam, wurde ich von den berlinernden, noch unbekannten neuen Mitschülern ungefähr so gut verstanden wie ein Almbewohner in Ostfriesland… oder so ähnlich… was aber auch daran lag, dass in Potsdam mehr berlinert wurde als in Berlin.

Clara Zetkin Denkmal
Nicht gerade eine Attraktion... aber damals mein Kindergarten

Aber ich schweife ab… der Kindergarten, in dem ich wahrscheinlich als Ureinwohner gelten würde (Leipzig-Kindergarten-Aborigine… vielleicht gründe ich ja mal eine Band mit dem Namen)… ich kann mich gut erinnern, wie dieses Mosaik an der Wand errichtet wurde. Insgesamt war ich damals allerdings kein großer Freund der Einrichtung Kindergarten. Ich erinnere mich sogar daran, dass ich bei einem Besuch des Spielplatzes im Clara-Zetkin-Park so vertieft mit mir und dem Sandkasten beschäftigt war, dass ich irgendwann feststellen musste, dass der Rest der Gruppe bereits weg war… ups… aber ich kannte ja den Weg und die große Straße überlebte ich auch. Als ich im Kindergarten ankam, gab es sicher Ärger für die Erzieherin, die hatte nicht mal bemerkt, dass die Truppe unvollständig war.
An dieser Stelle vielleicht nicht wichtig, aber wenn man über 50 Jahre später wieder in der Gegend ist, fallen einem solche Sachen natürlich wieder ein.
Das Musikviertel war damals teils Altbau, teils Neubau. Wohnplatten nannte man die Häuser, in denen ich auch lebte… so’n Zwischending aus normalem Plattenbau und Hochhaus. Ich wohnte in der Robert-Schumann-Straße 3. Zwischen den Zehngeschossern befanden sich noch Altbauruinen oder Häuser, die Neubauten weichen sollten. Als Zwei-Bierkisten-hoch wurden solche Gebäude heimlich erkundet und ein Haus wurde mal gesprengt. Nach dem Wumms ging die Kindergartengruppe mit der Erzieherin mal gucken, was übrig geblieben war.
Ich erinnere mich, dass uns ein Walter Ulbricht (auf Bildern) vorgestellt wurde… und als ich hörte, dass in Chile böse Menschen mit Namen Pinochet ihr Unwesen trieben, ging ich mutig aus dem Haus und fragte: „Wo sind böse Menschen?“… mit erhobener Faust… glaube ich zumindest.
Der Wohnblock wird gerade saniert und die Baulücken zwischen den anderen Blöcken wurden hauptsächlich nach der Wende neu bebaut. Das Musikviertel ist heute eines der teuersten Wohnviertel der Stadt… hauptsächlich sicher durch die Nähe zum Zentrum und zum Park.
Den Park durchquerte ich und glaube, einige Dinge wiedererkannt zu haben… aber schön war es vor allem zu sehen, dass es Orte gibt, die sich nach der langen Zeit kaum oder sogar zum Besseren verändert haben. Ich denke dabei an die Generation meiner Eltern, deren Kindheitsorte gar nicht mehr oder heute in anderen Ländern existieren. In der heutigen Zeit sollte man sich, sofern es einem selbst einigermaßen gut geht, öfter mal daran erinnern… und nicht irgendwelchen Quatsch wählen… aber auch hier soll es in diesem Text dabei bleiben.

Die ehemaligen Buntgarnwerke an der Weissen Elster

Über die Sachsenbrücke überquerte ich das Elsterflutbett und war damit im westlichen Teil des Parks angelangt… noch ein paar hundert Meter weiter und ich war im Ortsteil Plagwitz.
Es dauerte nicht lange und ich kam an die Weiße Elster und die riesigen Gebäude der ehemaligen Sächsischen Wollgarnfabrik. Die Fabrikgebäude aus rotem und gelbem Backstein wurden zwischen 1888 und 1908 erbaut. Mit über 100.000 Quadratmetern sind die auch Buntgarnwerke genannten Immobilien das größte Industriedenkmal Deutschlands und der größte Gebäudekomplex der Gründerzeit.
Bis zur Wende wurde hier unter verschiedenen Bezeichnungen und Firmierungen Garn und Wolle hergestellt. Nach der Schließung 1990 und der Entlassung von Hunderten Mitarbeitern fiel das Gelände erst mal in einen Dornröschenschlaf.
Um die Jahrtausendwende begann die Sanierung des Komplexes, allerdings nicht für neue Industrie, sondern für exklusiven Wohnraum und Dienstleister in bemerkenswerter Lage. Loftwohnungen mit über fünf Meter hohen Decken, mit Aussicht auf das fließende Gewässer der Weißen Elster. Selbst die Brücke über dem Wasser, die die Gebäudekomplexe verbindet, wurde zu Loftwohnungen. Wie man sich sicher vorstellen kann, sind die Anlagen der sogenannten Elsterlofts weit vom sozialen Wohnungsbau entfernt.
Von der Holbeinstraße kommt man zum Fluss beziehungsweise etwas darüber… es war gut was los auf dem Wasser: Bootstouren, Kanus, Stand-up-Paddler… das alles sah nach richtig guter Laune aus.

Karl Heine Kanal
Am "Heimathafen" des Elsterboots

Über die Karlsbrücke an der Industriestraße überquerte ich die Elster und war nach kurzem Weg am Ufer des Karl-Heine-Kanals. Dieser Kanal wurde von dem Industriellen und Rechtsanwalt Karl Heine in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts angelegt. Er war dafür gedacht, den seinerzeit noch weitestgehend unerschlossenen Westen Leipzigs für neue Industrieprojekte attraktiv zu machen.
Ursprünglich war er als Verbindung zwischen der Weißen Elster und der Saale vorgesehen… gebaut wurden jedoch nur 3,3 Kilometer bis zum Hafen in Lindenau.
In den 1990ern wurde der Kanal saniert und mit einem Geh- und Radweg ergänzt, sodass man wunderbar an dem Gewässer spazieren kann… das tat ich dann auch ein ganzes Stück. Dann war es aber Zeit für die Rückkehr zum Clara-Zetkin-Park, dort hatte ich nämlich ein Date, um mir das alles mal vom Wasser aus anzuschauen.

Während der Bootstour mit Elsterboot

Dass ich so eine Bootstour machen wollte, stand bei der Planung dieser Exkursion ziemlich früh fest. Es gibt verschiedene Anbieter mit verschiedenen Touren… mich hatte der Internetauftritt von Elsterboot am meisten angesprochen und ich sollte mich nicht täuschen.
Reservieren kann man beim Bootsmann, Kapitän und Unternehmer in einer Person, Patrick Graumnitz, persönlich per WhatsApp. Zusammen mit zwei Familien mit Kindern ging die Reise dann für 90 Minuten über Elsterflutbett, Weiße Elster, Karl-Heine-Kanal, Elstermühlgraben und Stadthafen.
Unterwegs gab Patrick viel Wissenswertes über die Gewässer an und für sich, die Gebäude rechts und links davon sowie Anekdoten aus der Geschichte der Gegend und Leipzigs allgemein zum Besten… das alles auf eine wunderbar unaufgeregte, nette Art… das war schön… ich hätte noch stundenlang weiterfahren können… sogar das Wetter hatte mitgespielt.

Auf dem Karl Heine Kanal
Das Bundesverwaltungsgericht

Nach der Bootstour gab es einen Imbiss und ein Bier am Glashaus, einem Biergarten im Clara-Zetkin-Park, und danach ging es Richtung Hotel. Es zogen Wolken auf und ich hatte bereits über 20.000 Schritte auf dem Tacho… und der Tag hatte ja noch ein paar Stunden.
Auf dem Rückweg kam ich am Bundesverwaltungsgericht vorbei, jenem bereits erwähnten Reichstags-ähnlichen Bau, der ja auch vom nahen Rathausturm gut zu sehen war. Als ich noch in Leipzig wohnte, hieß das Ding Georgi-Dimitroff-Museum mit Ausstellungsstücken rund um den Reichstagsbrand von 1933 und dem damals angeklagten, aber freigesprochenen späteren bulgarischen Staatschef Georgi Dimitroff.
Kaum war ich im Hotel angekommen, öffnete der Himmel seine Schleusen und so nutzte ich die Zeit für ein Päuschen.

Full House in der Karl Liebknecht Straße...
Im Killwilli

Für die Abteilung Gastronomie am Abend wählte ich an diesem Tag das Pub Killiwilly in der Karl-Liebknecht-Straße im Süden der Stadt. Dort hatte ich wieder die Weltmeisterschaft nicht auf dem Schirm und hatte dennoch Glück, in der allerletzten Ecke des Lokals einen Platz zu finden. Nach dem Spiel wurde es übersichtlicher… mir hat es dort sehr gut gefallen.
Auf dem Rückweg kam ich noch an einer alten DDR-Reklame vorbei, die man hier die Löffelfamilie nennt. Sie stammt aus den 1970er Jahren und zeigt eine vierköpfige Familie (Vater, Mutter, zwei Kinder), die durch eine phasenweise Schaltung abwechselnd die Löffel zum Mund führt, um Suppe zu essen… für den Volkseigenen Betrieb (VEB) Feinkost Leipzig… ganz putzig das… und steht unter Denkmalschutz.
Der Haupttag dieser Reise endete wie vorgesehen im Hotel.

Die Löffelfamilie

Am Abreisetag ging es in den Süden der Stadt und das Völkerschlachtdenkmal stand auf dem Plan. Also nach dem Frühstück ausgecheckt, die Tasche in einem Schließfach im Hauptbahnhof verstaut und mit der S-Bahn zu dem Bauwerk gefahren, das zu den größten Monumenten der Welt zählt.
Von der Bahnstation sind es noch etwa zehn Minuten zu Fuß und dann steht man vor diesem großen Klotz. Das Denkmal wurde in 15 Jahren, zwischen 1898 und 1913, erbaut… pünktlich zum hundertjährigen Jubiläum der Völkerschlacht wurde es im Beisein von Kaiser Wilhelm II. eingeweiht.

Das Völkerschlachtdenkmal
Ein Modell als Querschnitt
Austellungsräume im unteren Bereich

Insgesamt ist das Bauwerk 91 Meter hoch und auch aus sehr weiter Entfernung zu sehen. Der Eintritt kostet 12 Euro. Man schaut zunächst einen einführenden Film mit einer Länge von 13 Minuten, dann kann man die Räumlichkeiten im Fundamentbereich besichtigen und anschließend geht es stufenweise nach oben… an diesem Tag war der Fahrstuhl defekt und dieses stufenweise bezieht sich dann auf 364 Stufen… nun ja… Frühsport halt… ich fand das nicht ganz ohne.
Wie so oft bei Gebäuden mit Aussicht wird man dann allerdings mit einem schönen Panorama der Messestadt belohnt… apropos Messe… das ehemalige Messegelände befindet sich ganz in der Nähe und man kann es gut erkennen. Von der Aussicht her würde ich dem Rathausturm die bessere Note geben, da man die Stadt dort doch deutlich näher vor sich hat. Das Völki, wie die Leipziger ihre berühmte Sehenswürdigkeit nennen, wirkt schon ein wenig so, als ob es außerhalb der Stadt stünde.

Im Inneren des Denkmals
Aussicht vom Völkerschlachtdenkmal, im Vordergrund das ehemalige Messegelände

Dann ging es wieder abwärts und als Nächstes machte ich einen Spaziergang über den Südfriedhof, der sich in unmittelbarer Nähe befindet. Es handelt sich um den größten Friedhof der Stadt und er ist durchaus vergleichbar mit den ebenso großen Friedhöfen Ohlsdorf in Hamburg und dem Südwestkirchhof Stahnsdorf bei Berlin.

Das Denkmal vom Südfriedhof aus gesehen...
...und umgekehrt

Bereits vom Völkerschlachtdenkmal fällt die riesige Kapellenanlage auf. Sie wurde 1910 im neoromanischen Stil eröffnet und besteht aus Krematorium, Glockenturm, Kolumbarium und Räumlichkeiten für Trauerfeiern. Auf dem Friedhof befinden sich zahlreiche Gräber verstorbener Prominenter aus allen möglichen Bereichen… doch um die ging es mir weniger. Ich wollte einfach mal eine Stunde spazieren gehen, mit ordentlich Musik auf den Ohren natürlich (ich schwöre: kein Death Metal).

Die Kapellenanlage vom Südfriedhof

Anschließend fuhr ich zurück in die Innenstadt. Auf dem Markt war wieder das Weinfest im Gange. Ich lief da ein bisschen hin und her, doch ich erinnerte mich schnell daran, dass ich vom Wein gar keine Ahnung habe… zumal die arme Leber mit Bier und Whisky bereits gut ausgelastet ist.
Also Plan B… noch mal in das Brauhaus an der Thomaskirche, etwas zum Mittag gegessen und noch das dunkle Bier probiert, das ich neulich noch nicht hatte.
Da meine Zugbindung aufgehoben war, beschloss ich, etwas früher die Rückreise anzutreten, und stieg kurz nach 16 Uhr in den ICE Richtung Berlin.
Das waren also ungefähr 50 Stunden in Leipzig… sicher hätte es noch ein wenig mehr Zeit sein dürfen… aber das rennt ja alles nicht weg… wie ich ja gut bemerken durfte.
Schön war es, mal wieder in der alten Heimat zu sein, und es hat mir viel Spaß gemacht, die Stadt neu zu entdecken… sicher nicht zum letzten Mal… sind ja auch nur anderthalb Stunden von Berlin.

McLarsen in Prag (März 2026)

Berlin, 31.03.2026… Die zweite Erkundung in 2026 war wieder eine Reise zusammen mit meinen Eltern… nachdem wir letztes Jahr um die gleiche Zeit Krakau unsicher machten, bewegte sich der insgesamt 221 Jahre alte Dreier dieses Jahr in die tschechische Hauptstadt… ich war ja überrascht, dass die beiden dort noch nie waren, außer vielleicht damals noch zu Ostzeiten. Ich selbst war bereits viermal in der böhmischen Metropole: 1985 war es mein erster Schritt ins Ausland, als wir unsere Klassen-Abschlussfahrt von der Schule machten, kurz vor dem Mauerfall war ich dann mit ein paar Kumpels mit meinem Trabbi dort, Anfang der 1990er dann schon mit dem ersten fahrbaren Westfabrikat… an dem dann auch gleich mal ein Reifen zerstochen wurde… naja… Das letzte Mal war ich 2011 mit Nina dort… es sollte eine Geburtstagsüberraschung werden und… ich sag mal so… es ging einiges schief. Nun also ein neuer Anlauf… drei Pechmanns… Vater Rolf, Mutter Ingrid und Sohnemann Lars… selbstverständlich mit dem Zug. Die Anreise klappte auch ganz prima, 09:30 startete der Knödel-Express vom Berliner Hauptbahnhof… etwa vier Stunden später erreichte der Zug das Prager Pendant.

Die Reisegruppe Pechmann am Ankunftstag

Als Unterkunft wählte ich eine Ferienwohnung im Stadtteil Žižkov auf der anderen Seite vom Hauptbahnhof… erstens ist es dort etwas günstiger, zweitens laufen da nicht so viele feierwütige Touristen nachts durch die Straßen. Die Gegend von Žižkov ist recht bergig und bietet ein nahezu geschlossenes Bild eines Gründerzeitviertels mit größtenteils gut sanierten Häusern, vielen kleinen Läden, etlichen Spätis und einigen Kneipen und Restaurants. Unsere Unterkunft befand sich mitten in diesem Viertel in der Straße Bořivojova, Altbau, vierter Stock mit Fahrstuhl… es war nicht alles gut, aber man konnte für einen fairen Preis gut dort wohnen.

Die Rückseite vom Hauptbahnhof

Der Wenzelsplatz mit Wenzelsdenkmal und Nationalmuseum

Prag ist die Hauptstadt Tschechiens und mit gut 1,3 Millionen Einwohnern die größte Stadt des Landes. Durch die Stadt fließt die Moldau, der größte Nebenfluss der Elbe. Ihre Ursprünge reichen bis ins frühe Mittelalter zurück. Im 9. Jahrhundert entstand rund um die Prager Burg eine erste befestigte Siedlung der böhmischen Fürsten aus dem Geschlecht der Přemysliden. Die Lage an der Moldau und an wichtigen Handelswegen zwischen Ost und West ließ den Ort schnell wachsen. Händler, Handwerker und Reisende ließen sich hier nieder… und aus einzelnen Siedlungen entstand allmählich eine Stadt. Im 14. Jahrhundert begann die große Blütezeit unter Karl IV.. Der böhmische König und römisch-deutsche Kaiser machte Prag zu seiner Residenz und damit zeitweise zum politischen Zentrum des Heiligen Römischen Reiches. In dieser Zeit entstanden viele der Bauwerke, die das Bild der Stadt bis heute prägen. 1348 gründete Karl IV. die Karls-Universität Prag – die erste Universität Mitteleuropas. Auch die berühmte Karlsbrücke wurde in dieser Epoche begonnen und verband fortan die Altstadt mit der Kleinseite. Im 15. Jahrhundert wurde Prag zum Zentrum der religiösen Reformbewegung um Jan Hus. Nach seiner Hinrichtung 1415 kam es zu den Hussitenkriegen, die Böhmen und auch die Stadt erschütterten. Später geriet Prag unter die Herrschaft der Habsburger und wurde Teil ihres weit verzweigten Reiches. Apropos Reformation: Ein dramatisches Ereignis war 1618 der berühmte Prager Fenstersturz. Aufgebrachte protestantische Adlige warfen kaiserliche Statthalter aus den Fenstern der Burg… ein symbolischer Akt, der den Beginn des Dreißigjährigen Krieges markierte und ganz Europa verändern sollte. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich Prag zu einem wichtigen Zentrum der tschechischen Nationalbewegung. Kultur, Sprache und Literatur erlebten eine neue Bedeutung. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde Prag 1918 Hauptstadt der neu gegründeten Tschechoslowakei. Jahrhundertelang hinweg war Prag eine Stadt, in der sich tschechische, deutsche und jüdische Kultur begegneten… bis zur NS-Zeit im zweiten Weltkrieg. Danach wurde die Tschechoslowakei Teil des Warschauer Pakts und damit ein kommunistisches Regime, in meinem Geburtsmonat August 1968 wurde der Versuch der Bevölkerung, mit Reformen dem Sozialismus ein menschliches Antlitz zu verleihen, mit Waffengewalt niedergeschlagen… Prager Frühling nannte man das, erst die friedliche Samtene Revolution beendete die kommunistische Herrschaft… und Prag wurde wieder zu einer offenen europäischen Metropole.
Das historische Zentrum von Prag gehört seit 1992 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Die sogenannte „Goldene Stadt“ wirkt dabei fast wie aus einem Guss… geprägt von gotischen Türmen und barocken Fassaden… ein Stadtbild, das über Jahrhunderte gewachsen ist und bis heute erstaunlich geschlossen erhalten blieb… auch Dank der Tatsache das die Stadt im zweiten Weltkrieg nicht zerstört wurde.
Zu den bekanntesten Orten gehören die Prager Burg, die Karlsbrücke, die berühmte astronomische Uhr am Altstädter Rathaus… ebenso wie der alte alte Jüdische Friedhof Prag oder die Altneu-Synagoge, die als älteste noch aktive Synagoge der Welt gilt.
All das macht Prag heute zu einem der großen Reiseziele Europas… Jahr für Jahr kommen rund neun Millionen Besucher in die Stadt… und damit gehört sie inzwischen zu den 25 meistbesuchten Städten der Welt.

