McLarsen

Drei Tage an der Saale

2021… das zweite Coronajahr lässt wieder keinen richtigen Urlaub zu, daher behelfe ich mich derweil mit Exkursionen in die deutschen Heimat… und finde immer mehr Gefallen daran, Städte oder Landstriche allgemein zu bereisen. Bamberg, Erfurt und Lübeck machten den Anfang, mit Halle an der Saale geht es weiter. …ja… warum Halle ?… Nun, ich war hier halt noch nie, hab gehört das es hier ganz nett ist und kann von hieraus noch die Domstädte Naumburg und Merseburg erkunden. Was weiß ich bis jetzt von Halle (?)… etwa 230.000 Einwohner… in der Nähe von Leipzig und Geburtsort von Georg Friedrich Händel und Hans Dietrich Genscher. „In Halle wer’n die Doofen nicht alle“ … diesen Spruch, im breitestem Sächsisch gesprochen, kenne ich noch aus meiner Leipziger Zeit… mal sehen was dran ist oder auch nicht…
Kommen wir mal zum Abenteuer Anreise per Bahn. Nachdem ich neulich in Lübeck großes Glück hatte das ich aus Versehen einen früheren Zug nahm und nur deshalb meinen Anschluß in Hamburg bekam, hatte ich heute weniger Glück. Das erste was ich auf der Anzeigetafel vom Gleis 7 meines Heimatbahnhofes Berlin Gesundbrunnen las, war „Zug fällt aus“. Tja… dann also erstmal zum Hauptbahnhof und zum Glück halten ja diverse Züge gen Süden in der Saalestadt. Beim ersten Stopp am Südkreuz gab es dann schon die erste Auszeit… man warte auf den Lokführer, der hatte sich verspätet weil er mit der Bahn unterwegs war… verrückt. Bis Halle lief dann alles gut, danach sollte der Zug dann umgeleitet werden damit er quasi drehen kann, der Triebwagen hatte einen Defekt… ob er irgendwann in München angekommen ist weiß ich nicht… es konnte mir auch egal sein.

5 Türme und Händel...
Der Hallmarkt ist der Markt hinter der Marktkirche vom Marktplatz... sehr marktant...

Der Hallenser Hauptbahnhof liegt etwas östlich vom Stadtzentrum. Davor gibt es ziemlich große Straßen… und überhaupt… so richtig schön ist anders… es gibt einen Fußweg ins Zentrum, bei dem man ständig aufpassen muß das man nicht von der Straßenbahn erwischt wird… vorbei an vielen Läden die man nicht braucht zum Hotel Schweizer Hof am Waisenhausring. Das Haus scheint familiengeführt zu sein und ist alt aber sauber und ordentlich… so zumindest der erste Eindruck. Nach kurzer Pause hörte es dann auch endlich auf zu regnen und die erste Erkundungstour konnte starten. Bereits nach wenigen Schritten war ich im Zentrum der Altstadt… der Marktplatz mit den 5 Türmen… die 4 Türme der Marktkirche und der profane Rote Turm, den mal irgendwelche reichen Bürger der Stadt gebaut haben… im 15. Jahrhundert war das… wohl eine Art Statussymbol…Die Marktkirche hat deshalb 4 Türme, weil sie aus zwei Kirchen hervorging welche dicht hintereinander standen. Die sogenannten Hausmannstürme kann man besichtigen bzw. besteigen… 7€ kostet der Spaß, Führung inklusive. Da das Wetter gerade schön (wenn auch etwas wechselhaft) war, beschloss ich die Besteigung gleich zu machen… wer weiß was morgen für Wetter ist… was ich habe (damit meine ich schöne Bilder) habe ich.

...so sah das mit zwei Kirchen plus einem externen Turm aus...
...und aus zwei mach eine... (plus Turm)

Recht bemerkenswert fand ich das da ganz oben die Wohnung eines Türmers war, der letzte seiner Art lebte von 1886 bis 1916 mit Frau und 5 Kindern (mit der zweiten Frau dann noch zwei Blagen)… auf etwa 20 qm. Zwischen den Türmen ist eine Brücke und die Aussicht kann sich auf jeden Fall sehen lassen… guter Einstieg um die Stadt kennenzulernen. Die dazugehörige Kirche habe ich später auch besichtigt…bzw. das was man derzeit sehen kann… das ist etwa ein Drittel, der Rest wird gerade restauriert.

Aprilwetter in etwa 50 m Höhe..., mit den anderen beiden Kirchtürmen...
...über den Dächern von Halle...

Nach ein paar Streifzügen durch die Altstadt gab es dann ein kleines Päuschen bevor der Artikel „Gastronomie in Halle“ eröffnet wurde… Für den hungrigen Bauch gab es Einkehr ins Lokal „Zum Brotkasten“, eine kleine aber feine Gaststätte gleich um die Ecke. Es gab Schnitzel mit Pfifferlingen und Bratkartoffeln mit zwei dunklen Hasserödern für etwa etwas über 20 Euro… es war lecker und sehr nett… empfehlungswert allemal…. dann hatte ich mir im Vorfeld gleich nebenan noch ein Nantes Pub gespeichert… das ist da zwar noch irgendwie… aber zappenduster, also Plan B : Fiddler’s Pub in der großen Ullrichstraße, etwas entfernt aber für die gewohnten Berliner Verhältnisse geradezu um die Ecke. Das Fiddlers ist ein Pub was man durch einen langen Hausflur auf einem Hinterhof erreicht. Das Guinness war so wie es sein muß, das Publikum an diesem Abend hauptsächlich Studenten erstes Semester, ein paar Langhaarige meines Alters (…ja… ist schon typisch Irish Pub… kann ja nix dafür…) und sonst nix besonderem. Auf dem Rückweg noch ein paar Experimente mit der Kamera und schon ist der Tag vorbei… aber eigentlich wird Halle erst am zweiten Tag richtig erkundet…

Fiddler's Pub... Barhocker im Hockerformat und Relikte aus Raucherzeiten... die einzige Raucher(in) war die Bedienung
...warum der Rote Turm so heißt... er wird nachts rot angestrahlt...

Tag 2 – Halle ordentlich zu Fuß

Ich informiere mich ja durchaus im Vorfeld solcher Reisetrips über Dinge die man laut irgendwelcher Leute gesehen haben sollte, dann google ich auch mal über verwegene Foto Hotspots die gar keiner kennt… dann gibt es manchmal Bekannte die auch schon mal hier waren oder sogar öfters sind… Aus diesem Mix (natürlich nur die Sachen die mich auch interessieren) habe ich heute meinen Rundgang durch Halle zusammengestellt. Ich bin im Besitz eines guten Orientierungssinnes und benutze Navigationssysteme erst wenn ich mir extrem unsicher bin… vorher auf der Karte gucken muß reichen… Also, nach dem Frühstück und nach dem Verschwinden des Hochnebels ging es bei allerbestem Wetter los… erstmal Richtung Marktplatz um von dort aus zum Dom und der Moritzburg zu kommen.

...dem Bischof sein Privatdom...
...und sein Home... sein Castle... Moritzburg

Der Dom öffnete erst 11 Uhr und so lange wollte ich nicht warten… also wird wohl die Zahl der in Halle besichtigten Kirchen bei etwa 0,30 bleiben (etwa so viel kann man in der Marktkirche sehen) …interessant ist das mit dem Dom aber trotzdem… eigentlich stand (und steht) der Dom des Bistums in Magdeburg, aber der damalige Fürstbischof bevorzugte Halle als Wohnort und richtete sich seinen Freizeitdom nebst Neuer Residenz ein…dann kam Luther und die Reformation, der Bischof ging nach Mainz und hinterließ einen gigantischen Schuldenberg… der Vorteil ist… was gebaut war war gebaut und zeichnet Halle heute aus. Gewohnt hat der Bischof in der nahegelegenen Moritzburg welche es in Teilen schon vorher gab… diese große Burganlage wird seit etwa gut 100 Jahren nach Jahren des Verfalls als Museum und Kunst-Hotspot genutzt… Ruhetag : Mittwoch… (quasi heute)… aber nicht schlimm, ein Museumsbesuch war eh nicht eingeplant. Vorbei an der Leopoldina (vielleicht erinnert sich der eine oder andere… die hatten in Coronazeiten… ähmn… quasi jetzt… wissenschaftliche Empfehlungen an die Bundesregierung gegeben, dafür gibt es sie), ging meine Wanderung über eine Insel mit Park direkt an der Saale… das alles bei Kaiserwetter (im Oktober) und stationierte an der Giebichensteinbrücke.

Giebichensteinbrücke mit Burg Giebichenstein
Burgenroman(t)ik an der Saale

Dort gab es den Insidertipp mal durch einen geschlossenen Biergarten zu laufen und die Brücke mit Burg Giebichenstein zu fotografieren… ging gut… ein weiterer Fototipp war von der Petruskirche des Ortsteils Kröllwitz… auch das war super… leider alles gegen die Sonne, aber egal… dann gab es die Burg(Ruine) noch zur Besichtigung… für läppische 4 Euro konnte das Gelände besichtigt werden, inklusive Aufstieg des Turmes… wonach ich dann glaub ich auch etwas rot im Gesicht war… aber sehr lohnenswert, der Ausblick.

Blick vom Turm der Burg Richtung Innenstadt von Halle
...vom Rest der Burg gibts nicht mehr viel..

Über einen Park namens Reichardts Garten ging es zurück in Richtung Innenstadt, mit einem Schlenker ins Paulusviertel, deren Zentrum jene Paulskirche ist, in der vor gut einer Woche noch Bundeskanzlerin und Landesfürst*innen die deutsche Einheit gefeiert hatten. Die Kirche ist neugotisch und nicht weiter interessant, aber das Viertel um diesen kreisrunden Rathenauplatz auf dem die Kirche steht, ist schlicht traumhaft… überwiegend Bauten aus der Gründerzeit machen das Viertel zu dem wohl beliebtesten Kiez der Stadt… ich kann das vollumfänglich verstehen… Von dort aus ging es dann über den Joliot-Currie Platz mit dem Opernhaus erstmal kurz ins Hotel, die Blase drückte und ich hatte mir unterwegs etwas zu essen eingefangen… zu der Zeit standen auch deutlich über 10 km auf dem Tacho.

Pauluskirche
...im Paulusviertel mit Blick zum Wasserturm...
Park Sanssouci ?... Nö... Joliot-Curie Platz mit Opernhaus

Nach einer Stunde Pause ging es weiter zum Stadtgottesacker… einer der berühmtesten deutschen Friedhöfe überhaupt. Es ist ein Ort der Renaissance… die Friedhöfe mussten nach der Pest ausserhalb der Stadtmauern sein und so wurde im italienischem Stil eine Anlage aus Arkaden gebaut, wie es nördlich der Alpen einzigartig ist. Der Friedhof ist nicht irre groß und hat eher lokale Prominenz zu liegen (außer Händel seinem Vater kannte ich keinen…und Händels Vater im Prinzip auch nicht…), aber sehr, sehr schön… genau wie auch das Gerichtsgebäude im wilhelminischen Stil ganz in der Nähe… nun ja noch paar Bilder hier und da… dann qualmten die Socken…

...knapp 100 Arkaden gibt es auf dem Stadtgottesacker...
...drinnen teils sehr alte Grabsteine, aber auch neuzeitliche Sachen sind möglich...
Das Landgericht

Abends gab es dann Bauernfrühstück und lokales Bier im Halleschen Brauhaus kurz hinterm Markt… sehr lecker… beides… auf meiner App stehen für heute 27.000 Schritte und 31 Stockwerke… reicht erstmal… morgen geht es zu Eckaaat und seine Frau Uta…

Bier im Halleschen Brauhaus... skøl
...insgesamt ein toller Tag mit super Wetter in Halle...

Tag 3 : Naumburg

Für zwei Tage war Halle prima zu erkunden… vielleicht hätte ich auch für einen dritten Tag irgendwas zum besichtigen gefunden… aber ich dachte mir… wenn ich schon mal in der Gegend bin, besichtige ich auch die mittelalterlichen Kathedralen in Naumburg und Merseburg.
Ab zum Bahnhof und mit den Regio Richtung Jena nach Naumburg… vorbei an der Heimat der Plaste und Elaste aus Schkopau und durch die riesige Industriewüste der Leunawerke… irgendwie bin ich immer wieder froh, wenn ich solche Landschaften wieder verlassen habe… irgendwie gruselig… immerhin stinkt es nicht mehr wie zu DDR Zeiten, da wurde mir nämlich immer schlecht. Nach gut einer halben Stunde hielt der Zug in Naumburg und ich lief ein ganzes Stück auf recht trister Straße Richtung Innenstadt. Ich hatte für 14:00 Uhr eine Führung im Dom gebucht und hatte vorher Zeit die Stadt etwas zu erkunden.

Markt mit Stadtkirche St.Wenzel
Hildebrandt-Orgel in der Stadtkirche

Naumburg hat etwa 30.000 Einwohner und die Hauptattraktion ist natürlich der Dom, aber auch die kleine Altstadt mit Bürgerhäusern überwiegend aus der Zeit der Renaissance und ein ziemlich großer Marktplatz ist sehenswert. Leider gibt es auffällig viel Leerstand besonders in den eher abgelegenen Teilen der Fußgängerzonen. Eigentlich hatte ich hier auch eine Turmbesichtigung geplant, aber das war zu umständlich… ich hätte erst in ein Museum gemusst und Zeitfenster und was weiß ich noch… das hätte zu lange gedauert bis 14:00 Uhr… außerdem war das Wetter heute nicht so schön sondern eher ungemütlich… es ist halt Herbst. Der Turm den ich besteigen wollte ist der Turm der Stadtkirche St.Wenzel am Marktplatz. Der Turm wird übrigens seit Jahrhunderten von der Stadt verwaltet, er hatte noch bis in die 1980er Jahre eine Türmerin. Die Kirche selbst konnte ich besichtigen. Es ist ein seltsamer Bau mit ungewöhnlichen Maßen und Grundrissen. Die Ausstattung stammt überwiegend aus der Zeit des Barock. Überregional bekannt ist die Hildebrandt-Orgel, welche vom berühmten Orgelbaumeister Georg Silbermann (das war der Lehrer vom Hildebrandt) und Johann Sebastian Bach höchstselbst abgenommen und bespielt wurde. Nach ein paar Streifzügen durch die Altstadt und einer Suppe in einer Fleischerei für 3,70€ schlenderte ich langsam Richtung Dom.

nette Details in der Altstadt
Das Renaissance Rathaus

…Der Naumburger Dom ist eine der bekanntesten Sakralbauten Deutschlands und ein Ort den ich schon immer mal besuchen wollte. Seine Geschichte kürze ich mal in der gewohnten unkonventionellen Art und Weise folgendermaßen ab : Ekkehard I., der mächtige Markgraf der Gegend gründete um 1000 eine Burg in der Nähe vom heutigen Dom (Neweburg, Nuwenburg… der Name Naumburg war das Ende der stillen Post…), seine Söhne Ekkehard II. und Hermann bauen eine kleine Kirche und 1028 wird das Bistum Zeitz einfach mal nach Naumburg verlegt weil Ekkehart und sein Bruder das wollten und konnten… mit päpstlicher Genehmigung… bald wurde ein erster Dom gebaut, an der gleichen Stelle… nur viel kleiner als der heutige. Etwa 200 Jahre später war die Kathedrale im nationalen (…ok, was war damals schon national… aber ich sehe es mal bezogen auf das heutige Deutschland) als auch internationalen Kathedralenstandard nicht mehr standesgemäß, also wurde ein neuer Dom um den alten drum herum gebaut… viel größer freilich… bei Baubeginn sprechen wir noch von Spätromanik, weiter fortgeschritten bereits von der Gotik… das kann man tatsächlich von Joch zu Joch im Kirchenschiff nachvollziehen.

Dom - Ostchor von außen
Westchor von innen

Der Naumburger Dom hat zwei Chöre… im Westen und Osten… die Mitte was man sonst als Langhaus bezeichnet war fürs Fußvolk, die Enden für die … nennen wir es mal Theologen… Das Besondere dabei ist das beide Lettner (Schranken, Trennwände) noch heute stehen… das hat der Dom exklusiv… gen Osten eine einfache Wand mit zwei kleinen unauffälligen Türen und Kruzifix oben drauf, der Westlettner absolute Weltklasse an Bildhauerarbeit den der Naumburger Meister (…jeder Historiker wüsste gerne mehr über ihm… ein Name z.B.) Jener Naumburger Meister muß auch als Architekt gewirkt haben, denn die weltberühmten Stifterstatuen im Westchor stammen auch von ihm und die können nicht einfach geklaut werden, denn sie sind Bestandteil der Gewölbestreben… quasi Teil der Statik… nicht schlecht… wenn man bedenkt das sie bereits seit Mitte des 13.Jh dort stehen… Ekkehard II. und seine Frau Uta… die Stars der Kirche, der Stadt und Uta warscheinlich das Topmodell des gesamten Mittelalters… nun ja… wie die wirklich aussahen… konnten auch die Künstler nicht wissen, denn die Personen waren zur Zeit der Erschaffung bereits über 200 Jahre tot… egal, aber es sind wirklich Meisterwerke, wenn man sie sieht, denkt man man könnte diese Personen irgendwo her kennen… vielleicht aus einer Mittelalter Spielgruppe. 1532 wurde der Dom Opfer einer Brandstiftung… die Beseitigung der Schäden zog sich bis ins 19. Jahrhundert… viele Einrichtungsstücke wurden unwiderruflich vernichtet. …Reformation… 1542 wurde Naumburg protestantisch und Nikolaus von Amsdorf wurde erster evangelischer Bischof… in Naumburg und… weltweit (!)… Kurze Zeit war dann die Erfolgsstory des Domes vorbei, das Bistum wurde aufgelöst und der Dom war Kirche der Domgemeinde… Seit 2018 ist der Dom zu Naumburg Unesco Weltkulturerbe. Heute ist der Dom im Besitz einer öffentlich rechtlichen Stiftung.

Meisterwerke aus Kalkstein am Westlettner
Stifterfiguren v.l.: Hermann, Reglindis, Ekkehart und Uta

Die Führung war gut… aber ich hätte gerne noch mehr erfahren… aber dann reichen einfach nicht ein oder zwei Stunden um ein Bauwerk mit solcher Bedeutung und Vergangenheit zu erkunden…
Danach ging es zurück nach Halle… Pause und ab in die Gastronomie… ich hatte mir ja viele Orte notiert, aber da bleiben deutlich mehr Baustellen als bei den letzten besuchten Städten… sprich: wenn ich auch geschrieben habe das Halle für zwei Tage ok ist… meinte ich nicht die Abende bzw. Nächte damit… davon könnte ich nämlich noch ein paar bestücken… heute wählte ich für die feste Nahrung „Die Schnitzelwirtin“ gleich um die Ecke… super, relativ neues, geschmackvoll ausgestattetes Restaurant mit guter Organisation, nettem Personal und einem schweinegeilen Schnitzel Zigeuner Art… Danach musste noch Guinness… Anny Kilkenny Irish Pub hieß die erwählte Lokalität… 2G (für die Nachwelt : Genesen oder/und Geimpft)… ich kam rein und der Kellner erzählte mir was vom Doppeldecker-Donnerstag… also bestell ein Guinness und du bekommst zwei… ich dachte kurz ich bin tot und im Paradies… war aber nur die erste Runde (alles andere wäre ja auch wirtschaftlich ziemlicher Quatsch) … der Laden ist Teil der Kette die ich letztes Jahr schon in Erfurt kennenlernen durfte… ist bisschen wie MotelOne… man weiß was man kriegt… Überraschungen aber eher selten… ich fand’s gut. Morgen ist zwar Abreisetag aber diesmal habe ich mir was einfallen lassen, das der Rückreisetag auch noch was kann…

Dom von Westen

Tag 4 : Merseburg

Bereits für 11 Uhr hatte ich vor einiger Zeit eine Führung im Merseburger Dom gebucht und außerdem für 14 Uhr eine Turmführung am gleichen Ort. Das bedeutete heute etwas schneller in die Puschen zu kommen… Frühstück, Sachen packen, Auschecken, zum Bahnhof latschen, Tasche ins Schließfach, Fahrkarte ziehen und ab mit den Zug nach Merseburg… Fahrzeit : 9 Minuten.

Der Tausendjährige Dom zu Merseburg
Aus der romanischen Basilika wurde eine spätgotische Hallenkirche

Vom dortigen Bahnhof läuft man nochmal etwa 10 Minuten und dann ist man da… beim 1000jährigen Dom… am 01.10.1021 wurde er (bzw. sein Vorgängerbau) geweiht, Kaiser Heinrich II und seine Frau Kunigunde waren anwesend. Es war eine romanische Basilika mit vier Türmen… viel ist davon heute nicht mehr zu sehen, der heutige Bau stammt größtenteils aus der Zeit von 1510 und 1517 im Stil der Spätgotik. Der Dom steht nicht alleine in der Landschaft sondern ist quasi der vierte Seitenflügel des Schloss Merseburg, ein großer Bau im Stil der Renaissance der als Fürsten(Bischof)sitz gebaut wurde. Zur anderen Seite hat der Dom einen Kreuzgang mit Kapitelhaus… wegen des Jubiläums konnte man eine Ausstellung besichtigen, in der es viel um die berühmten Merseburger Zaubersprüche geht… deren Bedeutung sich mir persönlich nicht ganz erschließt.

Der Dom ist quasi der vierte Flügel vom Schloss... das ist heute Kreisverwaltung.

Von der Saale aus ist die Anlage nur 20 Meter entfernt auf einem Felsen gebaut… was von unten beeindruckend aussieht… aber die Türme selbst sind glaub ich keine 50 Meter hoch… Zwischen der Führung und der Turmführung hatte ich Zeit ein wenig die 33.000 Seelenstadt zu erkunden, war davon aber etwas enttäuscht, die Stadt war Ziel vieler Luftangriffe im zweiten Weltkrieg, schließlich war auch damals schon reichlich Industrie in der Gegend, die man ja treffen wollte. Neben einem Rathaus im Renaissancestil und ein paar alten Häusern ist die Altstadt deutlich von Nachkriegsbauten geprägt. Ein kleiner Spaziergang an der Saale unterhalb des Schloss-und Domberges brachte auch ein schönes Fotomotiv… es ist ganz am Ende des Berichtes zu sehen. Kurz vor 14 Uhr ging es dann zurück zum Dom, ich hatte ja eine Turmführung gebucht… von der war man vor Ort allerdings überrascht… wegen Bauarbeiten (eine neue Glocke wird eingebaut) finden diese Führungen gerade nicht statt… da ich aber nicht der einzige war der das im Voraus gebucht hatte, ging die Domführerin dann exklusiv mit zwei Mann auf den Turm, mit Spaziergang auf den Gewölben und an den Glocken vorbei. Leider war das Wetter auf dem Turm gerade recht stürmisch, so das die Sache nach ein paar Minuten wieder abwärts ging… gelohnt hat sich das eher so mittel… hatte ich doch die Heimreise nach dem Termin geplant… und so bestand der Rest des Tages in einiger Zeit des Wartens auf Bahnhöfen und dann schließlich die Rückfahrt. 19:30 hatte mich der Gesundbrunnen zurück.

...über den Dächern der Stadt...
...und der Domresidenz

Es war eine schöne Reise, ich hatte nicht viel von Halle erwartet und habe viel von der Stadt bekommen. Speziell das Flair der Studentenstadt hat mir gefallen, besonders die Gastronomie hat noch viel mehr zu bieten als ich es in der kurzen Zeit erkunden konnte. Ich würde Halle mal als Geheimtipp bezeichnen… mit dem großen Vorteil, das die Stadt nicht zu überlaufen ist. Das Hotel Schweizer Hof war prima, die Landlords sehr nett und das ganze auch recht preiswert wenn man bedenkt das es eine prima Lage hat. Wer also gerne mal ein Wochenende außerhalb von Berlin erleben will aber nicht so weit weg… fahrt doch mal nach Halle… für 30 € mit dem ICE, etwa 90 Minuten Fahrt in eine schöne Stadt, die Spaß macht wenn man sie entdecken will…

Schloss und Dom in Merseburg von der Saale aus gesehen... ein wirklich schönes Motiv...

Drei Tage in Lübeck

14.09.2021… alle Jahre wieder kommt von diesem Blog im September ein Reisebericht… meistens aus Schottland. Seit die Corona Pandemie die Weltherrschaft übernommen hat ist halt alles ein wenig anders. Sicher wäre eine Reise nach Schottland möglich gewesen, aber es würde sich irgendwie falsch anfühlen. Bereits im vergangenen Jahr bin ich auf Reiseziele ausgewichen die leichter beherrschbar sind… nämlich sehenswerte Städte in Deutschland die ich noch nicht kenne. Bamberg und Erfurt waren die ersten Ziele, fast ein Jahr später geht es nunmehr in den Norden der Republik in die Hansestadt Lübeck. Mein Fokus liegt wie immer auf den Bereichen Geschichte, Architektur und Gastronomie… Fotografie nicht zu vergessen.
Meine Erwartung im Voraus (?) : eine gut erhaltene Altstadt, Unesco Welterbe, riesige Backsteinkirchen und schöne kleine Details in den Gassen der mittelalterlichen Altstadt. Das Wetter scheint nur am Anreisetag mitzuspielen… aber schauen wir mal…

Ankunft mit dem Motiv vom 50 Mark Schein und dem Turm auf den es gleich hoch geht

Teil dieser Reiseserie ist die Anreise mit der Bahn, was ja häufig schon einen Touch von Abenteuer einstreut… heute nicht… alles nach Plan und ohne Probleme via Hamburg gelaufen… und das bei bestem Wetter. Die Sache mit dem Wetter scheint bei diesen Reisetrips auch ein gewisses Schema zu haben: mindestens ein Sonnentag und ein kompletter Regentag. Sonne war heute und laut App wird es morgen den ganzen Tag regnen. Mit diesem Wissen wusste ich das es heute vom Vorteil wäre Fotos bei schönem Wetter zu machen. Vom Hauptbahnhof ist es nicht weit zum Hotel, am berühmten Holstentor vorbei direkt an der Trave liegt meine Unterkunft. Nach dem Einchecken kurz frisch gemacht ging es dann auch gleich los… einmal die Altstadt von oben nach unten und rechts nach links vermessen und einige schöne Bilder geknipst.

Das Motiv vom letzten Bild, nur andersrum... Holstentor von St.Petri. Das Haus im Vordergrund (2. links vom Bus) ist mein Hotel.
Blick auf Rathaus, Marktplatz und Marienkirche... bisschen seltsame Architektur (Vordergrund) darf auch dort nicht fehlen...

Am Anfang ging es erstmal auf den Turm der St. Petrikirche, die hat nämlich einen Fahrstuhl und in der Höhe von etwa 50 Metern hat man eine tolle Rundumsicht und auch eine Übersicht über die Größe der Altstadt… und die ist kompakt aber übersichtlich.

