McLarsen in Chemnitz… auf den Spuren des sächsischen Manchester (Februar 2026)
Meine erste Erkundung des Jahres führt mich nach Chemnitz, und einige werden sich sicher fragen: Warum? Nun gut… ich kenne Chemnitz ein bisschen von früher. Ich wurde etwa 20 Kilometer vom Chemnitzer Stadtzentrum entfernt in Stollberg geboren. Etwa 5 Kilometer von der damaligen Kreisstadt im Bezirk Karl-Marx-Stadt liegt die Stadt Oelsnitz im Erzgebirge (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Stadt im Vogtland). In Oelsnitz verbrachte ich viel Zeit meiner Kindheit und frühen Jugend bei meiner Oma. Immer wenn längere Ferien waren, besuchte ich sie und meinen Onkel Werner, der im gleichen Haushalt lebte.
Meine Eltern setzten mich meistens in Berlin-Schönefeld in den Zug, und ich stieg in Karl-Marx-Stadt aus. Dort holte mich dann mein Onkel mit dem Trabbi ab und brachte mich zur Oma. Von Chemnitz sah ich meist nicht viel, aber ich habe diese Stadt hauptsächlich als graue, hässliche Stadt in Erinnerung. Das ist alles lange her, und inzwischen heißt die Stadt auch wieder Chemnitz… letztes Jahr war sie gar Kulturhauptstadt Europas… es ist an der Zeit, sich mal ein Bild zu machen, wie sich die Stadt verändert hat… schließlich sind meine Erinnerungen ja bereits über 40 Jahre alt.
Am Anfang meiner Reisen steht meistens irgendeine Sauerei von der Deutschen Bahn… wie oft war die erste Nachricht des Tages, die ich aufs Handy bekommen habe: Zug fällt aus… suchen Sie Alternativen… viel Spaß… (sinngemäß)… diesmal allerdings erreichte mich bereits am späten Vorabend des Reiseantritts eine E-Mail von meinem schon vor Monaten gebuchten und auch bereits bezahlten Hotel:
„…wir müssen Sie leider darüber informieren, dass wir zum 31.01.2026 den Hotelbetrieb des Congress Hotel Chemnitz einstellen werden. Aufgrund der Betriebsaufgabe endet zu diesem Zeitpunkt auch unsere Geschäftsbeziehung… Ab dem 01.02.2026 werden wir keine Gäste mehr beherbergen.“
…hä?… in der Tat war telefonisch niemand mehr zu erreichen und die Website war ebenfalls down… nun ja… dann abends um 22:00 Uhr noch schnell ein neues Hotel gesucht… war aber nicht schwierig, der Andrang für Chemnitz an einem Montag und Dienstag im Februar ist überschaubar.
Die Bahn dagegen machte heute das, was sie mir in letzter Zeit nur selten gezeigt hat… sie fuhr… und zwar pünktlich… trotz eisiger Temperaturen von minus 10 Grad.
Im neuen Hotel Super 8 angekommen, ging es gleich erst mal in die Innenstadt… auch wenn das in Chemnitz keine pittoreske Altstadt mit Fachwerkhäusern und Gassen mit Kopfsteinpflaster ist… sondern eher eine große Menge Beton mit überschaubaren Lücken von Bauten aus der Vorkriegszeit.
Da nicht weit vom Hotel entfernt, war die erste Station tatsächlich das 7 Meter hohe (mit Sockel über 13 m) und ca. vierzig Tonnen schwere Karl-Marx-Monument. Es wurde 1971 eingeweiht und gilt als Wahrzeichen der Stadt. Die Bezeichnung „Nischel“ kommt aus dem sächsischen Wort für Kopf oder Schädel, und dieses Exemplar gilt als zweitgrößte Büste der Welt… noch 60 Zentimeter mehr misst ein Lenin-Schädel in Sibirien.