Das Altstädter Rathaus...
...mit der Astronomischen Uhr

Zum Wohnen waren wir aber nicht angereist, also begaben wir uns umgehend auf die Piste… in diesem Falle erstmal noch ein paar Meter bergauf, um dann langsam Richtung Innenstadt hinab zu laufen… an der Bahnstrecke hinter dem Hauptbahnhof vorbei kamen wir zum Nationalmuseum und zum Wenzelsplatz. Der Wenzelsplatz… wohl der größte der Stadt, erscheint einem eher wie eine große Straße… Champs-Élysées oder wenigstens Kurfürstendamm… auch mit den üblichen verdächtigen Ladenketten… außerdem eine einzige Großbaustelle… also weiter geradeaus in die Altstadt, vorbei an prächtiger Architektur, Straßenmärkten und sehr vielen Touristen bis zum Altstädter Ring, dem zentralen Marktplatz mit Rathaus und Astronomischer Uhr… flankiert von palastartigen Bauten, Kirchen, Denkmälern und sehr, sehr vielen Touristen. Da es der erste Tag unserer Reise war, schauten wir überall nur mal schnell vorbei… das mit der Uhr zur vollen Stunde verschoben wir erstmal und bogen ab zu einer weiteren essenziellen Sehenswürdigkeit der Stadt: die Karlsbrücke.

Die Brücke über die Moldau wurde im 14. Jahrhundert errichtet… Vorbild war die steinerne Brücke von Regensburg, für die Bauausführung und besonders für die Türme an beiden Enden wirkte der Architekt Peter Parler… der Prager Stararchitekt seiner Zeit. Die Brücke ist 510 Meter lang und 10 Meter breit und heißt erst seit 1870 Karlsbrücke… benannt nach dem Bauherrn Karl IV. (1316–1378)… eine Statue von Karl findet man auf der Brücke nicht (wir suchten danach)… aber die Statuen stammen alle aus der Barockzeit und stellen ausschließlich christliche Würdenträger dar.

Sehr, sehr, sehr viele Touristen auf der Karlsbrücke

Die Karlsbrücke mit dem Hradschin im Hintergrund
Der Heilige Augustinus bei untergehender Sonne

Nachdem wir die Brücke betraten, mussten wir feststellen, dass an einem Dienstag im März sehr, sehr, sehr viele Touristen unterwegs waren… wovon auch auffällig viele grün gekleidet waren und Englisch sprachen… aber dazu später. Wir liefen die Brücke einmal hin und zurück und konnten mit der sinkenden Sonne einige sehr schöne Fotos einfangen. Am Ufer der Moldau liefen wir dann Richtung Nationaltheater, bogen dort wieder in die Altstadt ein, um endlich eine Sache zu testen, für die die Stadt bzw. das ganze Land auch weltberühmt ist: Knödel und Bier. In meiner Vorab-Recherche wählte ich das U Dvou koček (zwei Katzen). Dort kehrt auch der richtige Prager ein, und das hört sich ja schon mal gut an… wir bekamen Plätze und kurz danach war der Laden rappelvoll mit einer bemerkenswerten Geräuschkulisse… aber das gehörte so… das Gulasch mit den Knödeln und das tschechische Bier aus den typischen Humpen schmeckte einfach nur großartig, und allerspätestens jetzt waren wir richtig in der Stadt angekommen. Inzwischen war es dann auch dunkel, und da wir ja mit 221 Jahren auch keine Teenager mehr sind, ging es dann langsam in Richtung Unterkunft.

Für unseren Aufenthalt holte ich mir eine 3-Tages-Fahrkarte der Prager Öffis für, ich glaube, 16,90. Ich war mir nicht sicher, ob ich die auch abfahre, Einzeltickets sind nämlich auch spottbillig… aber ich wollte das Ticket einfach in der Tasche stecken haben. Personen über 65 Jahren fahren übrigens komplett kostenlos. An der zentralen Haltestelle Národní třída stiegen wir dann in die erste Straßenbahn der Reise… es war ein altes Modell der Marke Tatra, wie sie schon seit Jahrzehnten dort fahren. Kurze Zeit drauf waren wir dann in der Unterkunft. Abends ging ich noch ins Pub O’Neills um die Ecke und ließ mir ein paar Guinness schmecken… dann war der erste Tag vorbei, und ich konnte binnen weniger Sekunden einschlafen.

Na zdraví

Am zweiten Tag war die Prager Burg dran. Wir fuhren mit der Linie 22 auf den Hradschin, und ich war in Erwartung der Haltestelle Pražský hrad… diese kam allerdings nicht… wir waren inzwischen weit an der Burg vorbei, und ich verstand die Welt nicht mehr… richtige Linie, richtige Richtung… was wir nicht wussten, war eine Umleitung der Strecke… wahrscheinlich wurde das auch in der Tram angesagt… aber mein Tschechisch ist nun mal grottenschlecht… Englisch hätte geholfen… sind ja durchaus genug Touristen unterwegs… aber gut… wir fuhren zurück und mussten ein paar Meter weiter laufen, dann standen wir hinter der Burg mit dem gewaltigen Veitsdom… die größte geschlossene Burganlage der Welt.

Die Nordseite von Burg und Veitsdom
Touristenströme im Veitsdom
Der charakteristische Südturm des Veitsdomes

Auf der westlichen Seite der Moldau… auf dem Hügel des Hradschin… liegt eines der markantesten Wahrzeichen von Prag: die Prager Burg. Sie gilt als eines der größten geschlossenen Burgareale der Welt… und ist seit über tausend Jahren politisches und symbolisches Zentrum des Landes. Hier residierten böhmische Fürsten und Könige… später die Habsburger… und heute hat der Präsident der Tschechien seinen Amtssitz.
Das Herzstück des Areals ist der gewaltige Veitsdom… eine gotische Kathedrale, deren Bau im 14. Jahrhundert unter Kaiser Karl IV. begann. Hier wurden die böhmischen Könige gekrönt… hier liegen viele von ihnen auch begraben… und über allem ragt der große Südturm, der das Panorama der Stadt prägt.
Nicht weit davon entfernt steht die St.-Georgs-Basilika Prag… eines der ältesten erhaltenen Gebäude der Burg… mit ihren markanten weißen Türmen und einem romanischen Kern aus dem 10. Jahrhundert.
Ein ganz anderes Bild bietet das kleine, beinahe märchenhafte Goldenes Gässchen… eine enge Reihe bunter Häuser, die einst von Burgwächtern, Handwerkern und später auch Künstlern bewohnt wurden.
Dazu kommen mehrere Höfe, Paläste und Gärten… allen voran der Alter Königspalast Prag mit seinem beeindruckenden Vladislav-Saal… einst Schauplatz von Krönungsfeiern, Ritterturnieren und königlichen Empfängen.
So wirkt die Prager Burg heute wie eine kleine Stadt in der Stadt… ein Ort, an dem über Jahrhunderte Geschichte geschrieben wurde… und von dem aus man gleichzeitig einen der schönsten Blicke über Prag hat.

Die St. Georgsbasilika
St. Georgsbasilika - Das romanische Innere nach Osten
Das leicht überfüllte Goldene Gässchen

Für 18 € erhält man ein Ticket, das zu folgenden Zugängen berechtigt: Alter Königspalast, St.-Georgs-Basilika, Goldenes Gässchen und St.-Veits-Dom. Wir starteten mit dem Dom. Die Besichtigung gestaltete sich als eine Massenabfertigung, einmal im Uhrzeigersinn durch die Kirche. Ich besichtige ja gern und viele Kirchen, so etwas habe ich aber noch nicht erlebt… normalerweise setze ich mich gerne mal auf eine Bank und lasse das Gebäude auf mich wirken, das war hier schlicht nicht möglich… aber gut… als Tourist auf zu viele Touristen zu schimpfen, hat ja noch nie etwas eingebracht… schöner war es anschließend draußen auf einer Bank, dem Treiben vor der Mega-Kulisse zuzusehen. Den alten Königspalast wollten wir überspringen, weil gerade eine der tausenden Schulklassen am Einlass war, stattdessen ging es dann in die St.-Georgs-Basilika. Der schlichte romanische Bau steht im krassen Gegensatz zur monumentalen Gotik des Veitsdoms. Anschließend besuchten wir das Goldene Gässchen, wo es ebenfalls aussah, als hätte jemand Auflauf bestellt. Den Königspalast hatten wir inzwischen vergessen und machten uns langsam bereit für den Abstieg von der Burg.

Blick von der Burg auf Prag mit der Karlsbrücke
St. Nikolaus auf der Kleinseite - Inneres nach Osten
St. Nikolaus auf der Kleinseite - Kuppel und Deckenfresko

Als wir wieder unten waren, liefen wir ein wenig durch die Kleinseite, so heißt der Stadtbezirk unterhalb des Burgberges. Gegenüber der Kirche St. Nikolaus auf der Kleinseite kehrten wir dann erstmal zum Mittagessen ins U Glaubiců ein. Wir hatten Glück mit dem Platz, als wir dann später wieder gingen, war kein einziger Platz mehr frei, weder innen noch außen. Unser nächstes Objekt war dann die bereits erwähnte St.-Nikolaus-Kirche. Da dieser Bau im Schatten der gigantischen Burg steht und auch ringsum in dichter Bebauung liegt, merkt man erstmal gar nicht, wie groß die Kirche ist. Mit ihrer Kuppel und dem Glockenturm prägt sie durchaus schon das Bild der Kleinseite, die wahre Größe erfährt man dann, wenn man die Kirche betritt. St. Nikolaus zählt zu den bedeutendsten barocken Kirchengebäuden der Welt. Das Deckenfresko „Verherrlichung des heiligen Nikolaus“ zählt mit einer Fläche von 1500 Quadratmetern zu den größten Werken Europas, die mit Farbe und Pinsel erschaffen wurden… mächtig gewaltig und reichlich Lametta.

Nachdem wir nun Gotik, Romanik und Barock studiert hatten, ging es erstmal zurück in die Unterkunft. Eigentlich war das noch etwas zu früh, aber da wir ja alle auch nicht mehr die Jüngsten sind, war etwas Ruhe auch nicht verkehrt. Abends gingen wir dann in das Restaurant U Mariánského obrazu direkt um die Ecke und genossen das gute tschechische Essen und das ebenso gute Bier… und das alles zu Preisen, wie wir sie in Deutschland schon lange nicht mehr kennen. Später sollten es für mich noch ein paar Guinness werden, und ich besuchte den Maverick’s Pub auf der anderen Seite der Hauptstraße Seifertova. Es gab Guinness im 0,4-l-Glas, der Laden war sehr klein und befüllt mit wiederum vielen grün gekleideten Menschen, die Englisch sprachen und gefühlt die halbe Stadt gekapert hatten. St. Patrick’s Day war bereits vorbei, aber es gab für Irland noch mindestens ein Qualifikationsspiel für die Fußball-Weltmeisterschaft zu absolvieren… und zwar in Prag gegen Tschechien. Halb Irland muss dann Urlaub genommen haben und nach Prag gereist sein… ist ja auch eine prima Konstellation: die irischen Meister der Feierlichkeit und das Land des billigen Bieres (nicht zu verwechseln mit Billigbier… auf keinen Fall, aber ein normaler halber Liter kostet durchschnittlich 2–3 Euro).
So richtig konnte mich das Maverick’s nicht begeistern, so dachte ich, ich besuche nochmal das O’Neills vom Vortag… da war es so schön ruhig… aber da sollte ich mich täuschen… der Laden war an diesem Abend nämlich komplett in irischer Hand… und zwar mit richtigen Feierbiestern. Mit irgendeinem Song begann die Meute so richtig in Stimmung zu kommen, dann wurden die irischen Schlachtgesänge geschmettert, getanzt… mit Fahnen, ohne Shirt, ohne Schuhe… immer euphorisch… das Gute daran war, dass da kein einziger Stinkstiefel dabei war, die Iren sind, ähnlich wie die Schotten, ein grundsympathisches Fußballvolk. Inzwischen drückte ich ihnen durchaus die Daumen für das Spiel, welches am nächsten Tag stattfinden sollte. Nach einigen Pints und gerne genossener Fußballkultur war dann bei mir auch der Kanal voll und es ging bergauf zur Unterkunft… Tag 2 war damit Geschichte.

Feierstimmung im O'Neill's... olé olé

Der dritte Tag war nicht im Voraus verplant, sondern offen für alles, was noch von Interesse ist. Wir fuhren mit der Tram zur Haltestelle Dlouhá třída, die in der Nähe von Josefov, dem alten jüdischen Viertel, liegt. Die jüdische Kultur hatte in Prag große Bedeutung. In dem Viertel sind viele Spuren dieser Zeit noch sichtbar. Die ursprüngliche Bebauung musste Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts moderneren Gründerzeitbauten weichen. Übrig blieben einige Synagogen, das Jüdische Rathaus und der Jüdische Friedhof. Dass diese Bauwerke auch die Zeit des Nationalsozialismus überlebt haben, ist ausgerechnet Adolf Hitler zu verdanken… der wollte nämlich aus dem Areal ein Museum für eine ausgerottete Rasse machen… kann man sich nicht ausdenken. Nichtsdestotrotz sind die Gebäude heute auch Museum, nämlich das Jüdische Museum. Wir hatten keine Besichtigung geplant, und es war auch bereits am Vormittag ein großes Gewimmel von Schulklassen aus aller Welt. Leider konnte man den berühmten alten jüdischen Friedhof nur im Zusammenhang mit einem Museumsbesuch besichtigen, und ich fand auch nur eine kleine Öffnung in der Mauer, durch die man ein paar Quadratmeter sehen konnte.

Die Altneu Synagoge ist die älteste unzerstört als Synagoge erhaltene Synagoge in Europa
Kleiner Eindruck vom Jüdischen Friedhof

Vorbei am Rudolfinum, einem prächtigen Konzerthaus und Sitz der Prager Philharmonie, liefen wir an der Moldau in Richtung Karlsbrücke, bogen dann in die Innenstadt ein und steuerten das Altstädter Rathaus und besonders dessen Astronomische Uhr an… es war kurz vor 11 Uhr. Ich nutzte die Tatsache, dass alle die Uhr sehen wollten, und kaufte mir ein Ticket, um die Sache mal von oben zu betrachten. Eigentlich dachte ich ja an Treppensteigen auf alten, abgelatschten Stufen aus dem Mittelalter… aber siehe da… Aufzug! Der Ausblick konnte sich sehen lassen, dass ein kalter Wind mir fast die Mütze vom Kopf geblasen hätte, ist auf den entstandenen Fotos nicht zu sehen.

Der Altstädter Ring mit Blick auf die Teynkirche vom Rathausturm
Rathausblick gen Südost mit Nationalmuseum
Die Menschentraube vor der Astronomischen Uhr

Danach waren wir kurz etwas unentschlossen, wie es weitergehen sollte, aber es kam die Idee auf, eine Bootsfahrt auf der Moldau zu machen… also wieder zurück zum Fluss und auf dem letzten Drücker Tickets für eine Lunch-Fahrt gebucht und eine Minute vor Ablegen den Kahn betreten. Als Begrüßung gab es ein Glas Becherovka, den tschechischen Nationalschnaps. Wir hatten Fensterplätze und mit der Aktion zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: wir konnten im Warmen relaxen und nebenbei von einem ordentlichen Buffet Mittag essen. Dabei zog Prag an den Ufern der Moldau an uns vorbei… wenn wir nicht gerade in einer Schleuse standen. Diese zwei Stunden waren sehr angenehm… danach bummelten wir auf der Insel Kampa, die Teil der Kleinseite ist und wieder ganz andere, angenehm schlichte Akzente dieser so vielseitigen Stadt zeigte. Das Wetter war kalt, aber gut für Fotos… so bummelten wir langsam über die Most Legií, Brücke der Legionen auf Deutsch… und stiegen in die Tram, die uns zurück nach Žižkov brachte. Für das Abendessen genügten nach dem üppigen Buffet ein paar Sachen vom Lidl um die Ecke.

Die Karlsbrücke von der Kleinseite aus
Das Nationaltheater von 1881
Der Hradschin von der Most Legií

Natürlich musste ich noch meine gastronomischen Erfahrungen ausbauen und besuchte an diesem letzten Abend das Pivnice U Sadu, wenige hundert Meter von der Unterkunft entfernt, einen Steinwurf vom Fernsehturm entfernt. Der Fernsehturm von Prag ist 216 Meter hoch und wurde zwischen 1985 und 1992 erbaut. Seine Erscheinung ist nicht unumstritten, aber inzwischen doch akzeptiert… Architektur bleibt halt auch nicht stehen… bemerkenswert sind die Plastiken von krabbelnden Kindern des Künstlers David Černý, die uns am Nachmittag auch auf der Kleinseite begegnet sind. Aber jetzt zum U Sadu… es handelt sich um ein typisches tschechisches Restaurant der bodenständigen Art… etwa 100 Jahre alt und fest verknüpft mit den politischen Veränderungen der Tschechoslowakei in der Wendezeit. Das Interieur erinnert teils durchaus an das Offside… es gibt überall etwas zu entdecken. Es gibt drei eigene Biersorten: Sádek Vaněk 1988 (benannt nach einer Gestalt eines Theaterstücks von Václav Havel), Sádek 11° und Sádek English Pale Ale. Ich testete natürlich alle drei, fand aber das Sádek 11° am besten, ein schönes, süffiges tschechisches Bier. Zu allem Überfluss gab es dort auch noch Guinness… auch das wurde von mir für gut befunden. Im TV lief das Länderspiel Tschechien – Irland, und ich konnte mir vorstellen, was da im Stadion los war, nachdem ich in Prag die meisten Iren außerhalb Irlands kennenlernen durfte… Die Iren führten via Elfmeter und Eigentor schnell mit 2:0, und ich freute mich heimlich ein wenig… die Tschechen im Pub eher weniger. Danach ging die Partie allerdings noch in die Verlängerung, und am nächsten Morgen las ich, dass Irland nach Elfmeterschießen ausgeschieden war. Ich bin mir trotzdem 100%ig sicher, dass alle ihren Spaß hatten.