Blick über die Trave zur Altstadt mit Marienkirche und Petrikirche
Blick zum Dom

Diese Altstadt ist ja das was Lübeck so berühmt gemacht hat… die Hanse hatte hier ihre Hochzeit und machte viele Bürger reich, was dann auch in Kirchen- und Profanbauten investiert wurde. Heute leben nur 7% der etwa 200.000 Einwohner Lübecks in der Altstadt… Touristen in zahllosen Beherbergungsstätten machen das wieder wett. Als die Sonne dann schon ganz schön tief stand ging es erstmal zurück ins Hotel und kurze Zeit später zu Essen und Bier.

Zwickelbier im Brauberger zu Lübeck

Für heute hatte ich mir die Brauereigaststatte Brauberger zu Lübeck ausgesucht, sie liegt nur wenige hundert Meter vom Hotel entfernt. Ich wurde nicht enttäuscht, das Zwickelbier war so lecker das ich ein paar mehr nehmen musste… und auch das Schnitzel Balkan Art konnte sich sehen lassen… und geschmeckt hat es auch. Der Laden (ziemlich groß, auf mindestens 3 Ebenen und Biergarten) war Top organisiert… mit einem Einlass wo wirklich auch die 3G Regeln kontrolliert wurden und auch Registrierung. Es war einiges los… ich saß am Tresen (mal was anderes 😉 und hatte Spaß den Jungs und Mädels zuzuschauen. Auf dem Rückweg machte ich noch ein paar Nachtaufnahmen von Holstentor und Altstadtblick… wie ich finde auch gelungen dafür das ich nur mit dem iPhone fotografiere… (ok nachts aber mit Ministativ). Danach ließ ich es genug sein für heute… morgen ist auch noch ein Tag… wenns regnet, dann sind morgen Gebäude von innen dran… hier gibts ´ne Menge große Kirchen und Museen…

Holstentor bei Nacht
Der Dom... mit dem langen...Langhaus

Tag 2… gut geschlafen, gut gefrühstückt und der Regen war auch noch nicht da… also gleich los bevor Petrus die Schleusen öffnet… Zuerst ging es zum Dom… der zweitgrößten Lübecker Kirche. Der Dom ist die älteste Kirche Lübecks. Sie war vor der Reformation Bischoffssitz, Heinrich der Löwe gab etwas Geld für den Bau dazu. Die erfolgreichen Bürger, Kaufleute und Patrizier der Hansezeit konnten mit dem Bischoff und seinem Dom wenig anfangen, die Kathedrale lag etwas abseits vom bunten Treiben der Hansestadt im Süden der Altstadtinsel im Domkapitel, die Hanseaten bauten bald ihre eigenen Kirchen, allem voran die Marienkirche in Bestlage. Der ursprüngliche Dom war eine romanische Basilika im Stile ihrer Zeit… in Zeiten der Gotik wurde sie mehrmals umgebaut und erweitert, u.a. die mächtige Westfront mit den heute 115 Meter hohen Türmen und auch das Langhaus wurde… (Tada…) verlängert… auf 130 Meter… damit in der Rangfolge der längsten deutschen Kirchengebäude ganz weit vorne. Nach der Reformation wurde der Dom und das ganze Domkapitel von der Stadt einkassiert und  heute von der Nordkirche genutzt. Wie viele andere historische Gebäude Lübecks (ein Fünftel der Altstadt) wurde auch der Dom bei einem Bombenangriff Ende März 1942 schwer zerstört. Der Wiederaufbau dauerte Jahrzehnte… zum Glück wurden viele Inventarstücke ausgelagert, so das man heute noch viele Kunstwerke bewundern kann… u.a. ein 17 Meter hohes Triumphkreuz von 1477 oder einen Lettner mit Kirchenuhr aus der Renaissancezeit.

Dom Inneres gen Osten mit Triumphkreuz
...damit man weiß was die Stunde geschlagen hat... Uhr im Dom

Der Ostteil des Doms kann derzeit nicht besichtigt werden da dort gebaut wird. Nach der Besichtigung regnete es noch immer nicht und ich schlenderte etwas durch die Stadt, vorbei an vielen kleinen Gassen und Häusern die gerne mit Weinstöcken und Kletterrosen verziert sind. Für 12:30 hatte ich mir eine Führung in der Marienkirche geplant und hatte nun noch etwas Zeit und besichtigte in der Zwischenzeit die Jakobikirche.

Der interessante Turm der Jakobikirche
Die berühmte Stellwagen Orgel

Im Vergleich zu Dom und Marienkirche wirkt diese Kirche beinahe klein… ist sie aber nicht wirklich. Die Jakobikirche ist eine dreischiffige Hallenkirche aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts… sie wurde für die Fischer und Seefahrer gebaut (deswegen dreischiffig…haha…quatsch…). Der Turm ist 112 Meter hoch und hat eine interessante Version der Turmspitze… so mit Kugeln und so… 2019 machte der Turm von sich reden als der Zeiger einer Turmuhr plötzlich und unerwartet vom Turm segelte… und zum Glück kam niemand zu Schaden. Diese Kirche wurde im Krieg nicht zerstört, so das man ihre reichhaltige Ausstattung heute noch bestaunen kann. In Kreisen der Orgelfans soll die kleinere der beiden Orgeln, gebaut vom berühmten Orgelbauer Friedrich Stellwagen (1603-1660) eine der berühmtesten Orgeln Europas sein… steht bei Wikipedia. In einer kleinen Seitenkapelle steht übrigens der Rest eines Rettungsbootes der 1957 gesunkenen Segelschiffs Pamir. Der Raum erinnert mit vielen Exponaten an die 80 ertrunkenen Seefahrer.

Marktplatz mit Rathaus und Marienkirche

Danach sollte eigentlich die größte Kirche der Stadt, die Marienkirche besichtigt werden. Zweimal pro Woche gibt es öffentliche Führungen… laut Website der Kirche… stattdessen fand zu dieser Zeit eine Kirchenmusik Veranstaltung statt und die Führung zog warscheinlich mit den Teilnehmern des Events los als die Interessenten außerhalb noch draußen warteten das sich die Türen öffnen… mittlerweile im Regen… drinnen wußte man von nix und ließ uns dort ewig warten bis sich aufklärte das die Führung fast fertig ist… gut… 45 min rumgestanden für nix… aber egal, ich habe die Kirche dann selbst erkundet. Die Marienkirche gilt als die Mutter aller großen nordischen Backsteinkirchen. Ihre Größe und ihre (ehemalige) Ausstattung zeug(t)en vom Wohlstand und Erfolg der Hanse. Die Erbauer und Finanzierer der Kirche müssen viel Freude gehabt haben als sie das hochgotische Flaggschiff zwischen 1277 und 1351 errichteten… dem Bischoff seinen Dom einfach mal klein aussehen lassen… so hat der Dom zwar mit seinen 130 Metern besonders lang… aber St. Marien mit 39 (!) Metern Gewölbehöhe mächtig hoch… auch die Türme sind mit 125 Metern höher… außerdem wurde die Kirche auf dem höchsten Punkt der Altstadtinsel gebaut und liegt direkt am Markt und dem Rathaus… da konnte der Bischoff nur noch gucken… Leider hatte es die Marienkirche in der Bombennacht von 1942 ziemlich böse getroffen, so das der Innenraum im Vergleich zu den anderen Lübecker Kirchen sehr schlicht ausfällt. Das besondere an diesem Sakralbau bleibt die schiere Größe… zum ersten mal wurde ein fast 40 Meter hohes Gewölbe aus Backsteinen gebaut… einer musste sich das ja erstmal trauen… an Nachfolgern sollte es dann nicht mangeln… siehe die ebenfalls sehr großen Kirchen in Wismar, Rostock und Stralsund.

...ganz schön hoch...
...Gewölbe der Marienkirche

Nach drei Kirchen war dann erstmal gut… es regnete inzwischen ohne Unterlass, also erstmal eine kleine Pause, dann noch ein weiterer Spaziergang… der dann bei dem Wetter auch nix getaugt hat… Kaufhäuser waren auch langweilig… also erstmal ins Hotel und in die Tasten für diesen Bericht gehauen… …der Rest des Tages kommt morgen ans Tageslicht… 😉
…dann irgendwas essen… nach dem Riesenschnitzel gestern gab es heute vegetarische Kost beim Kartoffelspeicher direkt ein Haus weiter… dann natürlich Bier… im Mac Thomas… es war heute sehr lecker (das Guinness).

Tag 3: Das Wetter heute verspricht weitestgehende Trockenheit ohne Sonne… aber wer braucht die schon (?)… es ging auf die Piste mit erstem Ziel: Museum Behnhaus-Drägerhaus. Ich bin ja eigentlich nicht der große Museumsgänger aber als ich gelesen habe was dort alles so rumhängt hatte ich mal Lust drauf. Es handelt sich um zwei benachbarte Bürgerhäuser aus dem 18. Jahrhundert in denen man u.a. original erhaltene Zimmer dieser Zeit besichtigen kann und gleichzeitig ist es eine große Kunstausstellung. Es gab Bilder von Caspar David Friedrich, Friedrich Overbeck, Edvard Munch und Max Liebermann (u.v.a.), Skulpturen von Ernst Barlach und Gerhard Marcks und jede Menge über die wohl berühmteste Lübecker Familie seiner Zeit… die Manns zu sehen, hören, lesen. Jedes Exponat hatte gute detaillierte Beschreibungen beiseite und es gab reichlich Möglichkeiten mit QR Codes interaktive Sachen zu erleben… toll gemacht und sehr umfangreich.

Im Museum Behnhaus-Drägerhaus
...wohnen wie bei feine Pinkels...

Weiter ging es zum Heiligen-Geist-Hospital, ein mittelalterliches ehemaliges Spital. Derzeit kann nur der Raum der Kirche direkt an der Straße besichtigt werden… es war auch eine Doku-Ausstellung für modernes Wohnen zu sehen… was ich allerdings nicht weiter beachtet habe. Danach ging ich kurz zum Burgtor (das deutlich unbekanntere Pendant des Holstentores) und noch einen Abstecher ins Willy Brandt Haus. Die Besichtigung ist gratis und bietet einen interessanten Einblick in Leben und politischem Werk Brandts… er ist ja gebürtiger Lübecker.

Das Heiligen-Geist-Hospital

Im Anschluss besichtigte ich noch ein Gebäude was Kirche und Museum gleichzeitig ist… nämlich die Katharinenkirche… gepredigt wird dort schon seit Napoleons Zeiten nicht mehr, es ist ein Museum… errichtet um 1300 im Stile der Backsteingotik aber im Gegensatz zu den anderen Lübecker Kirchen ohne Turm. Das Hauptexponat, das Gemälde „Erweckung des Lazarus“ von Tintoretto war leider gerade hinter einem Gerüst versteckt. Besonders sehenswert ist die Kirche wegen ihrer Schlichtheit und dem lichtdurchfluteten Innenraum. Danach gab ein Fischbrötchen und eine kleine Pause.

Katharienkirche gen Osten
Katharienkirche - Ausgestellte Kunst

Eine Kirche fehlte mir noch in meiner Raupensammlung… die Aegidienkirche… dran vorbei gelaufen war ich schon mindestens zwei mal… drinnen noch nicht.
Das änderte sich dann am Nachmittag. Die Kirche und das ganze Viertel war damals für die kleinen Leute… heute ist es ein sehr begehrtes Wohnviertel. Die Kirche selbst ist ebenfalls im Stile der Backsteingotik… wie so vieles hier… das Innere ist recht dunkel… Kriegszerstörungen gab es kaum, so kann man heute noch eine reichhaltige Ausstattung bewundern.

Aegidienkirche - Turm (86 Meter hoch)

Danach gab es ein Pausenbier in dem Lokal Im alten Zolln… eine Kneipe die es seit 1589 gibt. Sie haben ein eigenes Bier was recht süffig war und wirklich sehr nettes Personal. Ich hätte noch stundenlang dort sitzen können… dann wäre der Tag aber bald vorbei gewesen… stattdessen ging es erstmal ins Hotel, dann Essen im Brauberger und Guinness im „Pub If“ mit einem Gandalf-ähnlichen Wirt und zum Schluß nochmal bei Marta im MacThomas… was definitiv mein Wohnzimmer wäre, wenn ich hier wohnen würde… überhaupt… die Lübecker sind alle ziemlich gut drauf. Die Stadt ist quicklebendig, Fahrräder und Scooter so viele wie in Berlin, viele junge Leute und natürlich Touristen Ü60 mit Camp David Klamotten… aber da kann ja die Stadt nix für… Fazit : auf jeden Fall eine Reise wert… ich war bestimmt nicht zum letzten mal da… und in diesem Sinne… Danke für die Aufmerksamkeit.

Die Jülicher Straße in Berlin Gesundbrunnen

In diesem Beitrag geht es um eine einfache, unspektakuläre Straße im Berliner Stadtteil Gesundbrunnen. Hier wurde keine Weltgeschichte geschrieben und Prominente wohnten auch eher woanders… die meisten kennen die Straße nur wenn man sie als Verbindungsstraße von der Bornholmer Straße (die wenige meter davor noch Osloer Straße heißt) zum Gesundbrunnencenter beschreibt. Ich selber wohne mittlerweile seit 21 Jahren hier und führe mit dem Offside (über das Lokal gibt es hier einen eigenen Artikel) ebenso lange eines der wenigen Geschäfte dieser Straße. Ich finde das sich diese Straße einen eigenen Artikel verdient hat… an dem wird übrigens immer weiter geschrieben, so bald es etwas Neues gibt… wer noch was weiß oder vielleicht sogar noch alte Bilder besitzt… gerne her damit…

Kurze Fakten : Die Jülicher Straße ist ca. 520 Meter lang, sie beginnt im Norden an der Bornholmer Straße und endet im Süden an der Behmstraße. Der Name Jülicher Straße wurde am 01.06.1910 verliehen. Jülich ist eine Stadt mit etwa 32.000 Einwohnern im Landkreis Düren in Nordrhein-Westfalen. Gemeinsam mit der Klever Straße handelt es sich um Städte die auf die Erweiterung des Kurfürstentum Brandenburg im 17. Jahrhundert hinweisen.

Die Straße wird im Westen von der Eulerstraße, Klever Straße und Spanheimstraße verbunden und im Osten von der Glücksburger-, Laböer- und Mönkeberger Straße gekreuzt. Die Nummerierung startet mit Nr. 1 im Nordwesten und endet entgegen dem Uhrzeigersinn gegenüber im Nordosten mit Nr. 30. Es gibt 31 Hausnummern… 4 mal gibt es Doppelnummern (2a, 3a, 6a, 9a) und die Nummern 18 und 19 sind nicht vergeben, an ihrer Stelle befinden sich Laubengärten der Kolonie Sandkrug.

Geschichte :

1865 : Die Bellermannstraße wird benannt.
1894 : Die Straße 8, Abt. XI wird Behmstraße benannt
1903 : Die Straße 1, Abt. XI wird Bornholmer Straße benannt.

Bebauungsplan von 1907

1907 : Die Anlegung einer Straße mit Arbeitstitel Straße 5a Abt. XI wird von der Stadtverordnetenversammlung beschlossen. Dazu gibt es folgendes Schriftstück :

Vorlage zur Beschlußfassung betreffend die Anlegung der Straßen 5a, 10a zwischen Straße 10d und 5a, 10d und 10e in Abteilung XI des Bebauungsplanes und des südlichen Dammes der Bornholmer Straße zwischen Grünthaler Straße und Straße 51», sowie Erwerb von Straßenland zu den Straßen 5a, 10a und 10d im Wege der Enteignung.
Der Bebauungsplan für das nördlich der Bellermannstraße belegene Gelände ist mit Zustimmung der Stadtverordnetenversammlung am 26. März 1906 festgestellt worden. Die Herstellung der darin vorgesehenen Straßen 10s, 10d, 10a, zwischen den Straßen 10d und 5a, sowie die Herstellung des südlichen Teiles der Bornholmer Straße zwischen Grünthaler Straße und Straße 5d Abteilung XI wollte nun die Norden-Terraingesellschaft m. b. H. auf ihre Kosten bewirken, wobei sie annahm, daß die Stadtgemeinde die Straße 5 a auf eigene Kosten anlege. Wir glauben allerdings nicht damit rechnen zu können, daß bei den bei dieser letzteren Straße besonders schwierig liegenden Eigentumsverhältnissen sowohl am Nord- als auch am Südausgange der Straße die Herstellung durch die Anlieger würde erfolgen können.
Auch rechtfertigt der Wert dieser Straße als Verkehrsstraße zwischen Swinemünder Brücke und Bornholmer Straße ihre Anlegung aus städtischen Mitteln, nur müßte die Norden-Terraingesellschaft entsprechend ihrem Interesse an der Ausschließung ihres von der Straße 5a durchschnittenen Geländes sich an den Kosten beteiligen. Auf dieser Grundlage haben wir mit der Gesellschaft verhandelt und folgendes Ergebnis erzielt:
1. Die Norden-Terraingesellschaft läßt uns das gesamte ihr gehörige Straßenland der Straße 5a von 6 766 gm Flächeninhalt unentgeltlich unter Verrechnung auf die künftig zu zahlenden Anliegerbeiträge auf. Sie verschafft uns auch die 615 gm große Landfläche, welche zur Anlegung der Straße von dem Engelschen Grundstücke — Band 23, Blatt Nr. 1 472 — erforderlich ist, dadurch, daß sie, entsprechend der von diesem Eigentümer für die Abtretung gestellten Bedingung, eine an der Ecke der Straße 5a und 2a belegenen 3 gm großen Fläche,
welche dem Engelschen Grundstück teilweise als Baumaske vorgelagert ist, dem Engel unentgeltlich übereignet. Die Gesellschaft zahlt außerdem entsprechend der Frontlänge, mit der sie an der Straße 5a liegt, 55 v. H. der tatsächlichen Kosten der Pflasterung, den Entwässerungsbeitrag und den Beitrag für die Kosten der Beleuchtungsvorrichtung alsbald unabhängig von der tatsächlichen Bebauung, sowie 55 v. H. der Landerwerbskosten für die beiden am Nordausgange der Straße 5a liegenden Grundstücke von Neustadt und Goldwasser, soweit sie in die Straße 5a fallen, immer jedoch unter Anrechnung auf die künftig fällig werdenden Anliegerbeiträge. Soweit die von den beiden letztgenannten Grundstücken zu erwerbenden Flächen vor der Straßenflucht der Bornholmer Straße liegen, trägt die Norden-Terraingesellschaft die Erwerbskosten ganz. Sie bedingt sich dabei aus, daß, falls die Stadtgemeinde verpflichtet wird, die eben erwähnten beiden Grundstücke ganz, d. h. auch die verbleibenden Restgrundstücke, zu übernehmen, ihr diese Restgrundstücke zu dem im Enteignungsverfahren und dem darauffolgenden Prozeßverfahren festgesetzten Preise übereignet werden. Zur Anlegung der Straße 5a. die wir dann im nächsten Etatsjahr anlegen müßten, bedarf es nun noch des Erwerbes einer etwa 4 541 gm großen Fläche des am Südausgange der Straße 5a belegenen Geländes der Wollankschen Familienstiftung, sowie der mehr erwähnten etwa 821 gm und 207 gm großen Flächen von den am Nordausgange der Straße 5a belegenen Grundstücken von Neustadt und Goldwasser. Der freihändige Erwerb der der Wollankschen Familienstiftung gehörigen Fläche kann nicht in Aussicht genommen werden, da die Stiftung statutenmäßig freihändig nur zu einem Preise von 1000 Mark für die Quadratrute verkaufen darf, ein Preis, der im Enteignungsverfahren voraussichtlich nicht zugebilligt werden wird. Die sonst geforderten Preise von 1100 Mark für die Quadratrute des Goldwasserschen Grundstücks und von 80 000 Mark für das Neustadtsche Gelände erscheinen uns gleichfalls unannehmbar. Wir haben daher den Erwerb dieser Flächen im Enteignungsverfahren in Aussicht genommen. In diesem Verfahren wird auch die vorübergehende Beschränkung der angrenzenden Grundstücke durch Anlage von Böschungen für den Straßenkörper der hochliegenden Straße 5a beantragt werden müssen, wenn der Widerspruch gegen diese Anlagen sich nicht in den hierüber schwebenden Verhandlungen beseitigen lassen sollte. Die freiwillig abtretenden Anlieger haben sich zur Duldung der Böschungen bereit erklärt, die Norden-Terraingesellschaft hat sich verpflichtet, die für die Beschränkung zu zahlenden Entschädigungen zu tragen.
2. Das Straßenland der Straßen 10s, 10a zwischen Straße 10d und 5a, und der Straße 10d wird uns teils von der Norden-Terraingesellschaft teils von den Anliegern unentgeltlich zur Verfügung gestellt, nur die von dem Grundstücke Band 24 Nr. 1263 zur Anlegung der Straße 10s erforderlichen Fläche von ca. 513 gm Größe und die von dem Gelände der Wollankschen Familienstiftung erforderlichen
a) an der Einmündung der Straße 10 d in die Bellermannstraße und
b) an der Einmündung der Straße 10« in die Straße 5 a belegenen Flächen von zirka 46 und 416 qm Größe sind auf dem Wege gütlicher Einigung nicht zu erlangen und zwar die von Band 24 Nr. 1263 zu erwerbende Fläche wegen der mit Rücksicht auf eine grundbuchliche Verpflichtung unannehmbar erscheinenden Preisforderung von 12 840 Mark, die von der Wollankschen Stiftung wegen der bereits erwähnten für alle Wollankschen Terrains gleichmäßig hohen Mindestpreisforderung von 1000 Mark pro Quadratrute.
Die Norden-Terraingesellschaft bittet daher, auch diese Flächen auf ihre Kosten zu enteignen.
Zur Erfüllung der von ihr bezüglich der zu enteignenden Flächen übernommenen Verpflichtungen will die Gesellschaft alsbald die Summe von 100000 Mark bar bei der Stadthauptkasse einzahlen, aus welcher alsdann die jeweilig fällig werdenden Beträge zu ent-
nehmen sind. Schließlich verpflichtet sich die Gesellschaft noch, das Straßenland zu den Straßen 10b, zwischen den Straßen 5a und 5d, und 5b zwischen der Straße 10b, und Bornholmer Straße unentgeltlich an die Stadtgemeinde aufzulassen oder soweit ihr dies Land nicht gehört, das unentgeltliche Eigentum daran nötigenfalls durch Enteignung der Stadtgemeinde zu verschaffen und beide Strecken bis zum 1. April 1910 auf ihre Kosten anbaufähig herzustellen.
3. Sie bedingt sich andererseits noch aus, daß die 112 qm große Fläche an der Ecke der Straßen 10a und 5a, welche der Stadtgemeinde Berlin im August 1875 zur Freilegung der Straße 10 Abteilung XI (jetzt Straße 10a Abteilung XI) unentgeltlich ausgelassen worden ist, nunmehr aber nach Verschiebung der Fluchtlinie zu Straßenzwecken nicht mehr gebraucht wird, unentgeltlich an sie ausgelassen werde. In Übereinstimmung mit unserer Tiefbaudeputation glauben wir diese Regelung als für die Stadtgemeinde vorteilhaft empfehlen zu sollen und beantragen daher zu beschließen:
Die Versammlung ist damit einverstanden, daß
1. die Straße 5a im nächsten Etatsjahr unter den in dieser Vor lage genannten Bedingungen angelegt wird und daß zu diesem Zwecke die von der Wollankschen Familienstiftung am Südausgange der Straße 5a und von den Eigentümern Goldwasser und Neustadt am Nordausgange der Straße 5a abzutretenden Flächen im Enteignungsverfahren erworben werden.
2. die von dem Wollank’schen Gelände
a) an der Einmündung der Straße 10d in die Bellermannstraße zur Straße 10d,
b) an der Einmündung der Straße 10s in die Straße 5a zur Straße 10s und die von dem Grundstücke Band 24 Nr. 1263 zur Anlegung der Straße 10s noch erforderlichen Flächen auf Kosten der Norden-Terraingesellschaft ebenfalls im Enteignungsverfahren erworben werden, und
3. die der Stadtgemeinde gehörigen, an der Ecke der Straßen 10a und 6a gelegenen 112 qm ehemaliges Straßenland der Straße 10 unentgeltlich an die Norden-Terraingesellschaft aufgelassen werden.“
Da die Norden-Terraingesellschaft und der Eigentümer Engel, der zirka 615 qm zur Straße 5a unentgeltlich abtreten will, sich nur bis zum 1. Januar 1908 an ihre Erklärungen haben binden wollen, so ersuchen wir um möglichste Beschleunigung der Beschlußfassung.

150 Pläne liegen bei.
Berlin, den 15. November 1907.
Magistrat hiesiger Königl. Haupt- und Residenzstadt.
Kirschner.

1910 : Die Straße 5a Abt. XI wird Jülicher Straße benannt. Im gleichen Jahr erhalten Euler- und Spanheimstraße ihre Namen, 1911 folgen Glücksburger- und Sonderburger Straße, 1927 mit Laböer- Ellerbecker- und Mönckeberger Straße die übrigen Straßen die an die Jülicher Straße grenzen bzw. in der Nähe sind.

Die Häuser Jülicher Straße 1 (heute Tankstelle) und Jülicher Straße 4 werden als erste Häuser der Straße fertiggestellt.

Jülicher Straße 1-2 Anfang der 1930er Jahre. Beide Häuser wurden in Krieg zerstört.
Jülicher Straße 4 (Foto von 1942)… ältestes Haus der Straße

1911 : Fertigstellung von Haus Nr. 30 (damals Nr. 28)

1912 : Fertigstellung von Haus Nr. 5

1913 : Fertigstellung von Haus Nr. 8

Jülicher Straße 28 (heute 30) Ecke Bornholmer Straße um 1914 (Sammlung Schmiedecke)

1924 : Fertigstellung von Haus Nr. 7 durch die Reichsbank Berlin.

1925 : Fertigstellung von Haus Nr. 14 (Sportkasino von Norden-Nordwest)

Fußballspiel im Hertha Stadion 1924. Im Hintergrund der Bau des NNW Kasinos sowie das Haus Jülicher Straße 8 (rechts)
Jülicher Straße 6 und 6a Ecke Klever Straße Anfang der 1930er Jahre

1927 – 1930 : Die Gesellschaft für Bahnen und Tiefbauten (Vorgänger der heutigen Gesobau AG) errichtete Wohnhäuser im zeitgenössigen Stil in der Jülicher Straße (Ostseite) (10 Aufgänge), Mönkeberger Straße (1 Aufgang), Laböer Straße (4 Aufgänge), Glücksburger Straße (8 Aufgänge), Bornholmer Straße (4 Aufgänge), Sonderburger Straße (6 Aufgänge), Eulerstraße (2 Aufgänge) und Jülicher Straße (Westseite) (2 Aufgänge). Ursprünglich sollte Richtung Osten weiter gebaut werden aber Weltwirtschaftskrise und Krieg verhinderten das. An dieser Stelle ist die Kolonie Sandkrug v. 1925.