Weiter ging es zum Theaterplatz, einem hübschen Ensemble aus Bauten des späten 19. Jahrhunderts bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts mit der als Theater gebauten Oper (1906–1909), der neugotischen Petrikirche (1885–1888) und dem König-Albert-Museum (1909), welches Sitz der Chemnitzer Kunstsammlungen ist. Überall im Zentrum finden sich noch Spuren der Kulturhauptstadt Europas vom letzten Jahr, häufig auch als Schriftzug der Stadt.
Von dort aus zurück kommend passiert man ein weiteres Wahrzeichen der Stadt… den Roten Turm. Eines der selten erhaltenen mittelalterlichen Gebäude der Stadt war Teil der Stadtbefestigungsanlage und diente lange auch als Kerker. Direkt daneben kommt viel Einkaufscenter… das alles stand bei meinem letzten Besuch vor etwa 40 Jahren noch nicht… da stand der Turm recht einsam in der Gegend und man hatte freie Sicht auf das Neue Rathaus.
Das Neue Rathaus (1907–1911) steht im rechten Winkel zum Alten Rathaus (1496–1498), einem Renaissancebau mit hübschen Giebeln und einem Turm mit Haube und Laterne. Hinter dem Alten Rathaus steht dann noch der Hohe Turm, der aus dem Mittelalter stammt und als Glockenturm der Stadtpfarrkirche St. Jakobi dient… aber nicht direkt zur Kirche gehört. St. Jakobi ist quasi zwischen bzw. hinter den Rathäusern eingeklemmt und kommt von Weitem städtebaulich kaum zur Geltung… auch weil sie nicht sehr groß ist. Die Kirche wurde im Krieg stark zerstört und erst in den letzten Jahrzehnten wieder aufgebaut. Ein Modell im Innenraum verdeutlicht sehr gut, wie stark die Zerstörung war. Eine weitere Besonderheit ist der Westgiebel der Kirche im Jugendstil, gestaltet von den Dresdner Architekten Schilling & Graebner.
Nach der Kirche begegnete ich noch einigen Pinguinen… passend zur Temperatur… allerdings nur als Bronzeskulpturen von 2004… dann warf ich noch einen Blick auf den versteinerten Wald, der im Foyer eines ehemaligen Kaufhauses ausgestellt ist. Hierbei handelt es sich um ein Zeugnis eines Vulkanausbruchs von vor 290 Millionen Jahren… gefunden im Chemnitzer Stadtgebiet.
Damit war das, was man so Altstadt oder Innenstadt nennen könnte, ziemlich abgegrast… ein paar Sachen kommen morgen und übermorgen noch dazu. Heute hatte ich erst mal Hunger, und so’n Brauhaus-Bier kommt ja auch immer gut… also rein ins Turm-Brauhaus… dort gab es deftiges Essen und leckeres Bier (Hell und Kupfer).
Später gab es noch Guinness im Imagine Pub bei der Bahnstation Chemnitz-Süd… war nicht viel los… Montag halt, aber angenehm… selbst der Chor, der sich dort traf und unvermittelt Arien schmetterte, störte nicht… aber irgendwann kam dann auch das Sandmännchen und holte mich ins Hotel ab, wo ein Teil dieses Textes entstand.
Chemnitz ist die drittgrößte Stadt im Bundesland Sachsen. Sie hat 245.000 Einwohner und liegt im Erzgebirgsvorland an dem gleichnamigen Fluss Chemnitz. Die Stadt entwickelte sich im frühen Mittelalter eher langsam, ausgehend vom Kloster St. Marien … erst als 1357 das Bleichprivileg an vier Bürger erteilt wurde, begann langsam eine höhere Bedeutung der Stadt in wirtschaftlicher Hinsicht … es war der Start vor allem in Richtung Textilproduktion, was Chemnitz in den kommenden Jahrhunderten nachhaltig prägen sollte. Die Stadt Chemnitz als Wirtschaftsstandort bekommt ein Stück weiter in diesem Bericht noch einen Extra-
-Artikel. Ende des 19. Jahrhunderts wurde Chemnitz Großstadt, und 1930 gab es 360.000 Einwohner. Bei Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg wurde die Innenstadt zu 80 % zerstört und überwiegend im Stil des Sozialismus wieder aufgebaut. Obwohl der berühmte Philosoph, Gesellschaftstheoretiker und Kapitalismuskritiker Karl Marx (1818–1883) zeitlebens nie einen Fuß in die Stadt gesetzt hatte, wurde vom ZK der SED und der Regierung der DDR 1953 beschlossen, die Stadt in Karl-Marx-Stadt umzubenennen … was nach der Wende nach einer Volksabstimmung 1990 revidiert wurde.