Der Prager Fernsehturm vom Rathausturm aus gesehen
Im U Sadu

Tags drauf hieß es dann bereits wieder Abschied nehmen. Kurz vor 10:00 Uhr verließen wir Žižkov und begaben uns zum Hauptbahnhof. Dass bei der tschechischen Bahn auch nicht alles Gold ist, was glänzt, konnten wir auch noch erfahren. Dort ist es offenbar üblich, dass das Gleis, von dem der Zug abfährt, erst wenige Minuten vorher festgelegt wird… was dann früher oder später doch zu etwas Chaos sorgte… aber gut… mit 35 Minuten Verspätung kann man leben, und schnell waren wir wieder in unseren heimatlichen Quartieren.
Es war wieder eine schöne Reise, bei der auch alles so geklappt hat, wie es geplant war. Da wir alle drei in der Zeit gesundheitliche Macken hatten, waren wir natürlich doppelt froh, dass das alles so prima geklappt hat. Ich hoffe, dass wir auch in Zukunft solche Kurztrips zusammen unternehmen können, und bedanke mich bei meinen Eltern für die Einladung und die kostbare Zeit miteinander sowie bei Nina, die mir zu Hause den Rücken freigehalten hat.

Es folgen noch einige Bonus Fotos

Selfie vor der Astronomischen Uhr
Die Kleinseitner Brückentürme der Karlsbrücke
Allgegenwärtig in verschiedensten Erscheinungen: Franz Kafka
Üppiger Hauseingang
Babyfigur von David Černý
Blick von der Kleinseite zur Altstadt
Auf der Karlsbrücke
Energiesparlampe mal anders
Fernsehturm bei Nacht

McLarsen in Chemnitz… auf den Spuren des sächsischen Manchester (Februar 2026)

Meine erste Erkundung des Jahres führt mich nach Chemnitz, und einige werden sich sicher fragen: Warum? Nun gut… ich kenne Chemnitz ein bisschen von früher. Ich wurde etwa 20 Kilometer vom Chemnitzer Stadtzentrum entfernt in Stollberg geboren. Etwa 5 Kilometer von der damaligen Kreisstadt im Bezirk Karl-Marx-Stadt liegt die Stadt Oelsnitz im Erzgebirge (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Stadt im Vogtland). In Oelsnitz verbrachte ich viel Zeit meiner Kindheit und frühen Jugend bei meiner Oma. Immer wenn längere Ferien waren, besuchte ich sie und meinen Onkel Werner, der im gleichen Haushalt lebte.

Meine Eltern setzten mich meistens in Berlin-Schönefeld in den Zug, und ich stieg in Karl-Marx-Stadt aus. Dort holte mich dann mein Onkel mit dem Trabbi ab und brachte mich zur Oma. Von Chemnitz sah ich meist nicht viel, aber ich habe diese Stadt hauptsächlich als graue, hässliche Stadt in Erinnerung. Das ist alles lange her, und inzwischen heißt die Stadt auch wieder Chemnitz… letztes Jahr war sie gar Kulturhauptstadt Europas… es ist an der Zeit, sich mal ein Bild zu machen, wie sich die Stadt verändert hat… schließlich sind meine Erinnerungen ja bereits über 40 Jahre alt.

Der Nischel von der Seite und das letzten Tag unerwartet erloschene Congress-Hotel
Theaterplatz mit Petrikirche, Oper und Kunstsammlungen (v.r.n.l)

Am Anfang meiner Reisen steht meistens irgendeine Sauerei von der Deutschen Bahn… wie oft war die erste Nachricht des Tages, die ich aufs Handy bekommen habe: Zug fällt aus… suchen Sie Alternativen… viel Spaß… (sinngemäß)… diesmal allerdings erreichte mich bereits am späten Vorabend des Reiseantritts eine E-Mail von meinem schon vor Monaten gebuchten und auch bereits bezahlten Hotel:
„…wir müssen Sie leider darüber informieren, dass wir zum 31.01.2026 den Hotelbetrieb des Congress Hotel Chemnitz einstellen werden. Aufgrund der Betriebsaufgabe endet zu diesem Zeitpunkt auch unsere Geschäftsbeziehung… Ab dem 01.02.2026 werden wir keine Gäste mehr beherbergen.“
…hä?… in der Tat war telefonisch niemand mehr zu erreichen und die Website war ebenfalls down… nun ja… dann abends um 22:00 Uhr noch schnell ein neues Hotel gesucht… war aber nicht schwierig, der Andrang für Chemnitz an einem Montag und Dienstag im Februar ist überschaubar.
Die Bahn dagegen machte heute das, was sie mir in letzter Zeit nur selten gezeigt hat… sie fuhr… und zwar pünktlich… trotz eisiger Temperaturen von minus 10 Grad.

Roter Turm - Ein Wahrzeichen der Stadt
Marktplatz mit Altem Rathaus (links) und Neuem Rathaus (rechts)
Neues Rathaus in reichlich Shopping-Gedöns

Im neuen Hotel Super 8 angekommen, ging es gleich erst mal in die Innenstadt… auch wenn das in Chemnitz keine pittoreske Altstadt mit Fachwerkhäusern und Gassen mit Kopfsteinpflaster ist… sondern eher eine große Menge Beton mit überschaubaren Lücken von Bauten aus der Vorkriegszeit.
Da nicht weit vom Hotel entfernt, war die erste Station tatsächlich das 7 Meter hohe (mit Sockel über 13 m) und ca. vierzig Tonnen schwere Karl-Marx-Monument. Es wurde 1971 eingeweiht und gilt als Wahrzeichen der Stadt. Die Bezeichnung „Nischel“ kommt aus dem sächsischen Wort für Kopf oder Schädel, und dieses Exemplar gilt als zweitgrößte Büste der Welt… noch 60 Zentimeter mehr misst ein Lenin-Schädel in Sibirien.
Weiter ging es zum Theaterplatz, einem hübschen Ensemble aus Bauten des späten 19. Jahrhunderts bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts mit der als Theater gebauten Oper (1906–1909), der neugotischen Petrikirche (1885–1888) und dem König-Albert-Museum (1909), welches Sitz der Chemnitzer Kunstsammlungen ist. Überall im Zentrum finden sich noch Spuren der Kulturhauptstadt Europas vom letzten Jahr, häufig auch als Schriftzug der Stadt.

Die Stadtpfarrkirche St. Jakobi
Das rekonstruierte spätgotische Netzgewölbe der Kirche
Modelle der Kirche zur Veranschaulichung der Kriegszerstörung

Von dort aus zurück kommend passiert man ein weiteres Wahrzeichen der Stadt… den Roten Turm. Eines der selten erhaltenen mittelalterlichen Gebäude der Stadt war Teil der Stadtbefestigungsanlage und diente lange auch als Kerker. Direkt daneben kommt viel Einkaufscenter… das alles stand bei meinem letzten Besuch vor etwa 40 Jahren noch nicht… da stand der Turm recht einsam in der Gegend und man hatte freie Sicht auf das Neue Rathaus.
Das Neue Rathaus (1907–1911) steht im rechten Winkel zum Alten Rathaus (1496–1498), einem Renaissancebau mit hübschen Giebeln und einem Turm mit Haube und Laterne. Hinter dem Alten Rathaus steht dann noch der Hohe Turm, der aus dem Mittelalter stammt und als Glockenturm der Stadtpfarrkirche St. Jakobi dient… aber nicht direkt zur Kirche gehört. St. Jakobi ist quasi zwischen bzw. hinter den Rathäusern eingeklemmt und kommt von Weitem städtebaulich kaum zur Geltung… auch weil sie nicht sehr groß ist. Die Kirche wurde im Krieg stark zerstört und erst in den letzten Jahrzehnten wieder aufgebaut. Ein Modell im Innenraum verdeutlicht sehr gut, wie stark die Zerstörung war. Eine weitere Besonderheit ist der Westgiebel der Kirche im Jugendstil, gestaltet von den Dresdner Architekten Schilling & Graebner.

Die Chemnitzer Pinguine
Versteinerter Wald

Nach der Kirche begegnete ich noch einigen Pinguinen… passend zur Temperatur… allerdings nur als Bronzeskulpturen von 2004… dann warf ich noch einen Blick auf den versteinerten Wald, der im Foyer eines ehemaligen Kaufhauses ausgestellt ist. Hierbei handelt es sich um ein Zeugnis eines Vulkanausbruchs von vor 290 Millionen Jahren… gefunden im Chemnitzer Stadtgebiet.
Damit war das, was man so Altstadt oder Innenstadt nennen könnte, ziemlich abgegrast… ein paar Sachen kommen morgen und übermorgen noch dazu. Heute hatte ich erst mal Hunger, und so’n Brauhaus-Bier kommt ja auch immer gut… also rein ins Turm-Brauhaus… dort gab es deftiges Essen und leckeres Bier (Hell und Kupfer).
Später gab es noch Guinness im Imagine Pub bei der Bahnstation Chemnitz-Süd… war nicht viel los… Montag halt, aber angenehm… selbst der Chor, der sich dort traf und unvermittelt Arien schmetterte, störte nicht… aber irgendwann kam dann auch das Sandmännchen und holte mich ins Hotel ab, wo ein Teil dieses Textes entstand.

Im Turm-Brauhaus
Im Imagine Pub

Chemnitz ist die drittgrößte Stadt im Bundesland Sachsen. Sie hat 245.000 Einwohner und liegt im Erzgebirgsvorland an dem gleichnamigen Fluss Chemnitz. Die Stadt entwickelte sich im frühen Mittelalter eher langsam, ausgehend vom Kloster St. Marien … erst als 1357 das Bleichprivileg an vier Bürger erteilt wurde, begann langsam eine höhere Bedeutung der Stadt in wirtschaftlicher Hinsicht … es war der Start vor allem in Richtung Textilproduktion, was Chemnitz in den kommenden Jahrhunderten nachhaltig prägen sollte. Die Stadt Chemnitz als Wirtschaftsstandort bekommt ein Stück weiter in diesem Bericht noch einen Extra--Artikel. Ende des 19. Jahrhunderts wurde Chemnitz Großstadt, und 1930 gab es 360.000 Einwohner. Bei Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg wurde die Innenstadt zu 80 % zerstört und überwiegend im Stil des Sozialismus wieder aufgebaut. Obwohl der berühmte Philosoph, Gesellschaftstheoretiker und Kapitalismuskritiker Karl Marx (1818–1883) zeitlebens nie einen Fuß in die Stadt gesetzt hatte, wurde vom ZK der SED und der Regierung der DDR 1953 beschlossen, die Stadt in Karl-Marx-Stadt umzubenennen … was nach der Wende nach einer Volksabstimmung 1990 revidiert wurde.
Chemnitz ist nicht sehr reich an bedeutenden Kunst- und Baudenkmälern aus Mittelalter, Renaissance oder Barock … zumindest wenn man den Vergleich mit anderen Städten vollzieht … es gibt ein altes und ein neues Rathaus, einen roten Turm,  zwei mittelalterliche Kirchen und ein paar Bürgerhäuser, die 1945 nicht vom Bombenhagel untergepflügt wurden. Für jüngere Stilepochen wie Gründerzeit, Jugendstil und Moderne gibt es allerdings hervorragende Beispiele, wie zum Beispiel den Stadtbezirk Kassberg oder das Kaufhaus Schocken. Noch deutlich höher dürften die Herzen der Liebhaber sozialistischer Architektur in dieser Stadt schlagen … soll’s ja geben … da wäre zum Beispiel der Nischel von Karl Marx und gefühlt die Hälfte aller Gebäude der Stadt.
Chemnitz fiel in der Vergangenheit immer mal wieder mit rechten Übergriffen auf, konnte aber (nach meinem persönlichen Gefühl zumindest) in den letzten Jahren mit einem Imagewandel gut gegensteuern, nicht zuletzt durch den Titel der Kulturhauptstadt Europas im Jahr 2025. Berühmte Personen der Stadt sind u. a. der Universalgelehrte Georgius Agricola (1494–1555), der Maler Karl Schmidt-Rottluff (1884–1976), der Schriftsteller Stephan Heym (1913–2001), die Bauhaus-Designerin Marianne Brandt (1893–1983), die Eiskunstläuferin Katarina Witt (*1965) und die Band Kraftklub (seit 2010).

Der Fluß Chemnitz mit der Markthalle
Sozialistische Magistrale... Brückenstraße mit Congress-Hotel
Der zugefrorene Schloßteich mit Schloßkirche und buntem Schornstein

Am zweiten Tag in der sächsischen Metropole am Rande des Erzgebirges standen etliche Kilometer zu Fuß auf dem Plan. Das im weitesten Sinne Stadtzentrum war weitestgehend abgegrast, also ging es ein wenig weiter außerhalb… vorbei an den Pinguinen und über eine Flussüberquerung namens Bierbrücke machte ich die erste Sichtung des Flusses, der der Stadt den Namen verlieh… der Chemnitz. Im Süden der Stadt fließen die kleineren Flüsse Würschnitz und Zwönitz zusammen und heißen für die letzten 37 Kilometer Chemnitz… bevor diese dann in die Zwickauer Mulde mündet.
Neben der Chemnitz steht die Markthalle, ein Bau von 1891, in der neben einem Kabarett auch die Ausstellung Körperwelten zu sehen ist. Ein wenig flussabwärts ging es vorbei am komplett zugefrorenen Schlossteich zur ersten ehemaligen Industrieimmobilie der Stadt… der Schönherr-Fabrik. Nachdem dort anfangs eine Mühle, später eine Spinnerei wirtschaftete, erreichte die Fabrik im 19. Jahrhundert mit über 1600 Beschäftigten ihren Peak als Produktionsort für Webstühle… ein wichtiger Wirtschaftszweig in der für die Textilindustrie so bedeutsamen Stadt und ihrem Umland.
Später, in der DDR-Zeit, wurden dort Teppich-Webmaschinen gefertigt, und heutzutage ist auf dem Gelände ein bunter Mix aus Gewerbe, Kultur und Gastronomie in den denkmalgeschützten Gebäuden mit dem markanten Uhrturm zu finden… das war die erste Spur des sächsischen Manchester.
Da ich nun so weit im Norden war, lief ich noch ein paar Meter weiter bis hinter eine Eisenbahnbrücke und stand dann unweit eines anderen Wahrzeichens der Stadt: dem Schornstein des Heizkraftwerkes Chemnitz-Nord. Mit einer Höhe von über 300 Metern ist er einer der höchsten Schlote Deutschlands, und durch seine farbige Gestaltung trägt er zahlreiche Namen wie „Lulatsch“, Schorsch oder Buntstift. Nachts leuchtet eine Kette aus LED-Leuchten und macht das Bauwerk zu einem Kunstwerk… entworfen vom französischen Künstler Daniel Buren.

Der Uhrenturm der Schönherr-Fabrik
Industrieromantik hinter der Schönherr-fabrik
Der bunte Lulatsch von Chemnitz

  Industriestadt Chemnitz… das Manchester Sachsens… Die größte Stadt Sachsens Leipzig, ist besonders bekannt als Messestadt, Universitätsstadt und musikalische Tradition… Dresden, die zweitgrößte Stadt des Bundeslandes ist als Kunst- und Kulturstadt weltberühmt… und Chemnitz als dritte sächsische Großstadt…? Ganz klar… Industriestadt. Über die Industriegeschichte der 245.000 Einwohner- Stadt könnte man sicher ganze Bände schreiben, was sicher auch anderswo bereits passiert ist… hier die gewohnt kurze Einordnung.
Seit dem 14. Jahrhundert ist Chemnitz von der Textilherstellung geprägt. Als im 15. Jahrhundert im nahen Erzgebirge Silber und andere Erze gefunden wurden, kamen weiterverarbeitende Gewerbe in die Stadt, die in dieser Zeit an Bedeutung gewann. Im 17. Jahrhundert entstanden erste Manufakturen der Textilindustrie mit Schwerpunkt Strumpfwirkerei. Im 18. Jahrhundert prägte die Kattundruckerei (bedruckte Baumwolle) den Wirtschaftsstandort und ab 1798 entstand die erste Maschinenspinnerei… die industrielle Revolution nach englischem Vorbild kam ins Rollen. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich Chemnitz dann zum Zentrum des Maschinenbaus… häufig Maschinen für die Textilindustrie. Es gab Gießereien, es wurden Dampfmaschinen und Lokomotiven gebaut. Im Jahr 1800 gab es in Chemnitz 10.500 Einwohner, 83 Jahre später überschritt die Einwohnerzahl die 100.000’er Grenze und wurde 15. deutsche Großstadt. Durch die vielen rauchenden Schlote der Stadt bekam Chemnitz die Bezeichnung Sächsisches Manchester… was nicht unbedingt als Kompliment verstanden werden sollte, schließlich meint es auch den beruhmt berüchtigten Manchester-Kapitalismus mit aller Ausbeutung der Arbeiterschaft, Umweltverschmutzung und sozialer Schieflage.
Ab dem späten 19. Jahrhundert produzierten die Wanderer-Werke Fahrräder, Motorräder und Schreibmaschinen (Marke Continental). Die Firma produzierte auch Autos namens Wanderer (englisch: Rover) Die Autosparte ging in den 1930ern in der Auto-Union auf und ist in deren Symbol der vierte Ring, den man noch heute an jedem Audi sehen kann. Die Automobilindustrie produzierte auch nach dem Krieg Fahrzeuge, wie den Transporter Barkas B1000. Maschinenbau und Automobilindustrie sind auch heute noch in der Stadt präsent, z.B. das VW Motorenwerk und das Union Werkzeugmaschinen Werk… insgesamt ist die Stadt aber durchaus eine andere geworden… In den 1930ern erreichte die Stadt ihren Höchstwert an Einwohnern… 361.000 waren es… 1945 wurde die Stadt im zweiten Weltkrieg stark zerstört und modern wieder aufgebaut… die Stadt hieß von 1953 bis 1990 Karl Marx Stadt und die Fabriken hießen jetzt auch anders, zum Beispiel VEB Baumwollspinnerei oder Werkzeugmaschinenkombinat „Fritz Heckert“. Etwa 20% der kompletten Industrie der DDR war in Karl Marx Stadt ansässig.
Nach der Wende ging es dann, wieder unter dem alten Namen Chemnitz… wirtschaftlich bergab. Die Einwohnerzahl sank auf etwa 250.000. Für die Zukunft wird übrigens auch gesorgt… die Technische Universität Chemnitz hat ihre Wurzeln in der Zeit der industriellen Revolution und zählt heute zu den größten Hochschulen Sachsens mit über 8 000 Studierenden und rund 2 400 Beschäftigten.

Seltene historische Idylle am Schloßberg
Schlosskirche und Klostergebäude mit Museum
Ausblick vom Schloßberg auf die Innenstadt

Auf dem Weg zurück wollte ich dann die Schlosskirche besichtigen, neben St. Jakobi die einzige erhaltene mittelalterliche Kirche der Stadt… aber schon der Aufstieg zu dem Gebäudekomplex, zu dem auch die Gebäude eines ehemaligen Klosters gehören, in denen heute Teile der Chemnitzer Kunstsammlungen untergebracht sind, war schwierig, da arschglatt und schlecht geräumt. Als ich dann vor der Kirchentür stand, fand ich sie verschlossen vor und musste lesen, dass das Gebäude in den Wintermonaten nicht für Besichtigungen geöffnet ist… schade… eine kleine Anmerkung auf der Website oder bei Google hätte die Rutschpartie sparen können, die auch abwärts nicht ganz ungefährlich war.