1927 : Fertigstellung der Häuser 6 und 6a durch die Gemeinnützige Märkische Baugenossenschaft.

Fertigstellung der Häuser Nr. 20, 21, 22 und 23.

Geplante Bebauung des Areals auf einem Plan von 1914
Die Jülicher Straße mit Blick zur Mönckeberger Straße mit Tram Oberleitung… 1930er Jahre
Müllkippe Ellerbecker Straße mit Blick auf Jülicher, Mönkeberger, Klever und Laböer Straße. Rechts die Rückansicht von Jülicher Straße 20-23. Foto von 1934 (Landesarchiv Berlin)

1928 : Fertigstellung der Häuser Nr. 24, 25, 26 und 27.

1930 : Fertigstellung der Häuser Nr. 3, 3a, 27 und 28.

Jülicher Straße 3 und 3a Ecke Eulerstraße Anfang der 1930er Jahre.

1939 : Fertigstellung der Häuser Nr. 9 und 9a durch die Reichsbank Berlin.

1941-1945 : Die Gegend um den Bahnhof Gesundbrunnen wurde im Krieg stark beschädigt. Viele Luftangriffe galten den Industriestandorten in der Brunnenstraße. Der Hochbunker mit Flakturm am Volkspark Humboldthain zog die Zerstörungen ebenfalls an. Viele Gebäude wurden zerstört und später durch Neubauten ersetzt. Die Jülicher Straße kam vergleichsweise glimpflich davon. Nur die Häuser Nr. 1 und 2 wurden Opfer des zweiten Weltkriegs. Auf den Grundstücken der zerstörten Häuser befand sich viele Jahre ein Gewerbehof für Brennstoffe, also Kohlen und Heizöl… aber auch ein Fuhrunternehmen der Brennstoffhändlerin Käthe Heinrich und ein Stand für Obst und Gemüse. In den 1970ern wurde eine Shell Tankstelle eröffnet und in den 1990ern wurde ein neues Wohnhaus auf der Fläche errichtet.

1968 : Der Wohnblock mit den Hausnummern 10, 11, 12 und 13 wird fertiggestellt. Bauherr war Willi Laser.

1992 :  Neubau der Häuser Jülicher Straße 2-2a 

Das NNW Kasino war viele Jahre Geschäftsstelle von Hertha BSC… mit Restaurant und Kegelbahn. Foto von 1972
Ruine des ehem. NNW Kasinos Jülicher Straße 14 anno 2009

1990er – 2000er Jahre : Beginn eines Hotelneubaus im Südosten der Straße neben dem Sportkasino der Jülicher Str. 14. Der Investor ging in Insolvenz und der begonnene Bau blieb viele Jahre als Bauruine stehen. Das Kasinohäuschen gehörte zum Objekt und verfiel zunehmens.

Restauriertes ehem. NNW Kasino mit Hotelneubauten 2018

2014-2017 : Instandsetzung des ehemaligen Kasinos von Hertha und NNW (Jülicher Str. 14) als Hostel. Fertigstellung der Gebäudeblöcke Jülicher Straße 15 als Hotel und Jülicher Straße 16-17 als Studentenapartments.

2015 wird das Kopfsteinpflaster der Straße durch Asphalt ersetzt, es bleiben nur die Parkhäfen erhalten. Im Anschluss an die Straßenbauarbeiten wurde die Jülicher Straße für gut 2 Jahre zur Einbahnstraße. Die nahe Bösebrücke wurde saniert und der gesamte West-Ost Durchgangsverkehr wurde durch Jülicher Straße, Behmstraße und Malmöer Straße umgeleitet. 2018 wurde die Straße erneut aufgerissen… die Wasserleitungen wurden erneuert. 2020 fanden erneut Bauarbeiten statt, dieses mal waren die Stromleitungen dran…

…Beitrag wird fortgesetzt…

Blick von der Spanheimstraße auf die Baustelle von Hotel und Campus mit dem alten Kopfsteinpflaster. Januar 2015
Entfernung des Kopfsteinpflasters 19. März 2015
Asphaltierung 14.04.2015

Unsere nächste Nachbarschaft… Spurensuche auf historischen Landkarten

In diesem Abschnitt soll es um einen Teil vom Gesundbrunnen gehen… der Teil in dem ich wohne, arbeite und lebe. Der Teilbereich des ehemaligen Bezirks Wedding wird begrenzt von Badstraße, Osloer Straße und der Bahntrasse zwischen den  Bahnhöfen Bornholmer Straße und Gessundbrunnen. Die Badstraße wird später einen eigenen Platz bekommen, mir soll es hauptsächlich um deren Nebenstraßen östlich gehen : Bellermannstraße, Eulerstraße, Grüntaler, Stettiner, Jülicher Straße,  Behmstraße etc. Der Blog wird ständig ergänzt und bearbeitet (Stand : April 2021)

1757

Beginnen wollen wir aber mit einer Karte die bei uns im Offside hängt… jemand hat sie uns gespendet, vorher hing sie wohl im ehem. Rathaus Wedding. Zur Orientierung sollte man beachten das der Plan keine Nord/Südausrichtung hat, dafür gibt es aber einen Pfeil im linken unteren Bereich.

28.12.1757 - Plan der Gegend zwischen Kgl. Vorwerk Wedding und der Gräfl. Preuß. Papier Mühle zu Anlegung des neuen Gesund Brunnen

v.l.n.r: Das Vorwerk Wedding (im Bereich der heutigen Reinickendorfer/Weddingstraße) Weg von Oranienburg nach Berlin (in etwa der Verlauf der heutigen Gerichtstraße/Gartenstraße)… dann kommt die Panke, damals noch mit zwei Armen….nördlich von der Panke (etwa entlang der heutigen Koloniestraße) entstand kurze Zeit darauf eine Maulbeerplantage welche von Einwanderern aus Böhmen betrieben wurde. Linksseitig der Panke ist noch etwas Wald erhalten, der Rest der vormals üppigen Berliner Stadtheide, hauptsächlich Kiefern und Eichen wuchsen dort… ihr Holz steckt noch heute in den Häusern Berlins (soweit sie noch stehen). Wir erfahren die Besitzer diverser Grundstücke : wüstes Sand-Land gehört dem Magistrat; Wiese zum Amt Schönhausen gehörig (etwa Brunnenplatz vorm Amtsgericht); Vorwerks Acker; das erste Feld, das Mittel Feld; St.Georgen Hospital Acker. Gesund Brunnen… Dazu gibt es demnächst ein Extrakapitel. 

Der Friedrichs Gesundbrunnen um 1760

 

Holländische Mühle… bereits in der ersten urkundlichen Erwähnung Weddings um 1251 wurde eine Pankemühle genannt, 1541 wurde erwähnt, das die Mühle nicht mehr in Betrieb ist… 1708 wird der Bau einer Wassermühle beschlossen, 1731 wird die Mühle an der Panke zur Papiermühle umgebaut und war Arbeitsplatz für 60 Arbeiter (Auf dem Wedding lebten 1748 ganze 72 Einwohner). Auf der Karte neben Brunnen und Mühle: Bürger Craatz Wiese… ich durfte noch einen Nachfahren dieses Bürgers kennenlernen, er verstarb vor ein paar Jahren im hohen Alter und war in der lokalen SPD aktiv. Am rechten Rand der Karte dann „vormaliger Fasanen- und Kaninchengarten der jetzt einem Bürger gehört, der eine Meierei daraus machen will“ (sinngemäß) …da sind wir etwa in dem Bereich von Prinzenallee, Bellermannstraße, Grüntaler Straße. Der Kaninchengarten wurde an einer Strecke angelegt, die der preußische Adel als Verbindung der Schlösser Charlottenburg und Niederschönhausen nutzte. Kronprinz (und späterer Soldatenkönig) Friedrich Wilhelm I. nutzte ihn zum jagen und zur Übung mit der Schußwaffe… und so entstand der Name Prinzenallee… der Weg an diesem  Fasanen- und Kaninchengarten, welcher 1712 angelegt wurde und etwa 10 Jahre Bestand hatte.

1802

1802 - Originalausschnitt "Plan von Berlin nebst denen umliegenden Gegenden im Jahr 1802'' (*historicmaps)

Wir tauchen ein in die Vergangenheit mit Hilfe von historischen Landkarten. Der Ausschnitt ist stets der gleiche wie bei der Karte siehe oben. Es gibt sehr gute Webseiten die dieses Material kostenlos zur Verfügung stellen*. Man kann mit Hilfe eines Reglers die historische Karte in die Gegenwart pausen. Das wird bei den ersten Karten nötig sein, da noch nicht viel Orientierungspunkte vorhanden waren.

*https://historicmaps.toolforge.org/berlin/

1802 - Ausschnitt mit Orientierungshilfe "Plan von Berlin nebst denen umliegenden Gegenden im Jahr 1802'' (*historicmaps)

1802 : An dieser Stelle ist die Blaupause mit der heutigen Karte durchaus wichtig, denn viele Orientierungspunkte gibt es noch nicht. Fixpunkte sind das Vorwerk Wedding und der Gesundbrunnen an der Panke, welche damals noch zwei Arme hatte. Ganz oben links, heute die Gegend der Reinickendorfer Straße / Osloer Straße befand sich einer der vielen Exerzierplätze der ja sehr militärisch geprägten preussischen Residenzstadt Berlin (bzw. in diesem Falle ihres Umlandes). Dieser hier war der Exerzierplatz der Artillerie.

Romantik pur… Gesundbrunnen mit dem Poetensteig um 1800

Nur westlich und nordwestlich von Wedding und Gesundbrunnen gab es noch Wald, der größte Teil der ehemaligen Stadtheide wurde in den zurückliegenden Jahrzehnten gefällt, verbaut und nicht wieder aufgeforstet. Man kann sich vorstellen das der Teil östlich vom Gesundbrunnen eine relativ kahle Landschaft war, mit etwas Landwirtschaft und Sandbergen. Apropos Berge… Im Bereich des heutigen Volkspark Humboldthain sind folgende Erhebungen eingezeichnet : Grenardierberg, Brunnenkappe und Langer Berg.

Der Verlauf der späteren Brunnen- und Badstraße ist grob zu erkennen, es war der Weg aus dem Berliner Stadtzentrum… was er ja heute auch noch ist. Der Weg von oben nach unten ist der Verlauf der heutigen Prinzenallee/Pankstraße… der Weg  verband Wedding und Gesundbrunnen mit Pankow und dem Schloß Niederschönhausen. Des Weiterem gibt es einige Wege, die man wohl bestenfalls mit Trampelpfaden vergleichen kann… ein Pfad lief auch durch den oberen Teil der Jülicher Straße, gekreuzt von einem Wassergraben welcher von der Panke kommend in Höhe der Osloer/Bornholmer Straße. Das östliche Ende des kreuzenden Wassergrabens endet dort wo heute die Gartenkolonie Wiesengrund liegt… ich vermute mal, das es damals eine sumpfige Wiese war… etwas weiter nördlich fließt der Eschengraben, dessen Wasser noch dazu kommt…

Stand der Einwohner : Im Wedding lebten 150 Personen in 17 Haushalten und im Gesundbrunnen 105 Personen in 23 Haushalten. Diese Haushalte waren bereits damals teilweise Ausländer. Preußen war ja sehr tolerant was Einwanderung betraf (natürlich nicht ganz uneigennützig) und so förderte bereits Friedrich II. (…jeder nach seiner Fasson…) die Ansiedlung von Kolonisten in den Bereichen Reinickendorfer-/Uferstraße und… genau… Koloniestraße…

1816

1816 - Originalausschnitt "Topographischer Plan der Gegend um Berlin ca. 1816" (*historicmaps)
1816 - Ausschnitt mit Orientierungshilfe "Topographischer Plan der Gegend um Berlin ca. 1816" (*historicmaps)

1816 : 14 Jahre später ist nicht viel passiert… der Brunnen heißt seit 1809 Louisenbad der Ort Louisenbrunnen, benannt nach der populären Königin Luise, welche um die Jahrhundertwende einige male vor Ort gewesen war und die Umbenennung der Quelle genehmigte. Unweit der Brunnenanlage ist eine Meierei verzeichnet, mut maßlich jene, die ein Bürger auf der Karte von 1757 beim ehemaligen Kaninchengarten errichten wollte. 1811 wurde die Mühle an der Panke stillgelegt, 1825 wird sie abbrennen. Vermutlich existieren die Waldstücke nordwestlich der Panke nun auch nicht mehr.

1840

1840 - Originalausschnitt "Urmesstischblatt "Berlin (Nord)" um 1840" (*historicmaps)
1840 - Originalausschnitt "Urmesstischblatt "Berlin (Nord)" um 1840" mit Orientierungshilfe (*historicmaps)

…auch 24 Jahre nach dem letzten Kartenausschnitt hat sich nicht viel getan… man muß schon genauer hinsehen : Die Straße nach Oranienburg heißt seit 1827 Pankstraße. Wedding und Gesundbrunnen bekamen eigene Kirchen (Nazarethkirche & St. Paul), beide von Karl Friedrich Schinkel entworfen und 1835 eingeweiht. Die rote Linie welche mit einem Bogen von oben rechts nach unten links führt stellt den Trassenverlauf der Berlin-Stettiner Bahn dar. Die Strecke wurde an dem hier ersichtlichen Abschnitt 1842 in Betrieb genommen. Bis 1897 fuhr die Bahn quasi neben der Grüntaler Straße und querte die Badstraße an einem beschrankten Übergang. Zwei Ziegeleien sind zu sehen… eine an der Stelle des heutigen Bahnhof Gesundbrunnen und eine an der Stelle der heutigen Eulerstraße/Klever Straße.

1855

1855 - Originalausschnitt aus dem "Plan von Berlin mit dem Weichbilde und der Umgegend bis Charlottenburg" (*historicmaps)
1855 - Ausschnitt mit Orientierungshilfe aus dem "Plan von Berlin mit dem Weichbilde und der Umgegend bis Charlottenburg" (*historicmaps)

…auch die Karte von 1855 zeigt uns das dieser Fleck Erde noch weit davon entfernt ist, eine Großstadt zu werden… auf dieser Karte ist ganz gut zu erkennen, daß die Bebauung kleine ebenerdige Kolonistenhäuser mit Gartengrundstück sind. Ab 1850 siedelten sich nördlich vom Luisenbrunnen an der Panke Gerber an, die es mit dem (damals sicher eh noch nicht sehr strengen) Umweltschutz  nicht so genau nahmen und die Abwässer in den Fluß leiteten was vor allem auf die Luftqualität negativen Einfluss hatte und zum GESUNDbrunnen nicht passen wollte…die Panke wurde zur „Stinkepanke“ und ein berühmter Spruch dieser Zeit war: „Wo die Panke mit Gestanke durch den Wedding rinnt“… Die Straße Richtung Reinickendorf heißt jetzt Schwedenstraße… im Bereich der heutigen Bellermannstraße, etwa Ecke Grüntaler Straße gibt es erste Wohnhäuser und die Ziegelei Johl. Die Stelle an der später die Bornholmer Straße die Bahn überqueren wird ist als Anhöhe zu erkennen.

1866

1866 - Originalausschnitt aus "Neuester Situationsplan von Berlin" (*historicmaps)
1866 - Ausschnitt aus "Neuester Situationsplan von Berlin" mit Orientierungshilfe (*historicmaps)

1866 haben Grüntaler und Stettiner Straße einen Namen, ebenso die Bellermannstraße welche aber nur von der Prinzenallee bis zur Bahntrasse der Stettiner Eisenbahn geht, danach geht der Verlauf als Trampelpfad weiter. Kurz hinter den Schienen geht ein Weg nach links zur Ziegelei von Eduard Johl, es ist keine offizielle Straße aber er wird der Johlsche Weg genannt. In seinem Verlauf wird später die Eulerstraße entstehen. Der Verlauf der späteren Behmstraße ist bereits zu erkennen, nach einer Weile zweigt von ihr die Schwedter Straße ab… an der Stelle wo heute die Behmstrassenbrücke und der Schwedter Steg ist… kleiner Zwischenstand der Bevölkerungsmenge von 1866 : 17.000 Einwohner

1874

Originalausschnitt aus "Neuester Plan von Berlin mit den Königl. Preuss. Standes- und Amtsbezirks-Superintendentur- und Parochie-Grenzen 1874" (*historicmaps)
Ausschnitt von "Neuester Plan von Berlin mit den Königl. Preuss. Standes- und Amtsbezirks-Superintendentur- und Parochie-Grenzen 1874" mit Orientierungshilfe (*historicmaps)

1874… und jetzt geht es aber ab hier… was für ein großer Sprung gegenüber der 8 Jahre zuvor erschienenen Karte von 1866… allerdings mit viel Theorie, denn vieles was wir hier sehen, ist der Plan wie es einmal werden soll. Wir sehen zwei neue Bahnhöfe… von denen 1874 noch keiner fertig war : Gesundbrunnen und Nordbahnhof. Der Bahnhof Gesundbrunnen war seit 1872 Haltepunkt der gerade in Betrieb genommenen Berliner Ringbahn, der Ausbau zum überregionalen Bahnhof folgte erst nach und nach in den folgenden 15 Jahren. Der Nordbahnhof ist nicht mit dem Stettiner Bahnhof zu verwechseln (an dessen Stelle befindet sich heute die S-Bahn Station Nordbahnhof) sondern der Zielbahnhof der Berliner Nordbahn die 1877 von hier aus Richtung Neubrandenburg startete. Wenig später wurde die Strecke für den Personenverkehr dann aber doch zum Stettiner Bahnhof verlegt und der Nordbahnhof wurde zum reinen Güterbahnhof. Vom Nordbahnhof ist wenig erhalten, an seiner Stelle befindet sich heute der Mauerpark. Am berühmten Gleimtunnel über der Gleimstraße kann man noch erahnen, wie viele Schienen dort verliefen. Die beiden Bahnstrecken kreuzten an der Stelle einander, wo heute die S-Bahnbrücke über die Grüntaler Straße verläuft. Auch der künftige Straßenverlauf unserer Gegend deutet sich an… Basis dafür war der Hobrecht-Plan von 1862, der aus den zahlreichen bewohnten Flecken von Berlin und Umland ein grobes System schuf (das ist jetzt mal gaaanz vereinfacht gesagt…) Die heutige Osloer- und Bornholmer Straße wird angedeutet und etliche Straßen haben jetzt einen Namen. Der nördliche Teil der Grüntaler Straße, welcher noch von der Stettiner Eisenbahn getrennt wird hatte auf der linken Seite einen eigenen Namen : Völkerstraße (bis 1910). Etwas Kultur hat auch Einzug gehalten: Weimanns Volksgarten an der Badstraße (da wo heute die Bastianstraße ist) öffnete 1851 und existierte bis 1905… neben Restauration war der Volksgarten Schauplatz von (u.a. jüdischen) Volksfesten. 1889 wurde Weimanns Volksgarten von der benachbarten Adler Brauerei in der Hochstraße gekauft. Die Brauerei produzierte ab 1864 Bier im bayerischen Stil. Im Laufe der Jahre hieß die Brauerei auch Brauerei Karl Gregory und Phönixbrauerei. Etwa 1920 war dann Schluß mit der Brauerei… heute steht ein großes Hotel an dieser Stelle.  Der Humboldthain wurde auch erschlossen…als Parkanlage ohne Bunker. Unten links an der Reinickendorfer Straße nahe der Ringbahn war bereits damals die Feuerwehr stationiert. …dann steht da noch „Der kleine Wedding“… ok, das Vorwerk Wedding mit seinen angrenzenden Ländereien lag etwa an der heutigen Ecke Reinickendorfer-/Weddingstraße und war in dem Sinne der große Wedding. Ein weiterer Hof, etwas kleiner und mit anderen, ständig wechselnden Besitzern lag am Anfang der Reinickendorfer Straße, an der (heutigen) Tristesse namens Weddingplatz.

1882

Originalausschnitt vom "Sineck Situations-Plan von Berlin 1882" (*historicmaps)
Ausschnitt vom "Sineck Situations-Plan von Berlin 1882" mit Orientierungshilfe (*historicmaps)

Die Karte von 1882 zeigt ein wenig was ich bei der letzten von 1874 meinte… viel Planung, wenig Tatsachen. Ein paar mehr Wohnhäuser sind es aber dennoch an Badstraße und Prinzenallee… der Soldiner Kiez (bzw. die Gegend die heute so heißt) bildet sich auch langsam und auch rechts und links der Bellermannstraße ist Zuwachs zu verzeichnen. Noch fährt die Stettiner Bahn mit der Grüntaler über die Badstraße, aber das Gelände um den Bahnhof Gesundbrunnen deutet an, das etwas größeres entsteht… Der Anschluß der Berlin-Wetzlarer Bahn, welche im Volksmund Kanonenbahn hieß und für militärische Zwecke errichtet wurde, spielte nur kurz eine Rolle, bis zur Fertigstellung vom Bahnhof Charlottenburg. Auf dem Gelände das heutzutage der Schwedter Steg überquert, befand sich ein halbringförmiger Lokschuppen. Ein Gleis führt vom Bahnhof Gesundbrunnen um den Humboldthain herum zum Viehmarkt südlich des Humboldthain… wo wenige Jahre später eine der größten Industriestandorte Berlins entstehen wird. Eine Schule befand sich an der (heutigen) Osloer Straße zwischen Freienwalder- und Wrietzener Straße, in der Pankstraße zwischen Gericht- und Wiesenstraße und eine weitere in der zweiten Reihe der Ecke Pank-/Badstraße, etwa da wo heute die Bastianstraße verläuft.

1895

Originalausschnitt vom "Straube Plan von Berlin 1895" (*historicmaps)
Ausschnitt vom "Straube Plan von Berlin 1895" mit Orientierungshilfe (*historicmaps)

Etwas weniger ins Detail geht der Straube Plan von 1895. Die roten Flächen deuten Bebauung an, schraffierte rote Flächen Bahngelände. Gut zu erkennen ist die Entwicklung  des sogenannten „tiefen Wedding“, das ist  der Gegend die heute Brunnenviertel genannt wird. Auf dem Gelände es ehemaligen Viehmarktes westlich der Brunnenstraße entstand ab 1894 mit dem AEG Werk eine der größten Berliner Industriestandorte mit zeitweise 14.000 Beschäftigten… viele von denen wohnten auf der anderen Seite der Brunnenstraße… und das nicht wirklich in komfortabler Art… nein, es waren größtenteils Zustände die wir uns heute kaum noch vorstellen können. Im Jahr 1900 stieg die Einwohnerzahl von Wedding und Gesundbrunnen auf 160.000 Einwohner… 1866 waren es noch 17.000 Einwohner. …zu den Details: Die heutige Osloer Straße bekam 1892 den Namen Christianastraße… benannt nach der norwegischen Hauptstadt und als sich diese 1925 in Oslo umbenannte, änderte man das 1938 auch bei dieser ja sehr großen Straße. Es gab zwei neue Gotteshäuser : die Himmelfahrtskirche von August Orth am Humboldthain (im Krieg zerstört) und St. Sebastian für die katholische Gemeinde am Gartenplatz (knapp unterhalb unseres Kartenausschnittes.)

1905

Originalausschnitt vom "Sineck Situations-Plan von Berlin 1905" (*historicmaps)
Ausschnitt vom "Sineck Situations-Plan von Berlin 1905" mit Orientierungshilfe (*historicmaps)

Beim Sineck Situations-Plan von 1905 kann man gut unterscheiden was schon steht und was geplant ist, letzteres wird rot dargestellt und gerade im östlichen Bereich von Grüntaler und Bellermannstraße ist da einiges rot, genau wie im Nachbarbezirk Prenzlauer Berg… Berlins Einwohnerzahl ging zu dieser Zeit immer weiter in die Höhe… die Leute kamen vom Land wegen der Arbeit in die Stadt und brauchten dringend Unterkunft. Die Gleise der Stettiner Bahn wurden 1897 in das Gleisbett der anderen Bahnen am Gesundbrunnen verlegt. Die Badstraße wurde somit ihre lästige, unfalllastige Bahnschranke los. Im gleichen Jahr wurde das Empfangsgebäude des Bahnhofs erbaut… mittlerweile hielten neben der S-Bahn auch Vorortszüge und Fernverkehr am Berliner Nordkreuz. 1905 wurde die Swinemünder Brücke über den Gleisanlagen des Bahnhofs fertiggestellt. Die Brücke ist mit 228 Metern 100 Meter länger als die ähnliche, deutlich bekanntere Glienicker Brücke zwischen Berlin und Potsdam. Auf Grund ihrer ausufernden Baukosten (…ja, sowas gabs auch früher schon) heißt sie im Volksmund Millionenbrücke.

Millionenbrücke 1906 (Foto von Max Missmann) Im Hintergrund die unbebaute Gegend nördlich der Behmstraße, rechts die Behmstraßenbrücke. Die Häuser auf der linken Seite sind in der Wriezener Straße, die Stephanuskirche an der Soldiner Straße und die Häuser etwas weiter rechts gehören zur Grüntaler Straße. Vom linken Brückenbogen verdeckt ist der Schebera Sportplatz welcher seinerzeit bereits von Hertha angemietet war.

Auf dem Brunnenplatz zwischen Panke und Pankstraße entstand das Amtsgericht Wedding im neogotischen Stil… nicht gerade bescheiden wirkend. An der Rückseite des Gerichtes, auf der anderen Pankeseite lag das große Straßenbahndepot, erst für Pferdebahnen, später für elektrische Bahnen. Das fabrikähnliche Gelände wird heute hauptsächlich von Künstlern genutzt (Uferhallen/Uferstudio). Die 1833 gegründete Tresorfabrik von Simon Joel Arnheim siedelte sich Anfang der 1890er Jahre an der Badstraße 40-41, direkt an der Panke an. Für den Bau der Fabrik wurde der westliche Pankearm zugeschüttet und ein markantes Backsteinhaus an der Badstraße wurde als Wohnhaus für Mitarbeiter der Firma errichtet. Nicht auf der Karte verzeichnet aber seit 1890 in der Osloer Straße 12 ansässig war die Maschinenfabrik Albert Roller welche Maschinen für die Herstellung von Zündhölzern herstellte (heute Kindermuseum und Nachbarschaftsetage). Eine neue evangelische Kirche entstand bis 1904 an der Kreuzung Prinzenallee/Soldiner Straße. Für die Stephanuskirche war ursprünglich war als Bauplatz das nunmehr freie Gelände der Stettiner Bahn an der Grüntaler Straße vorgesehen… das zerschlug sich aber. Auch die Katholiken bekamen ein neues Gotteshaus in der Bellermannstraße… die Petruskirche wurde 1906 eingeweiht.