Chemnitz ist nicht sehr reich an bedeutenden Kunst- und Baudenkmälern aus Mittelalter, Renaissance oder Barock … zumindest wenn man den Vergleich mit anderen Städten vollzieht … es gibt ein altes und ein neues Rathaus, einen roten Turm, zwei mittelalterliche Kirchen und ein paar Bürgerhäuser, die 1945 nicht vom Bombenhagel untergepflügt wurden. Für jüngere Stilepochen wie Gründerzeit, Jugendstil und Moderne gibt es allerdings hervorragende Beispiele, wie zum Beispiel den Stadtbezirk Kassberg oder das Kaufhaus Schocken. Noch deutlich höher dürften die Herzen der Liebhaber sozialistischer Architektur in dieser Stadt schlagen … soll’s ja geben … da wäre zum Beispiel der Nischel von Karl Marx und gefühlt die Hälfte aller Gebäude der Stadt.
Chemnitz fiel in der Vergangenheit immer mal wieder mit rechten Übergriffen auf, konnte aber (nach meinem persönlichen Gefühl zumindest) in den letzten Jahren mit einem Imagewandel gut gegensteuern, nicht zuletzt durch den Titel der Kulturhauptstadt Europas im Jahr 2025. Berühmte Personen der Stadt sind u. a. der Universalgelehrte Georgius Agricola (1494–1555), der Maler Karl Schmidt-Rottluff (1884–1976), der Schriftsteller Stephan Heym (1913–2001), die Bauhaus-Designerin Marianne Brandt (1893–1983), die Eiskunstläuferin Katarina Witt (*1965) und die Band Kraftklub (seit 2010).
Am zweiten Tag in der sächsischen Metropole am Rande des Erzgebirges standen etliche Kilometer zu Fuß auf dem Plan. Das im weitesten Sinne Stadtzentrum war weitestgehend abgegrast, also ging es ein wenig weiter außerhalb… vorbei an den Pinguinen und über eine Flussüberquerung namens Bierbrücke machte ich die erste Sichtung des Flusses, der der Stadt den Namen verlieh… der Chemnitz. Im Süden der Stadt fließen die kleineren Flüsse Würschnitz und Zwönitz zusammen und heißen für die letzten 37 Kilometer Chemnitz… bevor diese dann in die Zwickauer Mulde mündet.
Neben der Chemnitz steht die Markthalle, ein Bau von 1891, in der neben einem Kabarett auch die Ausstellung Körperwelten zu sehen ist. Ein wenig flussabwärts ging es vorbei am komplett zugefrorenen Schlossteich zur ersten ehemaligen Industrieimmobilie der Stadt… der Schönherr-Fabrik. Nachdem dort anfangs eine Mühle, später eine Spinnerei wirtschaftete, erreichte die Fabrik im 19. Jahrhundert mit über 1600 Beschäftigten ihren Peak als Produktionsort für Webstühle… ein wichtiger Wirtschaftszweig in der für die Textilindustrie so bedeutsamen Stadt und ihrem Umland.
Später, in der DDR-Zeit, wurden dort Teppich-Webmaschinen gefertigt, und heutzutage ist auf dem Gelände ein bunter Mix aus Gewerbe, Kultur und Gastronomie in den denkmalgeschützten Gebäuden mit dem markanten Uhrturm zu finden… das war die erste Spur des sächsischen Manchester.