Auf der anderen Seite des gefrorenen Schlossteichs ging es dann in den Stadtbezirk Kaßberg. Dieser Bezirk erfreut sich in der Stadt großer Beliebtheit, ist er doch überwiegend von Altbauten aus den Zeiten der Gründerzeit, des Jugendstils und nachfolgender Stile geprägt. Das Gebiet gilt als eines der größten Gründerzeit- und Jugendstilviertel Deutschlands und ist seit 1991 als Flächendenkmal geschützt.

In dem kleinen Bistro Suppkultur gab es ein Schälchen Eintopf zum Mittagessen und dann weiter die Barbarossastraße Richtung Süden. Dort grenzt die Straße an die Zwickauer Straße, eine der Hauptverkehrsstraßen der Stadt, die mit viel Industriegeschichte in Verbindung steht, zum Beispiel der ehemaligen Strumpffabrik Moritz Samuel Esche… um 1900 die größte ihrer Art in Deutschland. Rechts davon sieht man bereits das Industriemuseum und links davon die historische Hochgarage Chemnitz. Das war mein nächstes Ziel…

In Chemnitz wurden ja seit den 1920er Jahren Fahrzeuge gebaut, die Infrastruktur der Stadt war darauf aber noch nicht vorbereitet… etwa bezüglich der Parkmöglichkeiten. 1928 wurde die Hochgarage mit sieben Geschossen und Aufzügen für PKWs gebaut und, da die meisten Fahrzeugbesitzer eh einen Chauffeur beschäftigten, gleich Wohnraum für diese Angestellten mit dazu. Die Immobilie gilt als älteste Hochgarage Deutschlands und beherbergt ein Museum für sächsische Fahrzeuge.

Da mein erstes Auto ja auch eines aus Sachsen war… ein Trabant 601 Kombi, Baujahr 1969… schaute ich mir die Ausstellung mal an. Sie wird von einem Verein geführt und bietet neben historischen Autos (es gab nur zwei Trabbis) vor allem Meilensteine der Zweiräder… Diamant-Fahrräder und vor allem verschiedene Motorräder aller Epochen. An der Rezeption erhält man eine ausführliche Einführung über die Ausstellung und dann bewegt man sich durch eine Ansammlung von viel Metall und leicht mineralölhaltiger Luft… nebenbei laufen historische Videoaufnahmen, z.B. von der Fahrzeugherstellung in den Werken der Auto Union. Nach einer Stunde war ich dann durch und ging weiter zum nächsten Museum.

Im Bezirk Kaßberg
Die ehemalige Strumpffabrik Esche
Die historische Hochgarage Chemnitz mit Fahrzeugmuseum
Motorräder Made In Chemnitz im Fahrzeugmuseum
Autos Made In Chemnitz - Wanderer "Püppchen" von 1913

Passend zur Geschichte der Stadt und zum Thema dieses Ausflugs war es das Industriemuseum… ebenfalls an der Zwickauer Straße gelegen, in den Hallen einer Gießerei, die wiederum zur Werkzeugmaschinenfabrik Escher gehörte. Das 2003 eröffnete staatliche Museum beleuchtet die industrielle Entwicklung im Raum Sachsen in verschiedenen Themenbereichen… Bergbau, Textilindustrie, Maschinenbau, Automobilindustrie etc… und auch im Kontext der sozialen Auswirkungen des „Manchester-Kapitalismus“… ich gebe zu, das Wort Manchester habe ich in der Ausstellung nicht gelesen… wohl aber heimische Firmen wie die Spülmittel-Marke Fit, deren seltsame Form übrigens dem Roten Turm in Chemnitz nachempfunden ist.
Es gab an den vielen Stationen die Möglichkeit, das Thema auf digitalen Wegen zu vertiefen… man hätte also durchaus noch viele Stunden mehr dort verbringen können… aber nach zwei Museen kurz hintereinander war nach gut zwei Stunden dann bei mir erst mal gut.

Eine funktionsfähige Dampfmaschine im Industriemuseum
Querschnitt eines DKW-Original PKW
fit - aus Chemnitz.. dem Roten Turm nachempfunden
Das Industriemuseum... etwas später... von außen...

Ich hatte noch ein paar Außenaufnahmen weiterer Industriebauten auf dem Plan und wollte dann in ein Pub am westlichen Stadtrand… dafür war ich allerdings eine Stunde zu früh und ging nach dem Industriemuseum noch mal den Kaßberg hoch (das Viertel heißt nicht umsonst so) und machte eine Pause im Café „Emmas Onkel“… Kaffee… oder Tee… ok… Bier kostet sogar 20 Cent weniger, dann halt mal ein Bier… nettes Café übrigens…
Danach den Kaßberg wieder runter… inzwischen hatte es amtlich angefangen zu schneien und der Abstieg wurde zu einer Rutschpartie… aber alles gut gegangen. Der Weg in den Stadtteil Schönau führte mich über den westlichen Teil der Zwickauer Straße vorbei an weiteren ehemaligen Industriebauten, manche im Dornröschenschlaf, andere umgestaltet in andere Funktionen… ein ehemaliges Straßenbahndepot, die Gebäude der ehemaligen Braustolz-Brauerei aus der Weite zur Kenntnis genommen…
Dann stand ich vor einem regelrechten Palast der Industriearchitektur: den ehemaligen Wanderer-Werken… über die habe ich im zweiten grünen -Bereich bereits geschrieben. Das fast komplett ungenutzte Areal strahlt durchaus etwas Faszinierendes aus… wie viele Leute dort jahrzehntelang geschuftet haben, was für international anerkannte Produkte dort gefertigt wurden… dann steht dort eine sehr große Immobilie, die ohne Denkmalschutz längst abgerissen wäre.
Der starke Schneefall und die Dunkelheit brachten sicher keine Fotos ein, die das gut darstellen… die Bilder haben aber auch was.
Inzwischen war es 18:00 Uhr und „Lienau’s Pub“ hatte die Pforten aufgeschlossen. Es muss seltsam ausgesehen haben, als ich als Schneemann getarnt als erster Gast reinkam… aber das machte nichts… das Guinness war lecker und Gastwirt Torsten jemand, mit dem ich schnell ins Gespräch kam… quasi unter Kollegen. Lienau’s Pub bietet neben Guinness noch viele weitere Biere und Cider vom Fass, eine gute Auswahl an Whiskys, Sport-TV, Darts, Online-Games und regelmäßig Livemusik. Im Sommer gibt es einen großen Außenbereich und man kann sich sogar in der hauseigenen Pension einmieten… quasi… Wenn Pub in Chemnitz: Lienau’s Pub in Schönau… etwas abseits, aber ein paar Meter weiter fährt eine Tram ins Zentrum… was ich dann auch irgendwann nutzte… und daheim im Hotel nicht mehr an diesem Bericht schrieb… da war ich nämlich knülle von diesem großen Wandertag durch das ehemalige sächsische Manchester… von dem ich heute viele Indizien finden konnte.

Altes Strassenbahn-Depot... heute "Garagen-Campus"
Die ehemaligen Wanderer Werke in Schönau
Im Lienau's Pub

Am dritten Tag stand die Abreise auf dem Plan, vorher hatte ich jedoch noch einige Stunden Zeit, die ich auch bewusst nicht verplant hatte. Nach dem Frühstück widmete ich mich etwas dem Text dieses Berichtes, Check-out war dann um 12:00 Uhr und ich machte meinen Museums-Marathon voll… man muss an der Stelle mal anmerken… in meiner Stadt Berlin… in der ich seit ziemlich genau 35 Jahren lebe… habe ich Museen besichtigt… ähm… keine Ahnung… jedenfalls deutlich weniger als in den letzten Jahren irgendwo anders…
Direkt neben meinem Hotel befindet sich ein sehr interessantes Bauwerk, das ehemalige Kaufhaus Schocken, erbaut 1929 bis 1930 von Erich Mendelsohn im Stil des Neuen Bauens, oder auch der Klassischen Moderne. Charakteristisch ist die bogenförmige Front mit horizontalen Fensterbändern… das war damals etwas komplett Neues. Die Gebrüder Schocken hatten mehrere Kaufhäuser in verschiedenen Städten, ihr Konzept war weniger auf Luxusartikel gerichtet als das der Konkurrenz, z.B. Tietz. Bald nach der Öffnung des Kaufhauses gab es Probleme, denn die Familie Schocken war jüdisch, wurde später vom NS-Regime enteignet und emigrierte.
Das Gebäude diente viele Jahre weiter als Kaufhaus, auch in DDR-Zeiten und nach der Wende als Kaufhof. Seit 2014 beherbergt das Warenhaus das Staatliche Museum für Archäologie Chemnitz, kurz: smac. Dort bietet eine umfassende Dauerausstellung Archäologie in Sachsen von der Steinzeit bis zur industriellen Revolution auf drei Etagen. Parallel gibt es an der gebogenen Straßenfront eine weitere Dauerausstellung über das Kaufhaus Schocken, den Architekten Mendelsohn und die Familie Schocken.
Ich hatte ja alle Zeit der Welt und schlenderte durch die Ausstellung, die vormittags gern von Schulklassen frequentiert wird… für die jüngeren Besucher gibt es eine Menge zu entdecken… kleines Fazit: alle drei Museen in Chemnitz, in denen ich war, sind sehr zu empfehlen.

Das Kaufhaus Schocken, links davon mein Hotel
Im Archäologischen Museum
Dauerausstellung über das Kaufhaus, seinem Architekten und der Gründerfamilie

Nun war noch Zeit übrig, der erste Zug Richtung Heimat war für kurz nach 16:00 Uhr geplant, so blieb noch Zeit für ein ordentliches Mittagessen im Turm-Bräu. Als ich mir gerade mein Schnitzel schmecken ließ, kam dann die offenbar unvermeidbare Nachricht aus dem Hause Deutsche Bahn: Verbindung fällt aus. Nun gut… also ein bisschen früher zum Bahnhof, dann via Leipzig mit dem ICE gefahren und sogar noch 40 Minuten früher als geplant am Gesundbrunnen angekommen.
Schön war’s mal wieder… und die Frage, ob Chemnitz die alte, graue Stadt ist, wie ich sie als Kind in Erinnerung hatte… nein, ist sie nicht, wenn man keine übertriebenen Erwartungen an eine Stadt hat, die von jeher mehr für Wirtschaft und Industrie gelebt hat als von Kunst und Schönheit. Sicher hat die Wahl zur Kulturhauptstadt Europas der Stadt einen ordentlichen Schub nach vorne gegeben, und ich bin auch sicher, dass Chemnitz im Sommer noch deutlich hübscher aussieht, als es jetzt im kalten Februar der Fall war.
In puncto Gastronomie braucht sich Chemnitz keinesfalls vor der Konkurrenz aus Leipzig oder Dresden zu verstecken… ich hätte noch reichlich Anlaufpunkte gehabt… aber zwei Abende sind halt nicht viel… und noch ein Wort zu den Menschen in Chemnitz… da ich ja selbst aus der Region stamme, war ich nicht sehr überrascht, wie freundlich man dort ist… ich hatte es nur zu Hause im… na ja… nennen wir es diplomatisch: weniger freundlichen Berlin… etwas vergessen.
Mein herzlicher Dank gilt Nina und auch Xander, die in meiner Abwesenheit in Berlin Schnee geschippt haben.

Es folgen ein paar Bonus-Bilder:

Im Brauhaus... mit Blick aufs Neue Rathaus
Das Judith-Lucretia-Portal (1559) am Alten Rathaus
Stadtpfarrkirche St. Jakobi - Inneres nach Osten...
...und die Jugendstil-Westfassade
Unter Pinguinen
Ein wenig Patina... altes Motorrad im Fahrzeug-Museum
Der expressionistische Uhrenturm der Schubert & Salzer Werke
Die Wanderer Werke im Schneegestöber

McLarsen’s Irische Tagebücher #5: Belfast (November 2025)

Berlin im Dezember 2025… Ende November heißt es zum fünften Mal: Irland… mit meinem Freund André… von Freitag bis Montag in einer vorher ausgesuchten Gegend… nach Donegal, Limerick, Galway und Kilkenny heißt es dieses Jahr: Belfast. Zu unserer ersten Exkursion im Vor-Corona-Jahr 2019 konnten wir noch auf dem Weg nach Donegal Belfast direkt anfliegen. Seitdem hat sich einiges geändert in der Welt… Pandemie, Krieg und vollzogener Brexit machen den Unterschied aus. Belfast ist für die Fluglinien kein attraktives Ziel mehr. Damals arbeiteten und lebten viele Polen im Vereinigten Königreich, und die Nähe Berlins zu Polen wurde von diesen Leuten gern genutzt… nunmehr ist das zumindest in der hohen Anzahl nicht mehr der Fall, und so fliegt man nunmehr entweder mit 2 Fliegern oder aber die gewohnte Route nach Dublin und dann auf der Straße weiter nach Belfast. Letztere Möglichkeit nutzten wir in diesem Jahr… und zwar mit dem Bus. Stündlich verkehrt ein moderner Reisebus zwischen der Hauptstadt der Republik Irland und der Hauptstadt des britischen Landesteiles Nordirland… Fahrdauer: 2 Stunden. Man kann die Linie vorab buchen, da wir nicht sicher waren, ob der Flieger pünktlich kommt, hatten wir vorsichtshalber eine Stunde später gebucht. Es war aber auch gar kein Problem, mit dem Ticket eine Stunde früher zu fahren… das ist wahrscheinlich eher ein Problem, wenn die Verbindung stärker frequentiert wird. Um 14:30 parkte der Bus dann an der gerade neu gebauten Grand Central Station zu Belfast und wir machten uns auf den Weg zu unserer Unterkunft, einem Zimmer in Harpers Apartments in der University Street, die, wie der Name schon andeutet, im Universitätsviertel unweit vom Botanischen Garten liegt. Nach gut 20 Minuten waren wir dort und konnten unser Gepäck abstellen. Die ganze Zeit sahen wir in dem Haus keinen Menschen… wir hatten einen Code, der zu den Türen passte. Das Apartment war ordentlich… es fehlte an nichts. Nun war es aber an der Zeit, die letzten Minuten vor Einbruch der Dunkelheit zu nutzen und unseren Einführungs-Spaziergang anzubrechen. André war bereits ein paar Mal in der Stadt und kannte sich dementsprechend auch ganz gut aus… ich hatte die Wochen davor bereits die Landkarte studiert und war auch nicht orientierungslos… ich freue mich ja immer, wenn es vor Ort wirklich so aussieht wie auf Google Maps. Spaziergang ist gut… aber Durst ist nicht gut… also trug es sich zu, dass um 15:30 Uhr die ersten Pints Guinness auf dem Tisch standen… in der Bar Laverys.

...zumindest die ersten Pints sollten dokomentiert werden... im Laverys

Nach ein paar weiteren Pints ging es weiter stadteinwärts, vorbei an der Ulster Hall mit einer lebensgroßen Bronze-Statue von Rory Gallagher, dem berühmten irischen Blues- und Rockgitarristen, der eigentlich aus den County Donegal stammte… musikalisch steht man wohl auf der irischen Insel eng beieinander… außerdem ist Belfast eine „City Of Music“… eine UNESCO-Musikstadt… bei denen ist das Ziel, das kulturelle Erbe der Musik zu schützen, zu fördern und für die breite Bevölkerung zugänglich zu machen… in UK gibt es davon etliche Städte, u.a. Liverpool und Glasgow. Wir kamen am dominantesten Bauwerk der Stadt vorbei, der City Hall. Dieses Rathaus zeugt von der einstigen Bedeutung und dem Reichtum der Stadt, welche vor allem als Hafenstadt und vom Werft-Standort kommt. Die City Hall ist ein Bauwerk im Stil des Neobarocks vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Um den Komplex mit der über 50 Meter hohen Kuppel ist ein kleiner Park mit allerlei Statuen und Denkmälern… der größte Teil davon war gerade als Weihnachtsmarkt belegt und das Gebäude blau angestrahlt.

Alt und Neu im Stadtzentrum: Ulster Hall...
...mit der Rory Gallagher Statue... gimme the blues...
Die City Hall mit Weihnachtsmarkt

Auf Grund der Tatsache, dass wir bereits ein „paar Töppe gezogen“ hatten (Insider wissen, das André das gerne sagt) , mussten wir bald wieder nachlegen… erst mal gar nicht so wegen dem Durst, aber auf Einnahme folgt bekanntlich die Restrückführung der Getränke… hätte auch sagen können, wir mussten mal… also ins nächste Pub… das war in unserem Falle die Whites Beer Hall und man konnte es deutlich merken… es war halt Freitagabend… entsprechend voll waren jetzt sämtliche Pubs im Zentrum der Stadt. Die Commercial Court, eine winzige Straße ohne Autoverehr im Cathedral Quarter, gelegentlich auch Umbrella Street genannt, ist das Highlight für Partygänger im Zentrum, in ihr befindet sich das Duke Of York, eine der bekanntesten Pubs der Stadt… dort war natürlich amtlich voll und wir beschlossen, den Laden morgen nachmittag (wo er vermeindlich leerer ist) zu erkunden. Das nächste Pub war dann das 39 Gordon Street, wo „Come On Eileen“ der Song ist, an den ich mich erinnere. Es ging danach langsam in die Rückwärts-Bewegung.

Tresen-Romantik im Whites
Zentrum des Belfaster Frohsinns: Commercial Ct. mit den Umbrellas...
...und auch äußerlich mit vielen dekorativen Details.

Wir kamen zum Pub Bittles Bar. Es liegt in einem spitz zulaufenden Gebäude, was an dieses berühmte Hochhaus in New York erinnert (Flatiron Building)… allerdings etwa 70 Meter kürzer. Das Pub passt sich dem spitzen Winkel an und hat mir von Anfang an gefallen… ich war sicher, dass wir wiederkommen werden. Danach ging es weiter Richtung Unterkunft… aber das dem Bett naheste Pub mussten wir natürlich auch noch erkunden… quasi für alle Fälle, es war das Hatfield House wenige hundert Meter von der Unterkunft entfernt. Ein letztes Guinness reichte uns beiden, bevor wir beide in unser Apartment schwebten und ohne große Not in den Schlaf fanden.