1914

 
 
Originalausschnitt vom "Baedeker, Großer Streifenplan von Berlin, 1914" (*historicmaps)

…ab hier braucht es keine Orientierungshilfen mehr… die städtebauliche Situation entspricht im Wesentlichen der heutigen…

…das erste was man zum Jahr 1914 in Bezug auf unsere Geschichte a la map erwähnen sollte, ist die Einwohnerzahl von Wedding und Gesundbrunnen… eben noch (1900) bei 140.000 Einwohnern, liegen wir 14 Jahre später bereits bei 251.000 Einwohnern… nur mal zur Erinnerung… 1820, also weniger als 100 Jahre davor, lebten 350 Einwohner in diesem Gebiet… Das Haus in dem ich gerade diesen Blog schreibe, die Jülicher Straße 4 wurde 1910 erstbezogen, gemeinsam mit dem asymmetrischen Zwilling Eulerstraße 8. Der Rest der Straße wird erst einige Jahre später bebaut, es ist Krieg und danach das Geld knapp… das Gebiet östlich der Jülicher Straße sollte genauso erschlossen werden, man sieht wie die Straßen projektiert waren, aber dazu kam es nicht mehr.  1914 wurde das jüdische Krankenhaus zwischen Exerzier- und Schulstraße vollendent. Aus dem Kraftwerk Golpa-Zschornewitz in Sachsen führte ab 1914 eine Hochspannungsleitung durch See- und Osloer Straße. In der Osloer Straße (welche damals noch Christianastraße hieß) 116a wurde hinter einer Wohnhausähnlichen Fassade die Fabrik von Hasse und Wrede errichtet. Die Firma stellte Maschinenbauteile her und später auch Rüstungsgüter. In dem Komplex ist heute ein Hotel. Nicht mit verzeichnet sind die Sportplätze am Bahnhof Gesundbrunnen und die Schule in der Ellerbecker Straße… obwohl durchaus zu der Zeit bereits existent…Der erste Weltkrieg stoppte die rasante Entwicklung der Gegend, gebaut wurden hauptsächlich noch bereits begonnene oder geplante Projekte.

1920

Kiessling Grosser Verkehrs-Plan von Berlin 1920 (*historicmaps)

Nach dem Ende des ersten Weltkriegs gingen die Stadtteile Wedding und Gesundbrunnen in den Großberliner Bezirk 3 namens Wedding auf. Der Bezirk war inzwischen eine Großstadt in der Großstadt… mit  361.074 Einwohnern war Wedding so groß wie damals Stuttgart und nach Kreuzberg der einwohnerreichste Stadtbezirk. Das wichtigste neue Bauwerk ist die Hindenburgbrücke welche die Bornholmer Straßenteile von Wedding und Prenzlauer Berg verbindet. 1916 wurde die Brücke fertiggestellt. Sie heißt seit 1948 Bösebrücke und wurde 1989 weltberühmt als dort als erstes die innerdeutschen Grenzschranken fielen. Sie hieß zu keiner Zeit Bornholmer Brücke.

1933

Ausschnitt vom Silva Stadtplan von Berlin 1933 (berliner-stadtplansammlung.de)

Die politische Landschaft im Wedding lag 1931 noch etwa so : Kommunisten : 42%; Sozialdemokraten :  28%; Nationalsozialisten : 8,8%… der Wedding war also nicht braun sondern rot, leider spielte das bei der Machtergreifung Hitlers keine Rolle mehr. Der Silva Stadtplan von 1933 zeigt letztmalig viele Details, auch von Eisenbahnstrecken und Industrieanlagen. Diese Details wurden später ausgespart um den Kriegsgegnern nicht unnötig viele Informationen zu bieten. Neu ist die U-Bahn Gesundbrunnen – Neukölln (heute U8). Ursprünglich als Schwebebahn geplant, setzte sich dann aber die Variante der Untergrundbahn durch. Durch die zusätzliche Option wurde der Bahnhof Gesundbrunnen einer der größten und wichtigsten Berliner Bahnhöfe. Auf der Karte sind nun auch die Fußballplätze von Hertha und NNW zu sehen. Die Brauerei Groterjan in der Prinzenallee entstand und produzierte Malzbier.

1942

Ausschnitt vom Silva Stadtplan von Berlin 1942 (berliner-stadtplansammlung.de)

…von der Sache her ist 1942 fast alles wie 1933… wie bereits erwähnt fehlen wichtige Informationen zur Infrastruktur, etwa der Güterbahnhof der Nordbahn und das AEG Industrieareal an der Brunnenstraße. Noch vor Kriegsbeginn wurde die Nordsüd S-Bahn fertiggestellt und brachte mit Bornholmer Straße und Humboldthain zwei neue Bahnstationen in den Bezirk. Im Herbst 1940 gab es erste britische Luftangriffe mit Zerstörungen im Weddinger Gebiet. 1941 bis 1942 wurden im Humboldthain zwei große Hochbunker mit Flakturm errichtet. Ab 1943 häuften sich intensive Luftangriffe auf Berlin und legte auch große Teile von Wedding und Gesundbrunnen in Schutt und Asche. Ab April 1945 kamen zu den Bomben nun auch noch Granaten und Straßenkampf dazu. Neben tausenden Todesopfern und Schwerverletzten war die Infrastruktur komplett zerstört… von daher ist die Karte bereits bei Erscheinung nur noch ein Rückblick auf vergangene Zeiten.

1948

Ausschnitt vom Patent-Stadtplan mit Darstellung aller Teil- und Totalzerstörungen Berlin (berliner-stadtplansammlung.de)
Legende vom Patent-Stadtplan mit Darstellung aller Teil- und Totalzerstörungen Berlin (berliner-stadtplansammlung.de)

Der Falk Patentplan von 1948 unterscheidet unzerstörte, teilzerstörte und totalzerstörte Gebäude. Besonders im Bereich des Humboldthain ist viel rot zu sehen, was besonders am Flakturm lag aber auch an den nahen Industrieanlagen an der Brunnenstraße. Im Humboldthain gab es keinen Meter Holz mehr, alles wurde in der Not verheizt. Der Verlust der Grünanlage bot als neue Möglichkeit die enormen Massen von Trümmerschutt zu sammeln. Der Hochbunker ließ sich nur zum Teil sprengen, mit Rücksicht auf die wichtigen Bahnanlagen blieb ein Teil davon stehen und wurde mit Trümmern aufgeschüttet und später begrünt. Wedding und Reinickendorf wurden zur französischen Besatzungszone.

 

…wird fortgesetzt…

Die Gaststätte in der Jülicher Straße 4​

Am 01. Juni 1910 wird die Straße 5a / Abteilung IX in „Jülicher Straße“ benannt. Zu dieser Zeit entstehen die Häuser Jülicher Straße 1 und 2 (heutige Tankstelle und Neubau aus den 1990ern) und Jülicher Straße 30 (gegenüber)… etwas weiter Richtung Bahnhof Gesundbrunnen entstehen die asymmetrischen Häuser Jülicher Straße 4 und Eulerstraße 8, welche mit einem Seitenflügel miteinander verbunden sind. Bauherr ist die Norden Terraingesellschaft Berlin. Das Haus Jülicher Straße 4 wird das erste Haus der Straße, was bezogen werden kann. Der Rest der Gegend dürfte recht kahle Sandlandschaft gewesen sein… mit vielen Baustellen von den wachsenden Stadtvierteln Gesundbrunnen, Wedding und Prenzlauer Berg (…das waren auch damals nur wenige hundert Meter… erst ab 1916 mit Brücke über die Bornholmer Straße…) Die Berliner Adressbücher von 1911 verzeichnen die ersten Einträge  für das Haus Jülicher Straße 4. Es werden 10 Mieter und Gastwirt Friedrich Wehrhahn aufgelistet. Da die Adressbücher stets die Daten des Vorjahres publizieren, darf 1910 als die Geburt der Gaststätte Jülicher Straße 4 vermerkt werden.

1910 Friedrich Wehrhahn wird erster Gastwirt der Jülicher Straße. Wehrhahn betrieb bis 1909 ein Lokal in der Augustastraße 19 (heute Blissestraße) in Berlin Wilmersdorf.  Das Lokal dürfte in der noch dünn besiedelten Gegend mit vielen Baustellen eine Oase gewesen sein. Friedrich Wehrhahn verstarb warscheinlich 1916, im Adressbuch von 1917 ist die Witwe Ernestine Wehrhahn (geb. Knüppel) als Gastwirtin notiert… die kommenden zwei Jahre gibt es zumindest in den Adressbüchern keine Auskunft über das Lokal. Die Anwohner werden es für die kurze Zeit verschmerzt haben… die Jülicher Straße hatte 1918 sechs bewohnte Häuser… von denen hatte immerhin die Hälfte eine Kneipe… Hedwig Reimann in der Jülicher Straße 1, Emil Bock in der Nummer 2 und Franz Schwarzkopf in der Jülicher Straße 8. Weitere Möglichkeiten gab es freilich in der Eulerstraße und der Grüntaler Straße. Man muß wissen das die Kneipe damals einen ganz anderen sozialen Stand hatte als heutzutage… die Menschen hausten in der Regel in völlig überfüllten Wohnräumen… mit Kind und Kegel, in Stube und Küche… da verbrachte man doch lieber die wenige Freizeit in der Gastwirtschaft.

Die Kneipen der Jülicher Straße und ihrer Nachbarstraßen hatte neben dem Tagesgeschäft noch ein Ass im Ärmel: sie lagen nur einen Steinwurf vom Zentrum des Berliner Fußballs entfernt. Seit 1902 verpachtete der Gastwirt Josef Schebera Flächen am Bahnhof Gesundbrunnen an Sportvereine… es begann mit einer Eisbahn, dann kam BFC Hertha 1892 (heute Hertha BSC) und später die seinerzeit etwa gleichstarken „Nordens“… der heutige SV Norden-Nordwest (NNW). In den 1920-30er Jahren waren also gleich zwei Fußball Schwergewichte auf den Sportplätzen der Ecke Behmstraße/Bellermannstraße/Jülicher Straße zuhause. Der Glanz von NNW erlosch bereits in den 1930ern, Hertha dagegen feierte die deutschen Meisterschaften 1930 und 1931 zünftig vor Ort und spielte lokal gesehen noch bis Mitte der 1970er Jahre eine Rolle in der Gegend… das Ass im Ärmel der Wirte waren natürlich die durstigen Massen der Zuschauer vor und nach den Spielen… Zeitzeugen berichteten mir das kurz auf Sicht ordentlich vorgezapft wurde um den Ansturm zu bewältigen…

1919 übernimmt Wilhelm Puhle die Schankwirtschaft, er hatte vorher ein Lokal in der nahen Stettiner Straße 36.

In den kommenden Jahren wurde die Jülicher Straße weiter erschlossen, die Gesellschaft für Bahnen & Tiefbauten (ein Vorläufer der heutigen Gesobau AG) baute bis 1930 die Häuser Jülicher Straße 3 und 3a auf der einen , sowie 20 bis 29 auf der anderen Straßenseite (12 Aufgänge), die Reichsbank (ein Vorgänger der heutigen Bundesbank) baute die Häuser Nr. 7, 9 und 9a, die Gemeinnützige Märkische Baugenossenschaft errichtete die Häuser Nr. 6 und 6a… auch in den Nebenstraßen wurde fleißig gebaut… Das Gelände östlich der Jülicher Straße was heute im Besitz der Kolonie Sandkrug ist, sollte ursprünglich ebenfalls bebaut werden… Wirtschaftskrise und zweiter Weltkrieg verhinderten das.

Die Jülicher Straße um 1930 mit Tram. Neben der Litfaßsäule die Gastwirtschaft.

 

Seit 1933 wurde die Gaststätte unter dem Namen Berta Puhle betrieben. Berta führte das Lokal wie vorher ihr Mann Wilhelm – 14 Jahre unter ihrer Regie. In ihrer Zeit regierte Nationalsozialismus und zweiter Weltkrieg. Wedding und Gesundbrunnen waren zu dieser Zeit eher als Hochburg der Kommunisten bekannt (Roter Wedding)… über diese Zeit in Bezug auf die Gaststätte ist mir (bis jetzt) nichts bekannt. Erwin Puhle ist von 1948 bis 1953 verzeichnet… In welcher Konstellation die Puhles standen ist mir nicht bekannt, es sollte mich aber nicht wundern, wenn Erwin der Sohn von Wilhelm und Berta war… Fakt ist… das die Gaststätte mindestens 34 Jahre von der Familie Puhle geführt wurde… das ist mal eine Hausnummer… und nicht zu vergessen : in dieser Zeit war der zweite Weltkrieg und Berlin danach ganz tief am Boden…

Gastwirtschaft Berta Puhle in der Jülicher Straße 4 am 07.06.1942

Die Gegend um den Bahnhof Gesundbrunnen wurde im Krieg stark beschädigt. Viele Luftangriffe galten den Industriestandorten in der Brunnenstraße. Der Hochbunker mit Flakturm am Volkspark Humboldthain zog die Zerstörungen ebenfalls an. Viele Gebäude wurden zerstört und später durch Neubauten ersetzt. Die Jülicher Straße kam vergleichsweise glimpflich davon. Nur die Häuser Nr. 1 und 2 wurden Opfer des zweiten Weltkriegs. Auf den Grundstücken der zerstörten Häuser befand sich viele Jahre ein Gewerbehof für Brennstoffe, also Kohlen und Heizöl… aber auch ein Fuhrunternehmen der Brennstoffhändlerin Käthe Heinrich und ein Stand für Obst und Gemüse. In den 1970ern wurde eine Shell Tankstelle eröffnet und in den 1990ern wurde ein neues Wohnhaus auf der Fläche errichtet.

In der Nachkriegszeit gab es neben unserer Schultheißkneipe in der Jülicher Straße noch eine Gastwirtschaft in der Nummer 8 sowie das Hertha/NNW Kasino in der Nummer 14.

Ab 1954 war Frieda Ziegan als Gastwirtin verzeichnet. Unter der Adresse Jülicher Straße 4 firmierte anfangs ebenfalls ihr Ehemann Paul Ziegan mit seiner Schneiderei. Nach Aussagen eines ehemaligen Gastes war die Gaststätte im hinteren Bereich zu einer Schneiderei umfunktioniert worden… wer also auf die Toilette wollte, ging durch einen schweren Vorhang der den Laden abtrennte und lief durch die Schneiderei zum WC. Ziegan führte die Gastwirtschaft bis 1960.

Bis zum Mauerbau 1961 war die Gegend um den Bahnhof Gesundbrunnen ein sehr lebendiges Viertel, besonders rund um die Bad- und Brunnenstraße. Viele Einwohner aus dem nahen Ostsektor nutzten die zahlreichen Einkaufsmöglichkeiten am Gesundbrunnen… der Bahnhof war ein Drehkreuz von Personen und Waren Berlins und des Umlandes… die Badstraße wurde sogar als „Ku-Damm des Nordens“ bezeichnet… Das alles änderte sich ab dem 13.08.1961 schlagartig, die Mauer wurde gebaut und besonders der östliche Teil des Gesundbrunnens rund um die Jülicher Straße wurden zum Stadtrandgebiet… offizielle Bezeichnung : Westberliner Sektorenrandgebiet… und das sollte die Gegend für die nächsten 40 Jahre prägen…

1961 – 1968 ist Maria Höpfner als Gastwirtin verzeichnet. Quellen dazu sind die Berliner Adressbücher und Telefonbücher… 1969 und 1970 fehlen (zumindest derzeit) Aufzeichnungen über Besitzer des Lokals. Die Jülicher Straße war zu dieser Zeit eine kleine unbedeutende Straße nahe der Berliner Mauer. Der Bahnhof Gesundbrunen war nur noch Haltepunkt von U- und S-Bahn (ohne Ringbahn).

Wer ab 1971 die Telefonnummer 030-4619311 wählte, der wurde mit der Gaststätte von Günter und Rosemarie Kaßan verbunden. Das Ehepaar was auch in der Jülicher Straße wohnte, führte die Schultheiß-Kneipe 10 Jahre lang.

Bauern Stube Silvester 1983-84

1981 entstand ein Mietvertrag zwischen dem Vermieter Peter Haltenhoff und Horst Siebrand, welcher die Gaststätte bis 1999 verpachtete.
1981 bis 1996 wurde die Schankwirtschaft an Monika John verpachtet, die letzten ca. 2 Jahre an deren Sohn Michael John.

Am späten Abend des 09.11.1989… es war ein stinknormaler Donnerstag… kurz vorm Schließen der Kneipe, kamen plötzlich Leute aus dem Ostteil in den Laden… gerade war die Mauer an dem Grenzübergang Bornholmer Straße gefallen… die erste Kneipe die auf dem Weg in die neue Freiheit von der Bornholmer Straße aus zu sehen war, war die Gastwirtschaft von Monika John… quasi erste Kneipe der Freiheit (!)… ich habe noch viele Leute kennenlernen dürfen, die von einer rauschenden Nacht berichteten… In den 1990er Jahren zog der Dartsport in die Bauernstube ein. Es gründeten sich verschiedene Mannschaften für den traditionellen Steeldart, es gab häufig Turniere, einige Gäste spielten in der Bundesliga. Das Lokal hieß „Bauernstube“ und war immerhin auch 15 Jahre Familienbesitz…  danach folgten einige kurze Gastspiele :


1997 Rita und Herbert Tomberger
1998 Silvia Hoffmann
1999 Jürgen Wiek und Andreas Herrmann. Unter letzteren entstand der Name „Offside“ und die Weichen von der Schultheiß-Kneipe zum Pub wurden gestellt… Fußballübertragungen wurden eingeführt.

Das Offside im Jahr 2000. Die Außenreklame stammt noch vom Vorgänger.

2000 : Am 01.03.2000 übernahm Lars Pechmann (…ja, das bin ich)…das Lokal. Die ersten Jahre wurde versucht Livemusik zum erfolgreichen Repartoire zu machen, was aber nicht gelang… auch wegen Ärger bezüglich der Lautstärke…  Steeldart war weiterhin beliebt aber nur noch just for fun… Die ersten 10 Jahre waren wirklich keine Erfolgsgeschichte, trotz des Mauerfalls war die Gegend wenig attraktiv, der Laden ein paar hundert Meter weiter Richtung Prenzlauer Berg wäre sicher erfolgreicher gewesen. Zum Glück ändern sich die Dinge in einer Stadt wie Berlin auch ab und zu mal… der Bahnhof Gesundbrunnen wurde mit Ringbahn und Fernverkehr wieder zum beliebten Verkehrsknotenpunkt und viele Leute bemerkten, das es sich in unserer Gegend auch gut und vor allem zentral leben lässt… und so änderte sich die Zusammensetzung der Einwohner und das vor allem zum Vorteil des Pubs. Der Name Offside wurde 2003 mit „Pub & Whisky Bar“ ergänzt… Whisky wurde zu einem neuen Schwerpunkt. Es etablierten sich Whiskytastings und ein Whisky Stammtisch. 2015 wurde das Offside mit dem Titel „Germanys Best Whisky Bar“ ausgezeichnet.

...2015 gabs eine Auszeichnung für die Whiskysammlung...

Noch vor den Feierlichkeiten des 10jährigen Jubiläums wären hier beinahe die Lichter ausgegangen… zum Glück trat Nina, meine heutige Ehefrau auf die Bildfläche und mit nunmehr gemeinsamer Arbeit konnte das Projekt gerettet werden. Seitdem laufen einige Sachen anders und vor allem erfolgreich. Inzwischen sind wir ein Team von 6 Leuten… Xander ist sogar schon über 10 Jahre dabei…eine Ewigkeit in der Branche…

Die Jülicher Straße liegt nun nicht mehr am Stadtrand… man kennt sie hauptsächlich als Durchfahrtsstraße zwischen der Bornholmer Straße und dem Gesundbrunnencenter. Vom Wesen her hat sie sich wenig verändert, außer vorne rechts… das ehemalige Hertha/NNW Kasino wurde nach Jahrzehnten des Verfalles zum Hostel umgebaut. Auf den Fundamenten einer Bauruine aus den 1990ern entstand daneben ein Hotel und ein Haus mit Studentenapartments… nicht die schlechteste Option für das Umfeld.

Am 01.03.2020 konnte das 20. Jubiläum gefeiert werden… wenige Tage später kam die Coronakrise und das Lokal mußte (warscheinlich… denn sicher gab es im Krieg auch Einschränkungen)… erstmals seit 110 Jahren über mehrere Monate geschlossen werden. Seit Juni 2020 ist das Offside auch offiziell Nichtraucher Bar… wir hoffen im Moment (März 2021)… das es weitergeht… mit dem Lokal Jülicher Straße 4.

Das Offside Team vor der Schließung November 2020

Musik 2021

Mixtape 21's Choice # 4

…schon ist der Sommer wieder so gut wie vorüber… zu den beiden bisherigen Kandidaten für das Album des Jahres (Frøkedal & Kilbey Kennedy) kommt nun noch ein weiteres Album… das aktuelle Album der Ex- Black Metal Band Deafheaven ist eine Platte wo ich fast die Vermutung habe : da wussten welche, was ich gerade gerne hören möchte… und das alles mit Gesang statt dem früheren Gebrüll… Los geht es aber mit einem hymnischen Auftakt von (British) Sea Power, deren Album kommt allerdings erst nächstes Jahr… auch sie lassen die elektrischen Gitarren in den Himmel wachsen… guten Flug…

Playlist auf Apple Music

Playlist auf Spotify

Mixtape 21's Choice # 3

…Mixtape Nummer 3 dieses Jahres ist für mich ein wenig nach dem Motto „Wenn die Nacht am tiefsten ist ist der Tag am nächsten“ (frei nach Ton Steine Scherben)… quasi nach all den dunklen Wochen von Lockdown und Stillstand ist ein Licht am Ende des Tunnels zu sehen… Ende Mai konnten wir erst den Aussenbereich, kurz später auch den Innenbereich des Offside öffnen… für mich sogar Grund den berüchtigten Coronabart abzunehmen… Musikalisch wieder eine schöne Mischung… mittlerweile sind die Alben von Frøkedal und Kilbey Kennedy so groß geworden, das sie aus der Top 5 des Jahres kaum noch zu verdrängen sein dürften… Viel Spaß beim Nachhören…

 

Playlist auf Apple Music

Mixtape 21's Choice # 2

…man sollte eigentlich denken das die Pandemie unendlich viel Zeit für unglaublich viel neue Musik bietet… nun ja, von der möglichen Zeit mag das auch sein… aber von der Magie definitiv nicht. Wenn ich die letzten Jahre und Jahrzehnte zurückblicke so fällt auf, das die erfolgreichsten Sachen um irgendwelche Ereignisse oder spezielle Zeiten gebaut sind… Urlaub, Reisen, Personen… in der Regel alles mit Alleinstellungsmerkmalen. In Zeiten von Corona gibt es das nicht… Zuhause, Garten, das seit 6 Monaten geschlossene Geschäft… Musik ist da, aber unterlegt nur den eher tristen Alltag. Am besten spiegelt das derzeit ein Song der von mir sehr geschätzten norwegischen Singer/Songwriterin (Anne Lise) Frøkedal wieder : „Takedown“ spricht mit allem genau das aus und ist dazu noch der Song der abends beim einschlafen noch da ist und dann den nächsten Morgen freundlich guten Morgen wünscht… Die Künstlerin trifft nicht zum ersten mal in die Vollen… in meinem Kopf …der Song hat gute Chancen auf den Titel „Song des Jahres“… auch wenn er erstmal wie eine gewöhnliche Folkballade daher kommt. Neues kommt von alten Bekannten… Piroshka (ex-Lush), Teenage Fanclub, The Coral, Dinosaur jr. die ewigen Guided By Voices (33. Studioalbum und jedes davon hat etwa 20 Songs…), einiges neues von Künstlerinnen wie Ziegenmädchen und Mädchen in Rot…  und Dinge aus dem Umfeld meiner Lieblingsband The Church : Moat ist ein Projekt von Marty Willson-Piper (Gitarrist von 1981-2012), hinter Iris Doe steht Neumitglied Jeffrey Cairn (ex- Remy Zero) und hinter Kilbey Kennedy natürlich Boss Steve Kilbey und Martin Kennedy (ex- All India Radio). Ausgewählt habe ich den Titletrack des neuen Albums „Jupiter 13″… ein Song mit einem ziemlichem Pink Floyd Einschlag… neuneinhalb Minuten lang und in der Mitte ein Pianosolo von meinem guten Freund Stefan Horlitz… für die Whiskyfreunde die hier mitlesen : das ist auch der Künstler der letzten Offside Whiskyabfüllungen bzw. deren Labels… endlich mal verdienter Ruhm mit großer Musik…

Playlist auf Apple Music

Playlist auf Spotify

Mixtape 21's Choice #1

…neulich beim aufräumen… oder nennen wir es lieber rumkramen (weil besser sieht es noch immer nicht aus…) fand ich eine Schachtel voller Papier. Es war eine Sammlung mit hunderten Notizzetteln, die ich ca. …hmmm etwa 15 Jahre geschrieben und gesammelt habe… für Musik die ich für andere Leute aufgenommen habe… Mixtapes… später auch MixCD’s (das Wort gabs glaub ich nicht)… ich habe für manche Leute die vielen Zettel zusammengeklammert… manche hab ich in Briefumschläge mit Namen der Empfänger gesteckt… ich wollte halt nicht, das ich Songs doppelt verteile. Es gab so einige Leute, die mochten meine Sampler sehr gerne, mit manchen habe ich mich auch gegenseitig ausgetauscht, aus manchen Mixtapetauschereien wurden langjährige Freundschaften, es entstanden sogar Liebschaften, an manche Leute kann ich mich heute aber auch nicht mehr erinnern… in jedem Falle hatte mir das verdammt viel Spaß gemacht. Als die Zeit der Musikkassette vorbei war und ich noch keinen Sinn für Computer hatte (wir reden von Mitte der 1990er), kaufte ich mir einen Audio CD Brenner… ich hatte 2 CD Player und ein Mischpult zum geschmeidigen Überblenden der Songs… irgendein kreatives Cover musste es in der Regel auch sein… ach hätte ich damals schon einen Computer gehabt… da wären bestimmt super Sachen bei rausgekommen… Irgendwann änderten sich die Zeiten, Tonträger braucht heute kein Mensch mehr (ich rede nicht von Vinyl… ich weiß das ist wieder etwas besonderes)…,  zumindest im Alltag nicht… und mir fehlt es manchmal, mich mit einem Bier (…eins ist natürlich quatsch…) und einem Dram mit Kopfhörer hinzusetzen und jemanden ein neues Mixtape mit den neuesten Errungenschaften aufzunehmen… 2021 hat man jede Neuerscheinung auf der Streamingplattform seiner Wahl und man muß nicht erst in ein Geschäft gehen und für viel Geld eine Single oder ein Album kaufen… vor 25 Jahren ein Traum… geblieben ist eine Wand im Zimmer mit ca. 2 x 4 m CDs und Vinyl… trennen werde ich mich davon nicht…

Im Prinzip ist es ja heute einfacher als je zuvor ein Mix(tape/CD) zu erstellen, für jedermann mit Internetempfang erreichbar… ok nicht mehr so individuell, schließlich hab ich ja früher schon drauf geachtet was der Empfänger mag oder auch nicht… ich hab heute mal eine Auswahl von Sachen getroffen, die gerade erst erschienen sind und die ich gerade täglich höre… sogar mit Cover… ein Tribut an das gute alte Mixtape…

…damit man bei dem Cover nicht nur etwas zum anschauen hat, gibts auch was auf die Ohren… und zwar hier:

…oder hier :

https://music.apple.com/de/playlist/21choice-1/pl.u-LdbqEAqCxXDW7rG

…passt theoretisch auf eine CD und zwei Kassetten…

 

Mixtape 21's Choice # 3

Wedding und Gesundbrunnen… Geschichte, Bauten, Stories

Hier gibt es eine kleine Geschichtsstunde über Wedding und Gesundbrunnen, die Jülicher Straße und das Lokal in der Jülicher Straße, was heute das Offside ist. Die Geschichte der Stadtteile ist natürlich nicht vollständig, das würde den Platz hier sprengen …nach und nach wird hier aber auch ergänzt…

 

Wedding und Gesundbrunnen

Wedding und Gesundbrunnen bei Berlin im Jahre 1798... noch nicht viel los...