Da ich nun so weit im Norden war, lief ich noch ein paar Meter weiter bis hinter eine Eisenbahnbrücke und stand dann unweit eines anderen Wahrzeichens der Stadt: dem Schornstein des Heizkraftwerkes Chemnitz-Nord. Mit einer Höhe von über 300 Metern ist er einer der höchsten Schlote Deutschlands, und durch seine farbige Gestaltung trägt er zahlreiche Namen wie „Lulatsch“, Schorsch oder Buntstift. Nachts leuchtet eine Kette aus LED-Leuchten und macht das Bauwerk zu einem Kunstwerk… entworfen vom französischen Künstler Daniel Buren.
Industriestadt Chemnitz… das Manchester Sachsens… Die größte Stadt Sachsens Leipzig, ist besonders bekannt als Messestadt, Universitätsstadt und musikalische Tradition… Dresden, die zweitgrößte Stadt des Bundeslandes ist als Kunst- und Kulturstadt weltberühmt… und Chemnitz als dritte sächsische Großstadt…? Ganz klar… Industriestadt. Über die Industriegeschichte der 245.000 Einwohner- Stadt könnte man sicher ganze Bände schreiben, was sicher auch anderswo bereits passiert ist… hier die gewohnt kurze Einordnung.
Seit dem 14. Jahrhundert ist Chemnitz von der Textilherstellung geprägt. Als im 15. Jahrhundert im nahen Erzgebirge Silber und andere Erze gefunden wurden, kamen weiterverarbeitende Gewerbe in die Stadt, die in dieser Zeit an Bedeutung gewann. Im 17. Jahrhundert entstanden erste Manufakturen der Textilindustrie mit Schwerpunkt Strumpfwirkerei. Im 18. Jahrhundert prägte die Kattundruckerei (bedruckte Baumwolle) den Wirtschaftsstandort und ab 1798 entstand die erste Maschinenspinnerei… die industrielle Revolution nach englischem Vorbild kam ins Rollen. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich Chemnitz dann zum Zentrum des Maschinenbaus… häufig Maschinen für die Textilindustrie. Es gab Gießereien, es wurden Dampfmaschinen und Lokomotiven gebaut. Im Jahr 1800 gab es in Chemnitz 10.500 Einwohner, 83 Jahre später überschritt die Einwohnerzahl die 100.000’er Grenze und wurde 15. deutsche Großstadt. Durch die vielen rauchenden Schlote der Stadt bekam Chemnitz die Bezeichnung Sächsisches Manchester… was nicht unbedingt als Kompliment verstanden werden sollte, schließlich meint es auch den beruhmt berüchtigten Manchester-Kapitalismus mit aller Ausbeutung der Arbeiterschaft, Umweltverschmutzung und sozialer Schieflage.
Ab dem späten 19. Jahrhundert produzierten die Wanderer-Werke Fahrräder, Motorräder und Schreibmaschinen (Marke Continental). Die Firma produzierte auch Autos namens Wanderer (englisch: Rover) Die Autosparte ging in den 1930ern in der Auto-Union auf und ist in deren Symbol der vierte Ring, den man noch heute an jedem Audi sehen kann. Die Automobilindustrie produzierte auch nach dem Krieg Fahrzeuge, wie den Transporter Barkas B1000. Maschinenbau und Automobilindustrie sind auch heute noch in der Stadt präsent, z.B. das VW Motorenwerk und das Union Werkzeugmaschinen Werk… insgesamt ist die Stadt aber durchaus eine andere geworden… In den 1930ern erreichte die Stadt ihren Höchstwert an Einwohnern… 361.000 waren es… 1945 wurde die Stadt im zweiten Weltkrieg stark zerstört und modern wieder aufgebaut… die Stadt hieß von 1953 bis 1990 Karl Marx Stadt und die Fabriken hießen jetzt auch anders, zum Beispiel VEB Baumwollspinnerei oder Werkzeugmaschinenkombinat „Fritz Heckert“. Etwa 20% der kompletten Industrie der DDR war in Karl Marx Stadt ansässig.