Bittles Bar... aber ihr könnt ja auch lesen...
Motto des Ladens ist übrigens "No Half Pints"... they're right

Belfast ist die Hauptstadt von Nordirland, einem Landesteil des Vereinigten Königreichs Großbritannien und Nordirland. Die Stadt hat etwa 343.000 Einwohner und ist die zweitgrößte Stadt der irischen Insel – nach Dublin, der etwa zwei Autostunden entfernten Hauptstadt der Republik Irland. Die City liegt im Nordosten der Insel an der Mündung des River Lagan. Zu einer großen Stadt wurde Belfast erst im 19. Jahrhundert… 1888 bekam sie von Queen Victoria das Stadtrecht. Bedeutende Standorte der Industrie waren seinerzeit die Textilindustrie und der Schiffsbau… besonders berühmt war die damals weltweit größte Werft Harland & Wolff… diese bauten schließlich eines der berühmtesten Schiffe der Welt, auch wenn die Berühmtheit eine tragische war… das Schiff war schließlich die Titanic.
Tragisch war auch die weitere Geschichte der Stadt, die eine geteilte war und die Bühne für die „Troubles“ war, den blutigen Konflikt zwischen den katholisch geprägten irischen Republikanern und den protestantischen Anhängern des Vereinigten Königreichs. Seit dem Karfreitagsabkommen von 1998 herrscht größtenteils wieder Ruhe, und die Stadt blüht nach langer Zeit langsam auf.
Sehenswürdigkeiten sind die City Hall (klingt ein bisschen pompöser als Rathaus), ein Stadtkern aus überwiegend viktorianischer Zeit. Es wurde ein Titanic Quarter auf dem Gelände der mittlerweile liquidierten Werft mit einem architektonisch bemerkenswerten Titanic-Museum sowie Hotel- und Büro-Bauten errichtet. Über das gesamte Stadtzentrum sind sogenannte Murals, also großflächige Gemälde an Hausmauern, zu besichtigen, die häufig von den Narben der Troubles handeln, die zwar getackert, aber noch nicht vollständig verheilt sind.

Blick zur City Hall

Am nächsten Morgen ging es zum Frühstück in eine Filiale der Restaurant- und Kneipenkette Wetherspoons… nicht unbedingt, weil wir Fan des Brexiteers Tim Martin sind, aber wenn man ein super Frühstück mit allem Drum und Dran inklusive Kaffee-Flatrate zum Preis eines Pints Guinness haben kann, dann vergisst man mal kurz die eigene Political Correctness… Gut gestärkt liefen wir dann zum Platz an der City Hall, von dort fahren alle Busse sternförmig in alle Richtungen der Stadt. Wir nahmen den Bus Richtung Norden… Ziel war das Belfast Castle. Wir hatten den Touri-Platz vorne oben auf dem Doppeldecker und fuhren etwa 15 Minuten zum etwas abgelegenen Castle. Das Wetter war durchwachsener als vorgesehen, aber pünktlich zum Ausstieg war die Regenwolke weitergezogen.

Nicht gerade Hollywood… aber ein kleiner Eindruck von Belfast aus dem Linienbus…

Das Belfast Castle steht am Hang des Berges Cave Hill (370 m). Es ist ein Bauwerk aus dem 19. Jahrhundert und wird heute als Museum genutzt. Besonders schön war der Ausblick vom Castle auf die Stadt, insbesondere auf das Hafengebiet… einen schönen Garten gibt es dort auch zu besichtigen. Rückzu ging es dann per pedes, und zwar bergab und auf Nebenstraßen, vorbei an einem See und dem Park Waterworks, wo sich Unmengen von riesigen Kanadagänsen tummelten… als ob Weihnachten nicht vor der Tür stünde.

Das Belfast Castle
Blick vom Castle auf Hafen und Titanic Quarter
André bei der Wahl des Weihnachtsgerichts im Waterworks Park

Einige Zeit später waren wir wieder zurück in der Nähe des Stadtzentrums am Carlisle Circus, dem Kreisverkehr, der in dem Bus-Video zu sehen ist. Es war inzwischen 12:00 Uhr und wir hatten einige Kilometer auf dem Tacho und kamen zufällig an der Criterion Bar vorbei und waren uns nach kurzer Überlegung einig, dass der erste Pint des Tages nicht länger warten sollte. Bevor es dort aber zu gemütlich wurde, ging die Erkundung weiter… nicht sonderlich weit… wenige hundert Meter entfernt gibt es das Crumlin Road Gaol Prison… ein 1996 geschlossenes Gefängnis, welches als Museum besichtigt werden kann. Wenn man aber nur mal schnell gucken will, geht das auch im Visitor Center, wo eine kleine Ausstellung zumindest einen kurzen Eindruck von der speziellen Immobilie vermittelt. Seit etwa 10 Jahren produziert in einem Flügel des Knastes die Belfast Distillery Company. Die Firma ist größtenteils das Kind eines Busfahrers, der im Lotto gewonnen hat und statt einer Herren-Boutique in Wuppertal das Geld in eine Whiskybrennerei in Belfast investiert hat. Die bekannte Marke der Brennerei heißt McConnell’s. Wir schauten uns auch hier im Visitor Center um, eine Besichtigung mit anschließender Verkostung hätte aber unseren Tagesplan durcheinandergebracht.

Crumlin Road Gaol Prison
Im Westflügel residiert die Belfast Distillery
...noch als Knast zu erkennen... Visitor Center der Brennerei

Unser weiterer Weg führte uns in die dunklen Ecken der Stadt. Jeder hat irgendwann mal irgendwas über Mord, Totschlag, Terror im Nordirland-Konflikt gehört… der nordwestliche Teil von Belfast zeigt die Spuren davon. Die Gegend ist ein wenig beklemmend, man sieht Tore an ganz normalen Straßen, die damals zu gewissen Zeiten geschlossen wurden, man sieht Mauern, über deren Höhe Walter Ulbricht neidisch gewesen wäre… man sieht eine ziemlich hässliche Gegend, die ein Mix aus Wohnblöcken, Industriegebiet und Brachflächen ist… im grauen Spätnovember Belfasts nicht gerade da, wo man heimisch sein mag… aber das Leben ist nicht immer ein Wunschkonzert und heute ist es weitaus ungefährlicher als vor dem Karfreitagsabkommen von 1998. An vielen Ecken gibt es Mahnmale über die Zeit des Terrors… von beiden Seiten des Konflikts. Die Gedenkstätten werden vom Tourismus angesteuert und Zeitzeugen geben vor Ort Auskunft… wir waren nur am Rande Zeugen davon… aber die Leute, die dort referierten, hatten noch ziemlich viel Emotionen in ihren Ausführungen (oder war es Hass?)… Es gibt sicherlich viele Narben der Geschichte, die nur schwer heilen… ich war froh, als wir dann wieder die Richtung Innenstadt ansteuerten.

Eine von vielen Gedenkstätten des Terrors...
...die Erinnerungen werden bewahrt...
Die Belfaster Mauer ist heute bunter als früher...
..die bunten Mauern übertünchen die Tristesse

Zurück im Stadtzentrum gab es erstmal ein Irish Stew in einem veganen Imbiss… das hatten wir beim Reinkommen gar nicht bemerkt… statt Fleisch hatte der Eintopf Champignons… genau wie ich das in der vegetarischen Version des kulinarischen Klassikers im Offside auch mache… die konnten das aber auch gut 😉 Plötzlich waren wir wieder im Commercial Court und wir wollten ja noch das berühmte Duke Of York kennenlernen… nun gut… es war inzwischen auch bereits 16:00 Uhr und wenn der Laden abends zuvor voll war, dann war er jetzt rappelvoll… aber das beeindruckt mich immer wieder… irgendwo findet man immer einen Platz zum Trinken… was das Pub angeht… ich hab ja schon viel gesehen und das Offside ist ja auch alles andere als schlicht… aber dort weiß man wirklich nicht, wo man als Erstes hingucken soll… dann diese Unmenge an Menschen und eine Geräuschkulisse wie auf dem vollsten Bahnhof der Welt… war schön gewesen… nach einem Pint ging es dann aber trotzdem weiter… viel leerer war es aber im Thirsty Goat auch nicht… egal… jedenfalls war dort irgendwann das Guinness alle (!)… Sakrileg! Zum Glück gibt es Alternativen und die Bittles Bar von gestern war ja prima… wir mussten einige Zeit (mit Bier) draußen warten, bis wir drinnen Platz fanden. Es war dann so gegen 20:00 Uhr, als wir dann grob Richtung Unterkunft steuerten… natürlich nicht, um dort anzukommen, sondern die letzte Station zu beginnen. Es war das Empire, Pub und Veranstaltungsort für Konzerte und andere Events… direkt gelegen an der Bahnstation Botanic. Wir hatten Glück, einen kleinen Tisch auf der Empore zu ergattern und stärkten uns mit Speis und Trank, begleitet von Premier League auf den Leinwänden… war wieder prima… irgendwann waren wir dann durch mit dem Tag und es ging ab ins Bettchen.

Interior im Duke Of York
Politische Kunst In Bittles Bar (ich kann sie nicht erklären)

Das pulsierende Stadtzentrum am Samstag-Abend…

...und am Sonntag-Morgen...

Den dritten Tag starteten wir wieder beim Wetherspoon zum Frühstück, dann schlenderten wir durch die komplett verwaiste Stadt, die gestern noch so belebt war… wahrscheinlich waren die Feierbiester noch müde und der andere Teil in der Kirche… es war schließlich Sonntag. Eine Kirche war auch die erste Station, nämlich die Belfast Cathedral, ein recht großer Bau im Stil der Neoromanik, geweiht 1904. Vor ein paar Jahren bekam die Kirche eine 40 Meter hohe Stahl-Nadel auf das Dach… warum auch immer… Da sie Eintrittsgeld von… ich glaube 8 €… haben wollten, reichte uns die Außenansicht.

Die Belfast Cathedral mit ihrer Nadel
Auf dem Weg ins Titanic Quarter begegneten wir einen Fisch

Unser nächstes Ziel war das Titanic-Quarter, also der Teil Belfasts, an dem früher die größte Werft der Welt stand… Harland & Wolff. Ein Teil des Gebietes, das sich ganz schön in die Länge zieht, ist auch heute noch Gewerbegebiet, früher malochten hier bis zu 30.000 Arbeiter, heute sind es wohl eher um die 200. Das Viertel macht sich schick, alte Industriearchitektur steht neben modernen Neubauten. Am auffälligsten ist das Titanic Belfast Museum, ein Gebäude mit Anklängen an Schiffsformen… 38 Meter hoch… genau wie die Titanic. 2012, also genau 100 Jahre nachdem das Schiff bei seiner Jungfernfahrt sank, wurde das Gebäude von Queen Elizabeth II. eingeweiht. Eintritt kostet gar 28 € oder so… und da wir ja den Film kennen und wissen, dass Jack nicht überlebt hat, sparten wir uns diese Weiterbildungsmaßnahme. Es gibt ein Visitor-Center und einen riesigen Shop mit allem… wirklich allem Tinnef zum Thema Titanic… bemerkenswert. Wir streiften weiter über das Gelände, das auch weiter bebaut wird. Am Ende liegt die HMS Caroline, ein Ex-Kriegsschiff zur Besichtigung, und im ehemaligen Pump House eine weitere junge Whiskybrennerei… sie heißt… ihr werdet es ahnen… Titanic Distillery. Auch hier gab es nur einen kleinen Schlenker durch das Visitor-Center und die Brennblasen konnte ich auch durchs Fenster fotografieren… sogar mit der HMS Caroline in der Reflexion.

Am River Lagan im Titanic Quarter

Das Titanic Belfast Museum
Der Lagan auf dem Weg in die irische See... mit Fähranlegern
Die HMS Caroline ... im Hintergrund die Titanic Distillery
Brennblasen und Kriegsschiff hatte ich noch nie auf einem Bild...

Eine kurze Erwähnung sollte auch das Wetter erhalten… es war tagsüber überraschend schön… was dann auch viele tolle Bilder ermöglichte. Nach dem Titanic Quarter ging es dann zurück in die Innenstadt… vorbei am Albert Memorial Clock Tower… ein Mini-Big Ben mit leichter Neigung. Nächstes Ziel war der St. George’s Market, eine riesige, alte Markthalle, in der so einiges los war. Um bestmöglich in die Atmosphäre dieses alten Gebäudes aus viktorianischer Zeit eintauchen zu können, wählten wir einen Emporenplatz und zwar mit den ersten Pints als Verpflegung… immerhin eine Stunde später als gestern… hat Spaß gemacht, als Belfaster wäre ich sicher öfters da.

Albert Memorial Clock Tower

Im St. George’s Market

Promenade am River Lagan

Nach einer Weile ging es dann aber weiter, entlang des schönen Uferweges des Lagans Richtung Botanischer Garten. Gegen 15:00 Uhr erreichten wir den Park und besichtigten das Palmenhaus… ein Bau aus dem Jahr 1839 mit viel seltener Flora. Gleich nebenan befindet sich das Ulster Museum, was sogar gratis gewesen wäre… aber wir wollten lieber ins Botanic Inn schräg gegenüber und neben Guinness trinken ein wenig Fußball schauen… meine Liverpooler haben gerade eine kleine Krise… aber heute hat mal wieder ein Sieg geklappt… cheers… Auf der anderen Straßenseite befindet sich das Post House… ein weiteres Pub, in dem wir dann auch feste Nahrung einnahmen. Es war danach schon dunkel und als wir wieder rauskamen, war das schöne Wetter weg und es regnete reichlich. Wir beschlossen, den Tag im Empire zu beenden und liefen vorbei an den schönen Gebäuden der Universität zu dem Platz, der gestern noch aus allen Nähten platzte… sonntags ist das deutlich entspannter. Es gab Livemusik mit zwei jungen Künstlern, deren Soundcheck deutlich länger dauerte als der eigentliche Set… trotzdem nett… vielleicht sind sie in ein paar Jahren berühmt und wir waren dabei. Irgendwann ging es dann wieder in die Unterkunft und damit der Trip auch langsam zu Ende.

Das Palmenhaus im Botanischen Garten
Die Universität von Belfast

Am nächsten Morgen ging es nach dem Frühstück zurück zur Grand City Station… Bus nach Dublin… reichlich Aufenthalt auf dem Airport, Flug nach Berlin, FEX zum Gesundbrunnen. Schön war’s mal wieder… Belfast ist eine sehr interessante Stadt mit vielen Facetten… es hat sich absolut gelohnt, sie mal kennenzulernen… sicher nicht die schönste Stadt, aber ein Ort mit Charakter und Geschichte… mal sehen, wo es uns nächstes Jahr hin verschlägt. Mein Dank gilt Nina, die zuhause die Stellung gehalten hat und mich auch vertreten hat.

Auf dem Rückflug

Wie immer folgen noch ein paar Fotos …ohne viel Worte…

Am Belfast Castle
...hatten wir... versprochen...
Cocktails wiederum hatten wir nicht...
In der Belfast Distillery
...und in der Titanic Distillery
Im Titanic Quarter
Malerei auf Hauswänden hat in Belfast Tradition
Letzter Abend mit Livemusik

McLarsen im Land der tausend Biere V. Buttenheim & Forchheim (September 2025)

Berlin, 08.10.2025… Zum fünften Mal trafen sich Ende September 7 Kumpels aus Potsdam und Berlin, deren größte Schnittmenge die Beziehung zum Offside ist, Zur Bierwanderung durch Franken. Hier folgt ein kurzer Abriss der zwei Wandertage… es mag ausführlichere Reiseberichte von mir geben, aber die Abläufe sind ähnlich und ich werde es kurz halten. Anreisetag war Donnerstag, 25.09.2025. Ich kam von meinem Aufenthalt in Augsburg, über den hier gelesen werden kann, der Rest mit Auto bzw. Bahn aus Berlin. Residenzstadt ist die Ortschaft Buttenheim, 15 Kilometer südlich von Bamberg, 45 Kilometer nördlich von Nürnberg. Der Ort hat etwa 3700 Einwohner und ist Geburtsort von Jeans Erfinder Levi Strauss. Was die Gemeinde selbst für uns interessant machte, ist die Tatsache, dass sie inmitten von Bierfranken liegt und mit Löwenbräu und St. Georg selbst zwei Brauereien hat. Unterkunft bezogen wir im Hotel am Markt im Ortskern, direkt gegenüber von den Brauereien. Die Bahn tat mal wieder alles, dass ich trotz kürzestem Weg als Letzter erschien. Leider waren zu der Zeit alle drei Gaststätten im Ort geschlossen… seit Corona konzentriert man sich auch hier auf das Wochenende. Bis zur Öffnung eines etwas weiter gelegenen Gasthauses um 17:00 Uhr erfreuten wir uns erst mal über die liebevoll mit lokalem Bier bestückten Kühlschränke des Hotels. Danach setzte sich die Truppe in Bewegung zum 2 Kilometer entfernten Restaurant Eggloffsteiner Hof, in dem es ein deftiges Abendbrot und fränkisches Bier gab. Nach der Rückkehr ins Hotel ließen wir mit dem einen oder anderen Kühlschrank-Bier den Anreisetag ausklingen.

09:30 Uhr... Start der großen Wanderung am Hotel
Der Weg am Main-Donau Kanal
10:30 Uhr... zweites Frühstück

Um 09:30 startete der flotte Sechser (Hansi war das Schnitzel vom Vortag auf den Magen geschlagen) Richtung Hirscheid. Am Ufer des Main-Donau-Kanals liefen wir gut 4 Kilometer zum ersten Ziel: dem Brauerei-Gasthof Kraus. Dort gab es die ersten Krüge des Tages, bevor es dann auch bald weiter ging. Von Hirscheid aus liefen wir irgendwie querfeldein nach Matthias’ Wander-App. Der Weg, der gefühlt nur bergauf ging, konnte nicht alle überzeugen… aber irgendwann standen wir dann vorm Gasthof Walz in Rothensand, und ein frisches Bier konnte durchaus helfen. Die nächste Station war das etwa 4 Kilometer entfernte Brauhaus am Kreuzberg… für Berliner ja schon wegen des Namens ein Pflichtbesuch. Das Brauhaus, inmitten der Pampa, war riesengroß und modern, mit Selbstbedienung und der Möglichkeit von Erlebnis-Führungen… nun ja… das Essen war gut und das Bier lecker… die Atmosphäre wurde dann aber auch schnell als Ort mit dem Charme einer Autobahn-Raststätte betitelt…
Auf Social Media antwortete jemand darauf, dass da im Sommer mehr Leute sind als auf der A9 nach Berlin… kann ich nachvollziehen… fand es trotzdem nicht schlecht.