1251 : Erste urkundliche Erwähnung von „…eine Mühle im Gebiet des Dorfes, welches Weddinge hieß, am Flusse Namens Pankow erbaut…“ Namensgeber war ein gewisser Rudolphus de Weddinge, er war es wohl der das Dorf anlegte… er selber war ein Burgmann… Krieger… Ritter. Es wird vermutet das er dem Markgrafen von Brandenburg diente indem er mit einigen Bauern ein Sicherungstrupp im Hinterland der Flussübergänge von der Havel (bei Spandau) und der Spree (bei Berlin) stellte. Warscheinlich existierte das Dorf nicht lange… warum auch immer… erst um 1600 gab es Nachweise vom Vorwerk Wedding in der Gegend der Reinickendorfer Straße.

1748 : erste urkundliche Erwähnung einer eisenhaltigen Quelle zwischen Panke und heutiger Badstraße

Darstellung vom Gesundbrunnen (spätes 18.Jh) auf 1920er Geldscheinen

1758-1760 : Der Hofapotheker Wilhelm Behm errichtet, teils mit königlichen Fördergeldern eine Anlage um die Quelle… vorläufiger Name : „Friedrichs-Gesundbrunnen“
1808 : Erwerb der Quelle durch Christian Gottfried Flittner. Umbenennung in „Luisenbad“ (nach Königin Luise)
um 1876 : Die Eigentümer Carl und Emil Galuschki errichteten repräsentative Gebäude um die Quelle welche sich in einem kleinen barocken Pavillon befindet, mit dem Namen „Marienbad“. 1891 wurde die Quelle bei Kanalisationsarbeiten beschädigt, 1908 wurde der Pavillon abgerissen.

Das Brunnenhäuschen am Gesundbrunnen ca. 1900

1861 : Wedding und Gesundbrunnen werden in Berlin eingemeindet. Das Gebiet um Marienbad und Badstraße wird zum Ausflugs- und Vergnügungsviertel. Die Badstraße wird zur beliebten Einkaufsmeile.

Ende 19.Jh. : Wedding und Gesundbrunnen wird dicht besiedelt. Es entsteht ein Arbeiterbezirk mit Industriestandorten wie AEG und Mietskasernen im Brunnenviertel, z.B. Meyers Hof in der Ackerstraße mit 5 Hinterhäusern für zeitweise 2100 Menschen.

1820 : Einwohner von Wedding & Gesundbrunnen : 350 Einwohner
1866 : Einwohner von Wedding & Gesundbrunnen : 17.000 Einwohner
1900 : Einwohner von Wedding & Gesundbrunnen : 140.000 Einwohner
1914 : Einwohner von Wedding & Gesundbrunnen : 251.000 Einwohner
1930 : Einwohner von Wedding & Gesundbrunnen : 361.000 Einwohner

Meyers Höfe ca. 1910. Foto : Willy Römer

1933-1945 : In der Zeit des Nationalsozialismus war Wedding und Gesundbrunnen Ort des antifaschistischen Widerstandes und kommunistische Hochburg (Roter Wedding).
Durch die Industriestandorte und dem Hochbunker mit Flakturm im Humboldthain wurde die Gegend Ziel zahlreicher Bombenangriffe.

1945: Stunde Null am Bahnhof Gesundbrunnen

nach 1945 : Nach dem Krieg gehörte der Bezirk zur französischen Besatzungszone.
Durch die grenznahe Lage zum Ostsektor wird die Badstraße zu einer der beliebtesten Einkaufsboulevards Berlins. Nach dem Mauerbau 1961 war das schnell vorbei. Der Ortsteil Gesundbrunnen war bis 1989 etwa um die Hälfte von der Mauer umschlossen und wurde zum Stadtrand von Westberlin.
In den 1970- und 80ern wurden ganze Straßenzüge abgerissen und mit zeitgenössiger Architektur bebaut (Kahlschlagsanierung)
Am 09.11.1989 öffnete am Grenzübergang Bornholmer Straße als erstes die innerdeutsche Grenze. 

Grenzverkehr nach Mauerfall 10.11.1989

2001 wurden die Bezirke Wedding, Tiergarten und Mitte zum Stadtbezirk Mitte vereinigt. Wedding und Gesundbrunnen sind seither nur noch Ortsteile.

Das Wappen des Stadtbezirks Wedding (1955-2001)

 

Verkehr am Gesundbrunnen

1900 : Der Bahnhof Gesundbrunnen entsteht als Fern- Vorort- und S-Bahnhof.
1930 : Gesundbrunnen wird Endpunkt der U-Bahn Linie Gesundbrunnen – Neukölln (heute U8).

1902-1905 : Bau der 228 m langen Swinemünder Brücke (im Volksmund : Millionenbrücke)
1913-1916 : Bau der Hindenburgbrücke (heute Bösebrücke) in der Bornholmer Straße.

Der Bahnhof Gesundbrunnen 1935. Im Hintergrund das Kino Lichtburg.

Hertha an der Plumpe

Hertha Fußballspiel im Stadion am Gesundbrunnen um 1930, im Hintergrund die (heutige) Bösebrücke und die Schule in der Ellerbecker Straße.

1902 : Eröffnung des Schebera Platz zwischen Jülicher- und Behmstraße.
1904 : BFC Hertha 1892 (heute Hertha BSC) siedelte sich auf dem Schebera Platz an. Der Platz wurde das Fußballzentrum des Berliner Nordens. 1923 erwarb der Verein SV Norden-Nordwest (NNW) das Gelände und Hertha errichtete auf der anderen Seite der Behmstraße das Stadion am Gesundbrunnen. 1924 errichtete NNW das Kasino an der Jülicher Straße 14.
1930 und 1931 feierte Hertha die deutsche Meisterschaft am Gesundbrunnen.
Im zweiten Weltkrieg wurde das Stadion stark beschädigt und 1974 abgerissen. Auf dem ehemaligen Schebera Platz spielt bis heute NNW. Er ist Deutschlands ältester noch existierende Vereinsspielplatz.

Musik 2020

…Musik im Seuchenjahr… da gab es theoretisch mehr Zeit zum Musik hören als in anderen Jahren… theoretisch zumindest… in der Praxis war das allerdings weniger so… es gab viel weniger Gelegenheit mit anderen Leuten etwas zu hören und sich gegebenenfalls darüber auszutauschen… so war 2020 musikalisch nur ein Jahr wie viele anderen auch… bei mir zumindest… Hier folgen in den nächsten Tagen einige Schönheiten des Jahres… musikalischer Art…

BEST OF 2020 - TOP 10

PLATZ 10 – FONTAINES D.C. – „A HERO’S DEATH“

Düsteres zweites Album der Band aus Dublin City (D.C.)… überwiegend tiefer gelegte E-Gitarren mit senorem Gesang von Sänger Grian Chatten… gelegentlich auch als Sprechgesang… ziemlich unterkühlt aber ein faszinierendes Stimmungsbild tut sich da im Kopf auf…

PLATZ 9 – THE PSYCHEDELLIC FURS – „MADE OF RAIN“

…tjaja die Psychedellic Furs… die mochte ich früher sehr gerne, die ersten vier Alben und auch noch das letzte von 1991… dazwischen war einiger Mainstream-Murks. Gegründet wurde die Band bereits 1977. Seit ein paar Jahren geht meine Lieblingsband The Church öfters mit den Furs auf US Tournee, das trägt schließlich etwas zum Einkommen bei… Der Unterschied zwischen den beiden Bands ist jedoch, das Stand 2019 die Furs 7 Alben und The Church etwa 20 Alben veröffentlicht haben… eine aktive Band mit einer Museumsband unterwegs… nun gut, das ist jetzt vorbei, das neue Material ist insgesamt gut, sie sind deutlich wieder zu erkennen und es sind etliche sehr gute Songs dabei und das ist auch sehr erfreulich… ein Geniestreich ist das Album aber auch nicht… öfters musste ich denken : dafür haben die fast 30 Jahre gebraucht ? Egal… welcome back..

PLATZ 8 – FLEET FOXES – „SHORE“

Pünktlich zum Herbst gab es neues von den Fleet Foxes, dieser Band bei der ich an bärtige Hipster mit mehrstimmigen Gesang denke… Folkrock ist das… und das aus Seattle… der Stadt des Grunge… sehr schön das ganze, kuschelweich und sympatisch… wie ein guter Whisky am Lagerfeuer…

PLATZ 7 – IDLES – „ULTRA MONO“

…ähnlich wie bei Fontaines D.C. ist die Stimmung auf der dritten Idles Platte nicht gerade im Gutelaune-Modus…hämmernde Bässe und schneidende Gitarren, dann der oft wütende Sprechgesang… die Songs heißen „War“, „Anxiety“ oder „Kill Them With Kindness“… alles ist politisch und die Welt ist schlecht… fast so wie im richtigen Leben… hat mir viel Spaß gemach… diese Platte… in diesem Jahr.

PLATZ 6 – STEVE KILBEY & GARETH KOCH – „CHRYSE PLANITIA“

Steve Kilbey ist sowas wie mein großer musikalischer…hmmm… wie soll ich sagen… Gott ? …vielleicht schon, ist er doch Kopf meiner Lieblingsband The Church und auch Protagonist vieler toller Sachen außerhalb der Band… dazu noch ein sehr umgänglicher, kluger und netter Typ. Während die neue Church Platte noch auf sich warten lässt, kamen 2020 gleich vier Alben raus, die zumindest seine Beteiligung haben. Da wäre zum einen „11 Women“ in dem es um…ihr erratet es… Frauen geht (hat die Top 10 knapp verfehlt),  dann gab es eine Kollaboration mit der australischen Chanteuse Kate Ceberano und Sean Sennett „The Dangerous Age“ und zwei Alben mit Gareth Koch, einem Spezialisten für klassische Gitarre. Eines davon, nämlich „Songs From Another Life“ blieb mir irgendwie fremd, das andere „Chryse Planitia“ dagegen mochte ich sehr… auch wenn es „Nur“ Platz 6 ist. Bei manchen Songs fühlt man sich in die Vergangenheit bebeamt… bei „Stay Where You Are“ landet man direkt im Jahr 1982 auf dem Church Album „The Blurred Crusade“ und dem Song „Almost With You“… Retro ? …klar… aber sehr gut !

PLATZ 5 – HUM – „INLET“

Hum aus Illinois gibt es bereits seit über 30 Jahren, sie hatten wohl 1995 einen kleinen Hit mit dem Song „Stars“ den ich vorher allerdings nie gehört habe… genau so wenig wie die Band überhaupt. Die Zufallsentdeckung Hum macht Spacerock, Shoegaze… mit ziemlich tiefgelegten Gitarren und einer ordentlichen Dröhnung… eine Melange aus Bailter Space, Swervedriver und Killing Joke… aber alles mit sehr entspannten Vocals. .. lost in space… Der Song „In The Den“ ist mein zweitliebster Song des Jahres.

PLATZ 4 – EVEN AS WE SPEAK – „ADELPHI“

Even As We Speak aus Sydney gibt es auch bereits seit 1986. Sie waren auf dem legendären Sarah Label beheimatet, genau wie Field Mice oder Secret Shine… der Stil nannte sich c-86. 1993 hatte EAWS einen kleinen Hit mit „Drown“ …etwas zu poppig für mich zu dieser Zeit und die Band leider nicht weiter beachtet. 2020 nun das Comeback mit neuem Album und sehr guten Singles… klar ist das immer noch sehr poppig, aber mit Gitarren und das sehr gut… keine Ahnung was ich damals da gehört hab… ich habe mir die alten Sachen nochmal angehört… und – nein… das ist großartig… welch großer Fehler, diese Band nicht weiter zu verfolgen… allerdings kam danach auch lange nichts mehr. Ich hoffe sehr das es weitere Platten dieser sympatischen Band um die Krankenschwester Mary Wyer geben wird… und werde sie genau verfolgen. Ehrenwort.

PLATZ 3 – ALEX THE ASTRONAUT – „THE THEORY OF ABSOLUT NOTHING“

Auch Platz 3 kommt aus Sydney, es handelt sich um das Debutalbum von Alexandra Lynn aka Alex The Astronaut. Ich hatte die 25jährige Singer-Songwriterin schon seit ein paar Singles auf dem Schirm und fand alle Songs bis dato sehr stark… auch die Videos sind toll, bei „Caught In The Middle“ spielt sie mit ex- Go-Betweens Drummerin Lindy Morrison Tennis… irgendwann spendete sie ihre langen Haare für krebskranke… nein… diese Alex macht viel Spaß… ich hoffe wir werden noch viel von ihr hören.

PLATZ 2 – JAMES DEAN BRADFIELD – „EVEN IN EXILE“

James Dean Bradfield ist der Sänger der Manic Street Preachers, einer walisischen Band die ich seit fast immer sehr schätze. Sein (glaub ich) zweites Soloalbum dreht sich um den chilenischen Sänger, Musiker und Theaterregisseur Victor Jara, welcher 1973 von der Pinochet Junta ermordet wurde. Die Texte stammen von Patrick Jones, dem Bruder vom Manics Kollegen Nicky Wire. Diese lagen wohl schon länger in der Schublade und konnten nun sinnvoll verwendet werden. Musikalisch ist das nicht weit von den Manics entfernt, meistens klassischer Gitarrenrock, manchmal etwas Orchester… insgesamt 3 Instrumentals, welche auch tatsächlich sehr gut sind… Die Leadsingle „The Boy From The Plantation“ hat den vollständigen Namen im Refrain : Victor Lidio Jara Martinez… das alles im allerbesten MSP Sound und derart eingängig, das es mein Song des Jahres geworden ist….seit August krieg ich das Stück nicht mehr aus dem Ohr… aber warum auch (?)…

PLATZ 1 – MATT BERNINGER – „SERPENTINE PRISON“

Ich muß gestehen das es dieses Jahr nicht so einfach war das Album des Jahres zu küren, aber nicht weil alle so riesig waren sondern weil DAS absolute Überalbum dieses Jahr einfach nicht existierte… die Platten von Platz 1 bis 3 sind eigentlich drei gefühlte N2. 2 Alben… am besten davon noch das erste Soloalbum von Matt Berninger, dem Sänger der von mir hochgeschätzten Band The National. Der macht darauf das was er am besten kann: melancholische Musik zu fallenden Blättern, am Kamin und einem guten Single Malt in der Hand. Das alles verwoben mit seinerm schönen Bariton… nicht weit von dem entfernt was seine Band auszeichnet (die helfen hier aber auch mit), vielleicht etwas leichter und akustischer. Etwas Wärme braucht der Mensch… im Coronajahr 2020… congrats Mr. Berninger…

...knapp an der Top 10 vorbei...

…ohne Reihenfolge hier ein paar Songs von Platten die es nicht in die Top 10 geschafft haben oder auch einzelne Songs, deren Album mich nicht sonderlich beeindruckt hat… bzw. so eins garnicht existiert…

THE ORIELLES – „Come Down On Jupiter“ from Disco Volador

…das Video passt zum Jahr… Langeweile in Endlosschleife… den Song mag ich weil er abwechslungsreich ist und besonders diese Stelle, wo er Fahrt aufnimmt…

YUKON BLONDE – „In Love Again“ from Vindicator

…viele Sachen der Kanadier sind für den Indie-Dancefloor bestimmt, dieser Songs mit seinen schönen Gitarren ist eher die Ausnahme… für mich die gute…

CLOSE LOBSTERS – „Godless“ from Post Neo Anti

Mit einer neuen Platte der Schotten hatte wohl keiner gerechnet… Ende der 1980er waren sie sympatische Vertreter der c-86 Scene… das heißt Gitarren, Gitarren und Gitarren… wenns geht nicht zu glatt produziert… kommt auch 30 Jahre später noch gut…

HAZEL ENGLISH – „Wake Up“ from Wake Up

…zeitloser Pop der Australierin… war ein Ohrwurm im Sommer und lief oft bei radioeins…

WIRE – „Cactused“ from Mind Hive

…eine meiner ältesten Lieblingsbands, gegründet 1976 (da hab ich noch ABBA gehört 😉 und auch heute noch unverkennbar : Wire. Leider war die Platte nur auf der ersten Seite gut, sonst wäre sie in der Top 10…

ARAB STRAP – The Turning of Our Bones“ from As Days Get Dark (2021)

14 Jahre nach der letzten Platte der Schotten kann man das auch als Überraschung sehen… wenngleich auch nicht musikalisch, da ist alles wie gehabt…

SYSTEM OF A DOWN – „Protect The Land“ Single

…noch länger ist die letzte Veröffentlichung von SOAD her… diese Single erschien aus gutem Grund… der arminisch-stämmige Frontmann Serj Tankian ist beunruhigt was in der Heimat seiner Ahnen los ist…

X – „Alphabetland“ from Alphabetland“

…nochmal 10 Jahre länger als bei SOAD hat es bei X gedauert bis mal was neues kam… 25 Jahre ist das letzte Album der LA Punks her… das neue klingt frisch wie vor 40 Jahren…

BOB MOULD – „Siberian Butterfly“ from Blue Hearts

Bob Mould, ex- Hüsker Dü und Sugar ist ebenfalls ein Veteran des amerikanischen Punk… seit Jahren veröffentlicht er ein gutes Soloalbum nach dem anderen… sein diesjähriges ist besonders zornig… dieser Song hier ist im Prinzip der einzige Popmoment darauf…

TUNNG – „Death Is The New Sex“ from Dead Club

… Folk’s not dead… it even sounds different…

EELS – „Are We Alright Again“ from Earth To Dora

…seit vielen Jahren verlässliche Hitlieferanten sind die Mark Everett und seine ständig wechselnden Mitstreiter… was das Video angeht … das kommt davon wenn man Whisky aus geschmacklosen Kristalltumblern trinkt… 😉

THE STEREOTYPES – „Main Attraction“ from Secrets To Learn

Die Stereotypes aus San Diego verfolge ich schon ein viele Jahre… als warscheinlich einer der wenigen… ich glaube die spielen nur als Hobby, aber das sehr gut… „Main Attraction“ gehört in die Songs Top 5 des Jahres ! Bisher 10 Klicks auf das Video… what a shame…

SOPHIA – „Undone. Again“ from Holding On / Letting Go

…nur geringfügig bekannter als die Stereotypes sind Sophia, die Band von ex- God Machine Mastermind Robin Proper-Sheppard, ganz heimlich, still und leise erschien dieses Jahr ein neues, sehr gelungenes Album des Melancholikers…

DEL AMITRI – „Close Your Eyes And Think Of England“ from Fatal Mistakes (2021)

…schon wieder Veteranen… die Glasgower Band hatte ich lange nicht mehr auf dem Schirm, fand auch nicht alles gut, dieser Song allerdings erinnert an einstige Größen wie „Nothing Ever Happens“… und passt zum Brexit wie die Faust aufs Auge…

MIDNIGHT OIL – „Change The Date“ from The Makarrata Project“

Nach seiner Zeit als australischer Minister ist Peter Garret zurück bei der Musik seiner hochgeschätzten Band Midnight Oil die wirklich großartige Alben in den 1980ern lieferte… die Musik ist völlin im Hier und Jetzt ohne sich modernen Trends anzubiedern… sehr politisch engagiert und immer noch 100% Midnight Oil…

Best-Of Playlists der letzten Jahre

…früher gabs Mixtapes, später CDs… dann mp3-Sampler… heute gibts einen schnöden Link… aber der kann ja von überall jederzeit abgerufen werden… daher auch nicht so verkehrt… ich werde hier von Zeit zu Zeit etwas von meinen musikalischen Vorlieben der letzten Jahre posten… wahlweise Apple Music oder Spotify… übrigens alles in traditioneller CD Länge…

2019

Die besten Alben von 2019… ohne Kritiken…

Platz 1 – Weyes Blood „Titanic Rising“
Platz 2 – Underground Lovers „A Left Turn“
Platz 3 – Alex Lahey „The Best Of Luck Club“
Platz 4 – Piroshka „Brickbat“
Platz 5 : Lower Dens „The Competition“
Platz 6 : The New Pornographers „In The Morse Of Brake Lights“
Platz 7 : Blood Red Shoes „Get Tragic“
Platz 8 : Ilgen-Nur „Power Nap“
Platz 9 : Ladytron „Ladytron“
Platz 10: Hatchie „Keepsake“

 

2018

…alle Jahre wieder…schließlich gibt es ja auch in den langweiligsten Jahren immer ein paar sehr spannende Lieder. 2018 habe ich mich selbst dabei ertappt, daß ich auch nicht mehr der klassische Albumhörer bin sondern lieber einzelne Songs rauspicke. Aus diesem Grund gibt es dieses Jahr auch nur eine Album Top 3 :


Platz 3 – Interpol „Marauder“
Platz 2 – Steve Kilbey „Sydney Rococo“
Platz 1 – Metric „Art Of Doubt“


Beste Songs waren :
Platz 3 – Steve Kilbey „Sydney Rococo“
Platz 2 – Frokedal „Believe“
Platz 1 – Neko Case „Curse Of The 1-5 Corridor“


…wer möchte kann das alles nachhören auf meiner Best Of Playliste, in loser Reihenfolge auf Apple Music oder Spotify. :

 

2017

BEST OF 2017 : (Alben) 
1. – The Church „Man Woman Life Death Infinity“
2. – Slowdive „Slowdive“
3. – Afghan Whigs „In Spades“
4. – Stars „There Is No Love In Fluorescent Light“
5. – Broken Social Scene „Hug Of Thunder“
6. – New Pornographers „Whiteout Conditions“
7. – Alvvays „Antisocialities“
8. – Waxahatchee „Out In The Storm“
9. – Grizzly Bear „Painted Ruins“
10. – Pixx „The Age Of Anxiety“

Platz 10. – Pixx „The Age Of Anxiety“ :

Platz 9 : Grizzly Bear „Painted Ruins“

Platz 8. – Waxahatchee „Out In The Storm“

Platz 7. – Alvvays „Antisocialities“

Platz 6. – New Pornographers „Whiteout Conditions“

Platz 5. – Broken Social Scene „Hug Of Thunder“

Platz 4. – Stars „There Is No Love In Fluorescent Light“

Platz 3. – Afghan Whigs „In Spades“

Platz 2. – Slowdive „Slowdive“

Platz 1. – The Church „Man Woman Life Death Infinity“

2016

McLarsen’s Music – Best Of

2016

…ich weiß, früher war mehr Lametta, da gab es Top 10 und Top 20 und immer noch einen langen Text von mir dazu, dieses Jahr gibt es die Plätze 6-10 nur zur Info, das wären die hier :

10 – Younghusband „Dissolver“

09 – Dinosaur jr. „Give Glimpse Of What Your Not“

08 – Bob Mould – Patch The Sky“

07 – Teenage Fanclub „Here“

06 – Diarrhea Planet „Turn To Gold“

Platz 5 : THE SLOW SHOW – DREAM DARLING
…über die Band bin ich nur zufällig gestolpert, sie kommen aus Manchester und machen das, was Nina gerne als Schnarchnasenmusik tituliert. Ideal zum Nachmittagstee in der Winterzeit geeignet, haben wir hier opulente Klänge die alles mögliche verbreiten außer Hektik. Dieser eine Song „Ordinary Lives“ allerdings war es, das dieses Album in die Top 5 gerutscht ist, es ist mein Song des Jahres. Er beginnt mit der außergewöhnlichen Stimme des Sängers… ist das ein erkälteter Iggy Pop oder Lambchop (?), Tindersticks (?), sind das The National unter anderem Namen (die haben einen Song namens Slow Show) ? …ist das schon was aus dem Nachlass von Leonard Cohen ?.. Bei der Stimme muß ich an einen alten Mann mit Rauschebart denken, das ist allerdings nicht der Fall, The Slow Show sind eine junge Band mit ihrem zweiten Album. Der Song fängt gemächlich an, steigert sich aber in seinem Lauf, gegen Ende Streicher, Bläser, Orchester… Halleluja… dazwischen immer wieder diese Stimme… großartig. Das das live ebenfalls eine Nummer zu sein scheint, kann man hier: https://www.youtube.com/watch?v=nN9OkjRXjGg sehen, schaut mal mit was für einer Mannschaft die auf die Bühne kommen, ziemlich großes Kino…, unbedingt bis zum Ende anschauen…
P.S. Das Video von „Ordinary Lives“ hab ich selber gerade zum ersten mal gesehen und ich finds toll. Vor vielen Jahren hab ich mal irgendwas in einer Senioreneinrichtung gebaut und dabei einige Fotoalben im Müll gefunden. Die Bilder sahen genauso aus und ich fand es auch deprimierend, wie die letzten Spuren eines gelebten Lebens so einfach mir und dir nichts verschwinden…

Platz 4 – UNDERWORLD – BARBARA BARBARA, WE FACE A SHINING FUTURE
Underworld hießen Anfang der 80er Jahre Freur, hinterliesen zwei Alben und einen der unterbewerteten Songs des Jahrzehnts : „Doot Doot“. Da sich der Name Underworld deutlich besser verkauft, benannte man sich um und die Musik wurde tanzbarer. Als die 80er vorbei waren, kam Techno, die Höchststrafe für Leute wie mich, die die elektrische Gitarre lieben. Underworld wurden zu Stars in der Szene und mit „Born Slippy“ aus dem Film „Trainspotting“ gelang ihnen auch ein großer Hit. Das ist jetzt über 20 Jahre her und die Band um Carl Hyde veröffentlicht immer noch Alben. Techno ist das freilich nicht, elektronische Tanzmusik schon und als Band eine der wenigen ihrer Art, für die ich mich interessiere. Das Album macht vor allem wegen seiner Vielfalt Spaß, „I Exhale“ klingt wie The Fall, anderswo steckt sowas wie Britpop hinter der elektronischen Fassade, der beste Song jedoch fährt auf der Ambient Schiene : „Low Burn“ ist etwas für den Kopfhörer im Halbschlaf, man fliegt durch bizarre Landschaften… irgendwas wird auch gesungen, aber das ist nicht wichtig…

PLATZ 3 – GROUPLOVE – BIG MESS
Die Bronzemedaille geht dieses Jahr an die Kategorie Gute-Laune-Musik. Grouplove, eine junge Band aus L.A. kennt man (so man öfters dort ist) von der Offside Playlist mit dem Song „Tongue Tied“, welches seit über 5 Jahren immer wieder mal auftaucht und auch in der Top 25 vertreten ist. Das neue Album „Big Miss“ ist eine Ansammlung von Songs, die durch die Bank Hitsingles sein könnten. Musikalisch ordnet man sie etwa in der Mitte zwischen Arcade Fire und den Pixies ein, aber auch diesen ganzen Bands mit Hu! und Ha! (Of Monsters & Men, Lumineers etc.) stehen sie nahe. Häufig geraten die Lieder etwas over the top, manchmal auch laut („Traumatized“ ist Pixies pur…), immer gut für das Autoradio oder wo man auch sonst nichts anstrengendes braucht. Zwischendurch wird auch mal das Fuß vom Pedal genommen (Enlighten Me“, „Spinning“), das tut auch gut. „Good Morning“ funktioniert mit Electronic für den Dancefloor oder das Hitradio…Nur einmal kurz vor Schluß schießen sie mit „Don’t Stop Making Happen“ etwas übers Ziel und ich wähne mich auf einer ABBA Party, aber wirklich schlecht ist auch das nicht. Während es auf manchen Alben der eine, die zwei oder auch drei Songs sind, die es zu etwas Besonderem machen, sind es hier die vielen etwas kleineren Songs, die das Album in meinem Falle zur Nummer 3 machen… Eigentlich hatte ich erwartet, das das woanders auch so gesehen bzw. gehört wird, aber erstaunlicherweise scheint es niemand zu interessieren… Schade.