Nach der Wende ging es dann, wieder unter dem alten Namen Chemnitz… wirtschaftlich bergab. Die Einwohnerzahl sank auf etwa 250.000. Für die Zukunft wird übrigens auch gesorgt… die Technische Universität Chemnitz hat ihre Wurzeln in der Zeit der industriellen Revolution und zählt heute zu den größten Hochschulen Sachsens mit über 8 000 Studierenden und rund 2 400 Beschäftigten.
Auf dem Weg zurück wollte ich dann die Schlosskirche besichtigen, neben St. Jakobi die einzige erhaltene mittelalterliche Kirche der Stadt… aber schon der Aufstieg zu dem Gebäudekomplex, zu dem auch die Gebäude eines ehemaligen Klosters gehören, in denen heute Teile der Chemnitzer Kunstsammlungen untergebracht sind, war schwierig, da arschglatt und schlecht geräumt. Als ich dann vor der Kirchentür stand, fand ich sie verschlossen vor und musste lesen, dass das Gebäude in den Wintermonaten nicht für Besichtigungen geöffnet ist… schade… eine kleine Anmerkung auf der Website oder bei Google hätte die Rutschpartie sparen können, die auch abwärts nicht ganz ungefährlich war.
Auf der anderen Seite des gefrorenen Schlossteichs ging es dann in den Stadtbezirk Kaßberg. Dieser Bezirk erfreut sich in der Stadt großer Beliebtheit, ist er doch überwiegend von Altbauten aus den Zeiten der Gründerzeit, des Jugendstils und nachfolgender Stile geprägt. Das Gebiet gilt als eines der größten Gründerzeit- und Jugendstilviertel Deutschlands und ist seit 1991 als Flächendenkmal geschützt.
In dem kleinen Bistro Suppkultur gab es ein Schälchen Eintopf zum Mittagessen und dann weiter die Barbarossastraße Richtung Süden. Dort grenzt die Straße an die Zwickauer Straße, eine der Hauptverkehrsstraßen der Stadt, die mit viel Industriegeschichte in Verbindung steht, zum Beispiel der ehemaligen Strumpffabrik Moritz Samuel Esche… um 1900 die größte ihrer Art in Deutschland. Rechts davon sieht man bereits das Industriemuseum und links davon die historische Hochgarage Chemnitz. Das war mein nächstes Ziel…
In Chemnitz wurden ja seit den 1920er Jahren Fahrzeuge gebaut, die Infrastruktur der Stadt war darauf aber noch nicht vorbereitet… etwa bezüglich der Parkmöglichkeiten. 1928 wurde die Hochgarage mit sieben Geschossen und Aufzügen für PKWs gebaut und, da die meisten Fahrzeugbesitzer eh einen Chauffeur beschäftigten, gleich Wohnraum für diese Angestellten mit dazu. Die Immobilie gilt als älteste Hochgarage Deutschlands und beherbergt ein Museum für sächsische Fahrzeuge.
Da mein erstes Auto ja auch eines aus Sachsen war… ein Trabant 601 Kombi, Baujahr 1969… schaute ich mir die Ausstellung mal an. Sie wird von einem Verein geführt und bietet neben historischen Autos (es gab nur zwei Trabbis) vor allem Meilensteine der Zweiräder… Diamant-Fahrräder und vor allem verschiedene Motorräder aller Epochen. An der Rezeption erhält man eine ausführliche Einführung über die Ausstellung und dann bewegt man sich durch eine Ansammlung von viel Metall und leicht mineralölhaltiger Luft… nebenbei laufen historische Videoaufnahmen, z.B. von der Fahrzeugherstellung in den Werken der Auto Union. Nach einer Stunde war ich dann durch und ging weiter zum nächsten Museum.