Auf dem Weg zum Kreuzberg
Brauhaus am Kreuzberg

Die nächste Station war – kaum einen Kilometer entfernt – der Bierkeller Roppelt in Stiebarlimbach… dort war eher das Gegenteil zum Kreuzberg zu sehen… klein, sympathisch und überhaupt nicht überlaufen… aber es war Ende September, und die Biergartensaison neigte sich eh dem Ende entgegen.
Apropos… das Wetter war für unsere Wanderung absolut genial – wir hatten 16 Grad, es war bewölkt und trocken.
Weiter ging es dann nach Hallerndorf zur Brauereischänke Rittmayer. In unseren Planungen hatten wir offen gelassen, ob wir hier die Wanderung nach etwa 15–17 km gemütlich ausklingen lassen und mit einem Taxi zurückfahren, oder aber weiterwandern. Die Antwort bot der Gasthof Rittmayer selbst… dort war nämlich geschlossene Gesellschaft in Form einer Hochzeit (natürlich nirgendwo kommuniziert). Freundlicherweise wurde uns dort aber ein Bier vor der Schänke genehmigt… weiter ging es dann, vorbei an äußerst aggressiven Gänsen, zwei Kilometer zur Gastwirtschaft Georg Schwarzmann nach Trailsdorf. Dort war es gnadenlos überfüllt, und wir liefen gleich weiter zur Brauerei Witzgall. Dort sah es gar geschlossen aus, aber durch einen versteckten Geheimeingang kamen wir auf einen kleinen Hof und bekamen ein hausgebrautes Kellerbier, was ich durchaus sehr lecker fand.

Im Bierkeller Roppelt

Inzwischen war es 18:00 Uhr, und vor dem Rückweg bedurfte es noch einer Einkehr zum Abendessen. Also wurde die Tour mal spontan umgeplant und führte uns nach Eggolsheim in die Gaststätte „Blaue Maus“. Hierbei handelt es sich um die älteste deutsche Malt-Whisky-Distillery – bereits seit 1983 wird hier Whisky hergestellt. Es war durchaus ein Zufall, dass unsere Truppe, die sich hauptsächlich wegen Whisky kennt, eher zufällig an diesen Ort einfindet.
Das Restaurant war gut besucht, aber wir hatten Glück, dass wir einen Tisch für 7 Personen bekamen… Hansi war wieder fit und kam mit dem Auto dazu. Es war ein schöner Abschluss des ersten Wandertages – ein Teil der Wandergruppe machte die 30 Kilometer noch voll, ich und andere fuhren dann aber auch gerne mit Hansi im Auto zurück.
Ich hatte 35.000 Schritte, etwa 25 Kilometer und einige Liter Bier auf dem Tacho… nun war ich einigermaßen platt und hatte keinerlei Probleme, sofort ins Bett zu fallen.

Blaue Maus... aber steht ja drauf...
Whiskydestillerie Blaue Maus

Der zweite Wandertag am Samstag hatte deutlich weniger Kilometer auf dem Plan. Das Ziel war die Stadt Forchheim mit drei Brauereien und einer enormen Ansammlung von Bierkellern. Die Stadt Forchheim ist Kreisstadt des gleichnamigen Landkreises, hat etwa 34.000 Einwohner und eine kleine, hübsche Altstadt. Wir nahmen die Bahn und fuhren etwa 10 Kilometer bis zum Bahnhof Forchheim-Nord. Als Erstes wollten wir die Brauerei Greif besuchen, aber vor Ort mussten wir erfahren, dass die gastronomische Abteilung gerade im Urlaub ist… auch das hätte mal irgendwie kommuniziert werden können… nun ja… die Gastwirtschaft Achhörnla war auch nicht weit und so gab es das erste Bier des Tages gegen 11 Uhr und es gab Staffelberg-Bräu.

Start zum zweiten Wandertag

Anschließend gab es eine kleine Besichtigung der Altstadt… es gibt Fußgängerzonen, Fachwerk und Reste der Stadtbefestigung. Direkt im historischen Stadtzentrum, gegenüber vom Rathaus, befinden sich die anderen beiden Brauereien der Stadt: Neder und Hebendanz… nur zwei Häuser auseinander. Ihre Schankstuben waren bereits gut besucht und in beiden Lokalen ging es sehr volkstümlich zu… das Bier war wie erwartet fränkisch gut.

Besichtigung der Forchheimer Altstadt
Die Brauhäuser Hebendannz (links) und Neder (rechts)

Danach ging es auf den Kellerberg, Deutschlands warscheinlich größtem Biergarten… insgesamt 23 Bierkeller befinden sich auf dem Berg im Osten der Stadt. An dem Samstag, an dem wir da waren, hatten nur wenige geöffnet, aber man kann sich gut vorstellen, was hier im Sommer abgeht, etwa am Annafest im Juli, wo alle aufhaben. Was wir dann wann und wo getrunken haben, ist mir entfallen, ein Highlight war jedenfalls das Schäuferla, das ich mir zum Mittag gegönnt habe… ein besseres hatte ich noch nicht mal in Bamberg. Inzwischen wurde es bereits ein wenig dunkler und die Gruppe machte sich langsam auf den Weg zurück. In Buttenheim ließen wir den Tag dann langsam im Löwenbräu ausklingen, was auch nochmal sehr schön war.

Bierkeller auf dem Forchheimer Kellerwald

Am nächsten Morgen gab es zum letzten Mal das sehr gute Frühstücksbuffet von den Hotels der Familie Schuberths, die ich an dieser Stelle gerne empfehlen möchte. Es war wieder eine gelungene Zeit miteinander. Die große Wanderung war vielleicht ein bisschen lang, aber wir sind ja keine Amateure mehr. Am Sonntag ging es zurück nach Berlin bzw. für Matthias in den Urlaub. Ich freue mich bereits aufs nächste Jahr. Mein Dank gilt Nina, die die komplette Woche meine Arbeit mit erledigt und mir den Rücken freigehalten hat.

McLarsen in Augsburg (September 2025)

Augsburg, 22.09.2025… Der Sommer ist weitestgehend vorbei… Zeit für die Woche im Jahr, die andere vielleicht als Jahresurlaub bezeichnen würden. Im August 2020 fand zum ersten Mal eine Bierwanderung mit Freunden statt, seitdem fast jährlich in Franken… Gelegenheit für mich, mal weitere Ziele in Süddeutschland kennenzulernen und dann zur Bierwanderung nach Franken zu stoßen. Bisherige Ziele waren Bamberg, Nürnberg, Würzburg und Regensburg… dieses Jahr: Augsburg… eine Stadt, in der ich noch nie war… ok… jeder kennt sie, vom Hören und Sagen, von der berühmten Renaissance-Architektur, der Fugger-Dynastie, der Augsburger Puppenkiste oder dem FC Augsburg… der mich schon mal deshalb nervt, dass sie nie absteigen wollen… aber eine andere Baustelle. Wie immer habe ich mich im Vorfeld etwas belesen und bin mittlerweile sehr gespannt, diese historisch bemerkenswerte Stadt im schwäbischen Teil Bayerns kennenlernen zu dürfen.

In der Fuggerei

In den McLarsen-Reiseberichten hat es natürlich auch Tradition, die Abenteuer der Reisewege zu erwähnen… die waren heute auch wieder nicht ohne… Bereits vor 07:00 Uhr, bei Erklingen eines Mitteilungstones meines Handys, wusste ich sofort… irgendwas mit dem Zug haut nicht hin… Und prompt war es so: Der ICE aus Hamburg konnte wegen Oberleitungsschaden bei Uelzen nicht kommen… Ok… ein Ersatzzug setzte dann am Berliner Hauptbahnhof ein und war brechend voll… Keine Ahnung, wo da noch die Hamburger hätten sitzen sollen… Es war ein Tag nach dem Berlin-Marathon und die Hälfte des Zuges waren medallientragende, trainierte Amerikaner aller Altersklassen, mit den stolzen Ehefrauen an der Seite… Wahrscheinlich auf dem Weg zum Oktoberfest nach München, wohin ich ja auch erst mal musste. Da einige Züge ausfielen, hatte der ICE 703 einen zusätzlichen Wagen (Nr. 8) dabei und brauchte von der Fahrdienstleitung oder so etwas Ähnlichem eine Genehmigung dafür… Diese dauerte exakt eine Stunde, dann durfte der ICE nach München losfahren… Ähm… ähh… kann man sich nicht ausdenken… Egal, eine Stunde war weg, ab München ging es dann mit dem Bummelzug in 42 Minuten nach Augsburg.

Der Fuggereibrunnen
...alles im Griff... individuelle Klingelgriffe

Vom Hauptbahnhof waren es etwa 20 Minuten zum Hotel, die ich natürlich zu Fuß erledigte, vorbei an etlichen Sehenswürdigkeiten, die ich bereits von der Recherche (theoretisch) kannte. Als Residenz wählte ich das Hotel Jakoberhof, ein wenig östlich vom Stadtkern, direkt bzw. schräg gegenüber der berühmten Fuggerei. Ich buchte eigentlich ein günstiges Einzelzimmer, bekam dann aber ein Familienzimmer im dazugehörigen „Neubau“, wohl ein Haus der Nachkriegszeit, welches sicher einmal ein Wohnhaus war… aber nicht übel… der unerwartete Bonus von zwei zusätzlichen Betten… könnte ja jede Nacht wechseln 😉 Nach einer kurzen Erfrischung nach der langen Bahnfahrt bzw. Bahnstand nutzte ich die Nähe meiner Herberge und besuchte die Fuggerei. Für 8 € erhält man ein Ticket zur Besichtigung einer der ältesten noch existierenden Sozialsiedlungen der Welt mit zahlreichen musealen Einkehrmöglichkeiten… so wurden Wohnungen gezeigt, wie sie früher wohl mal ausgesehen haben, Porträts der Bewohner und sehr gut in Szene gesetzt auch in einem Bunker, die Kriegstage der Stadt Augsburg, bei denen etwa ein Drittel der Fuggerei zerstört wurde. Da das Wetter nicht gerade der Hit war… schottischer Dauer-Nieselregen quasi, war es auch angenehm leer in dem Touristen-Magnet, was mir diverse schöne Fotos ohne Menschen brachte.

In den musealen Teilen der Fuggerei

Die Augsburger Fuggerei ist eine der ältesten noch existierenden Sozialsiedlungen der Welt. Sie wurde 1521 von Jakob Fugger (1459–1525) gegründet, der auch den Namen „der Reiche“ trug. Fugger war zu seiner Zeit der wahrscheinlich reichste Mensch des Planeten. Mit seinem Geld nahm er Einfluss auf Politik und Religion; Könige, Kaiser und Päpste machten sich durch seine Kredite abhängig. Einen Teil seines Geldes, bzw. auch das seiner Nachfolger, investierte er in die Reihenhaussiedlung Fuggerei… eine Art sozialer Wohnungsbau des späten Mittelalters. Wer den Wohnberechtigungsschein mit Dringlichkeit erhalten wollte, musste Augsburger Bürger, katholisch sein und einen guten Leumund haben. Die Jahresmiete betrug damals einen Rheinischen Gulden… heute umgerechnet auf 0,88 €. Die Siedlung wurde zwischen 1516 und 1523 erbaut, es gab 6 Gassen mit 52 Häusern und 102 Wohnungen. Zentrale Punkte der Anlage sind die Kapelle St. Markus und der Fuggerbrunnen. Bei der schweren Zerstörungsorgie in Form des Luftangriffs vom 25. bis zum 26. Februar 1944 wurde etwa ein Drittel der Siedlung zerstört. Nach dem Krieg wurde recht schnell wieder aufgebaut, der Bedarf an Wohnraum war schließlich sehr hoch… in diesem Zuge wurde die Anlage sogar auf 140 Wohnungen vergrößert. Heute ist die Fuggerei ein Touristenmagnet mit richtigen Bewohnern und musealen Teilen. Finanziert wird die Anlage nach wie vor aus dem Besitz der Fugger-Nachfolger… sie nennen sich Fürstlich und Gräflich Fuggersche Stiftungs-Administration.

Abstieg zum Luftschutzbunker
Neptunbrunnen mit Fuggerei im Hintergrund

Nach der Besichtigung der Fuggerei war es Zeit, den leeren Magen zu befriedigen und dazu wählte ich den Brauerei-Gasthof Drei Königinnen, ganz um die Ecke. Der Gasthof braut nicht selbst, sondern verkauft Bier von Augusta-Bräu. Der Laden ist extrem geschmackvoll, vor sicher nicht allzu langer Zeit renoviert worden, und war eine äußerst angenehme erste Überraschung der Augsburger Gastronomie. Das Bier (Helles, Keller, Dunkles) war lecker, und die Bauernpfanne von der Tageskarte für 15 € fast schon sensationell – dazu super Service.
Nach dem Abendessen streifte ich etwas durch die nahe Umgegend. Das Lechviertel mit seinen vielen Kanälen ist sehr schön, und die altmodischen Laternen schaffen eine sehr melancholische, aber zugleich warme Atmosphäre. Besonders schön war eine schmale Treppe namens Butzenbergle.
Danach ging es noch ins Flannigan’s Post zum Guinness … die sind Irish Pub mit mexikanischer Küche … auch nicht schlecht … das Guinness war ordentlich und das junge Team tadellos … es gab Pub-Quiz auf Englisch … war aber eh nicht mein Ziel …
Kurz nach 22:00 ging es zurück ins Hotel, und morgen wird richtig viel Augsburg erkundet … bevor es übermorgen voraussichtlich richtig regnet …

Butzenbergle

Augsburg ist eine Großstadt im schwäbischen Teil Bayerns. Sie liegt etwa 80 Kilometer nordwestlich von München und ebenfalls etwa 80 Kilometer östlich von Ulm. Mit etwa 300.000 Einwohnern ist Augsburg nach München und Nürnberg die drittgrößte Stadt in Bayern und belegt in der Liste der einwohnerreichsten Städte Deutschlands Platz 23. Die Universitätsstadt liegt an mehreren Flüssen, von denen der Lech der größte ist. Die Stadt verfügt über ein weit verzweigtes Wassersystem mit Bächen und Kanälen mit über 500 Brückenbauwerken. Seit 2019 ist dieses System unter dem Namen Augsburger Wassermanagement-System Teil des UNESCO-Welterbes.
Augsburg ist eine der ältesten deutschen Städte, die aus einem römischen Heerlager hervorging… der Name Augsburg geht auf den römischen Kaiser Augustus zurück.
Augsburg war Bischofssitz und Reichsstadt, im späten Mittelalter zählte die Stadt mit Köln, Prag und Nürnberg zu den größten Städten des Heiligen Römischen Reiches… Apropos reich… mit der Familie Fugger lebten in Augsburg die damals reichsten Menschen der Erde, was auch auf die Stadt abfärbte, so wurde mit der Fuggerei eine der ältesten Sozialsiedlungen der Welt errichtet. In der Zeit der Renaissance entstanden prächtige profane Bauwerke wie das Rathaus von Elias Holl. Weitere Sehenswürdigkeiten sind mehrere Tore der alten Stadtbefestigung, diverse Stadtpaläste und viele historische Brunnen. Weiterhin bedeutend sind mehrere, meist aus dem Mittelalter stammende Sakralbauten, wie der Augsburger Dom und die Basilika St. Ulrich und Afra.
Im Februar 1944 wurden große Teile der Innenstadt durch Luftangriffe zerstört. Die Angriffe galten besonders den Produktionsstätten von MAN und Messerschmidt. Die Stadt wurde nach Kriegsende weitestgehend wieder aufgebaut.
Augsburg ist weiterhin bekannt für das Marionettentheater „Augsburger Puppenkiste“, die es seit 1948 gibt und die seit den 1950er Jahren zu den bekanntesten Bühnen Deutschlands zählt.

Rotes Tor mit Heilige-Geist-Spital, Heimat der Augsburger Puppenkiste (links)
Ulrichsgasse mit Basilika St. Ulrich und Afra im Hintergrund

Nach dem eher durchschnittlichen Frühstücksangebot im Hotel ging es dann Punkt 10 auf die Piste… erstmal relativ rund um die Stadtmauer, welche teilweise erhalten ist und von denen auch noch etliche Stadttore existieren. Begonnen hab ich die Tour am nahen Jakobertor, dann kam der Vogeltor-Torturm (hab mir den Namen nicht ausgedacht), dann das rote Tor, direkt neben dem Heilige-Geist-Spital, das heute die berühmte Augsburger Puppenkiste beherbergt. Wie so viele andere Dinge in dieser Stadt wird auch dort umgebaut, so dass man nur einen Blick von außen haben konnte. Von dort aus ging es durch niedliche kleine Gassen vorbei an der riesigen Basilika St. Ulrich und Afra auf den Prachtboulevard der Stadt, die Maximilianstraße. Vorbei an Bürgerhäusern aus Renaissance- und Barockzeit gab es dann die erste Kirchenbesichtigung. St. Moritz dürfte nach gerade genannter Basilika St. Ulrich und Afra und dem Augsburger Dom am anderen Ende der Maximilianstraße die drittgrößte Kirche der Stadt sein. Sie ist im Kern gotisch, wurde später barockisiert und in der Bombennacht vom 25.–26.02.1944 schwer zerstört, später vereinfacht wiederaufgebaut und vor gut 10 Jahren im Innenraum komplett modern umgestaltet. Das Ergebnis ist eine geradezu überwältigende Schlichtheit, die man gerade von katholischen Kirchen in Süddeutschland nicht gewohnt ist.

Maximilianstrasse mit St. Moritz und Weberhaus
Das schlichte Innere von St. Moritz
Blick zum Stadtmarkt
Auf dem Stadtmarkt mit St. Anna im Hintergrund

Im Zentrum ging es dann weiter, vorbei am Zeughaus zur Kirche St. Anna, welche die Grablage der Familie Fugger ist und die ebenfalls gerade geschlossen ist. Ich lief über den Stadtmarkt, der eine feste Institution ist und bis auf Sonntags jeden Tag stattfindet, mit Obst, Gemüse, Fleisch, Fisch, Gastro und weiß der Fuchs was noch… gefällt mir gut, viel besser als die mobilen Verkaufsvehikel auf anderen Märkten… dieser wird dann nach Feierabend einfach abgeschlossen. Unweit des Stadtmarktes ist der Rathausplatz mit dem wohl berühmtesten Renaissance-Rathaus Deutschlands. Es wurde 1615–1624 vom berühmtesten Architekten der Stadt, Elias Holl (1573–1646) erbaut und war das damals einzige bestehende Gebäude mit 6 Stockwerken. Die Schauseite am Rathausplatz hat einen großen Giebel mit Reichsadler und wird flankiert von zwei Zwiebeltürmen. Das prächtige Innere des Rathauses, u.a. der goldene Saal, wird… ihr werdet es ahnen… gerade saniert, ebenso wie der benachbarte Perlachturm… beide Bauten sind Wahrzeichen der Stadt.

Das berühmte Renaissance Rathaus, ganz hübsch...
...aber selbst Baustelle, genau wie der Perlachturm links daneben

Mein weiterer Weg ging am riesigen Staatstheater vorbei… ebenfalls eine Großbaustelle… weiter zu den beiden Heilige-Kreuz-Kirchen, welche nebeneinander stehen und katholisch und protestantisch sind… die für mich interessantere protestantische Kirche war leider auch nicht geöffnet. Dann folgte ein weiterer Turm der ehemaligen Stadtbefestigung, das Wertachbrucker Tor, und ebenfalls nicht weit davon entfernt, das Fischertor. Ein kleines Kuriosum unterwegs war die Zirbelnuss-Kanal-Brücke, wo ein Kanal via Brücke über einen anderen geleitet wird. Vorbei an Dom und anderen Sehenswürdigkeiten ging es dann etwas weg vom Zentrum in die Kälberhalle, Heimat der Brauerei Hasen Bier. In einem ehemaligen Schlachthaus ist die Brauerei mit eigener Gastronomie untergebracht. Dort gab es Hasen-Bier (Weiße und Kellerbier… letzteres war nicht so meins) und ein kleines Mittagsessen, bevor ich dann mit etwa 18.000 Schritten erstmal zum Hotel lief, wo dieser Text entstand.