Platz 2 – HALEY BONAR – IMPOSSIBLE DREAM
Der Abstand zwischen Platz 2 und 1 ist dieses Jahr ziemlich gering, ich habe bis zuletzt hin und her gewogen, aber ein guter zweiter Platz ist ja auch etwas. Haley Bonar, kanadische Singer/Songwriterin Anfang 30 fiel mir mit ihrem letzten Album „Last War“ auf, besonders mit der Single „Kill The Fun“, ebenfalls ein Hit in der Offside Playlist. Erstmals verließ die Musikerin den Pfad der Singer/Songwriter Schiene und mischte Pop mit etwas Shoegaze in die Songs, was teils sehr gut gelang. Das Nachfolgealbum „Impossible Dream“ macht in etwa dort weiter, fährt aber mehr in Richtung Rock als Pop. Der Opener „Hometown“ zeigt sehr gut die Palette von Haley Bonar, etwas Folk, etwas Rock, stets sehr schön zu hören, nicht weit von Neko Case entfernt. Als ich im September in Schottland war, hab ich die Platte hoch und runter gehört. Highlights sind die etwas rockigeren Sachen „Kismet Kill“, „Call You Queen“ und „Stupid Face“. Ab und zu wird es ruhiger, aber nie kitschig, es ist alles schlicht und auf den Punkt produziert. Ich hoffe, von dieser Frau werden wir noch viel hören, immerhin lief „Kismet Kill“ schon öfters bei Radio Eins…

Platz 1 – TOY – CLEAR SHOT
Der fiktive Award der Platte des Jahres geht nach London an die Band TOY, deren drittes Album „Clear Shot“ sich am festesten in meinen Gehörgängen angesaugt hat. Musikalisch ist das auf jeden Fall Psychedellic Gitarren Rock mit Elementen von Shoegaze und Krautrock. Die zweite Platte „Join The Dots“ von vor drei Jahren konnte mich schon vollends überzeugen, nur dem Umstand geschuldet, das die Platte erst im Dezember rauskam, ist das sie nicht eine Top 3 Position bei mir einnehmen konnte. Der Unterschied zwischen den Alben 2 und 3 liegt vor allem an einer größeren Geschlossenheit, gab es bei „Join The Dots“ noch viele zerfranste psychedelische Ausflüge, die auch mal ein paar Minuten dauern konnten, gibt sich „Clear Spot“ deutlich kompakter, wenn auch durchaus nicht monoton, sondern abwechslungsreich. Pop „I’m Still Believing“ ist genau so dabei wie düstere, beinahe beklemmender Sound („Fast Silver“) oder eben auch tricky Psychedellikexkurse („Clear Shot“, „Cinema“) Neben zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug spielt auch das Keyboard eine große Rolle bei der Band, was am besten bei „Dream Orchestrator“, einem der besten Songs des Albums zu hören ist. …Jo, dann Blumenstrauß nach TOY… und das war es dann auch schon wieder mit der Top 10 2016, mal schauen (besser hören), was 2017 so los ist…

2015

MUSIK 2015 – DIE ALBEN Platz 10-06

Platz 10 : BEACH HOUSE – „Thank Your Lucky Stars“

…gleich zwe neue Alben hat das französisch/amerikanische dreampop Duo dieses Jahr veröffentlicht und ich bin ganz eindeutig bei diesem hier. Für die einen Schnarchnasenmusik, für andere schön luftig leichter Pop…

Platz 09 – MERCURY REV – The Light In You“

…ihre frühen Alben sind für mich unhörbares Avantgarde Gegniedel, 1998’s „Deserters Songs“ eines der besten Alben der 1990er, die beiden Nachfolger ebenfalls sehr groß. In letzter Zeit war es etwas still geworden um die Band, die mittlerweile nur aus Johnathan Donahue und einem Gitarristen namens Grasshopper besteht. „The Light In You macht ungefähr bei „The Secret Migration“ weiter, jedoch fehlen die großen Songs. In der Gesamtheit aber trotzdem ein Top 10 Album… Herbst pur…

Platz 08 – WOLF ALICE – „My Love Is Cool“

…sowas wie mein Sommeralbum, Pop für alle Altersgruppen, ohne dabei billig zu wirken…

Platz 07 – KILLING JOKE – „Pylon“

…seit 35 Jahren dabei und kein bischen leiser. Vielleicht nicht die beste Platte ihrer Karriere, aber mindestens 3 Songs wären für eine Best Of gesetzt.

Platz 06 – THE CHILLS – „Silver Bullets“

…ebenfalls seit 35 Jahren dabei sind The Chills aus Neuseeland, die haben allerdings deutlich weniger Material veröffentlicht. „Silver Bullets“ ist das erste „richtige“ Album seit 1996 und bringt all das wieder, was diese Band auszeichnet : cleverer Kiwi Pop mit intelligenten Texten…

Platz 5 : THE MACCABEES „Marks To Prove It“


…Nachfolgeplatte vom ziemlich grandiosen „Into The Wild“ Album, auc gut, vielleicht nicht ganz so großes Kopfkino…

Platz 4 : BEST COAST „California Nights“


…irgendwo zwischen (späten) Hole, Dum Dum Girls, Beach Boys und Ramones, hat sich das (natürlich kalifornische Duo Best Coast angesiedelt. …die Mischung macht Spaß

Platz 3 : HALEY BONAR  – „Last War“


…das war das erste Album des Jahres, was es mir angetan hatte. Irgendwo zwischen Neko Case und New Order…

Platz 2 : DEERHUNTER „Fading Frontier“

<iframe width=“560″ height=“315″ src=“https://www.youtube.com/embed/1x8_3kHM18s“ frameborder=“0″ allow=“accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture“ allowfullscreen></iframe>

Platz 1 :
SWERVEDRIVER“ I Wasn’t Born To Lose You“


….töröööh, Platte des Jahres : Swervedriver. Die Band existiert bereits seit 25 Jahren, machten aber nicht allzu viele Veröffentlichungen, diese Platte ist auch die erste seit 1998. Die Band macht schöne laute Gitarrenmusik, Dreampop in der noisigen Variante. Bislang war die Band auf meinem Zettel nie ganz oben, dieses Jahr, mit dieser Platte hat es geklappt. 10 Songs, wenig Durchschnitt (Setting Sun) und nur ein Ausfall (Red Queens Arm Race), viele knackige Shoegazersongs.

MUSIK 2015 – DIE SONGS Platz 10-06
Platz 10 : Belle & Sebastian – „Nobody’s Empire“

…sicher hat die Band aus Glasgow schon bessere Alben produziert, dieses hier ist wohl ein wenig für Tanzmäuse gedacht…, aber diese eine Song hätte schon Platz auf einer Best Of…

Platz 09 : John Grant – „Down Here“

…beim Barte des Propheten, ich liebe diese Stimme, außerdem kann der Typ akzentfrei deutsch, türkisch, isländisch und was weiß ich was noch alles für Sprachen… nicht schlecht für’n Ami… Musikalisch sind seine Longplayer nur teilweise meine Sache, aber der hier ist schön…
Platz 08 : Therapy? – „Tides“

…das erste brauchbare Material der Nordiren seit über 20 Jahren. Dieser Song wäre ein würdiger Vertreter auf einem Hüsker Dü Tribute Album…

Platz 07 : Husky – „St. Joan“

…australische Bartträger mit tollem Ohrwurm.

Platz 06 : Other Lives – „English Summer“

…nochmal Bartträger…, sehr schöner Song, der erst nach zwei bis dreimaligen hören wächst…

Platz 5 : Lower Dens „To Die In L.A.“

…etwas poppiger als zuletzt, toller Ohrwurm, hier ein anderes Video als das offizielle…

Platz 4 : The Purrs – „You, The Medicine And Me“

…zwar schon zwei Jahre alt, aber erst dieses Jahr entdeckt, eine Band aus Seattle mit schöner kerniger Gitarrenmusik, dieser Song ab etwa gegen Mitte ist großartig. Leider gehen auf Albumlänge schnell die Ideen aus…

Platz 3 : Tame Impala – „Let It Happen“

…unbedingt zu erwarten war es erstens nicht, daß die Psychedellic Rocker auf einmal Stücke veröffentlichen, die jede Tanzmaus auf den Dancefloor treibt und zweitens war nicht zu erwarten, das mir sowas gefällt. Ähnlichen Verwandlungen geschätzter Künstler wie z.B. Arcade Fire konnte ich wenig abgewinnen, hier ist das anders, besonders der Teil ab Mitte des knapp 8minütigen Teils mit alten, analogen Keybords erfreute mich dieses Jahr sehr. Nur mit dem dazugehörigen Album kann ich nichts anfangen, da hätte ich doch gerne die Gitarren wieder…

Platz 2 : Haley Bonar – „Kill The Fun“

Platz 3 bei den Album, Platz 2 bei den Songs und dazu ein bemerkenswertes Video dazu… nicht schlecht Haley Bonar…toller Popsong

Platz 1 : The Chills „America Says Hello“

…Platz 1, Song des Jahres und dann der einzige in meiner Wertung ohne verfügbares Video…, egal. Nicht nur wegen der Freude über das erste Lebenszeichen der Neuseeländer seit 1996 erklärt meine freudige Erregung, der Song ansich ist großartig, vielschichtig, mit Tempowechseln, düsteren Stellen, hellen Popmomenten, einem kritischen Text und sehr, sehr schwer wieder aus den Ohren zu kriegen. Der Song verfolgte mich mehrere Monate und ist somit mit gebührenden Abstand der Song des Jahres.

2014

Die Alben des Jahres 2014 :

Platz 10 : The Jezabels „The Brink“

…auch auf dem zweiten Album gelingt den Australiern noch nicht der große Wurf den man ihnen anhand einzelner sehr guter Songs zugetraut hätte, vielleicht wird es einmal eine geniale Best Of…

Platz 9 : Temples „Sun Structures“

…fast schon etwas frech, wie unbekümmert sich die jungschen Briten bei den Byrds bedienen und den Rickenbacker Sound der Endsechziger in die Neuzeit tragen, hier und da mit ein paar Anspielungen auf Endachziger Pop a la Stone Roses…

Platz 8 : Alvvays „Alvvays“

…schönes Debut der kanadischen Indiepopper, schöne gitarrenorientierte Musik für junge Leute, ähnlich Veronica Falls oder der bereits erwähnten Real Estate.

Platz 7 : The Fauns „Lights“

…als wenn 1991 vorgestern erst gewesen wäre spielen diese jungen Briten Dreampop in der Tradition von Lush, Ride, Chapterhouse oder Pale Saints, altbacken klingt es dabei zu keiner Zeit, manchmal etwas melancholisch, aber dafür ist Dreampop ja da…

Platz 6 : Bob Mould „Beauty & Ruin“

…bereits das zweite gute Album hintereinander, nachdem in den letzten 20 Jahren immerwieder mal komische Sachen vom Ex Hüsker Dü Sänger veröffentlicht wurden. Dieses Album ist etwas dunkler als „Silver Age“ von vor zwei Jahren, orientiert sich aber oft an seiner Musik mit Sugar aus den 1990ern…

Platz 5 : The Raveonettes „Pe’Ahi“

…seit Jahren eine verlässliche Größe, die beiden Dänen, mal mehr oder weniger laute und verzerrte Gitarren und abgrundtiefe Texte, stets sehr atmosphärisch und sehr gut…

Platz 4 : Real Estate „Atlas“

…für manche zu nett oder vielleicht zu simpel, für mich einfach nur wunderschöne Indie Gitarrenmusik von netten, sympathischen Menschen…

Platz 3 : The Horrors „Luminous“

Auf ihrem vierten Album knüpfen die blassen Briten an ihr letztes Albun Skying an, verbessern die New Wave geschwängerte Musik aber bedeutend damit, das sie nicht jeden Ton durch die psychedelische Leiermaschine schieben…, manchmal muß ich an frühe Simple Minds denken…

Platz 2 : Interpol „El Pintor“

Nach der ziellosen selbstbetitelten letzten Interpol Platte von 2010 gibt es wieder richtig gute Songs mit schönen Gitarren und dem gewissen Chamelions Feeling…

Platz 1 : The Church „Further / Deeper“

Meine Alltime Favourites werden nächstes Jahr 35 und seit 32 Jahren verfolge ich ihre Wege, sie haben über 20 Studioalben veröffentlicht und richtiger Schrott war in all den Jahren nie dabei, so auch diesmal nicht. Das erste Album seit 2009 und das erste ohne Gitarrist Marty Willson-Piper vereint die vielschichtige Ästhetik ihres 92′ Opus „Priest=Aura“ mit der rohen Energie von „Forget Yourself“ von 2003, kein Ausfall, The Church in Bestform, Anfang 2015 auch ausserhalb Australiens erhältlich.

2013

In den vergangenen Jahren gab es zu diesem Thema täglich eine ausführliche Auseinandersetzung. In diesem Jahr fehlt mir ein wenig Zeit und Muße dazu, daher gibt es heute schnöde und simpel die Top 10 der Alben 2013 auf einem Schlag. Platz 1 – Neko Case, war recht schnell eine sichere Nummer, die anderen Platzierungen dahinter hätten es in besseren Jahren wohl teilweise nicht so weit gebracht… will sagen : das Jahr 2013 wird nicht als Jahr der Schwemme genialer Alben in die Geschichte eingehen…. nun denn Tusch….türülü…
Die Platten des Jahres 2013 :


10 – ARCADE FIRE „Reflektor“

09 – TOY „Join The Dots“

08 – MGMT „MGMT“

07 – LLOYD COLE „Standards“

06 – CULTS „Static“

05 – FRIGHTENED RABBIT „Pedestrian Verse“

04 – KITCHENS OF DISTINCTION „Folly“

03 – PHOENIX FOUNDATION „Fandango“


02 – THE NATIONAL „Trouble Will Find Me“

01 – NEKO CASE „The Worse Things Get The Harder…“

2012

PLATZ 10 : LOWER DENS – NOOTROPICS


Die zweite Platte der Band Lower Dens aus Baltimore, ist fürwahr nichts für Leute, die Lust auf gute Laune haben. Finster und auch so bitter kalt kommen die Songs aus der Box, viel Elektronic ist dabei, einiges auch aus der verfremdeten elektrischen Gitarre, Shoegaze quasi, aber alles nur so viel wie nötig, alles wird minimalistisch präsentiert, an der einen und anderen Stelle gibt es Krautrock und Kraftwerk Verweise. Über allem schwebt die Stimme von Sängerin Jana Hunter, klar, fabelhaft und kühl. Stellenweise gibt es Verwandschaft zum gleichzeitig erschienenen Album „Bloom“ von Beach House, welche übrigens auch in Baltimore angesiedelt sind, stimmungsmäßig sind Beach House die Party und Lower Dens der Kater danach. Als Einflüsse für diese träumerische Musik erkenne ich Dead Can Dance, Cocteau Twins, Lush, Helium und Massive Attack (ca. Mezzanine). Eine Platte für zuhause, am besten alleine, aber wenn man sich traut in sie einzutauchen, hat man etwas erlebt…zieht euch aber warm an, es wird kalt…

PLATZ 9 : THE RAVEONETTES – OBSERVATOR


…sehr fleißig, was das dänische Duo so macht, fast jedes Jahr ein neuer Longplayer, wobei bei den Raveonettes die Betonung nicht zwingend auf LONG liegt, in der Kürze liegt die Würze, nur einer der 9 Songs des 2012er Album „Observator“ überschreitet die 4 Minuten Grenze. Aber nicht nur der Verzicht auf Längen zeichnet die Arbeiten der Kopenhagener aus, auch die Schlichtheit der Arrangements sind ein Markenzeichen, lieber werden die Verstärker etwas höher gedreht, so fällt es nicht weiter auf. Seit „Attack Of The Ghost Riders“ von 2001 hat sich dennoch einiges getan am Sound der Raveonettes, insgesamt sind die Stücke deutlich melancholischer, das Songwriting ist deutlich reifer geworden, ein Trend, der schon auf der letztjährlichen Veröffentlichung „Raven In A Grave“ zu hören war. „Observator“ ist im Schatten eines Auslandsaufenthaltes mitsamt Drogenentzug und Depression von Sune Rose Wagner entstanden und somit auch nicht eben gerade ein Partyalbum geworden. Der Titelsong ist ein wunderbar melancholisches Stück, bei dem ein Piano im Vordergrund spielt, „Curse The Night“ schon ziemlich düster, wäre nicht der nette Gesang von Sängerin Sharin Foo, hätte er wohl auch aufs erste Tindersticks Album gepasst. „The Enemy erinnert an The Smiths, „Sinking In The Sun“ gefällt mit melancholischen Shoegazepop, „She Owns The Streets“ zeigt eine freundliche, poppigere Seite des Duos, „Downtown“ ist C86 Schrammelgitarrenpop der mich an The Primitives erinnert. Überhaupt gibt es viele Reverenzen, The Jesus & Mary Chain sind stets nicht weit, aber auch Rockabillyelemente kann man hören. Insgesamt ein sehr gelungenes Album, nicht ganz so schwer wie Lower Dens (Platz 10), aber von Gutelaunemusik genau so weit entfernt. Zitat Sune Rose Wagner: „Der Klang des Albums ist schwelgerisch und schön, sein Herz aber ist trostlos und traurig. Es hat etwas von einem himmlischen Traum, in dem man langsam realisiert, dass man tatsächlich in der Hölle ist..“

PLATZ 8 : NADA SURF – „THE STARS ARE INDIFFERENT TO ASTRONOMY“


Immer wieder schön, alle paar Jahre kommt ein neuer Longplayer der Band, die 1996 einen mittelgroßen Hit mit „Popular“ hatte und immer wieder ist sicher, das sie gut ist, eine verlässliche Konstante sozusagen… Dieses Jahr ist die erste Veröffentlichung von Eigenmaterial seit 4 Jahren sogar besonders gut geworden, weil Matthew Caws wieder eine Steckdose für seine elektrische Gitarre gefunden hat, was den ja stets sehr netten Songs etwas mehr Würze verleiht. Inhaltlich geht es hier hin und wieder ums Älterwerden, tja …früher oder später fällt es jedem auf… Das schönste und für mich bemerkenswerte an diesem Album ist die anhaltende Ohrwurmlastigkeit, im Januar erschienen, surren immer noch verschiedene Lieder durch meinen Kopf. Der Powerpop von Nada Surf paßt nahezu zu jeder Gelegenheit und somit ist ziemlich jeder Song der Platte sehr häufig in der Offside Playlist gelaufen, jeder Song ein kleiner Hit.

PLATZ 7 : MELODIES ECHO CHAMBER „s/t“


Hinter dem Namen Melodies Echo Chamber versteckt sich die Französin Melodie Prochet und der Australier Kevin Parker, welcher hauptberuflich Sänger und Gitarrist von Tame Impala ist. Tame Impala, momentan selber recht erfolgreich, begeistern derzeit mit schwer psychdelisch angehauchter Gitarrenrockmusik. Auf einer ihrer letzten Europatouren lernten sich Parker und Prochet kennen, ihre Band My Bee’s Garden war die Vorband der Tournee. Im heimischen Perth ließ Parker die kammermusikalisch ausgebildete Prochet in seinem Studio einfach mal rumprobieren, um das Ergebnis hinterher noch ein wenig aufzupolieren. Das Ergebnis ist eines der besten Alben der Kategorie Dreampop seit sehr langen. Das Eröffnungsstück „I Follow You“ ist eine 1a Hitsingle, welche auch häufig im Tagesprogramm von Radio Eins zu hören ist. Die folgenden Stücke „Crystalized“, „You Won’t Be Missing That Part Of Me“, „Sleep Time Alone, Alone“ sind, zumindest in meinen Ohren absolut hochklassige Ohrwürmer mit verzerrten Gitarren, einiger Elektronik und mit dieser süßen Stimme von Melodie Prochet. Auf „Endless Shore“ hört man dann doch ziemlich Tame Impala durch, manche Songs werden französisch gesungen, gegen Ende zerfransen einige Stücke gelegentlich ins lärmig psychedelische. Wirklich neu ist diese Musik natürlich nicht, es ist ziemlich exakt das, was ich vor etwa 20 Jahren geliebt habe. Damals hießen die Bands der Stunde Lush, Ride oder Pale Saints, diese waren wiederum von 4AD Bands wie Cocteau Twins und Dead Can Dance, aber auch My Bloody Valentine, The Jesus & Mary Chain, sowie älteren Sachen wie Velvet Underground beeinflußt. Momentan läuft das Album bei mir noch auf Hochtouren, möglicherweise wäre eine höhere Wertung möglich gewesen, wäre das Album einen Monat früher erschienen…aber so ist das halt…

PLATZ 6 : SMASHING PUMPKINS – „OCEANIA“

Ich war nie ein Fan dieser Band, die Musik kreuzte meinen Geschmack nur punktuell, der Sänger war mir unsympatisch. Wohl war mir stets bewußt, das es einige große Songs von dieser Band gibt, „Tonight Tonight“ zum Beispiel, oder auch das allseits bekannte „1979“,wirklich interessiert hat mich das trotzdem nicht. Nun kam ich dieses Jahr zum neuen Album „Oceania“. Hier die Eindrücke meines ersten Erhörens : Song 1 „Quasar“, …nerv, schon wieder dieses uncoole Geleier von Billy Corgan und diese quengeligen Gitarren… Song 2 „Panopticon“… fängt genau an wie der erste aufgehört hat… (kurz vorm abschalten…)… doch dann bekommt der Song gerade so die Kurve, indem er einen guten Refrain losläßt, überhaupt wird er immer besser, Euphorie macht sich breit…. dann diese Energie… (hossa, ist ja doch gut…) Song 3 „The Celestials“, kommt teils akustisch, schöner Popsong, für Smashing Pumpkins Verhältnisse zumindest…, Song 4 „Violet Rays“, eine athmosphärische Ballade (hätte ich jetzt auch nicht wirklich mit gerechnet…) Song 5 „My Love Is Winter“… spätestens jetzt wird klar, das Album ist klasse, wieder Pop, sehr melodisch…Song 6 „One Diamond, One Heart“…jetzt kommt noch Elektronik ins Spiel, eine sehnsüchtige Ballade mit einem folklastigen Ende,  ich muß kurz an Waterboys denken, das ist großes Kino, was hier geboten wird, vor allem sind die Songs alle recht verschieden, das macht die Sache noch dazu spannend… Im zweiten Teil der Platte wird es hi und da etwas Progrocklastig, die Songs verlangen etwas mehr Aufmerksamkeit, beim 9minütigen Titelstück muß ich gelegentlich an The Chameleons denken, weniger wegen der Musik als wegen der Athmosphäre…ganz zum Ende wird mir das dann persönlich etwas zu viel, vielleicht hätten es 2-3 Songs weniger auch getan, das ist aber schon der einzige Kritikpunkt. Fazit : ein starkes Album, ich bin arg überrascht, das ich nach über 20 Jahren noch zu den Smashing Pumpkins gefunden habe…

PLATZ 5 : DEACON BLUE – „THE HIPSTERS“


Deacon Blue ist eine Band aus Glasgow, die 1987 ein ziemlich grandioses Debütalbum namens „Raintown“ veröffentlichten. Nach einem weiteren erfolgreichen Album und dem Minihit „Real Gone Kid“ wurde es dann etwas ruhiger, man sang von „Twist and Shout“ und vom „Chocolate Girl“, alles sehr hübsch, aber mehr auch nicht. Nach 11 Jahren nun überraschend ein neues Album in (fast) Originalbesetzung. Ich war gespannt. Beim Opener „Here I Am In London Town“ fühle ich mich sofort an die (leider noch unbekanntere) Band My Friend The Chocolate Cake erinnert, eine herzzereißende Pianoballade mit Streichern im Hintergrund und leicht angerauhten Gesang eines Sängers, der keine 20 mehr ist und auch nicht sein will. Es folgt das Titelstück, ein streicherdominiertes Stück Hochglanzpop im Stile späterer Prefab Sprout. Bereits hier wird klar, das dieses Album nicht mehr so sein will, wie die vorherigen Veröffentlichungen, die in meinen Ohren daran scheiterten, daß sie der Welt zeigen wollten, was für eine toll sie den Soul und Blues können… (eine Platte hieß auch „When The World Known Your Name“…). Sie sind nun mal nicht Van Morrison und das ist auch gut so, es sind zwar noch vereinzelte soulige Momente dabei, aber die fallen nicht weiter auf, vielmehr ist „The Hipsters“ ein exzellentes Popalbum von Leuten um die 50, die nichts mehr beweisen müssen und damit sehr sympatisch rüberkommen. In Schottland hat man diese Band eh nie vergessen, sie sind sehr beliebt, auch wenn sie 11 Jahre nichts neues veröffentlicht haben, jung und alt kennt sie, Ricky Ross macht nebenbei auch irgendwas im TV und wenn man sich nachts in den Bars von Glasgow rumtreibt, kann es gut passieren, das ein Pianoplayer den Song „Dignity“ anstimmt und der gesamte Laden lauthals mitsingt, alt wie jung, der Song ist 25 Jahre alt. Aber zurück zum Album, es hat noch etliche Höhepunkte, vor allem die zweite Singleauskopplung „The Outsiders“, bei der der Refrain sich langsam in die Höhe schraubt, ähnlich auch „Thats What We Can Do“, was auf breiteren Straßen fährt und ebenfalls von einem herrlichen Refrain gekrönt wird, in der die bereits schon früher sehr markante zweite Stimme von Backgroundsängerin Lorraine MacIntosh zurückkehrt. „It’ll End In Tears“ ist der beste Song, den die andere große Glasgower Popband Belle & Sebastian, die letzten 10 Jahre nicht geschrieben haben. (Diese dürften ohnehin viel von Deacon Blue beeinflußt worden sein…) Leider ist wohl aber wieder einmal der Fall, das dieses Album ungehört an der Masse vorbeiziehen wird, bislang habe ich hierzulande noch garnichts vom Erscheinen der Platte gehört, Schade eigentlich, dabei unterstelle ich ihr sogar Massentauglichkeit…und das war jetzt im positiven Sinne…