Passend zur Geschichte der Stadt und zum Thema dieses Ausflugs war es das Industriemuseum… ebenfalls an der Zwickauer Straße gelegen, in den Hallen einer Gießerei, die wiederum zur Werkzeugmaschinenfabrik Escher gehörte. Das 2003 eröffnete staatliche Museum beleuchtet die industrielle Entwicklung im Raum Sachsen in verschiedenen Themenbereichen… Bergbau, Textilindustrie, Maschinenbau, Automobilindustrie etc… und auch im Kontext der sozialen Auswirkungen des „Manchester-Kapitalismus“… ich gebe zu, das Wort Manchester habe ich in der Ausstellung nicht gelesen… wohl aber heimische Firmen wie die Spülmittel-Marke Fit, deren seltsame Form übrigens dem Roten Turm in Chemnitz nachempfunden ist.
Es gab an den vielen Stationen die Möglichkeit, das Thema auf digitalen Wegen zu vertiefen… man hätte also durchaus noch viele Stunden mehr dort verbringen können… aber nach zwei Museen kurz hintereinander war nach gut zwei Stunden dann bei mir erst mal gut.
Ich hatte noch ein paar Außenaufnahmen weiterer Industriebauten auf dem Plan und wollte dann in ein Pub am westlichen Stadtrand… dafür war ich allerdings eine Stunde zu früh und ging nach dem Industriemuseum noch mal den Kaßberg hoch (das Viertel heißt nicht umsonst so) und machte eine Pause im Café „Emmas Onkel“… Kaffee… oder Tee… ok… Bier kostet sogar 20 Cent weniger, dann halt mal ein Bier… nettes Café übrigens…
Danach den Kaßberg wieder runter… inzwischen hatte es amtlich angefangen zu schneien und der Abstieg wurde zu einer Rutschpartie… aber alles gut gegangen. Der Weg in den Stadtteil Schönau führte mich über den westlichen Teil der Zwickauer Straße vorbei an weiteren ehemaligen Industriebauten, manche im Dornröschenschlaf, andere umgestaltet in andere Funktionen… ein ehemaliges Straßenbahndepot, die Gebäude der ehemaligen Braustolz-Brauerei aus der Weite zur Kenntnis genommen…
Dann stand ich vor einem regelrechten Palast der Industriearchitektur: den ehemaligen Wanderer-Werken… über die habe ich im zweiten grünen
-Bereich bereits geschrieben. Das fast komplett ungenutzte Areal strahlt durchaus etwas Faszinierendes aus… wie viele Leute dort jahrzehntelang geschuftet haben, was für international anerkannte Produkte dort gefertigt wurden… dann steht dort eine sehr große Immobilie, die ohne Denkmalschutz längst abgerissen wäre.
Der starke Schneefall und die Dunkelheit brachten sicher keine Fotos ein, die das gut darstellen… die Bilder haben aber auch was.
Inzwischen war es 18:00 Uhr und „Lienau’s Pub“ hatte die Pforten aufgeschlossen. Es muss seltsam ausgesehen haben, als ich als Schneemann getarnt als erster Gast reinkam… aber das machte nichts… das Guinness war lecker und Gastwirt Torsten jemand, mit dem ich schnell ins Gespräch kam… quasi unter Kollegen. Lienau’s Pub bietet neben Guinness noch viele weitere Biere und Cider vom Fass, eine gute Auswahl an Whiskys, Sport-TV, Darts, Online-Games und regelmäßig Livemusik. Im Sommer gibt es einen großen Außenbereich und man kann sich sogar in der hauseigenen Pension einmieten… quasi… Wenn Pub in Chemnitz: Lienau’s Pub in Schönau… etwas abseits, aber ein paar Meter weiter fährt eine Tram ins Zentrum… was ich dann auch irgendwann nutzte… und daheim im Hotel nicht mehr an diesem Bericht schrieb… da war ich nämlich knülle von diesem großen Wandertag durch das ehemalige sächsische Manchester… von dem ich heute viele Indizien finden konnte.