Wertachbrucker Tor
Fischertor
Kälberhalle... Heimat der Brauerei Hasen-Bräu

Am späten Nachmittag ging es weiter in Sachen Gastronomie. Erstes Ziel heute Abend: Brauereigaststätte Riegele relativ direkt am Hauptbahnhof. Es ist eine relativ große, unabhängige Brauerei, deren Ursprünge bis ins Jahr 1386 zurückreichen. Es gibt ein Visitor Center, Führungen, Fanshop und natürlich auch Gastronomie. Ich kam gerade rechtzeitig, um einen guten Platz an der Theke zu erwischen, und bestellte neben einem Abendbrot Helles, Kellerbier und Dunkles… was alles gut war, das Kellerbier war jedenfalls deutlich besser als der Bananensaft vom Hasen Bräu heute Mittag. Der Laden ist top ausgestattet… auf dem Herrenklo kann man ans Bäumchen gehen, und zeitweise war der Laden schlicht überfüllt… aber sehr gut gemanagt… Nach den drei Bieren ging es dann zu Fuß zum Murdocks Irish Pub direkt neben dem roten Tor und der Augsburger Puppenkiste. Ich war auch dort sehr froh, einen Platz am Tresen zu ergattern; der Rest war nämlich auch komplett voll… und ich hatte ein Déjà-vu… Pub-Quiz… Während gestern im Flannigan’s ebenfalls voller Stress war und dort das Team wie ein gut geölter Motor funktionierte, sah das heute ein wenig bemühter aus… aber unterm Strich auch ok… hat auch Spaß gemacht… Ein Irish Pub steht morgen noch auf dem Plan… Pub-Quiz sollte mich nicht wundern…

Brauereigaststätte Riegele
Herrentoiletten gibts nicht häufig in diesem Blog... die hier muß...
Basilika St. Ulrich und Afra am Ende der Maximilianstrasse

Tag drei… Regentag in Augsburg…
 Wie erwartet war das Wetter heute eher feucht, daher hatte ich viele Indoor-Besichtigungen auf dem Plan. Da es meistens nicht allzu stark plästerte, war das alles nicht schlimm… erstmal durch das Lechviertel in Richtung Basilika St. Ulrich und Afra schlendern… unterwegs noch diese ganzen Kanäle und Bäche bewundert, die in diesem Viertel an fast jeder Hauswand fließen… waren früher mal dazu gedacht, Dinge zu transportieren – ein absolutes Alleinstellungsmerkmal dieser Stadt.
Dann ging es in die Kirche: St. Ulrich und Afra. Der Ulrich († 973) war hier mal Bischof und die Afra († 304) eine heiliggesprochene Märtyrerin. Beide sind in der Krypta der Kirche bestattet. Die Basilika ist nach dem Dom die zweitgrößte Kirche der Stadt und ein prächtiger Bau der Spätgotik. Ihr Turm mit der Zwiebelhaube wurde zum Vorbild vieler Kirchenbauten der Renaissance und des Barocks. Besonders markant sind die vielseitigen Gewölbeformen… es sind Netz- und Sterngewölbe in etwa 30 Metern Höhe.

St. Ulrich und Afra - Inneres nach Osten
Bischof Ulrich († 973)

Nach der recht ausführlichen Besichtigung ging es weiter auf der Maximilianstraße zur nächsten Besichtigung: das Schaezlerpalais. Dabei handelt es sich um das recht großzügig ausgefallene Wohnhaus eines stinkreichen Bankiers. Eingeweiht wurde das Rokoko-Gebäude 1770 – in Anwesenheit der damals 14-jährigen, späteren französischen Königin Marie-Antoinette, die wohl ein paar rote Schuhe durchgetanzt hatte. Heute ist das Haus Museum und Gemäldegalerie. Der Festsaal ist Rokoko pur, und das alles strahlt wenig Bescheidenheit aus … besonders wenn man bedenkt, dass es kein königliches Schloss ist, sondern das Stadthaus eines Bankiers.

Schaezlerpalais von Außen
In der Gemäldegalerie des Schaezlerpalais
Die guten Stuben von damals sind heute Museum
Darfs ein wenig mehr Rokoko sein? Festsaal Schaezlerpalais

Die nächste Besichtigung war dann der Hohe Dom Mariä Heimsuchung zu Augsburg – so der offizielle Titel. Der ältere Teil der Kirche ist das Langhaus aus ottonischer Zeit, das allerdings in der Gotik umgestaltet wurde; von der Romanik ist nicht mehr viel zu sehen. Besonders auffällig ist der Hohe Chor aus der Zeit der Spätgotik, der vor allem das Äußere der Kathedrale prägt. Besonders bemerkenswerte Kunstwerke des weitläufigen Bauwerks sind Buntglasfenster aus der Romanik – die weltweit einzigen erhaltenen dieser Art. Leider sind diese recht weit oben und schwierig zu fotografieren.

Blick von der Frauentorstraße zum Dom
Augsburger Dom - Der gewaltige Ostchor
Augsburger Dom - Blick zum Ostchor
Einzigartige Glasmalerei aus der Romanik

Nach dem Dom ging es noch in ein ganz anderes Museum, nämlich ins Brecht-Haus. Das Museum ist das Haus, in dem Bertolt Brecht am 10.02.1898 geboren wurde. Man kann viel über den berühmten Dramatiker und Lyriker erfahren, ebenso über seine Zeit. Es gibt eine Lounge, die einlädt, aus seinen Werken zu lesen oder Dinge aus digitalen Quellen abzurufen … für 2,50 € eine lohnenswerte Weiterbildung.

Geburtshaus von Bertolt Brecht
...pflanz dich und lies ein Buch von Brecht...
Im Brechthaus

So … nun hatte ich es geschafft, den Tag in Augsburg so zu verbringen, dass ich viel gesehen habe, aber auch nicht sehr nass wurde. Am Abend ging es wieder in die Abteilung Gastronomie. Als Erstes besuchte ich das Bräustüberl zum Thorbräu, in dem neben den Bieren der Thorbräu-Brauerei auch deftige Speisen auf der Karte stehen. Das Abendessen war ordentlich, und das probierte Thorbräu-Bier (Helles, Keller und Dunkles) konnte man auch gut genießen. Anschließend besuchte ich ein weiteres Braugasthaus, relativ um die Ecke. Es nennt sich Brauhaus Bayrisch Brau Pub und ist eher eine Mikro-Brauerei des Braumeisters Claus Kröger, der mit einem Stinkefinger für sich auf seinen eigenen Bierdeckeln wirbt. Ich kam dort herein und wunderte mich über den Braumeister, der auch die einzige Bedienung seines Lokals darstellte … er war komplett betrunken. Das lasse ich einfach mal so stehen – komme aber nicht drum herum, sein Amber Ale zu loben, das wirklich sehr lecker war. Anschließend gab es noch Guinness im benachbarten Pub Murphy’s Law. Dort hat es mir gut gefallen. Im Unterschied zu den beiden anderen Pubs gab es hier kein Pub-Quiz und auch keine anderen Veranstaltungen … ganz normaler Betrieb und auch gut besucht. Eigentlich war ich dann bereits auf dem Weg zurück ins Hotel, doch eine weitere Bar – „The Drunken Monkey“ – erregte meine Aufmerksamkeit, und so gab es noch einen Absacker in Form des wohl teuersten Craftbieres (9 € für 0,5 l), das ich je im Glas hatte. Es war ein Bier der Mikro-Brauerei Frau Gruber, und es war sehr gut – genau wie das kurze Fachsimpeln mit dem Wirt. Danach war aber Feierabend, und es ging ins Hotel.

Gediegene Atmosphäre im Bräustüberl zum Thorbräu
Der Dom im abendlichen Regenwetter

Das waren jetzt also zweieinhalb Tage in der Fuggerstadt Augsburg. Die Stadt gefällt mir außerordentlich gut … die Bewohner erwiesen sich als sehr freundlich, und die Stadt hat eine Menge an Kunst und Geschichte zu bieten. Mit den vielen Kanälen und Bächen hat Augsburg etwas Unverwechselbares. Leider konnte ich viele Dinge nicht besichtigen, da sie gerade in Renovierung waren – so zum Beispiel das Rathaus, der Perlachturm oder die St.-Anna-Kirche.
In Sachen Gastronomie hat Augsburg auch sehr viel zu bieten, und ich habe noch lange nicht alle Orte besuchen können, die mich interessiert hätten.
 Am nächsten Morgen ging es dann zurück zum Hauptbahnhof und dann mit der Bahn zum nächsten Abenteuer … die fünfte Bierwanderung stand an, und auch darüber wird man demnächst hier lesen können.
Zum Schluss noch ein paar weitere Fotos aus Augsburg – ohne großen Text …

Typisch Augsburg - Kanäle und Bäche an den Häusern...

Zirbelnuss-Kanal-Brücke

Die Fuggerei vom Fenster meines Hotelzimmers gesehen
Das Haus der Familie Fugger an der Maximilianstraße
Weberhaus und Merkur Brunnen in der Maximilianstraße
Jakobertor mit altem Zollhaus
Renaissance-Bau Stadtmetzg
Treppenhaus im Schaezlerpalais
Dom - Tympanon der Südpforte
Dom - Tafelbilder des Augsburger Malers Hans Holbein d. Ä.

St. Ulrich und Afra – Inneres mit Gewölbe

Augsburg bei Nacht Richtung Jakobskirche

McLarsen an der Elbmündung – Altes Land, Buxtehude, Cuxhaven, Stade (August 2025)

Stade, 12.08.2025… Tag 1: Stade. Eine neue Entdeckungsreise steht an… diesmal nicht in eine einzelne Großstadt, sondern in einen Landstrich im Norden Deutschlands, wo ich noch nie war: Die letzten Kilometer der Elbe, Altes Land, Buxtehude, Cuxhaven und Stade… leider fängt Stade nicht mit D an… Residenzstadt ist Stade, dieser Stadt gilt die Aufmerksamkeit des ersten Tages… Altes Land und Buxtehude füllen Tag 2, Cuxhaven Tag 3, bevor es zurück nach Berlin geht. Heute war Anreisetag… erstmalig habe ich mir ein Deutschland-Ticket gekauft (Für alle, die das in ferner Zeit lesen: Deutschlandweites Ticket für Nah- und Regionalverkehr für aktuell 58€)… heute war Jungfernfahrt… Start war kurz nach 09:00 Uhr vom Gesundbrunnen, der Zug kam pünktlich aber bereits komplett überfüllt… also erstmal Stehplatz in der Hoffnung, dass sich das irgendwann ändert. Die erste Verspätung trat dann bereits wenige hundert Meter nach Abfahrt ein und es lief recht zähflüssig… irgendwann stiegen Leute aus und ich ergatterte einen Sitzplatz, es ging über Bad Kleinen (bekannt als GSG9-Blamage vs. RAF-Terroristen Anfang der 1990er), Lübeck, Hamburg, Buxtehude und letztendlich mit fast einer Stunde Verspätung war ich 15:45 in Stade. Die Unterkunft ist das Zentrum-Hotel Stade, wenige Meter vom Bahnhof entfernt. Kurze Erfrischung… ab zur Stadterkundung… und schnell war klar… Stade ist klitzeklein aber wunderschön… zumindest der Altstadt-Kern. Viele Dinge erinnern mich an Lüneburg, was ja nicht sehr weit weg ist, aber alles in Miniaturformat. Ich schlenderte etwas über die Fußgängerzone und verweilte etwas an dem sehr schönen historischen Hafen mit dem nachgebauten Drehkran und den wunderschönen Bürgerhäusern, alles auch gut besucht.

Der kleine Hafen bildet das wunderschöne Zentrum von Stade
Fachwerkhäuser am Hafen

Eine Kirche war natürlich auch dabei… heute die Kirche St. Cosmae et Damiani, auch vereinfacht St. Cosmae genannt… mal was anderes als Marienkirche oder so… hab mal nachgeschaut, um wen es hier geht, und hab auf der Website der Kirche diese Erklärung gefunden: „Die syrischen Zwillingsbrüder Cosmas und Damian wurden als Heilige verehrt, da sie als Ärzte die Menschen unentgeltlich behandelten. Sie starben im Zuge der Christenverfolgung im Jahr 303 als Märtyrer.“ Nicht nur der Name der Kirche ist ungewöhnlich, auch der Bau, er hat einen seltsamen Grundriss und einen gewaltigen Vierungsturm mit barocker Haube. An dem Modell, das nahe dem Eingang zu sehen ist, versteht man die Architektur der im Kern gotischen Kirche am besten. Von der Innenausstattung ist die große Orgel von Berendt Hus und seinem Neffen Arp Schnitger am bedeutendsten.

St. Cosmae, Rückseite vom Rathaus mit Ratskeller-Terasse
Modell der Kirche
St. Cosmae - Hus-Schnitger-Orgel

Gleich neben der Kirche befindet sich das Rathaus von 1667. Es ist ein frühbarocker Backsteinbau mit einem prächtigen Eingangsportal. Ein Teil dieser Immobilie interessierte mich anschließend etwas intensiver: Der Ratskeller. Der Ratskeller bietet selbstgebrautes Bier, das nach der Schutzpatronin der Bierbrauer, der Heiligen Gertrude, benannt ist. Neben einer deftigen Mahlzeit probierte ich Pils, Rotbier und Schwarzbier… war alles sehr lecker. Man kann gut draußen sitzen mit Blick auf das Rathaus und St. Cosmae… in der nebenbei auch ein Gertrauden-Altar aus dem Mittelalter steht.

Stade - Bäckerstraße
Altstadt mit St. Wilhadi Kirche

Die Hansestadt Stade liegt etwa 45 Kilometer westlich von Hamburg und 60 Kilometer südlich von Cuxhaven. Durch die Stadt fließt die Schwinge, ein 28 Kilometer langer Nebenfluss der Elbe. Die Stadt hat etwa 48.000 Einwohner und ist Kreisstadt des Landkreises Stade und gehört zum Bundesland Niedersachsen. Durch ihren kleinen Hafen war die Stadt im Mittelalter als Handelsstandort von Bedeutung und brachte den Bewohnern Wohlstand. Nach dem Dreißigjährigen Krieg und einem Stadtbrand von 1659 sank die Bedeutung der Stadt. Stade besitzt eine historische Altstadt mit Fachwerkhäusern, dem historischen Hafen und zwei Kirchen aus dem Mittelalter.

Am Hafen beim Fuerkiek
Skulptur mit Drehkran am Hafen

Anschließend ließ ich mich noch ein wenig treiben und setzte mich anschließend an einen freien Tisch der Kneipe Fuerkiek am Hafen. Dort war es wirklich sehr schön, ich trank mein erstes (…natürlich nicht einziges) Jever seit Jahren und es dauerte auch nicht lange, bis ich mit Einheimischen ins Gespräch kam… echt netter Laden. Zum Schluss wurden noch ein paar Bilder im Dunkeln gemacht, dann ab ins Bett und der erste Tag ist Geschichte.

Der Hafen macht auch nachts etwas her...

Tags drauf stand als Erstes eine Sache an, für die ich gestern zu spät war, nämlich die Besichtigung der anderen großen Kirche in Stade: St. Wilhadi. Auch hier musste ich erstmal schauen… Willi Wer? Die Kirche ist Bischof Willehad geweiht, dem Gründer des Bistums Bremen. Die Wilhadikirche ist eine gotische Hallenkirche mit einem Westturm, der etwas älter ist. Das Innere ist eher schlicht gehalten, Altar und Kanzel sind ebenso aus der Zeit des Barock, wie auch die prächtige Orgel.

Der Dicke Turm von St. Wilhadi am Ende der Gasse
St. Wilhadi - Inneres nach Osten
St. Wilhadi - Orgel

Aber jetzt zum zweiten Tag, da ging es um Altes Land und Buxtehude. Erstmal ein lobendes Wort zum Hotel… ich habe selten solch ein abwechslungsreiches, hochwertiges Frühstücksbuffet mehr erlebt, das ist doch eine große Überraschung, auch sonst bin ich mit der Wahl des Zentral Hotel Stade sehr zufrieden. Nach dem Abstecher zur St. Wilhadi Kirche lief ich dann zum Bahnhof und stieg in den Bus nach Jork. Die Linie fährt auch durch Ecken von Stade, in denen es nicht so pittoresk wie in der Altstadt wirkt, dann jedoch bald durchs Alte Land mit den Bauernhöfen und flächendeckenden Obstplantagen… das macht schon mal Spaß, das alles auch nur vom Bus aus zu sehen… auch wenn der Busfahrer eine Leidenschaft für Bordsteinkanten hatte. Endpunkt der knapp einstündigen Fahrt war das Zentrum des Hauptortes dieser Landschaft: Jork.

Im Zentrum von Jork
Jork - Standesamt

Altes Land nennt sich ein etwa 100 Quadratkilometer großes Gebiet an der Unterelbe zwischen Hamburg und Stade. Das Land wurde einst von niederländischen Kolonisten entwässert und erschlossen. Seit dem Mittelalter ist das Gebiet für Obstanbau bekannt. Das Alte Land ist das größte zusammenhängende Obstanbaugebiet Nord-Europas. Auf 10.700 Hektar reifen überwiegend Äpfel, aber auch Kirschen. Hauptgemeinde ist der Ort Jork mit etwa 11.000 Einwohnern. Sehenswert sind historische Bauernhäuser, meist aus Fachwerk, in den Marschhufendörfern.

Jork - Kirche St. Matthias
Jork - St. Matthias - Inneres
Jork - St. Matthias... Hier sitzen die, die immer hier sitzen...

Recht nahe am Zentrum von Jork liegt die Kirche St. Matthias. Die Kirche ist ein Saalbau von 40 x 14 Metern und einen separat stehenden Glockenturm, damit eine recht große Kirche, im Inneren fällt die bemalte Holzdecke ebenso auf, wie die Wangen der Bestuhlung, an denen die Namen stehen, die dort vor langer Zeit ihren Stammplatz hatten… ich hoffe, in der Kneipe war es damals nicht so streng. Nach der kurzen Besichtigung der Kirche ging es jetzt nordwärts in den Ortsteil Borstel. Gut ein Kilometer später ist der Ort zu Ende und man steht vor einer schönen, alten Mühle, die man schon vom Weiten sehen konnte. Sie war zuletzt als Restaurant genutzt worden, ist aber seit gut einem Jahr dauerhaft geschlossen. Auf dem Rückweg machte ich noch einen Abstecher in die Borsteler Kirche St. Nikolai, auch hier steht der Glockenturm knapp neben dem Kirchenschiff und auch hier gibt es eine bemalte Holzdecke, alles etwas kleiner als beim Nachbarn in Jork, aber auch sehr schön.

Jork - Im Ortsteil Borstel
Borstel - Alte Mühle
Borstel - Kirche St. Nikolai von Aussen...
...und Innen

Dann ging es die Strecke zurück nach Jork und von dort aus Richtung Osten über den Obstmarschenweg via Königreich und Estebrügge nach Buxtehude… eine Strecke von etwa 10 Kilometern, durch das riesige Obstanbaugebiet Altes Land. Da es ja hier völlig flach ist, ist die Strecke an und für sich kein Problem, allerdings waren an diesem Tag 30 Grad im Schatten und auf den letzten Kilometern hatte ich bereits geschwollene Hände und die Kräfte ließen auch langsam nach… aber alles prima… nur noch viel länger wäre keine gute Idee gewesen.

Ein typischer Obst-Bauernhof im Alten Land
Obst, Obst, Obst
Endlich in der Hase-Igel-Stadt

  Die Hansestadt Buxtehude ist eine Stadt im Landkreis Stade im Bundesland Niedersachsen. Sie hat etwa 40.000 Einwohner und liegt zwischen Hamburg und Stade am Rande des Alten Landes. Ähnlich wie die Nachbarstadt Stade war Buxtehude Mitglied der Hanse und erlebte in dieser Zeit ihre Blüte. Es gibt eine kleine Altstadt mit diversen Fachwerkhäusern, dem Marschtorzwinger und der gotischen St. Petri-Kirche. Die Stadt liegt an der Straße der Märchen, das Märchen vom Hasen und Igel spielt in Buxtehude.

Hase - und Igel Skulptur in Buxtehude
Fleth in Buxtehude
Rathaus mit Ratskeller

Erste Amtshandlung in Buxtehude war auf jeden Fall Erfrischung… und die gab es im Ratskeller bzw. auf dessen Außenbestuhlung. Es gab kühles Ratsherrn Bier aus Hamburg (Helles, Pils, Zwickel) und ein leckeres Bauernfrühstück… nachdem ich ja an so vielen Bauernhäusern vorbeigekommen war. Langsam kamen meine Kräfte zurück und ich machte mich auf, die Kleinstadt zu erkunden.

Die Silhouette der Stadt wird von der Stadtkirche St. Petri dominiert
Auch in Buxtehude gibt es einen kleinen Hafen... aber viel kleiner und nicht so schön wie in Stade
Stadtarchiv und Museum

Die Besichtigung der Stadt Buxtehude ging etwas schneller als gedacht… Die Altstadt ist eher winzig, man kann dann noch durch diverse Grünanlagen an dem Flüsschen Este wandeln, aber sonst gibt es ehrlicherweise wenig zu sehen… klar, hier und da ein schönes Fachwerkhaus, aber davon hatte ich im Laufe dieser Reise schon genügend gesehen… die Fußgängerzone… ist halt eine Fußgängerzone… also auf eine Parkbank gesetzt und Musik auf die Ohren. Es galt nun, die Zeit bis 19:00 zu überbrücken, da sollte das Rebel’s Choice Pub öffnen… laut Google zumindest… was ich dann vor Ort sah, war ein kitschiger Zettel, dass man gerade Urlaub hat. Ah ja… nicht, dass ich irgendwem das nicht gönnen würde, aber gerade für Leute, die keine Stammgäste sind, könnte das in Zeiten des Internets mal kommuniziert werden. Nun war ich ein wenig sauer, dass ich deshalb so viel Zeit in Buxtehude verplempert hatte und nahm die nächste S-Bahn zurück nach Stade. Hier ging es abends nochmal zum Fuerkiek, da war es schließlich am Vorabend schön und das war auch gestern wieder prima. Nach 3 Bier und einem kleinen Abendbrot war dann allerdings bald Feierabend, 30.000 Schritte und fast 29 Kilometer in den Knochen bei amtlichen Sommertemperaturen ließen mich schnell einschlummern… natürlich im Hotel, natürlich im Bett.

Eine kleine Sammlung von Eingangstüren im Alten Land

So… dritter und letzter Tag in Nord-Niedersachsen, und heute ist der Ort dran, der diesem Bericht den Namen gegeben hat, nämlich die Elbmündung und damit verbunden die Stadt Cuxhaven. Das Alte Land, Buxtehude und Stade sind natürlich auch nahe an der Elbe, aber auch so weit weg, dass man den viertlängsten Fluss Europas nicht direkt sehen kann. Kommt man nach Cuxhaven, ist die Elbe bereits so breit wie ein großer See, und das gegenüberliegende Ufer in Schleswig-Holstein ist in weiter Ferne

Die letzten Kilometer der Ebbe... kurz vor der Nordsee... gesehen von der Alten Liebe...
...das ist die Aussichtsplattform Alte Liebe

Die Bahn fährt etwa 55 Minuten von Stade nach Cuxhaven. Dort stieg ich aus und erkundete erstmal den Teil südlich vom Bahnhof, bevor es dann langsam zu den maritimen Orten gehen sollte. Als erstes drehte ich eine Runde im Schlossgarten vom Schloss Ritzebüttel. Der Bau ist aus dem Mittelalter und war lange der Amtssitz der Hamburger Amtsmänner, zu der Zeit, als Cuxhaven zu Hamburg gehörte. Das Gebäude wird für Ausstellungen benutzt, ebenso für Trauungen… ein Restaurant gibt es auch. Anschließend führte mich mein Weg durch die unumgängliche Fußgängerzone, vorbei an einem restaurierten Wasserturm in Richtung Hafen. Bevor ich mich diesem widmete, machte ich noch einen Abstecher ins Lotsenviertel, einem beliebten Wohnviertel, in dem früher die Lotsen vom nahen Hafen lebten.

Schloss Ritzebüttel
Der Wasserturm... heute Restaurant und Ferienwohnungen
Im Lotsenviertel

Im Hafen war tagsüber natürlich reges Treiben. Es fahren Sightseeing-Schiffe zu den Robbenbänken und auch weiter in die Nordsee hinaus; es verkehren Fähren nach Neuwerk und Helgoland. Dazwischen etliche Fressbuden, Souvenirläden und alles, was Geld einbringt. Die doppelstöckige Aussichtsplattform „Alte Liebe“ war mal ein Pier, an dem Schiffe anlegten. In der nahen Umgebung befindet sich noch der Hamburger Leuchtturm und der Windemaphor, eine Wind-Messeinrichtung aus dem 19. Jahrhundert. 

Landwehrkanal mit Blick zum Hafen

Cuxhaven ist die nördlichste Stadt Niedersachsens. Sie liegt am Unterlauf der Elbe, der dort in die Nordsee mündet. Die Stadt hat knapp 50.000 Einwohner und entstand aus mehreren Ortschaften zu einer Stadt, wie man sie heute sehen kann… Lange Zeit gehörte sie zum 100 Kilometer entfernten Hamburg… Die nahe Insel Neuwerk tut das noch heute. Cuxhaven ist als Hafenstandort für Fischerei und Fähren (Neuwerk und Helgoland) von Bedeutung, ebenso als Ferien- und Erholungsort. Die drittgrößte niedersächsische Stadt an der Nordsee ist das größte deutsche Seeheilbad. Cuxhaven besitzt lange Sandstrände, besonders entlang der Nordseeküste. Das niedersächsische Wattenmeer gehört zum UNESCO-Weltnaturerbe. Das Wahrzeichen der Stadt ist die Kugelbake, die den Übergang von Elbe und Nordsee markiert.

Hafen von der Alten Liebe

Auf der Elbe ist stets gut zu beobachten, wie die ganzen Frachtschiffe von oder nach Hamburg-Hafen schippern… heute war allerdings recht wenig los. Vom Weiten sieht man bereits in etwa drei Kilometern Luftlinie die Kugelbake, ein Holzgerüst auf einer Mole, die den Übergang von Elbe und Nordsee markiert… das war mein nächstes Ziel… vorbei an Yachthafen, Seebäderbrücke und Badestrand lief ich größtenteils auf einem Deich in Richtung Kugelbake. Dort, fast angekommen, wollten die doch für das Betreten des Strandes Geld haben… aber für fünf Minuten zur Kugelbake latschen und drei Fotos machen, bezahle ich keine Tageskarte… vom Weiten machte das Teil eh mehr her…

Yachthafen und Seebäderbrücke
Die Kugelbake
Links von der Kugelbake ist der Sandstrand der Nordsee

Das Wetter war heute wieder hochsommerlich, durch ein paar Wolken aber etwas erträglicher als gestern. Für den Rückweg wählte ich trotzdem den Weg durch die etwas schattigere Ortschaft als auf dem Deich… Zwischendurch gab es einen Imbiss an einem Campingplatz und später auch mal ein Eis… Ist ja auch Urlaub irgendwie… Später gab es dann tatsächlich noch Guinness im Pub „Drunken Sailor“ im Lotsenviertel… Dort war aber wirklich gar nichts los, so das ich den 20:00-Uhr-Zug zurück nahm und eine Stunde später wieder im Hotel war.

Das war also der Trip zum Ende der Elbe… Er zeigte mir eine schöne provinzielle Gegend in Norddeutschland. Das Alte Land mit seinen Fachwerk-Bauernhöfen und dem riesigen Obstanbaugebiet ist wunderschön. Die Altstadt von Stade ist ein kleines, nicht überlaufenes Juwel deutscher Altstädte, und die Hafenstadt Cuxhaven ist etwas für Freunde der maritimen Welt oder aber auch nur für Strandurlauber. Vielleicht ist die Gegend auch ein Tipp für Radfahrer… ein Geheimtipp allerdings nicht… Viele, vorwiegend ältere Urlauber durchstreifen die Gegend mit E-Bikes… Wer keins hat, hat es meistens auf einem lustigen T‑Shirt zu stehen.

Meine Heimreise gestern war mal wieder nicht der Brüller… Ich war insgesamt 9,5 Stunden mit Regionalzügen unterwegs… Ich verbuche das mal als missglücktes Experiment. Bereits in gut einem Monat werde ich wieder im Süden der Republik unterwegs sein… und meine Erlebnisse mit meiner werten Leserschaft teilen. Ein besonderer Dank geht an Nina, die zuhause die Stellung gehalten hat. Zum Schluss noch ein paar Fotos aus der zweiten Reihe…

Auf dem Kirchhof St. Nikolai in Jork-Borstel
Nochmal Botanik beim Schloss Ritzebüttel in Cuxhaven
Stade - Beim St. Johanniskloster
Stade - Museum Schwedenspeicher
Stade - Salzstraße
Denkmalschild mit Stader Silhouette: St. Cosmae, Rathaus, St. Wilhaldi
In Jork
Buxtehude - Marschtorzwinger
Buxtehude - Westviver
Cuxhaven - Ansicht von der Düne mit Badestrand und Kugelbake vom Weiten
Cuxhaven - Kugelbake
Abendstimmung in Stade

McLarsen’s Irische Tagebücher #1: Donegal (November 2019)

Berlin, 07.06.2025… Dies ist der Bericht von einer Reise, die über fünf Jahre zurückliegt. Sie fand zwischen dem 31. Oktober und dem 3. November 2019 statt. Damals schrieb ich meine Reiseberichte nur für die Schottland-Erkundungen – und das auch hauptsächlich für ein deutsches Whiskyforum. Eine Website namens mclarsen.de gab es zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht. Nur wenige Monate später kam dann die Corona-Pandemie, und ich hatte plötzlich viel Zeit für Reiseberichte und ähnliche Dinge auf der nun aktivierten Website.

Dass ich erst jetzt einen Bericht über Irland 2019 nachreiche, liegt daran, dass es bereits einen Teil 4 gibt – und die erste Reise nicht fehlen soll. Die Textbeiträge werden sich allerdings in Grenzen halten, schließlich ist das lange her, und außerdem sprechen die Bilder ja auch für sich.

Die altbewährte Reisegruppe am Flughafen
Die ersten Kaltgetränke der Reise
Traditionelle Livemusik im Pub

2019 war nicht nur die Zeit vor Corona, sondern auch die Zeit vor dem vollzogenen Brexit. Es gab also eine feste Flugverbindung von Berlin (Schönefeld – der Flughafen war auch noch nicht fertig) in die nordirische Hauptstadt Belfast. Seinerzeit wurden die Verbindungen ins Vereinigte Königreich von vielen Polen genutzt, die dort arbeiteten. Da wir nach Donegal im Nordwesten der irischen Insel wollten, war es für uns günstiger, über Belfast statt über Dublin anzureisen.

Wir – das sind mein bester Freund André und ich. Wir kennen uns von klein auf und sind schon häufig zusammen verreist. Nachdem wir gelandet waren und unseren Mietwagen in Empfang genommen hatten, ging es los in Richtung Donegal (Stadt) – eine Strecke von etwa 150 Kilometern. Dazwischen passierten wir die Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland. Man konnte es nur daran erkennen, dass die Autokennzeichen jetzt anders aussahen und die Straßen besser waren – EU-Geldern sei Dank.

Nach etwa zwei Stunden waren wir dann am Ziel: der Stadt Donegal. André hatte uns ein B&B gebucht, in dem er schon einmal war – das Railway Lodge Guest House, relativ nahe am Stadtzentrum gelegen. Nach einer kurzen Erkundung der kleinen Stadt standen bald – erwartungsgemäß – gut gefüllte, kalte Pints vor uns. Der Ort hat mehrere Pubs, und in fast allen gab es Livemusik – aber nicht für die Touristen, sondern von und für die einheimische Bevölkerung. Das hat viel Spaß gemacht.

Im Hafen von Killybegs
Atlantik voraus bei Largy

Donegal ist einerseits die nördlichste Grafschaft der Republik Irland und andererseits der Name einer Stadt in eben dieser Grafschaft. Die Grafschaft Donegal ist die einzige in der Region Ulster, die nicht zu Nordirland gehört. Die Stadt Donegal zählt gerade einmal 2.700 Einwohner und ist auch nicht die regionale Hauptstadt der Grafschaft. Wirtschaftlich lebt die Region neben der Schafzucht hauptsächlich vom Tourismus.

Sliabh Liag Walk
Einmannbunker am Sliabh Liag Walk

Am nächsten Tag starteten wir eine kleine Rundreise mit dem Mietwagen… Ziel waren die Klippen von Slieve League. Dabei passierten wir kleine, hübsche Orte an der Atlantikküste, wie zum Beispiel Killybegs. Nahe der Ortschaft Teelin parkten wir dann und wanderten über den Sliabh Liag Walk, also den Weg zu den Klippen.

Nach einem ordentlichen Anstieg ganz am Anfang war der Weg einfach zu laufen… immer wieder begleitet von schönen Ausblicken auf die imposante Küstenlandschaft. Nach knapp fünf Kilometern erreichten wir den Aussichtspunkt auf die Slieve-League-Klippen. Die über 600 Meter hohen Klippen zählen zu den höchsten in Europa.

Im Gegensatz zu den deutlich bekannteren Cliffs of Moher (gerade einmal 217 Meter hoch) ist dieser Ort so gut wie gar nicht touristisch überlaufen – okay, es war Anfang November, aber wir waren fast alleine unterwegs.

Ein wenig in den Wolken versteckt...
... Slieve League Klippen

Nachdem wir dann wieder im Auto saßen, fuhren wir ein wenig immer der Nase nach und kamen unter anderem durch die Orte Burtonport mit dem Fährhafen zur Insel Arranmore, Kincasslagh und Annagry. Wir genossen die schöne Landschaft und machten hier und da ein paar Fotos. Dann wurde es langsam dunkel, und wir fuhren zurück nach Donegal Town.

Burtonport
Fährhafen zur Insel Arranmore
Landschaft bei Kincasslagh

Dort spazierten wir noch ein wenig am River Eske und entdeckten die Reste einer verfallenen Klosteranlage der Franziskaner, die hier bis 1601 lebten. Zusammen mit dem Friedhof und der zunehmenden Dunkelheit war das ein bischen gruselig… aber das hatte was…

Klosterruine Donegal
Am River Eske

Am Tag darauf war unser Hauptziel der Nationalpark Glenveagh. Als ich in den 1990ern in einem kleinen Pub im Wedding zu Hause war, der „Jimmy Mac’s Pub“ hieß, war ich dort immer einer von denen, die sich um neue Musik für die Playlist kümmerten – damit nicht nur das irische Gedudel von den Dubliners & Co. lief. Ein Song lief dabei, glaube ich, am häufigsten: „The Evictions“ von der Band Goats Don’t Shave. Es ist eine Ballade über das Schicksal von 244 Menschen, die 1861 von einem schottischen Landspekulanten gezwungen wurden, ihr Land im heutigen Nationalpark Glenveagh zu verlassen … ihre Heimat. Während sich der Landlord dann ein schickes Schloss mit Garten bauen ließ, bedeutete das für die Bewohner Armenhaus oder Auswanderung nach Amerika oder Australien. Ich stelle den Song mal hier drunter – kann man gut dazu hören … funktioniert bei mir auch immer noch. Schauer im Rücken inklusive.

Der Nationalpark ist öffentlich zugänglich, es existiert ein Visitor Center, und man kann Teile des Parks mit einem Shuttlebus erkunden. Wir beschlossen, es per pedes zu tun – dreieinhalb Kilometer frische Luft haben schließlich noch niemandem geschadet. Der Glenveagh Nationalpark ist ein landschaftlich sehr schönes Fleckchen Erde und sehr gepflegt noch dazu. Am Castle kann man auch den Wirtschaftsgarten besichtigen, und Gastronomie gibt es ebenfalls.

Im Nationalpark Glenveagh
Glenveagh Castle
Glenveagh - Wirtschaftsgarten

Nach Glenveagh fuhren wir zum Malin Head auf der Halbinsel Inishowen. Es ist der nördlichste Punkt der irischen Insel. Dort steht ein ziemlich hässlicher Turm, von dem man aber einen sehr guten Ausblick hat. Nachdem wir danach nach Donegal zurückgefahren waren, gab es abends noch einmal Guinness und Livemusik satt – das Schöne daran war, dass es nicht von Touristen überlaufen war. Die Stadt Donegal ist das übrigens im Allgemeinen auch nicht.

Standing on the edge of Ireland - Malin Head...
...der nördlichste Punkt der Insel

Am Tag darauf ging es wieder nach Belfast und zurück nach Berlin. Während wir am Flughafen noch etwas Zeit totschlagen mussten, beschlossen André und ich, dass wir diesen Kurztrip nach Irland jedes Jahr machen sollten – bis wir eines Tages die ganze Insel durch haben. Durch Corona fand dann erst 2022 der nächste Trip statt, aber diese Reise nach Donegal war der Anfang einer schönen Serie.