PLATZ 4 : THE JEZABELS – PRISONER


Das Debütalbum der Australier Jezabels war eine der großen Entdeckungen des Jahres 2012. In der Heimat bereits ein Jahr früher erschienen, wurde es zu meiner persönlichen Sommerplatte. Der Opener „Prisoner“ ist mehr ein Intro als ein Song, eine Orgel dröhnt bedrohlich, das Schlagzeug setzt nervös ein, Sängerin Hayley Mary spricht mehr als sie singt, irgendwann türmen sich sämtliche Musikalitäten übereinander, es wirkt finster wie einst bei Siouxsie & The Banshees…und dann ist der Song plötzlich vorbei und mein persönlicher Song des Jahres 2012, „Endless Summer“ baut sich auf, wieder muß man das Schlagzeug hervorheben, der Song fährt auf sehr breiten Straßen, schonmal wegen dieser Single werde ich mich an diese Platte erinnern. Der folgende Song „Long Highway“ nimmt Geschwindigkeit raus, baut aber auch auf druckvolle Energie. Mit „Trycolour“ kommt der zweite große Hit der Platte, ähnlich wie „Endless Summer“, etwas komplizierter aber auch sehr kraftvoll und hymnisch, Hayley Mary gibt alles, Höhepunkt ist ein Bass-solo im letzten Drittel, ganz großes Kino…Im nachfolgenden „Rosebud“ kühlt die Energieleistung etwas ab und das ist auch gut so, würde es so weiter gehen, bräuchte man eine Aspirin…Nach der guten Ballade beginnt dann der Grund, warum die Platte keine ganz große ist, ihr geht nämlich etwas die Luft aus, alles was jetzt kommt ist zwar immer noch recht gut, kann aber mit der ersten Plattenhälfte nicht mehr mithalten, von „Deep Wide Ocean“ vielleicht mal abgesehen. Der eindringliche Gesang Hayley Mary’s ist in gefährliche Nähe der Cranberries gerückt, will sagen er ist kurz davor zu anstrengend zu werden, außerdem wird es zu balladesk.  Ich bin wirklich sehr gespannt, was diese Band als nächstes zu bieten hat. Für ein Debütalbum sag ich mal „aber Hallo!“…

PLATZ 3 : THE MACCABEES – „GIVEN TO THE WILD“


Das dritte Album der Londoner Band entstand, indem jeder Musiker für sich Songs schrieb, oder auch nur Teile davon. Danach wurde gegenseitig sortiert und mit vielen Versuchen zusammengepuzzled. Das Ergebnis ist ein facettenreiches, anspruchsvolles Popalbum, was sich erst nach mehrmaligen Hören erschließt. Häufig sind die Strukturen der Lieder abseits der gängigen Muster. Insgesamt ist das hier großes Kopfkino, am besten kommt die Platte mit Kopfhörern, man entdeckt immer wieder neues… Ich muß manchmal an das letzte (von Scott Walker produzierte) Album von Pulp „We Love Life“ denken.

PLATZ 2 : GRIZZLY BEAR – „SHIELDS“


Das vielleicht komplizierteste Album in meiner diesjährigen Top 10 kommt von der New Yorker Band Grizzly Bear, heißt „Shields“ und belegt Platz 2. Es ist etwas schwierig, die Musik dieses Quartetts zu beschreiben. Man merkt deutlich, das es sich um ausgebildete Musiker handelt, die auch schon im Klassik- und Jazzbereich tätig waren. Dominant sind auf jeden Fall Gitarren, elektrische Gitarren mir scheinbar rostigen Seiten, überhaupt ist hier nichts geglättet oder geschliffen. Ein weiteres markantes Element ist der Gesang, der manchmal in Radiohead Höhe angesiedelt ist und häufig mit Harmoniegesang a la Fleet Foxes & Co. daher kommt. Überhaupt Radiohead, die sollten sich mal anhören, wie es klingen kann, wenn man etwas anspruchsvolles bringen will, ohne zu nerven. Einige Songs funktionieren sogar im Nachmittagsprogramm von Radio Eins, „Yet Again“, „A Simple Answer“ z. B., andere Songs brauchen etwas mehr Zuwendung, „The Hunt“ und „What’s Wrong“ z. B., hier kommen die Einflüsse des Jazz deutlich zutage. Am besten kommen in meinen Ohren die Songs, die sich in ihrem Lauf immer weiter aufbauen und die Band immer mehr Equipment bearbeitet, z. B. in den letzten beiden Songs „Half Gate“ und „Sun In Your Eyes“, in dem sie nochmal alles auftischen, was sie können, Bläser, Orgeln, Streicher…großes Kino !

PLATZ 1 : STARS – „THE NORTH“


…das hätte ich nicht gedacht, als ich Anfang September zum ersten mal dieses Album hörte… Album des Jahres,- Glückwunsch Stars !… Beim ersten Hören war ich erstmal arg überrascht, das als Einstieg „The Theory Of Relativity“ ein lupenreiner Synthpop Song auf der Schwelle steht. „We got a rock DJ, We got a total fucking alcoholic We got a thing they call a cyber-girl One more patient please for the dude who sold us Ecstasy He’s building homes now in the new third world“…ich habe versucht mir den Text zu merken und mußte feststellen… zu kompliziert… dazu gibt es mehr Keybords als auf 3 Depeche Mode Alben. Song 2 „Backlines“ ist dann schon eher das was ich von dieser wunderbaren Band aus Montreal erwartet habe, Dreampop, Shoegazing mit wechselnden Gesang und der große Pop in einer Manier, wie er am ehesten von Prefab Sprout celebriert wurde. Bei „Backlines“ bin ich auch immer wieder begeistert, wieviel man in 2:11 reinstecken kann…genial. Mit dem nun folgenden Titelstück haben sie mich dann entgültig gehabt, ein herrlich melancholischer Song über einen Aussteiger der sich nicht mal mehr an seine Frau erinnern kann… „Its so cold in this country You can never get warm“…, in meinen Ohren der beste Stars Song ever. Mit „Hold On When You Get Love…“ kommt wieder ein Stück Pop, in der Tradition von New Order würde ich mal sagen, man fragt sich auch, warum sowas nicht bekannter ist… „Through The Mines“ nimmt etwas Geschwindigkeit raus, begeistert mit Akustikgitarren, die dann im Refrain ordentlich in die Steckdose gesteckt werden, über allen die wunderbare Stimme von Amy Millan, das Aushängeschild der Band, ähnlich wie Kumpeline Emily Haines das Gesicht der befreundeten Band Metric ist, beide gehen übrigens auch gemeinsam auf Solotouren. Das Duett „Do You Want To Die Together“ erinnert mich etwas an The Beautiful South und ist der einzige Song, der mich nicht ganz so umhaut. Mit „A Song Is A Weapon“ kommt noch einmal großer Pop, eher gitarrenlastig und von Torquill Campbell gesungen. Bei „Progress“ werden nochmal die Keybords angedockt, bevor es dann ganz schlicht wird, bei „The 400“ wird Campbell nur von Klavier und Backgroundgesang begleitet, ich muß unweigerlich an David Bridie und seine Band My Friend The Chocolate Cake denken. Obwohl diese Ballade ein schöner Schlußpunkt wäre, wird „Walls“ die Aufgabe des Rausschmeißers angedacht, wieder ein Duett zwischen Campbell und Millan „Tell me how I sleep Tell me how I wake up Tell me how I dream“. Fazit : das beste Popalbum des Jahres kommt dieses Jahr aus Kanada, jeder Song ist irgendwie anders, trotzdem ist das Album ein ganzes Stück Kunstwerk. Neulich hab ich mir die Band mal live angeschaut, das war auch sehr schön, der Punkt, das Stars nicht größeren Erfolg haben, könnte an etwas fehlenden Charisma liegen, Amy Millan sah etwa so aus, wie Reinickendorfer Frauen aussehen, die ins Kastanienwäldchen oder in‘ Pflaumenbaum ausgehen… aber das kann mir ja egal sein, dann konzentrieren sie sich eben mehr auf die Musik…

Stars live im Heimathafen Berlin
Stars live im Heimathafen Berlin

2011

Platz 10 :  The Strokes  „Angels“

Tatsächlich ist es bereits 10 Jahre her, als die New Yorker Band ihr starkes Debut „Is This It ?“ veröffentlichte, genau so lang dauerte es meiner Meinung nach, bis sie wieder an dessen Qualität anknüpfen konnten, fand ich doch die Nachfolger „Room On Fire“ und besonders „First Impressions Of Earth“ deutlich schwächer, ja beinahe ärgerlich durchschnittlich. Nach 5 Jahren Pause und einigen uninteressanten Solowerken zündet die alte Magie wieder, die trockene Schnittmenge aus Velvet Underground und Television. Nachdem man das Gesicht wegen des scheußlichen Covers verzogen hat, überraschen die ersten Klänge von „Machu Piccu“ mit komischen Reggaetakten, die darauf folgende Singleauskopplung „Undercover Of The Darkness“ scheint wie vom Reißbrett gemacht, bleibt aber mit ihren ganzen Gitarrenhäkchen und Spielereien ewig lange im Ohr. Apropos Gitarren : „Two Kinds Of Happiness“ ist so retro, das man sich echt an Tom Verlaine und Richard Lloyd von Television erinnert fühlt, nur das Schlagzeug kommt so grottig dumpf herüber, das man schon überlegt, ob das besonders cool ist, oder einfach nur Murks, ich tendiere zu ersteren. Man muß die Platte öfters hören um alle kleinen Häkchen zu finden, die das ganze interessant gestalten. Anderswo, z.B. in „Your So Right“ und besonders „Games“ dominieren betont billige Synthesiser den Sound der Gitarrenband, das ist nicht weiter schlimm, es lockert die Platte auf, am Schluß steht mit „Life Is Simple In The Moonlight“ ein ruhiger Song, der mit 4:15 auch der längste der Platte ist, dann ist auch schon Feierabend. Kein Gramm zu viel.  Fazit : hat mich wieder mal sehr gefreut.

Platz 9 : The Walkabouts „Travels In Dustland“


Ja wie doch die Zeit vergeht, auch diese Band kenne ich jetzt schon 20 Jahre. Das erste mal sah ich sie im Sommer 1991 mit dem Album Scavanger im Gepäck, in einem kleinen Klub. Ich kaufte mir ein T-Shirt, zog es den nächsten Tag an , machte Mittagspause an einem Dönerstand in Kreuzberg. Plötzlich tippte mir eine zierliche Frau mit amerikanischen Akzent auf die Schulter und meinte auf deutsch, es seie ein sehr schönes T-Shirt. Es war Sängerin Carla Torgerson und der Rest der Band war auch dabei, ich war überrascht und ein wenig schüchtern, wir wechselten noch einige Worte miteinander und von diesem Moment an, war ich ein etwas größerer Fan der Band aus Seattle, ja Seattle, Anfang der 1990er Jahre DIE Stadt schlechthin : Nirvana, Pearl Jam, Alice In Chains, Soundgarden….aber die Walkabouts waren anders. Die Wurzeln der Band liegen deutlich im Folkrock, mit Grunge hatten sie nichts am Hut, die einzige Gemeinsamkeit war eine Vorliebe für knarzige Neil Young Momente. Das nächste Album New West Motel  kaufte ich zwei Jahre später direkt auf der Bühne, von Carla, die sich tatsächlich an die Episode Dönerbude erinnern konnte, das Album wurde 1993 mit Abstand Platte des Jahres (wenn auch leider nur in meinem Kopf). Es folgte mit Setting The Woods On Fire ein weiteres gutes Album mit lauten Gitarren, danach wurde es ruhig, die Band hatte mit der Ballade The Light Will Stay On einen kleinen, aber beachtenswerten Charterfolg, ging mit dem Warschauer Philharmonikern auf Tour, machte Tributealben für europäische Songwriter und wurde auf dem deutschen Glitterhouse Label sesshaft. Hin und wieder besuchte ich vereinzelte Konzerte, vom Hocker konnte mich der Schlafwagenfolk der Band aber nicht mehr reißen. 2005 besannen sie sich endlich ihrer Fähigkeiten, laute Gitarren spielen zu können, veröffentlichten das Album Acetylene und hatten Erfolg mit der Single Devil In The Details, welche als Werbespot für Jack Wolfskin bekannt wurde. Privat hatte sich einiges geändert, Carla und Bandleader Chris Eckman waren längst kein Paar mehr, die Bandmitglieder leben auf der ganzen Welt verstreut, ein Grund für längere Veröffentlichungspausen. Nun, 6 Jahre später das neue Album Travels In Dustland, ein Konzeptalbum ist es geworden, ähnlich The Suburbs von Arcade Fire. Wo Dustland liegt (?), ich zitiere Chris Eckman :
„Er befindet sich irgendwo im westlichen Landesinneren, wo die Menschen schon immer ein hartes Leben hatten, die Umstände es ihnen aber heute nicht wirklich leichter machen. Einige Regionen dort haben sich in den letzten 100 Jahren nicht stark verändert. Ich wollte Dustland aber keinem konkreten Ort zuordnen, sondern eine Art Porträt eines fast realen Ortes skizzieren, es also wie William Faulkner halten, der ja auch in seinen Romanen das fiktive Yoknapatawpha County irgendwo in Mississippi erfunden hat, in dem all seine Geschichten spielen.“
Musikalisch geht es wieder eine Spur ruhiger als auf Acetylen zu, manche Stücke könnten direkt aus der The Light Will Stay On Zeit stammen, nur nicht so üppig instrumentiert, andere wiederum aus den härteren Alben. Besang man 1993 noch Grand Theft Auto, heißt es heute Long Drive In A Slow Machine… man wird halt nicht jünger…
Insgesamt ist das Album, gemessen am eigenen Gesamtkatalog, keine Granate, aber dennoch allen zu empfehlen, die den Kontrast zwischen Engelsstimme Carla Torgerson und dem eher rauhen Organ von Chris Eckman schätzen. Es hat einige Balladen, ohne komplett in die Schwermut abzudriften, die viele Sachen aus ihrer mittleren Phase so langweilig machten. Im Januar steht mal wieder ein Konzert in Berlin an… vielleicht geh ich ja hin und bringe Carla einen Döner mit…

Platz 8 : The Vaccines  „What Did You Expect From The Vaccines ?“


Das Debutalbum des Jahres kommt von der Londoner Band The Vaccines. Schon der Opener Wrecking Bar macht klar: ab geht’s, wir sind jung, haben keine Zeit für Schnörkel 1-2-3 und schon wieder vorbei, in bester Ramones Manier. Neben Ramones muß man als Referenz dringend The Jesus & Mary Chain nennen, die anfangs auch mit kleinsten Mitteln coole Atmosphäre erzeugten, außerdem hat der Sänger eine ähnliche Stimmlage wie die Reids.  Die Mehrheit der Songs ist um die 2 Minuten lang, die Hitsingle Post Break Up Sex beginnt gleich ohne Anlauf, nur selten hält die Geschwindigkeit inne, wie z.B. bei All In White, wobei deutlich wird, was für Potential in der Band steckt, die es erst seit 2010 gibt. Am Ende gibt es etwas Feedbacklärm bevor das Album mit einer schlichten Pianoballade als hidden Track ausklingt. Es darf befürchtet werden, daß von dieser jungen Band noch viel zu hören sein wird.

Platz 7 : Ladytron  „Gravity The Seducer“


Einige meiner Facebook Freunde aus Potsdam, also der Stadt meiner Jugend und Jugendsünden werden sich sicher erinnern, das es in meiner früheren Jugend nicht immer die Gitarre sein mußte. Bevor ich von U2, Big Country, The Church, Simple Minds oder Waterboys mit Gitarren erleuchtet wurde, fand ich durchaus großen Gefallen an der damals noch recht neuen Welt des Synthesisers und wippte den Fuß vorsichtig zu den Takten von Soft Cell, OMD, Tears For Fears, Human League, Depeche Mode und Heaven 17, allessamt ja durchaus Vertreter der Musiker, die  auch in der Lage waren, gute Songs zu kreieren. Mit der Entdeckung der Gitarre ca. 1983 verschwand mein Interesse zur elektronischen Musik in einer gut versteckten Schublade, welche lange geschlossen blieb, nur selten öffnete ich sie mal, z.B. in den 1990ern, als Saint Etienne mal vorbei schauten, oder seit 10 Jahren ab und zu, wenn es was neues von der Band gab, die dieser Musik, die sich heutzutage ja wieder größter Beliebtheit erfreut, stets die Fahne hochgehalten hat, auch zu Zeiten, als das niemanden interessierte : Ladytron.
Gravity The Seducer ist das 5. Studioalbum in 10 Jahren der Band, die sich nach einem frühen Roxy Music Lied benannten. Das schottisch-bulgarisch-englische Quartett mit Hauptsitz Liverpool belebt die eher minimalistische Elektronik der frühen 1980er Jahre, nicht alles finde ich genial, aber einige große Songs sind immer dabei, die es verdient hätten, in der einen oder anderen Hitparade abzuräumen, ganz oben mit dabei : Tomorrow vom letzten Album Veloficero. Die Hitsingle gibt es dieses mal gleich zu Beginn : White Elephant ist ein wunderbarer Popsong der eigentlich dringend in die Charts gehört, aber wie es immer so ist, den Ruhm stecken andere Künstler ein, auch wenn sie gaga sind… Ich hoffe nur, das genug von den Erlösen der Platte übrig bleibt, das es in zwei Jahren wieder neue Electropophits der angenehmen Art gibt…

Platz 6 : The Jayhawks  „Mockingbird Time“


Mitte der 1990er trennten sich die Wege der beiden Jayhawks Leader Gary Louris und Mark Olson, Louris machte trotzdem 3 Alben lang weiter als einziger Songwriter der amerikanischen Folkrockband und er machte es gut, die Countryeinflüsse wichen größtenteils poppigeren Klängen. Vor ca. 10 Jahren kam das Sommeralbum Smile in die Läden und war zusammen mit dem gleichzeitig veröffentlichten Teenage Fanclub Album Howdy! eines meiner Lieblingsalben dieses Jahres. Nun ist Mark Olson zurück und das erste gemeinsame Album seit 1995 ist im Kasten.
Schon gleich mit dem Opener wird klar, was drei Alben lang fehlte : der harmonische Gesang zwischen den beiden Hauptprotagonisten. Hide Your Colours ist ein wunderbarer Popsong mit unheimlich viel euphorischem Harmoniegesang, Streichern, Piano, Glockenspiel, hui… ganz schön dick aufgetragen, aber sehr schön. Mit Closer To Your Side geht es ähnlich, wenn auch nicht ganz so üppig weiter. Die Single She Walks In So Many Ways zeigt dann die andere Seite der Band : eher schlicht gehalten und mit starken Einflüssen der Byrds, auch so geht Pop.
Mit Highwater Blues tauchen sie gleich in mehrere Richtungen, ein sehr vielseitiger Song, der sich allerdings erst nach mehrmaligem Hören öffnet. Mit dem Titelsong Mockingbird Time folgt das Highlight des Albums. Ähnlich opulent wie der Opener, dennoch 1000 mal trauriger, allerdings ohne runter zu ziehen, Mockingbird Time ist der schön-schaurigste Song des Jahres und mir fällt kein besserer Song dieser Band ein. Danach geht es weiter vielseitig zu, nicht immer auf höchsten Niveau, Guilder Annie könnte ich mir auch im MDR Abendprogramm mit Florian Silbereisen und hundert klatschenden Senioren vorstellen, aber das ist eher die Ausnahme. Blackeyed Susan erinnert mit der Violine etwas an die Waterboys und Hey, Mr. Man muß sich Eagles Vergleiche gefallen lassen.
Unterm Strich ist das Album auf Grund etlicher Songs, besonders des Titeltracks, ein erfolgreiches Comeback der Herren Olson & Louris. welcome back !

Platz 5 : Fountains Of Wayne – „Sky Full Of Holes“


Eine Sommerplatte aus dem Jahr ohne Sommer muß schon etwas besonderes sein. Ich nahm die Tatsache, es seie eine neue Platte der Fountains Of Wayne erschienen mit einem lapsigen Schulterzucken wahr. Zu lange ist es schon her, das mich die Band mit ihren melodiösen Powerpop begeistern konnte. 1997 das Debüt war schon großartig, auf „Welcome Interstate Managers“ von 2003 waren immerhin eine Handvoll guter Songs dabei, der Rest ihrer Veröffentlichungen ging komplett an mir vorbei. Umso größer war die Überraschung, als ich das neue Werk „Sky Full Of Holes“ das erste mal komplett hörte. Geblieben ist ihr Gespür für hochmelodiösen Powerpop mit mehrstimmigen Gesang, der größtenteils sonnendurchflutet ist, aber beim genaueren Hinhören stets einige melancholische Tropfen offenbart. Was diesmal besonders auffällt, sind die Texte, worum ich mich im Allgemeinen weniger beschäftige, aber man hört einfach zu, wenn es um Erinnerungen an ein altes Sommerhaus in Verbindung mit Drogendealern, Richie und Ruben, die eine Bar namens „Living Hell“ aufmachten, und lauter nette Geschichten rund um das Thema Versagen geht. Großer Höhepunkt : „Action Hero“, so wohl musikalisch als auch vom Text. Spätpubertärer Fun Punk a la „Steacy’s Mom“ ist diesmal nicht dabei und nur einmal („Radio Bar“) wird es ein wenig beliebig. Im zweiten Teil der Platte wird es ein wenig countryesk, was neu für die Band ist und normalerweise nicht unbedingt zu meinen Baustellen gehört, aber auch das paßt, ich muß an The Jayhawks denken und das ist schließlich nicht verkehrt, wie man gestern an dieser Stelle lesen konnte.

Platz 4 : Mogwai – „Hardcore Will Never Die, But You Will“

Das Album #7 dieser Band aus Glasgow mit dem genial blöden Namen „Hardcore Will Never Die But You Will“ ist wiederum eine sehr gelungene Angelegenheit, eine Platte, die ich zu fast jeder Gelegenheit hören kann. Die Musik von Mogwai kann man etwa mit folgenden Stichworten beschreiben : Rockmusik, Postrock, instrumental, Tempowechsel, Laut/Leise Wechsel, hymnisch, Einsatz von Elektronik, das alles sehr dynamisch.
Der Opener „White Noise“ ist ein gutes Beispiel für den Stil Mogwais, ein fortwährend anschwellendes Stück elektrischer Gitarrenmusik, Song #2 „Mexican Grand Prix“ kommt mit erhöhtem Elektronikanteil und verzerrten Gesang daher und läßt sich bestimmt ganz gut tanzen, ich muß an MGMT denken. Das nächste Stück „Rano Pano“, auch als Single erhältlich, ist das wohl eingängigste und hymnischste Stück dieser Platte. Für Leute mit fundierten Musikerwissen ist diese Platte sicher ein Leckerbissen, mir als Laie fehlen ein wenig die Worte zur weitergehenden Beschreibung der 10 Stücke, aber dazu wurden sie ja auch nicht gemacht, man soll sie ja wohlwollend hören… und das ist über allen Maßen gelungen. Laut mit Kopfhörern kommt sie übrigens am besten.
Ende September veröffentlichte die Band noch eine externe Platte : „Division Earth EP“ mit teils klassischer Untermalung, dafür gibt es noch einen Zusatzpunkt…

Platz 3 : The Phoenix Foundation „Buffalo“


Wie eine frische Brise an einem lauen Sommertag (sic), ein leises Rauschen des Meeres an irgendeinem einsamen Strand Neuseelands, kommt der Opener dieser schönen und entspannten Platte von dieser Band daher. Ihre früheren Platten veröffentlichte das Sextett auf dem legendären Flying Nun Label, ein Name, der mir durchaus ein gewisses Strahlen in die Augen zaubert, gab es doch so nette Bands wie The Chills, Verlaines, Able Tasmans, JPS Experiance, Bailter Space, Tall Dwarfs etc…, ich habe eine Menge Flying Nun CDs im Schrank, allesamt aus den Achzigern bis Mitte der Neunziger, danach verlor ich die Neuseeländer etwas aus den Augen. The Phoenix Foundation sind die ersten seit ca. 1995, die ich als Flying Nun Band wahrnehme und ich bin begeistert. Wenn ich erklären sollte, was typisch neuseeländisch oder typisch Flying Nun sein soll, dann muß ich wohl stottern, versuche aber, es als Popmusik mit netten Ecken und Kanten zu beschreiben, genau wie dieses Album. Der Opener „Eventually“ gibt die Linie für das Album vor, ein analoges Keyboard (erinnert mich an Swell) dominiert, der Sänger ist relaxed, als würde er die Zigarette danach rauchen, ich  muß an The House Of Love denken, natürlich auch an die späteren The Chills Platten. Mit dem Titelstück und Pot sind zwei fast schon hymnische Stücke dabei. Wenn man die Platte unaufmerksam hört, findet man warscheinlich nichts aufregendes, beschäftigt man sich etwas intensiver mit den Songs, wird man mit lauter kleinen, teils schrulligen Details fündig, etwa das kurze Gitarrensolo in „Flock of Hearts“, das geradezu klingt, als wäre es einer Smokie oder Suzy Quatro Platte entsprungen. Anderswo tauchen komische Tröten und karibisches Geklimper auf, stets verhüllt in der weichen Decke dieser warmen Platte. In „Bitte Bitte“ geht es offenbar um den Berliner Bezirk Mitte, in dem die Punks von den Yuppies verdrängt wurden, am Ende schwappt die Platte genau so relaxt aus, wie sie angerauscht kam. Easy Listening Psychedellic Popmusic !

Platz 2 :  Clap Your Hands Say Yeah  „Hysterical“


Man ist ja manchmal ziemlich voreingenommen, hätte mir jemand die „neue Clap Your Hands Say Yeah“ empfohlen, hätte ich sie wohl mit der Bemerkung abgetan, das die Band mit einem der dämlichsten Bandnamen die ich kenne, einen nervigen Sänger haben und irgendwelchen Indie Brei spielen, wie alle jungen Bands mit Hornbrillen, Vollbärten und mehr oder weniger interessanten Frisuren das tun. Ich gebe zu, mir diese Platte so mehr oder weniger aus Langerweile geladen zu haben. Ein paar mal beim putzen oder so gehört, fand ich sie ja schon mal garnicht übel, so das ich sie als eine von 5 Platten auf den mp3 Player für die Schottlandreise lud. Auf Reisen hört man viele Sachen anders als zuhause, letztes Jahr gewann The National nicht von ungefähr, nachdem die CD monatelang rumlag, erblühte sie während der Reise zum Klangerlebnis, ähnlich ging es mir dieses Jahr mit dieser Platte.
Hysterical ist das dritte Album der New Yorker Band, auf ihr erstes war ich 2005 durch den Song In This Home On Ice aufmerksam geworden, damals waren Arcade Fire ganz groß in meiner Gunst, die haben ja auch so einen Sänger, der gewöhnungsbedürftig rümnölt. Das Album selbst, wie auch der Nachfolger konnte bei mir nicht landen, so gerieten sie in o.g. Schublade. Aber nun zu Hysterical :
Mit Same Mistake und Hysterical startet das Album mit gefälligen Indiepop, erster mit gewaltigen Ohrwurmpotential, zweiter mit erhöhten Keyboardanteil. Mit Misspent Youth wartet das erste Highlight auf, die Geschwindigkeit wird arg gedrosselt, die Atmosphäre alter Radiohead Großtaten liegt in der Luft, oder sagen wir besser Kashmir, die machen seit 10 Jahren die deutlich besseren Songs. Eine hymmnische Ballade ohne viel Pathos oder Ballast. Es folgt die „Hitsingle“ Maniac, bei Radio Eins immer noch im täglichen Programm, ein hibbeliger Popsong a la Belle & Sebastian mit vielen Faccetten und Haken. Danach das Herzstück des Albums : Into Your Alien Arms beginnt wie Railwayed von Kitchens Of Distinction und schwebt auch über 5 Minuten so dahin, wenn man in den Sphären dieses Endlosschleifendreampops schwebt,  gegen Ende mit etlichen Feedbackattacken verziert, taucht man ganz tief ein, sehr schön das…danach wirds ganz finster… In A Motel… man ist längst nicht mehr da, wo man vor 10 Minuten noch war, man ist in dieser Musik gefangen…schade das ich keine Drogen nehme, das hätte bestimmt was… Mit Yesterday, Never wacht man kurz wieder auf, es wird wieder etwas poppiger, aber auch dieser kurze Song ist mit psychedelischen Gewaber getränkt, gegen Ende kämpft eine knarzige Gitarre gegen das Keyboardsgeblubber. Nach Idiot kommt dann mit Siesta (For Snake) der letzte Höhepunkt des Albums, dem man sich längst hingegeben hat, wieder balladesk, wieder ganz groß aufgetürmter Sound. Danach kommt mit Ketamine And Extasy ein Song, der nach den letzten Nummern niemals an dieser Stelle kommen darf, der einzige Frevel dieses Albums, nach den großen Songs einen platten Popsong a la The Cure ca. 1993 zu platzieren. The Witness Dull Surprise beginnt dann wie ein freundlicher Go-Betweens Song um bald nochmal in allmögliche Richtungen auszufransen und ganz plötzlich ist die Platte dann vorbei. Viele Kritiker haben der Band vorgeworfen, diese Platte seie zu glatt geschliffen worden, das kann ich überhaupt nicht teilen. Weiter so, I clap in my hands and say YEAH !!!

Platz 1die Platte des Jahres : tuschhhhhhh….The Waterboys  „An Appointment With Mr. Yeats“


Als ich vor ein paar Monaten las, die Waterboys arbeiten an einem neuen Album, welches aus Vertonungen von Gedichten des irischen Poeten William Butler Yeats (1865-1939) bestehen soll, winkte ich erstmal ab, vertonte Lyrik… kommt jetzt Melanie oder Donovan mit der Wandergitarre daher (?), außerdem ist es schon ziemlich lange her, daß die Waterboys mal ein gutes Album veröffentlicht haben, 1993 (Dream Harder) um genau zu sein. Können die nicht mal wieder ein normales, gutes Album mit richtigen Songs, elektrischen Gitarren, fetten Arrangements und ohne religiösen Blamblam machen (?) fragte ich mich. Nun, jeder kann lesen, auf welchen Platz der besten Veröffentlichungen des Jahres 2011 das Ergebnis bei mir gelandet ist. Sämtliche Zweifel waren völlig unbegründet, Mike Scott, also der Mensch der The Waterboys ist, hat eines der besten Platten seiner Karriere veröffentlicht, in einer Reihe mit A Pagan Place (1984), This Is The Sea (1985) und Fishermans Blues (1988).
Das Erstaunlichste an diesem Projekt ist, das die Texte von Nobelpreisträger Yeats auch nach teilweise über 100 Jahren nicht altmodisch oder verstaubt wirken und die Verbindung mit der Musik der Waterboys dazu paßt wie die Faust aufs Auge. Man kann die Platte getrost als moderne Rockmusik mit Folkeinflüssen beschreiben, Waterboystypisch sozusagen, aber im Gegensatz zu den Veröffentlichungen der letzten 17 Jahre stimmt das Gesamtpaket, die elektrischen Gitarren frisch und direkt, Orgeln, Steve Wickhams Geige eine Wucht und über allem der euphorische Gesang von Mike Scott, der immer noch diese jugendliche, sehnsüchtige Stimme hat, wie etwa anno 1985 bei The Whole Of The Moon, dem einzigen größeren Hit, den die Band hatte.
The Hosting Of The Shee gibt gleich von Anfang an die Richtung vor : McLarsen, was du hier von Melanie und Donovan schwafelst ist Mumpitz, hier wird gerockt ! Mit dem genialen Song Of Wandering Aengus, einem absolutem Highlight der Platte kommt mir spätestens gegen Ende die Erinnerung zurück : Der Song The Stolen Child vom 88er Fishermans Blues Album war ja auch schon eine Vertonung eines Yeats Poems und zählt zu meinen absoluten Lieblingsliedern ever… wie ich darauf kam (?), die sehnsüchtig, melancholische Flöte begleitet beide Songs. Ich will jetzt nicht jedes der 14 Lieder einzeln analysieren, dringend erwähnenswert sind White Birds, ein weiteres Highlight. Mad As The Mist And Snow, was wie ein normaler Blues beginnt und am Ende fidelt Teufelsgeiger Steve Wickham einen psychedelischen Trip, das einem Angst und Bange wird. September 13  ist ein Stück geradeliniger Rock mit verzerrten Gitarren, 7 Minuten lang, Politics ein Stück, was auch im Nachmittagsradio laufen könnte, mit Bläsern und Sängerin Katie Kim. Mit Let The Earth Bear Witness und The Faery’s Last Song klingt das Album langsam aus und am Ende ist sie wieder, die berühmte Flöte. Im März gibt es das ganze live im bestuhlten Huxleys, als eines von nur zwei Deutschlandterminen, ich konnte mir gerade noch so ein Ticket sichern… Danke Mike Scott, für’s Comeback des Jahres !

2010

PLATZ 10 : INTERPOL – Interpol


 Interpol zählen zu den erfreulichen Retromusikern des vergangenen Jahrzehnts, bin ich doch stets der Meinung, das gut geklaut besser ist als Editors …Oft wurden Interpol mit Joy Division verglichen, was Quatsch ist, ein paar dunkle Untertöne und etwas geknödelter Gesang gibt noch lange keinen Ian Curtis. Vergleiche mit Kitchens Of Distinction treffen die Sache schon eher, aber die kennt ja eh keiner mehr.
Was ihr selbstbetiteltes 4. Studioalbum betrifft, so seie gleich gesagt : es ist mit Abstand ihr schlechtestes. Das Album als Ganzes hat keinen roten Faden und bis auf 3 (von 10) Songs scheint mir hier viel von der Resterampe eingeflossen zu sein. Die Singles sind blass („Lights“) bis erschreckend belanglos („Barricades“). Wären nicht die drei Ausnahmen, so stände das Album auf keinem Fall hier, aber „Success“ ist ein großer Opener der viel verspricht, aber erst in der Mitte der Platte von „Always Malaise (The Man I Am)“ getoppt wird. Der große Wurf kommt erst als Rausschmeißer : „The Undoing“ ist der beste Interpol Song ever, der beste der Platte sowieso und der beste Albumcloser des Jahres, bedrohlich, unruhig, finster, ich muß an Chameleons denken, ein düsteres Brummen im Hintergrund, wenn der Song vorbei ist, muß man ihn nochmal hören und denkt sich, geile Platte… :), clever Interpol

PLATZ 9 :  KINGS OF LEON – „COME AROUND SUNDOWN“


 Als vor knapp 10 Jahren fast jede Band eine „The“ Band war… (natürlich war das schon immer wertfrei, aber wenn man nix anderes hat, hatte man eben ein THE …), angeführt von THE Strokes und THE White Stripes, wurde als nächstes großes Ding angekündigt : eine Band aus der muffigsten Amerikana – Südstaatenhochburg Tennessee mit drei Brüdern nebst Cousin, deren Vater Prediger war. Klang nach Gospel, drin war selbstverfreilich Rock’n’roll a la Südstaaten, aber in der Frische sehr angenehm, der Hype nicht unberechtigt. Einige Platten später wurde es mit „Because Of The Times“ recht anspruchsvoll, mit „Only By The Night“ ging der Express auf die Mainstream Autobahn Richtung Stadion ab, richtig schlecht war das alles nicht, es hatte durchaus alles seine Berechtigung. Nun das neue Album : es steht zwischen allen anderen und ist gut, wenn ich jünger wäre, würde ich sicher Kings Of Leon T-Shirts tragen und es wäre vielleicht meine Lieblingsband wie damals U2… vielleicht auch nicht. Die Platte geht jedenfalls voll in Ordnung, es hat Höhepunkte, gute Singles und ein grottenschlimmes Cover, ein typischer Platz 9.

PLATZ 08 : MGMT – „CONGRATULATIONS“


 Letzten Montag : C-Halle Berlin : MGMT zu Gast. Zum ersten mal in meinem Leben war ich zu einem Konzert, wo Mütter und Väter ihre minderjährigen Kiddis begleiteten. Der Klubhit „Kids“ vom letztjährigen Bestseller „Oracular Spectacular“ überraschte das Ami Duo selber sicher am meisten, es gab aber auch andere tanzbare Hits auf dem Album. Im Frühjahr erschien der Nachfolger „Congratulations“ und zum Erstaunen aller ist er komplett ohne Hit, statt dessen Progrock, Psychedellic Rock, Indie, etwas Electronic, nichts zum tanzen, nichts für Kids. Auf der Platte werden Dan Treacy (von den Television Personalities) und Brian Eno besungen, ein Song ist 12 Minuten lang und wurde als Single ausgekoppelt, ein Song heißt „Lady Dada’s Nightmare“… Verweigerung oder Kalkül ?
Wie auch immer, das erfreuliche ist, daß die Herren Andrew VanWyngarden und Ben Goldwasser musikalisch einiges auf Mappe haben. Live war das zumindest für mich sehr erfrischend, es gab Momente wo ich dachte, mir wird vor lauter Psychedelia ganz schwurbelig (bin ick hier bei Pink Floyd ???) Wie die Kids das fanden (?) hab ich nicht drauf geachtet, aber dann haben sie wenigstens mal was vernünftiges gesehen, statt Retortenschnullies… und „Kids“ gabs zum Schluß auch noch.

Platz 07 : KILLING JOKE – „Absolute Dissent“


 Dieses Jahr gibt es nur eine Platte von alten Helden der Achziger in meiner Top Ten und diese kommt von Killing Joke. Zur Erinnerung : Killing Joke veröffentlichten Anfang der 1980er Jahre eine Reihe von bösartigen Punkplatten, bis sie 1985 mit dem Albm „Night Time“ und besonders der Single „Love Like Blood“ plötzlich in den weltweiten Hitparaden ganz weit oben standen. „Love Like Blood“ war als Song etwa solch One Hit Wonder wie „Under The Milky Way“ von The Church oder „Streets Of Your Town“ von den Go-Betweens, allerdings haben auch diese Bands zwar keine großen Hits mehr gehabt, aber noch viele erstklassige Alben produziert, welche der breiten Öffentlichkeit aber verborgen blieben. „Absolute Dissent“ ist das 13. Studioalbum von Killing Joke und das 8. seit „Night Time“, hat es jemand gemerkt (?), 1994 kam noch ein kleines Meisterwerk mit „Pandemonium“, danach wurde die Musik der Herren zunehmend unbequem, irgendwo auf halben Weg zwischen Metal und Industrial bot sich schwer verdauliche Kost für hartgesottene Fans. Die Band war längst Hobby der Musiker, welche ihr Geld mittlerweile anders verdienten , Sänger Jaz Coleman als Dirigent der Prager Philharmoniker oder Bassist Youth als Starproduzent (u.a. Paul McCartney, The Verve oder Heather Nova). Nach dem Tod des Bassisten Raven fand sich letztes Jahr die Originalbesetzung zusammen und spielte mit „Absolute Dissent“ ein neues Album ein. Es ist deutlich ohrenfreundlicher als die letzten Veröffentlichungen, zwar genauso hart, aber songorientierter, die Single „In Excelsis“ hat New Wave Elemente, „European Super State“ ist sogar was für den Dancefloor der Indiedisco. Einsamer Höhepunkt : „The Ravenking“, zum Gedenken an den verstorbenen Paul Raven, eine Hymmne, die „Love Like Blood“ um nichts nachsteht. Bleibt zu hoffen, daß es nicht die letzte Großtat der alten Herren bleibt.

Platz 06 : MARINA & THE DIAMONDS : „The Family Jewels“


 Ich gebe zu, es ist ein weiter Weg zwischen den Metallern Killing Joke (Platz 7) und dem Frolleinwunder Marina, aber das zeigt einem nur, das man nicht auf Einbahnstraßen unterwegs ist. Marina Lambrini Diamandis, so der Name der 25jährigen Dame (The Diamonds sind die Fans) ist Produkt einer griechisch-walisischen Ehe und konnte mich 2010 hauptsächlich mit der Single „Hollywood“ aus der Reserve locken, der Song war monatelang ein Ohrwurm mit fast schon Nervensägenpotential, weil er nicht mehr weichen wollte, wenn er einmal da war. Es sollte nicht der einzige Hit der Platte sein, irgendwie sind alle 13 kleine (Familien) Juwelen (auch wenn ich bei dem Namen immer an Familienjuwelen denken muß, wo einem reingetreten werden kann…;) ) Was auf jeden Fall nicht unerwähnt bleiben sollte, ist das Stimmenvolumen Marinas, welches besonders in den Tiefen besondere Größe beweist, aber im nächsten Moment wieder ganz woanders sein kann. Zu Guterletzt auch Respekt dafür, das alle Songs selbstgeschrieben sind. Ein Album, dem man  die vergleichsweise hohen Verkaufszahlen gönnt.

Platz 05 : ARCADE FIRE – „The Suburbs“


 Im Jahre 2007 gab es bei mir nur ein Album, welches die Nummer Eins sein konnte : Arcade Fire mit „Neon Bible“. Es gab bis dato nur selten Platten, die so eindeutig gewannen, dazu kam noch ein Konzerterlebnis der Extraklasse, tolle Bühnenschau und gefühlte 20 Leute, die irgendwas musizierend auf der Bühne rumhopsten, Energie pur, obwohl der musikalische Stoff bis dato eher düster war. Das erste Album hieß „Funeral“ und war durchaus auch keine Partyplatte, „Neon Bible“ began mit dem finsteren „Black Mirror“ und gipfelte in „Intervention“ mit amtlicher Kirchenorgel.
Drei Jahre sind seitdem vergangen, die Erwartung natürlich riesig. Thema diesmal : Rückkehr an die Orte der Kindheit und Jugend, verteilt auf 16 Stücke und 65 Minuten.
Zu Beginn kommt der Titelsong leicht beschwingt wie ein Belle & Sebastian Sommerhit daher, Ok, es muß ja nicht immer Beerdigung sein…, mit Track 2 „Ready To Start“ wird langsam klar, die Wahlkanadier haben den Pop entdeckt, so geht es auch weiter, ein Song heißt „Rococo“, der nächste klingt dann auch so, bis hierher nichts besonderes, dann „City With No Children“, ein basslastiges Stück, was zwar Ok ist, aber auf den beiden Vorgängern wohl eine Niete gewesen wäre, ich muß an Talking Heads denken. „Half Light 1“ klingt mit dem weiblichen Gesang wie aus dem Hause 4AD (Cocteau Twins etc.), nach „Half Light 2“ kann man sogar tanzen, es ist Track #8 und man denkt langsam an das Ende der Platte, es ist aber erst Halbzeit… Mit „Suburban War“ kommt dann endlich ein Highlight, toller Song mit drei verschiedenen Teilen, melancholisch, Go-Betweens – like, Byrds Gitarren…super. Danach flacht es wieder ab und das Dilemma der Platte wird langsam klar : ihre Länge nebst der zuweil kunterbunten Mischung, keine Frage das ist alles toll gespielt und die Songs sind auch nicht wirklich schlecht, nur passen sie nicht recht zusammen, obwohll das ja hier sogar ein Konzeptalbum ist… Wenn nach „Spawl 2“, einem Discostampfer mit verdächtiger Nähe zu ABBA oder Italo Disco (sic)  nochmals das Thema des Titelsongs als Reprise kommt, ist man längst mit den Gedanken irgendwo anders.
Nach mehrmaligen Hören des Albums und etwas gutem Willen, reifen die meisten Stücke später, sonst wäre das hier nicht meine #5 des Jahres, gemessen an den beiden hochkarätigen Vorgängern hat „The Suburbs“ allerdings keine Chance, da haben sich die Damen und Herren die Messlatte selbst viel zu hoch gelegt.

Platz 04 : KASHMIR – „Trespassers“


 Um gleich Missverständnisse auszuräumen : Kashmir sind keine Inder sondern Dänen… und sie spielen auch keine Musik die nach Led Zeppelin klingt sondern eher nach Radiohead.
Es ist der Nachteil der Platten, die bereits ganz am Anfang des Jahres erscheinen, das man sie 11 Monate später wieder fast vergessen hat, so geschehen fast mit dem 6. Studioalbum der Kopenhagener Band, die es nun auch schon fast 20 Jahre gibt.
Die Musik des Quartetts muß sich immer wieder mit Radiohead vergleichen lassen, obwohl diese spätestens seit „OK Computer“ musikalisch in ganz andere Gefilde abgetriftet sind, aber es ist die Stimme von Kasper Eistrup, die Thom Yorke zum Verwechseln ist, aber auch eine leicht düstere Stimmung der Alben, was auch David Bowie nicht entgangen ist, er sang auf dem vorletzten Album ein Duett mit der Band. Platten wie Bowies „Low“ dürften auch zu den Vorbildern der Band zählen. Die Melancholie der Band wird allerdings stets von einer Portion Pop begleitet, was die Sache etwas aufhellt und einige Songs wie die Single „Mouthful Of Wasps“ in das Tagesprogramm von RadioEins gehievt hat. Coldplay dürfte es Angst und Bange werden…

Platz 03 : THE POSIES – „Blood / Candy“


 The Posies, das sind in erster Linie Jon Auer und Ken Stringfellow, gibt es seit über 23 Jahren,  7 Studioalben und einer Hitsingle („Dream All Day“ von 1993). Die Mustervertreter der Musikrichtung die man Powerpop nennt, waren stets Kritikerlieblinge, leider nie Lieblinge der Plattenkäufer, somit waren die Musiker ständig bei anderen Projekten beschäftigt, so z.B. als Produzenten oder Studiomusiker, Stringfellow spielte auf einigen R.E.M. Platten und Tourneen Gitarre, beide waren Musiker der Reunion von Alex Chiltons Big Star.
Studioalbum #7 namens „Blood / Candy“ enthält wieder die gewohnt gute Mischung aus Powerpop, Balladen und einer Prise Country und einer (mir etwas zu beliebigen) Hitsingle „The Glitter Prize“. Manches klingt nach Nada Surf, einiges (z.B. das großartige „So Caroline“) nach The Jayhawks, wenn viel mit Harmoniegesang gearbeitet wird, denkt man an Beach Boys oder The Pearlfishers (was machen die überhaupt ?…), kurzum: hochgradig sympatischer, sonnengefluteter Gitarrenpop von rundum netten, erfahrenen und handwerklich völlig über den Dingen stehenden Musikern. Ihre schottischen Kollegen vom Teenage Fanclub sollten sich diese Platte mal zu Gemüte führen, dann klappt es vielleicht auch bei den eigenen Veröffentlichungen wieder besser (als nur ein Song) …

Platz 02 : THE CORAL – „The Butterfly House“


Nachdem in diesem Jahr aus sportlicher Sicht nix gescheites aus Liverpool zu vermelden war, freut man sich doch durchaus, wenn es in musikalischer Sicht stimmt, in der Stadt der Beatles., die sich ja nie auf die Fab Four beschränkt verstehen möchte, es gab ja immer noch andere, die letzten großen waren Echo & The Bunnymen in den Achzigern UND man kann, nein man muß sagen : The Coral in den 00ern. Parallelen sind sicher nicht zufällig, wenn man die ersten Strophen vom Schmetterlingshaus hört ist man geneigt sich das Cover mit den Credits etwas genauer zu betrachten, singt Ian McCulloch hier nicht doch irgendwie im Hintergrund (?)… Nein, die mittlerweile nur noch 5 Musiker von The Coral haben alles alleine gemacht, selbstverständlich nicht ohne sich kräftig in der vorwiegend britischen Musik der Vergangenheit zu bedienen, die Beatles sowieso, The Byrds in ebenfalls gehöriger Menge, Simon & Garfunkel, The Zombies seien genannt in diesen charmanten Reigen großartiger Songs, die zwar alt und retro klingen, aber eben große Songs bleiben (genau da liegt der Unterschied zu anfangs erwähnten Echo & The Bunnymen, deren Auswahl an verdammt guten Songs nämlich verschwindend gering ist). Manchmal kopieren sich The Coral sogar selbst : mein persönliches Highlight „Walking In The Winter“ (ich hoffe, das wird noch Single und Erfolg…) ist eine Kopie ihres eigenen Songs „Liezah“ vom ebenfalls großartigen Album „Magic & Medicine“ von 2003. Die Songs sind mit Ausnahme des closers „North Parade“ allesamt unter 4 Minuten, auch das macht sie sympatisch : …ich hab da ’nen Song, laß uns den mal fix spielen… andere gniedeln ihn in die Länge, diese sympatischen Liverpooler stellen das Juwel Song auf den Tonträger und konnten mich damit sehr erfreuen.

Platz 01 : DIE PLATTE DES JAHRES  (Tusch, täterätä….)
 THE NATIONAL „High Violet“


 The National, ursprünglich aus Cincinnati (Ohio) stammende New Yorker Band, welche aus dem Sänger Matt Berninger und den Brüderpaaren Dessner und Devendorf besteht, gewinnen 2010 mit gehörigen Abstand die brotlose Anerkennung, mein Lieblingsalbum des Jahres geschaffen zu haben.
Die Band war mir nicht neu, als das 5. Studioalbum „High Violet“ im Mai erschien, schließlich ist es ja durchaus die Musik, die mir schon immer am Herzen lag, Gitarren, etwas Melancholie, interessante orchestrale Instrumentierung und eine Stimme mit Wiedererkennungswert. All das hatten die ersten vier Veröffentlichungen auch schon, es fehlte nur leider eines : die guten Songs. The National waren daher für mich sowas wie die Band, die das Potential hatte, zumindest so cool zu werden wie Interpol, die ja erfolgreich in ähnlichen Gewässern treiben, dieses Potential aber noch nicht abschöpfen konnten. Mit „High Violet“ ist das alles anders. Ist die Qualität des zeitgleich erschienenen Interpol Albums deutlich im Sinkflug, so hoben The National sensationell ab. Sofort auf den ersten Eindruck war mir das auch nicht klar, „High Violet“ ist ein typischer grower, die Platte wächst von mal zu mal.
Mit „Terrible Love“ steht ein eher sperriger Opener am Anfang der elf Songs aber schon mit „Sorrow“ wird klar, wohin die Reise geht, in einen wunderbar vertonten Frühherbst, ich muß manchmal an die Red House Painters denken, mir schießen frühe Heldentaten der Tindersticks in den Sinn, die standen auch zahlreich und mit Nadelstreifenanzügen auf der Bühne. Über allen steht freilich Matt Berningers Baritonstimme, die macht sicher einigen Unterschied zu genannten Bands aus, ein Glücksfall für die Band und ihre Songs. Stellenweise ist es Pop, „Bloodbuzz Ohio“ lief sogar öfters auf RadioEins. Mir persönlich gefällt die 2. Plattenhälfte etwas besser, trotzdem muß gesagt werden, das kein einziger Song daneben geraten ist. Das grandiose Finale „Vanderlyle Crybaby Geeks“ beginnt mit :
„Leave your home, Change your name, Live alone, Eat your cake“ OK, aber nur mit solchen Platten bitte. Ein würdiger Spitzenreiter des Jahres.

1985 - 2009

2009 – The Church  „Untitled #23“

2008 – Nada Surf  „Lucky“

2007 – Arcade Fire „Neon Bible“

2006 – The Church  „Uninvited Like The Clouds“

2005 – Matt Pond PA  „Several Arrows Later“

2004 – R.E.M. „Around The Sun“

2003 – The Church „Forget Yourself“

2002 – Intepol „Turn On The Bright Lights“

<iframe width=“560″ height=“315″ src=“https://www.youtube.com/embed/3oL5QQ-6sQ0″ frameborder=“0″ allow=“accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture“ allowfullscreen></iframe>

2001 – Pulp  „We Love Life“

2000 – Sigur Ros „Ágætis Byrjun“

1999 – Luna „The Days Of Our Nights“

1998 – Catatonia  „International Velvet“

1997 – Swell „Too Many Days Without Thinking“

1996 – Afghan Whigs „Black Love“

1995 – Dave Matthews Band „Under The Table And Dreaming“

1994 – Frank Black „Teenager Of The Year“

1993 – The Walkabouts „New West Motel“

1992 – The Church „Priest = Aura“

1991 – Elvis Costello „Mighty Like A Rose“

1990 – New Model Army  „Impurity“

1989 – The Cult „Sonic Temple“

1988 – The Church „Starfish“

1987 – U2 „The Joshua Tree“

1986 – The Smiths „The Queen Is Dead“

1985 – Simple Minds  „Once Upon A Time“