Am dritten Tag stand die Abreise auf dem Plan, vorher hatte ich jedoch noch einige Stunden Zeit, die ich auch bewusst nicht verplant hatte. Nach dem Frühstück widmete ich mich etwas dem Text dieses Berichtes, Check-out war dann um 12:00 Uhr und ich machte meinen Museums-Marathon voll… man muss an der Stelle mal anmerken… in meiner Stadt Berlin… in der ich seit ziemlich genau 35 Jahren lebe… habe ich Museen besichtigt… ähm… keine Ahnung… jedenfalls deutlich weniger als in den letzten Jahren irgendwo anders…
Direkt neben meinem Hotel befindet sich ein sehr interessantes Bauwerk, das ehemalige Kaufhaus Schocken, erbaut 1929 bis 1930 von Erich Mendelsohn im Stil des Neuen Bauens, oder auch der Klassischen Moderne. Charakteristisch ist die bogenförmige Front mit horizontalen Fensterbändern… das war damals etwas komplett Neues. Die Gebrüder Schocken hatten mehrere Kaufhäuser in verschiedenen Städten, ihr Konzept war weniger auf Luxusartikel gerichtet als das der Konkurrenz, z.B. Tietz. Bald nach der Öffnung des Kaufhauses gab es Probleme, denn die Familie Schocken war jüdisch, wurde später vom NS-Regime enteignet und emigrierte.
Das Gebäude diente viele Jahre weiter als Kaufhaus, auch in DDR-Zeiten und nach der Wende als Kaufhof. Seit 2014 beherbergt das Warenhaus das Staatliche Museum für Archäologie Chemnitz, kurz: smac. Dort bietet eine umfassende Dauerausstellung Archäologie in Sachsen von der Steinzeit bis zur industriellen Revolution auf drei Etagen. Parallel gibt es an der gebogenen Straßenfront eine weitere Dauerausstellung über das Kaufhaus Schocken, den Architekten Mendelsohn und die Familie Schocken.
Ich hatte ja alle Zeit der Welt und schlenderte durch die Ausstellung, die vormittags gern von Schulklassen frequentiert wird… für die jüngeren Besucher gibt es eine Menge zu entdecken… kleines Fazit: alle drei Museen in Chemnitz, in denen ich war, sind sehr zu empfehlen.
Nun war noch Zeit übrig, der erste Zug Richtung Heimat war für kurz nach 16:00 Uhr geplant, so blieb noch Zeit für ein ordentliches Mittagessen im Turm-Bräu. Als ich mir gerade mein Schnitzel schmecken ließ, kam dann die offenbar unvermeidbare Nachricht aus dem Hause Deutsche Bahn: Verbindung fällt aus. Nun gut… also ein bisschen früher zum Bahnhof, dann via Leipzig mit dem ICE gefahren und sogar noch 40 Minuten früher als geplant am Gesundbrunnen angekommen.
Schön war’s mal wieder… und die Frage, ob Chemnitz die alte, graue Stadt ist, wie ich sie als Kind in Erinnerung hatte… nein, ist sie nicht, wenn man keine übertriebenen Erwartungen an eine Stadt hat, die von jeher mehr für Wirtschaft und Industrie gelebt hat als von Kunst und Schönheit. Sicher hat die Wahl zur Kulturhauptstadt Europas der Stadt einen ordentlichen Schub nach vorne gegeben, und ich bin auch sicher, dass Chemnitz im Sommer noch deutlich hübscher aussieht, als es jetzt im kalten Februar der Fall war.
In puncto Gastronomie braucht sich Chemnitz keinesfalls vor der Konkurrenz aus Leipzig oder Dresden zu verstecken… ich hätte noch reichlich Anlaufpunkte gehabt… aber zwei Abende sind halt nicht viel… und noch ein Wort zu den Menschen in Chemnitz… da ich ja selbst aus der Region stamme, war ich nicht sehr überrascht, wie freundlich man dort ist… ich hatte es nur zu Hause im… na ja… nennen wir es diplomatisch: weniger freundlichen Berlin… etwas vergessen.
Mein herzlicher Dank gilt Nina und auch Xander, die in meiner Abwesenheit in Berlin Schnee geschippt haben.
Es folgen ein paar Bonus-Bilder:

